Ich muss gestehen, dieser Vergleiche der Medikation bei ADHS, mit anderen Erkrankungen Einschränkungen hinken für mich immer dermaßen.
Sorry, das liegt sicher an mir. Ich gebe meinem Kind die Tabletten echt nur, damit es in eine Gesellschaft gepresst werden kann, die anscheinend nicht auf die Besonderheiten meines Kindes Rücksicht nehmen kann. Ich bin nicht gegen die Medikamente an sich, aber ich bin darüber nicht begeistert… Mein Kind bräuchte die Tabletten auch abseits der Schule einfach nicht, in meinen Augen. Leider gibt’s hier auch von Seiten der Schule keine Hilfe, kein Einsehen oder sonstwas bezüglich der ADHS…
Das ist für mich jetzt schon ein klarer Unterschied zur vielzitierten Diabetes oder Kurzsichtigkeit. Ich bin selber stärker kurzsichtig und klar brauche ich eine Sehhilfe. Das bräuchte man aber nicht nur in der Schule… und so sehe ich das bei meinem Kind.
Das soll nicht heißen, dass es bei anderen nicht anders ist. Aber es gibt nun mal genug Gründe auch die hier - sorry manchmal gefühlt unantastbaren - Medikamente nicht super zu finden oder sogar abzulehnen.
Mir gefällt der Vergleich sehr gut - da ist ein Mangel und da ein Hilfsmittel, welches diesen Mangel so gut wie möglich ausgleicht.
Als ich ca. 18 war, hatte ich eine Brille, die ich tatsächlich nur für die Ausbildung benutzt habe (konnte die Schrift vorne an der Wand nicht mehr entziffern) - sonst bin ich noch gut ohne klargekommen.
Es kann auch sein, dass man noch nicht die richtige Korrektur gefunden hat, und deshalb nicht viel besser sieht und zusätzlich noch Kopfschmerzen kriegt.
Natürlich könnte man die Schulbücher für alle in Schriftgrösse 36 drucken - aber was machen wir dann mit den schwerhörigen Kindern? Und mit den fremdsprachigen? Etc. etc. Ich denke es ist schwierig bis unmöglich für die Schulen, sich auf alle Bedürfnisse aller Kinder anzupassen, insbesondere da sich diese ja auch widersprechen können (höhere Lautstärke für schwerhöriges Kind - hochsensibles Kind ist überreizt). Also geben wir unseren Kindern Brillen, Hörgeräte, Medikamente und Ohrenstöpsel, damit so viele Kinder wie möglich vom Unterricht profitieren können.
Mein Sohn braucht das MPH übrigens nicht nur für die Schule, sondern vor allem auch fürs Sozialleben.
Wie gesagt - mir gefällt der Vergleich sehr gut. Aber wenn er für dich nicht passt, auch ok. Ich denke nur der Vergleich hilft vielen Aussenstehenden, sich ein bisschen von dem Vorurteil „Ritalin stellt Kinder ruhig“ zu lösen - hoffe ich zumindest…
Wenn du eine Brille nur für die Schule brauchst etc. Bist du grenzwertig an einer Normalsichtigkeit.
Wir reden hier aber von definitiver Diagnose mit Einschränkungen. So etwas ist im Brillevergleich mindestens 3 Dioptrien aufwärts Kurzsichtigkeit. Ich selber habe weit mehr. Ohne Brille habe ich sogar das Problem, dass ich die Brille nicht finde, wenn sie nicht liegt, wo sie sein soll - ab da ist man schon einigermaßen eingeschränkt…
In deinem Beispiel der Brille, reden wir von jemanden, der maximal nur grenzwertig an ADHS kratzt und natürlich kein (für den Forenfrieden von mir aus hier alternativ “nicht unbedingt” denken ) Medikament braucht.
… also insgesamt hinkt das alles einfach. Warum nicht einfach beim Thema bleiben, ohne diese Vergleicherei, die echt nichts bringt… ich komme generell immer mehr von Vergleichen ab. Manchmal stellt’s mir auch die Haare auf, was manche Vergleichen. Aber ja, mache es selber leider manchmal zum veranschaulichen und das Thema zeigt mir wieder warum das Unsinn ist
Nachtrag: Dass viele Menschen mit ADHS (vor allem bei mittlerer bis schwerer Ausprägung und je nach Leidensdruck) Medikamente brauchen steht ja auf einem anderen Blatt für mich… Das ist für mich eh klar.
Für mich bestehen die Probleme - in einer behandlungsbedürftigen Form - nur in der Schule.
Klar, ist er etwas anders. Aber erfrischend anders und ich mag ihn so wie er ist. Aus meiner Sicht hat er nichts, was man “wegtherapieren” müsste. Ich halte ihn eher für sehr schlau (he, ich bin seine Mama ), staune über Zusammenhänge, die erkennt, seine Ideen. Manchmal ist er auch anstrengend, hin und wieder etwas unruhig. Aber er ist auch noch ein Kind…
Hauptsächlich bekommt er Medikamente in der Schule, weil mir mehrfach gesagt wurde, wenn er keine Medikation bekommt, kann mir niemand mit seinen Schulproblemen helfen. Und ja, dort hat er Probleme. Wenn er etwas nicht machen will, macht er es eben einfach nicht… Mit Medikation geht das wohl besser.
