Junkie oder endlich richtig dosiert?

Also ich war heute vertretungsweise bei einem anderen Psychiater um mir ein Rezept ausstellen zu lassen, da mein behandelnder Arzt länger erkrankt ist.
Ich war schon zwei mal vorher bei dem Vertretungspsychiater um Rezepte zu holen. Er kennt mich also ein wenig.
Ich nehme seit ca. einem Jahr Medikinet adult.
Mittlerweile bin ich bei einer sehr hohen Dosierung: 30-30-20-10. Mir ist bewusst, dass ich die empfohlene Dosis von 80mg/Tag überschreite.
Die 10mg abends nehme ich unretardiert 2x 5mg. Wenn diese langsam zu Neige gehen nehme ich abends auch öfter 20mg.
Bei den 20mg morgens und Vormittag merkte ich nach ca. 2,5h (manchmal auch früher) ein unschönes Wirkloch, in dem ich gereizt, gestresst, unfokussiert, teilweise Wortfindungsstörungen habe, Licht- u. Lärmempfindlich bin, verwirrt, teilweise in mich gekehrt bin und keine Lust auf Konversation habe.
Sehr unvorteilhaft wenn beispielsweise eine wichtige Besprechung an der Arbeit ansteht.
In so einem Wirkloch bin ich des Öfteren privat an die Decke gegangen.
Beruflich versuchte ich mich meist unter Vorwänden aus der Situation zu stehlen.
Ich habe diese Wirklöcher bei 20mg schon seit der Einstellung mit Medikinet.
Die Wirklöcher habe ich immer mit 5mg unretardiertem MPH überbrückt (selbst zuckerhaltige Nahrung hat nicht oft gewirkt).
Deshalb habe ich meinen Psychiater gefragt, ob ich die morgendliche Dosis auf 30mg erhöhen darf.
Er war einverstanden und nach der Einnahme von 30mg waren die Wirklöcher so gut wie verschwunden.
Wenn einmal ein Wirkloch auftrat, dann fast exakt 2,5h nach der Einnahme und diesmal konnte ich es mit einem Apfel oder einer Banane in den Griff kriegen.

Lange Rede kurzer Sinn :slight_smile:

Bei der jetzigen Dosierung fühle ich mich durch und durch alltagstauglich und nutze das Medikament meiner Meinung nach so aus, dass es mir nutzt und ich zugleich die lästigen Nebenwirkungen auf ein Minimum reduziere.
Seit der Medikamenteneinstellung und meinem herantasten an die Optimaldosis läuft mein gesamtes Leben wesentlich ruhiger und erfolgreicher.
Privat gibt es kaum noch Streits, da ich wesentlich ausgeglichener, verständnisvoller , interessierter, weniger impulsiv, nicht so schnell beleidigt und nicht so hibbelig bin.
Beruflich läuft es ebenfalls äußerst zufriedenstellend.
Ich traue mir mehr zu, da ich ein konstantes Level abliefern kann.
Ich kann produktiv an Meetings teilnehmen, wenn nötig einen längeren Zeitraum konzentriert am Computer arbeiten, wenn ich Schulungen besuche bleibt das Gelernte im Gedächtnis, ich kann lebhaft mitdiskutieren und mich in Situationen reinversetzen, die mich eigentlich gar nicht interessieren etc.
In einem Jahr mit Medikinet hat sich meiner Meinung mein Leben zum Positiven entwickelt.
Die Wogen, die zuvor mein Leben bestimmt haben, haben sich mehr und mehr geglättet.
Ich power nicht mehr zwei Tage am Stück durch um dann drei Tage total schlecht drauf zu sein.
Ich bin zwar nicht mehr so euphorisch, wenn ich einen guten Tag habe dafür aber auch nicht übertrieben mies drauf wenn ich einen schlechten Tag habe.
Aber all das Positive habe ich größtenteils der hohen Dosis Medikinet zu verdanken.
Ich habe zwar auch ein Jahr eine Verhaltenstherapie gemacht, die mich sehr gut unterstützt hat und meinen Selbstwert aufgebaut hat.
Demnächst möchte ich eine tiefenpsychiologische Therapie anfangen und evtl. mit einer Ergotherapie kombinieren.
Aber meiner Meinung nach wären diese enormen Fortschritte ohne Medikinet niemals möglich gewesen.
Ich habe des Öfteren versucht die Dosis zu reduzieren, kam aber immer wieder an dem Punkt, dass ich dann mehr mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatte, als dass ich Nutzen daraus zog.

Ich mag mein Neues Leben.

