Komorbidität ADHS + Schizophrenie (mit Rezidivprophylaxe) gleichzeitig behandeln

Hallo Zusammen,

Ich möchte kurz meine Erfahrungen zum Thema ADHS und Schizophrenie teilen.

Ich habe die Erstdiagnose ADHS vor ca 8 Jahren bekommen, habe drei Jahre Medikinet als Monotherapie ADHS und im anschluss ein Jahr Elvanse, auch als Monotherapie genommen.
Habe in dieser Zeit vieles geschafft, wovon ich lange geträumt habe (Studienabschluss, Berufseinstieg, Soziale Teilhabe etc…)

Hatte in der längeren vergangenheit eine psychotische Episode aufgrund von Stress, jedoch keinerlei Drogenkonsum o.ä… Die ADHS Diagnose kam lange nach der F20 Diagnose.

Ich bin bzgl. der ADHS seit ca Mitte 2022 erfolgreich auf Atomoxetin eingestellt.

Das von der Klinik damals verschriebene Guanfacin (Intuniv) hat leider meine vorliegende Schlafapnoe verstärkt,
sodass ich nach Absprache mit meinem behandelnden Psychiater auf Atomoxetin umgestiegen bin.

Die Klinik hat (gemäß der mir vorliegenden Patientenakte )
„mehrfach klargestellt, dass es keine Empfehlung [für Verschreibung von Stimulanzien bei
ADHS und Schizophrenie] von unserer Seite dafür gibt und geben wird, dass
es bei Schizophrenie keine Evidenz dafür gibt.“

Bei diesem Satz bin ich mir nicht so sicher. Meine Erfahrungen mit dem Atomoxetin sind gut, jedoch fand ich Medikinet deutlich besser um die ADHS-„Peaks“ zu unterdrücken. Ich hatte außerdem vier Jahre keine psychotischen Symptome, oder vorboten dessen. Erst als ich wegen hoher Entzündungswerte im Blut die Neuroleptika schlagartig abgesetzt hatte, bekam ich leider einen Rückfall.

Nun, kurz zum Thema Evidenz habe ich mal recherchiert und das gefunden:

Studie 1:

Managing the comorbidity of schizophrenia and ADHD

Indian J Psychol Med. 2019 Mar-Apr; 41(2): 195–196.

doi: [10.4103/IJPSYM.IJPSYM_262_18]

Studie 2:

ADHD medication treatment and risk of psychosis

Published:June 17, 2019 DOI: S2215-0366(19)30248-2

Studie 3:

Psychiatric Comorbidities and Schizophrenia in Youths With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder

JAMA Netw Open. 2023;6(11):e2345793.

Studie 4: Treatment with psychostimulants and atomoxetine in people with psychotic disorders: reassessing the risk of clinical deterioration in a real-world setting

!!! Cambridge University Press: 04 December 2023

DOI: doi. org/10.1192/bjp.2023.149

Methylphenidate and the risk of psychosis in adolescents and young adults: a population-based cohort study

June 17, 2019 DOI: doi(dot)org/10.1016/S2215-0366(19)30189-0

Zitat Studie 3: (jamanetwork(dot)com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2812385)

These findings suggest that, in a real-world setting, when used
concurrently with antipsychotic medication, methylphenidate,
amphetamines and atomoxetine may be safer than generally
believed in individuals with psychotic disorders

Was meint ihr, Stimulatien bei Komorbider (gleichzeitiger) Schizophrenie-Diagnose ja/nein?
Hat schon jemand Erfahrungen in die Richtung gemacht?

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Hallo parallel_interface,

Wenn es deinen Leidensdruck senkt, würde ich definitiv ja sagen. Ich möchte dir auf jeden Fall Mut machen.

Ich konnte zu dem Thema auf die schnelle folgendes finden und klingt ja erstmal Positiv, denke ich.

„Die Frage, ob die ADHS-Behandlung mit Stimulanzien einen Risikofaktor für die spätere Entstehung psychotischer Erkrankungen darstellt, ist derzeit nicht abschließend zu beantworten. Schöttle erläuterte, dass die Datenlage noch zu inkonsistent sei und individuell entschieden werden müsse. Eine Behandlung der ADHS mit Stimulanzien wie Lisdexamfetamin (LDX; Elvanse Adult®) solle bei einer komorbiden psychotischen Erkrankung generell erst dann erfolgen, wenn die psychotische Symptomatik unter antipsychotischer Medikation stabil remittiert sei. In diesem Fall könne die ADHS mit niedrigen Dosen, in sehr langsamer Aufdosierung und unter engmaschigen Kontrollen nach individueller Nutzen-Risikoabwägung behandelt werden.