Ich finde sogar, dass Vergleich mit einer Brille insofern hinkt, als eine Brille im Gegensatz zu Stimulanzien die Kurzsichtigkeit nicht verbessert, sobald man die Brille ablegt, sieht man wieder schlecht. MPH könnte sogar langfristige, günstige Bedingungen für die Hirnentwicklung von Kindern mit ADHS schaffen, eine teilweise Genesung ermöglichen.
Ich weiß, was du meinst und sehe das genauso, das ist auch neurophysiologisch absolut schlüssig. Aber dieser Aspekt gilt auch für klassische Hilfsmittel wie Brillen und Hörgeräte. Also die Entwicklung wird dadurch sogar extrem gefördert und bessere Voraussetzungen dafür geschaffen, wenn Kinder diese Hilfsmittel früh erhalten. Beim schwerhörigen Kind kann die angebliche Begriffstutzigkeit verschwinden, beim fehlsichtigen Kind die LRS. Einschränkungen auszugleichen gibt mentale Kapazitäten frei.
Ich habe jetzt auch einige Jahre an Grundschulen gearbeitet und verstehe deine Sichtweise, habe ähnliche Beobachtungen gemacht, allerdings mit einer etwas anderen Auslegung. Ich habe mit Kindern aus verschiedenen Klassenstufen (1.-6. Klasse) gearbeitet und konnte beobachten, dass die Fälle der Kinder, die ich in die Kategorie “möglicherweise AD(H)S” einordnen würde, in den höheren Klassenstufen weniger beobachten konnte als bei den Kleinen. Natürlich ist mir klar, dass Menschen mit zunehmender Lebenserfahrung besser lernen können mit Symptomen klar zu kommen und auch masking ist ja eine wichtige Sache, aber ich glaube auch, dass unser Schulsystem einfach kaum darauf achtet, dass Kinder, egal ob mit oder ohne AD(H)S, gerade in den ersten Schuljahren einen viel höheren Bewegungsdrang haben, als es Ihnen lieb wäre. Und dazu kommt, dass die Art des Lehrens teilweise noch sehr veraltet ist (wird aber langsam besser), was sich durch Lernschwierigkeiten bemerkbar macht, die meiner Meinung oft nach AD(H)S aussehen. Also… ja und nein…
Die Neurobiologische Schwere der Störung ist das eine, aber es kommen noch mehr Faktoren dazu, die darüber entscheiden, ob jemand leidet oder nicht. Trauma, anspruchsvolle Eltern, Medienkonsum, Zugang zu Sport, wie gut unterstützt das Umfeld mit Life Hacks….
Beobachtungen und Zuschreibungen von ADHS nehmen sicherlich zu. Daher wird vielerorts auch von Inflation gesprochen.
Möglicherweise nehmen auch die Diagnosen zu. Dann könnte man meine, dass es sich um bestätigte Fälle handelt. Das ist aber längst nicht immer so. So stieß ich kürzlich auf einen Hinweis zur ADHS-Diagnostik, der klar zum Ausdruck brauchte, dass eine ADHS-Diagnose immer auch durch einen Händigkeitstest abgesichtert werden sollte. Ein solcher prüft, ob es sich bei dem betroffenen Kind vielleicht um einen “verkappten” Linkshänder handelt. Deren Anteil an der Bevölkerung liegt ja nach Schätzungen über 10% und eher zwischen 25 und 50%.
Ich habe Beispiele kennenlernen dürfen, die nach einem Handigkeitstest (der die Linkshändigkeit bestätigte) auf sämtliche ADHS-Medikamente verzichten konnten - dabei hatten sie mir der Rückschulung noch nicht einmal begonnen…
„Inflation“ als Begriff bezüglich zunehmender Inzidenz von ADHS Diagnosen wird eigentlich nicht oft verwendet, stattdessen nutzen Medien gerne den Begriff „Modediagnose“. Das ist nicht dasselbe.
Das ist unlogisch. Es gibt laut einigen Stichproben bis zu dreimal mehr Linkshänder unter ADHSlern als in der Gesamtbevölkerung. Wenn ADHS in so vielen Fällen die Folge von umerzogenen Linkshändern wäre, dann müsste der Anteil von Linkshändern niedriger sein als in der Gesamtbevölkerung.
Ich bin selbst Linkshänder und mich hat noch nie jemand daran gehindert Linkshänder zu sein.
Mathematisch ist das wiederum nicht ganz korrekt, meiner Meinung nach. Theoretisch könnten 100% aller ADHS Personen angeboren linkshändig sein. Angenommen jeder 10. NT ist Linkshänder und jeder 3. ND ist (erkannter) Linkshänder, dann wären es dreimal so viele wie bei den NTs, dennoch wären zwei Drittel der ND Linkshänder unentdeckt. Das ist kein realistisches Beispiel, aber soll veranschaulichen, daß es m.E. nicht so einfach ist.
Aber nur, wenn deine Annahme stimmt. Wie soll man Linkshändigkeit übersehen können? Die älteren Personen, die ich kenne, die geborene Linkshänder sind und zur Rechtshändigkeit umerzogen wurden, haben mir erzählt, dass sie Jahre gebraucht haben, bis sie mit der rechten Hand schreiben konnten. Das flutscht nicht einfach mal so durch.
Übrigens findet man bei verschiedenen Neurodiversitäten mehr Linkshändigkeit, was eher als Hinweis für eine atypische Hirnentwicklung/neuronale Vernetzung gewertet wird.