Ich merke, welches Potenzial in mir steckt. Das Potenzial, das irgendwie immer schon da war aber nicht kontinuierlich abgerufen werden konnte.

Nun meinte der Vertretungspsychiater, dass die hohe Dosis Methylphenidat auf Dauer gegebenenfalls schlecht für das Herz sei und das es seiner Meinung nach der falsche Ansatz sei permanent „Superman“ spielen zu wollen.
Ich sagte, dass ich nicht Superman spielen will und lediglich meinen Alltag so reibungslos wie möglich gestalten will.
Obwohl ich mir aufgrund der eingetretenen Verbesserungen tatsächlich gelegentlich wie Superman vorkomme :slight_smile:
Ich bin in der Lage meinen Job sehr gut auszuführen, nach der Arbeit Zeit mit meiner Familie zu verbringen, zu kochen, sonstige Dinge, die im Haus und Garten anfallen zu erledigen, ich bekomme ausreichend Schlaf (6-8h unter der Woche, wochenends mehr), ich ernähre mich gesund und mache mehrmals die Woche Sport.
Mein Leben läuft so, wie ich es in früheren Jahren gerne gehabt hätte, weil ich intuitiv die Dinge/Angewohnheiten behalten habe, die gut für mich waren und mich von den Sachen getrennt habe, die mich nicht weitergebracht haben. Natürlich alles basierend auf der medikamentösen Unterstützung.

Ich bin aufgrund der Rückmeldung des Vertetungspsychiaters im Zwiespalt, ob meine Erwartungshaltung an die Medikamente, im Hinblick darauf, dass ich sie einsetze um den ganzen Tag abzudecken, schlichtweg unrealistisch ist.
Soll ich evtl. die optimale Wirkung nur ein oder zweimal am Tag abrufen um unter der empfohlenen Mindestmenge zu bleiben nur um dann wieder mit Wirklöchern und Nebenwirkungen zu kämpfen?
Oder bin ich einfach nur ein Schnellverstoffwechseler bei dem die Wirkung nicht solange anhält wie bei den meisten?
Habe ich vielleicht durch die 30Jahre in denen ich undiagnostisziert war Verhaltensweisen entwickelt, die mich zu dem überfleissigen Mann gemacht haben, der ich heute bin um meine ADHS unterbewusst zu verstecken?
Stehe ich mir durch die hohe Einnahme von Medikamenten dabei im Weg zu mir selbst zu finden und die angeeigneten Verhaltensweisen zu entlarven, abzulegen und mich trotzdem zu lieben?

Ich bin ehrlich gesagt etwas ratlos, werde die Medikation aber erstmal so beibehalten solange mein Arzt es absegnet und ggf. mal Elvanse ausprobieren falls die 30mg Dosis mich auch irgendwann im Stich lässt.

Soviel dazu :slight_smile:

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Du erhöhst die Wahrscheinlichkeit inhaltlicher Antworten enorm, wenn du Absätze einbaust :wink:

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Guter Tip :slight_smile:

Also so spektakulär hoch ist die Tagesdosis von 90 mg nicht. Wenn du so damit zurechtkommst, warum nicht?

Sich mit zu wenig Wirkung zufrieden geben ist falsche Bescheidenheit, finde ich. Das Leben ist kurz.

Was ich allerdings lästig fände, ist dreimal am Tag zu einer ganz bestimmten Zeit essen zu müssen. Ich selbst nehme morgens Medikinet Adult zum Frühstück und mittags unter anderem deswegen Ritalin Adult, was ja keine Mahlzeit voraussetzt. (Das heißt nicht dass ich nicht zu Mittag esse, aber manchmal früher und manchmal später als zur Kapseleinnehmezeit.)

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Das beruhigt mich zu hören :slight_smile: Es gibt auch Tage, an denen ich mal bis 125mg nehme, je nachdem ob ich abends noch was vorhabe oder ob ich es tagsüber schaffe vor der Einnahme zu essen. Wenn ich nichts im Magen habe nehme ich entweder 5-10mg unretardiert oder, wenn die langsam knapp werden, die 20mg auf nüchternen Magen. So fahre ich auch ganz ok. Wirkung ist dann natürlich kürzer und der Anfang manchmal etwas zu stark. Dann muss ich wieder früher nachlegen und komme in der Tagesdosis dementsprechend höher. Relevantester Aspekt wäre meiner Meinung nach die Sache mit dem Herz.