Vielleicht auch mal eine „andere Seite“ Fragen, sofern sich ein Spezialist findet. :heart:

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Kuckuck :adxs_wink:

Vielleicht helfen die ersten beiden Themen schon weiter, aber da findet man auch noch viel mehr rundum Schizophrenie und die ein oder andere Studie gleich mit dazu :slight_smile:

Kurzes Verlaufsupdate:

Aufgrund einer Intervention des Hausarztes wegen meines hohen Ruhepulses und Blutdrucks druch 2x40mg Atomoxetin war ich beim Psychiater und habe noch einmal um änderung der Medikation gebeten, insbesondere der Prüfung ob Guanfacin in Frage kommt.

Mein Psychiater hat gesagt er verschreibt mir Guanfacin nicht weil er es nicht kennt.

Dann hat er mir eine Überweisung an die ansässige Psychiatrie-Ambulanz gegeben. War dort die meinten lapidar ich soll das Atomoxetin absetzen und schauen ob der Puls runtergeht. Wenn ja lag es am Atomoxetin aber kombi Guanfacin und Atomoxetin geben die nicht haben die gesagt.

Wenn dann nur eins von beiden. Auf jeden Fall wenn die ADHS Symptome wieder kommen soll ich mich noch einmal melden.. Evtl. komme ich auch ohne klar haben die gesagt.

Ja, ich habe dann natürlich wieder erhebliche Probleme mit ADHS bekommen, und habe nun 2x40 mg wieder eindosiert.

Mein Puls ist tatsächlich über die paar Tage etwas auf etwas unter 90 runtergegangen aber die ADHS-Symptomatik war nicht tragbar.

Daraufhin hat mich mein Psychiater erneut ans ZI Mannheim überwiesen und dort hat man die Empfehlung Clonidin via Hausarzt abgegeben. (allerdings ohne Arztbrief, wie ich inzwischen weiß ist der Psychiater dort nicht meht tätig). Habe auf die aktuelle Studienlage Stimulanzien/Schizophrenie verwiesen und die Studien überreicht jedoch hat der Arzt laut späterer telefonischer Aussage “vergessen” es mit in die Oberarztrunde mitzunehmen.

Daraufhin habe ich mir vom Hausarzt Clonidin verschreiben lassen. Nun, mein Puls ist 15 Schläge reduziert auf 100er Ruhepuls und der Blutdruck ist inzwischen im grünen bereich, jedoch leide ich nun unter anderen nebenwirkungen wie verminderter Speichelfluss (trockener Mund) und bin oft abgeschlagen.

Ich bin gerade dabei gemäß DSGVO meine Patientenakte anzufordern um die Begründung vom ZI zu analysieren. Da der Arzt vergessen hat einen Arztbrief auszustellen obwohl ich 2x drum gebeten habe wird es spannend wie die das machen wollen. Notfalls werde ich über die Rechtsschutzversicherung Klage einreichen, muss mir da noch die Erfolgschancen anschauen.

Letzendlich werde ich den Psychiater wechseln, da die Situation untragbar ist. Ich verstehe nicht wieso man ein drittes Medikament verschreibt um die probleme des zweiten Medikamentes auszutarieren und nicht den guten Verlauf unter Stimulanzienverschreibung berücksichtigt.

Hat noch jemand einen Tipp?

Hi,

ich weiß nicht, inwieweit man Studien zu „Psychotik“ 1:1 auf „Schizophrenie“ übertragen darf.

Was Psychotik angeht, so war der Psychiater unseres Sohnes auch nicht dafür zu haben, nach Ausdosierung des Aripripazol wieder MPH zu geben.

Aber das therapeutische Heim, das unseren Sohn zwecks Ausbildung an einem Berufsbildungswerk aufgenommen hat, hat es schon begleitet.

So nahm unser Sohn zunächst wie vor der Psychotik Intuniv und - etwas reduziert - Concerta.

Unser Sohn bekam ohne Aripripazol aber doch wieder psychotische Symptome.

So wurde das Concerta auf 18 reduziert und wieder etwas Aripripazol eindosiert.

In diesem 3/4 Jahr ist die Psychotik alle paar Wochen/Monate wieder aufgetreten und das Aripripazol wird immer mehr.

Das Concerta reicht vorn und hinten nicht, aber mehr sei nicht vertretbar, sagt der aktuelle Psychiater.

Letztendlich ist jetzt bald der Punkt erreicht, an dem es so viel Aripripazol ist, dass wohl wieder die extrapyramidalen Symptome (EPS) mit zappelnden Beinen etc auftreten. Und wenn dagegen dann das Akineton nötig werden sollte und die Nebenwirkungen wie früher kommen - dann ist mein Sohn vermutlich nicht mehr ausbildungsfähig.

Unterm Strich ist ja jeder Fall anders.

Aber leider sehe ich bei uns hier die Richtung, die eher nicht so klar zeigt, dass man das alles gut kombinieren kann.

Was von was kommt, ist hier auch nicht so klar.

Denn mein Sohn kriegt seine Mediennutzung nicht gut geregelt. Er hat schon gewisse Auszeiten, aber dann hört er ständig Musik.

Sein Hirn ist so ein Karussell, dass er es ohne Reize auch wieder nicht mehr aushält.

Vielleicht kann man es nicht auf Dich übertragen, aber so richtig gut läuft es hier auch nicht.

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Was mir noch einfällt - Martin Winkler hat in seinem Newsletter ADHSSpektrum mehrmals Studien im Zusammenhang zu Psychotik bei ADHS und ASS aufgegriffen.

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Allgemein vielleicht ganz anregend:

Ludo vanden Kerckove, Autor des Buches „Autismus Lesen lernen“ (2023), hat vor dem relativ neu gegründeten Dachverband Neurodiversität einen tollen Vortrag gehalten, der als Podcast auf der Webseite angehört werden kann.

Es ging zum Ende hin teilweise auch um Psychotik, jedoch nicht um Medikation mit MPH.

https://neurodivers-dach.org/der-erste-dienstag/

Hier interessante Abbildungen, die in ähnlicher Form beim Vortrag zum Einsatz kamen:

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Huhu Nono, vielen Dank für deine Beiträge, ich werde es noch durcharbeiten, evtl. da auch noch einmal versuchen es dem Psychiater vorzulegen und Rücksprache zu halten.

Da waren noch zwei andere Blogartikel von Winkler, die ich noch nicht wieder gefunden habe… 2024 und 2025…

Hier der eine:

Da geht es um diesen Artikel:

The Prevalence of Attention Deficit
Hyperactivity Disorder in Psychotic
Disorders: Systematic Review and
Meta-analysis 

Schizophrenia Bulletin, sbae228,
https://doi.org/10.1093/schbul/sbae228
Published: 13 January 2025

Vielleicht habe ich mich auch vertan und es gab 2024 gar keinen…

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Ah das ist zwar nicht der, den ich meine, aber ist auch sehr interessant!

Danke!

Habe nun etwas recherchiert und sogar eine brandneue Studie vom ZI Mannheim vom Jahr 2026 gefunden:

1. Die Studie des ZI Mannheim / Karolinska Institutet (2026)

Diese Studie ist am relevantesten, da sie spezifisch Erwachsene untersucht, die bereits eine Psychose-Vorgeschichte haben.

2. Die finnische Registerstudie (März 2026)

Diese Studie befasst sich mit dem Langzeitrisiko unter Methylphenidat und widerlegt die Annahme, dass eine dauerhafte Behandlung (in therapeutischer Dosis) per se zu einem erhöhten Psychoserisiko führt.

  • Titel: Methylphenidate Treatment and Risk of Psychotic Disorder

  • Autoren: Colm Healy, Kirstie O’Hare, Ulla Lång, Johanna Metsälä, Anna Pulakka, Jane McGrath, Maria Migone, Dolores Keating, Liana Romaniuk, David Gyllenberg, Eero Kajantie, George Perrett, Jennifer Hill, Felix Elwert, Ian Kelleher

  • Journal: JAMA Psychiatry (Veröffentlicht am 25. März 2026)

  • PubMed-Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41879751/

3. Schweden-Studie (2025)

Diese Studie vergleicht die absoluten Raten von Ersteinweisungen unter verschiedenen ADHS-Medikamenten und zeigt auf, dass Atomoxetin statistisch sogar eine höhere Hospitalisierungsrate aufwies als Amphetamine oder Methylphenidat.

  • Titel: Risk of hospitalisation for first-onset psychosis or mania within a year of ADHD medication initiation in adults with ADHD

  • Autoren: Gudbrandsdottir RK, Sigurdsson E, Albertsson ÞI, Jonsdottir H, Ingimarsson O.

  • Journal: BMJ Mental Health. 2025;28:e301521.

  • DOI / Direktlink: https://doi.org/10.1136/bmjment-2024-301521

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