Wie viel Stunden arbeitest du denn? Und wie alt bist du? Dein Pensum klingt schon ordentlich. Ich würde das so nicht gewuppt kriegen (gehe bei dir von ner 40h-Woche aus). Ich würde die Aussage des Vertretungsarztes erstmal positiv bewerten, in dem Sinne, dass sie dich dazu animiert, über das Gesagte nachzudenken und eine Haltung zu entwickeln. Aus dem, was du schreibst, kann man auch eine Selbstoptimierungstendenz herauslesen und hohe Leistungsstandards (also ich kann das bzw. tue es auch), aber ob es wirklich so ist, das weißt nur du, dazu ist der Post natürlich nicht aussagekräftig genug. Ich kenne mich mit den Medis überhaupt nicht aus, aber der Arzt sagt ja, dass du dir diese hohe Leistungsfähigkeit relativ teuer erkaufst (möglicherweise, denn er kann natürlich auch nicht in die Zukunft schauen). Wie hoch ist denn das Risiko überhaupt, das ist ja auch wichtig, um entscheiden zu können. Am Ende ist es deine Entscheidung, welche Risiken du im Leben für welchen Nutzen eingehen willst und welche nicht, da gibt es kein Richtig und kein Falsch, sondern immer nur ein individuelles Abwägen. Keine Ahnung, ob dir das was hilft, sind die Gedanken, die ich beim Lesen hatte …

Danke für deine Antwort :slight_smile:
Witzig, dass deine Einschätzung von mir ziemlich gut mit der des Psychiaters übereinstimmt

[quote=„Wolkenzimmer, post:6, topic:10212“]
Wie viel Stunden arbeitest du denn? Und wie alt bist du?

Ich habe eine 35h-Woche mit Gleitzeit. In der Regel arbeite ich von 06:00 - 14:00. Wobei ich gelegentlich länger bleibe oder auch mal früher gehe um die Tochter von der Kita zu holen etc.
Ich bin 32 Jahre :slight_smile:

Genau das Gleiche habe ich dem Arzt auch gesagt :slight_smile: Dass ich seine Meinung zu mir mitnehmen will und bewerte.

Definitiv xD Als Selbstoptimierer bezeichne ich mich selber auch :slight_smile: Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen sagen mir des Öfteren, dass ich ein hohes Leistungspensum habe. Die meisten Dinge, die ich leisten „muss“ oder möchte tue ich aber mit Freude.

Das stimmt so nicht :slight_smile: Ich war schon immer der Typ, der gerne viele Dinge anpackt und immer in Aktion sein muss und das schon lange vor der Diagnosestellung. Klar unterstützen die stimulierenden Medis mich dabei aber ich habe das Gefühl, dass ich mir nicht mehr aufbürde als gut für mich ist. Ich würde sogar sagen, dass mein „Aktionismus“ seit der Medikamenteneinnahme und dem Auseinadersetzen mit ADHS wesentlich strukturierter abläuft und ich definitiv weniger häufig an meine Grenzen komme, gerade weil ich nicht mehr so schnell von Rückschlägen frustriert bin und konstanter an Aufgaben dranbleiben kann. Das Pensum schätze ich ähnlich hoch wie vor der Diagnosestellung. Aber diese Punkte wollte ich in meiner nächsten Psychotherapie auf jeden Fall ansprechen.

@tocoloco

Hej, vielleicht magst du hier mitmachen?

Klaro :slight_smile: Ich meine, dass ich bei dem Beitrag schonmal gepostet hab, dass ich interessiert wäre…

Ah, sorry, gut :slight_smile:

Nochmal einen kurzen Nachtrag: Das kenne ich. Ich packe auch oft viele Dinge an bzw hab ich früher, eine neue Aufgabe und Herausforderung nach der anderen bzw auch gleichzeitig. Jetzt bin ich schon auch froh, dass das Fahrwasser ruhiger ist, gleichzeitig ist es auch total ermüdend → weil: ja, langweilig eben. Mit 32 ist das Energielevel aber auch noch Mal ein anderes. Man hat in jedem Jahrzehnt andere Entwicklungsaufgaben, denke ich. Ich hab mein Ankommen in nem regelmäßigen Job schön lange aufgeschoben - zum Glück!
Ich glaube, solange der Selbstwert nicht an der Leistung hängt, ist alles gut, dann kann man auf sich hören und in sich hinein. Schwierig wird es, wenn man sich nur gut fühlt, wenn man auch ordentlich was leistet. Dann geht man da eher Mal über Grenzen, die auf Dauer nicht zu überschreiten sinnvoller wäre. Wenn man Scheitern darf, kann man alles machen.