Mal zwei Wochen ohne alle Medis ausprobieren - wo kann man das?

Huhu ihr lieben,

ich habe mich mal wieder mit meinem wunderbaren Psychiater austauschen dürfen.
Dabei sind mir zwei Erkenntnisse gekommen:

  1. Ich sollte auch mal ein paar Tage mal wieder ohne Stimulanzien erleben, weil ich irgendwie gar keine Ahnung mehr habe, wie sich aktuell mein „pures ADS“ anfühlen würde. Das wäre aber gut, um überhaupt die innerliche Bestätigung zu bekommen, dass ich wirklich ADS habe. Klingt zwar komisch, aber manchmal grüble ich darüber nach, ob ich vielleicht so ne Art Hochstapler bin und kein ADS habe, sondern nur Hirndoping betreibe, und dieser Gedanke ist total unangenehm (wenn auch ziemlich unplausibel). Klar, morgens und abends merke ich schon den Unterschied, aber ein längerer Zeitraum führt es einem doch mehr vor Augen.

  2. Ich habe ihm gesagt, dass ich wegen dem Amisulprid (atypisches Neuroleptikum) manchmal in das schmerzhafte Gefühl verfalle, dass ich nicht ich selbst bin und meine ursprüngliche Persönlichkeit vermisse, was sich tatsächlich wie eine Art Trauerreaktion anfühlt. Z.B. ist meine Kreativität mit dem Medikament rapide abwärts gegangen, und es macht mich auf eine Art unruhig, dass ich nicht so sehr in Dingen und Gedanken versinken kann wie früher. Er hat es mir tatsächlich „erlaubt“ auch mal ne zeitlang ohne Amisulprid auszuprobieren, um mich mal wieder „zu spüren“.

Das habe ich auch vor, nur muss es ein Zeitraum sein, in dem ich nicht sozial funktionieren muss, weil ich ohne Amisulprid tendenziell sehr merkwürdig und sehr sozial ängstlich und zurückgezogen bin (bis hin zu leichter Paranoia). Es muss auch in einem Umfeld mit sehr wenig Reizen passieren, da ich ohne das Medikament krankhaft hypersensibel bin - und in einem Kontext, wo ich eine feste Tagesstruktur von außen vorgegeben bekomme.
Das weglassen von Medikinet würde ich auch nicht im Semester machen; als ich mal 2 Wochen unterdosiert war während der Vorlesungszeit habe ich das deutlich gemerkt, allein schon an der geringeren Ordentlichkeit meiner Mitschriften und daran, dass ich meinen Kommilitonen kaum noch zuhören konnte (mal abgesehen vom Wohnung halb unter Wasser setzen :slight_smile: und dem Gefühl, alles würde einem entgleiten… ach ja und die Stimmungsschwankungen… aber das ist halt schon ne Weile her).

Meine aktuelle Idee ist, für dieses „Experiment“ in ein buddhistisches Kloster zu gehen, wo ich schonmal mit meiner Mutter war, als ich 14 war. Ich bin zwar nicht spirituell oder so, aber das Singen von Mantras und das Meditieren mag ich.
Aber vielleicht hat ja jemand von euch noch ne Idee? Keine Ahnung, vielleicht ist euch so ein Ort wo man das machen kann, mal über den Weg gelaufen :slight_smile:

ADHSler, die nicht an ihrer Diagnose zweifeln, gibt es nicht. :wink:

Achso… ich dachte immer das geht nur mir so :lol:

Ne aber das mit dem Kloster klingt doch toll!!

Das würde ich eigentlich auch gerne mal machen… im nächsten Leben oder so… wenn ich mal von Zuhause weg kann…

Jetzt kommt mir eine Idee… ich müsste laut meiner Ärztin dringend eine Reha machen… aber ich kann meinen Mann nicht 5 Wochen lang mit den Kids alleine lassen und die Mittelrhein-Klinik nimmt keine Kinder mehr mit auf… vielleicht täte mir ein Klosteraufenthalt auch gut… und da kann man ja erstmal eine Woche oder zwei ausprobieren… bloß, soviel Urlaub habe ich nicht über, er reicht ja nicht mal, um die Kids in den Ferien zu betreuen und noch zu viert Urlaub zu machen… hmmmmm…

Ja, also ich denke, du solltest das ruhig mit dem Kloster machen.

Wobei ich nicht verstehe, wieso du das MPH weg lassen willst, du beschreibst doch gut, wie es ohne wäre…

Weiß ich nicht. Dann bin ich eine Ausnahme. Ich wüsste nicht, dass ich schon mal an meiner Diagnose, seit ich sie habe, gezweifelt hätte.

Aber sich mal ohne Medikamente erleben, aber dann bloß nicht im eigenen Alltag- was soll das? In einer Umwelt, die einem buddistischem Kloster (oder wie man sich das eben vorstellt) gleicht, bräuchte ich wohl auch keine Medis. Na gut, auch dort könnte ich mir ohne Medis noch ganz gut auf die Nerven gehen, :lol: aber das hielte sich doch in Grenzen.

Aber eben, realistisch ist das nicht. Wer weiß, dass er/sie im normalen Alltag nicht ohne Medis verkehrssicher wäre, kann sich den Auslassversuch auch sparen.

Und wenn doch, dann auf jeden Fall das Auslassen des Stimulans und des Neuroleptikums trennen, denn wie sonst kannst du feststellen, was an was liegt? D. h. du solltest wenn schon dann alle drei Varianten kennen lernen, d. h. ohne das eine, ohne das andere und ohne beides.


Das sind valide Punkte!
Wenn es um das Neuroleptikum geht, ist mir ein Auslassen/starke Reduktion im normalen Alltag einfach zu heikel. Ich habe einen Job als studentische Hilfskraft, der mir sehr wichtig ist (weil ich mal in dem Bereich arbeiten will), und wenn ich mir da vorstelle, mit meiner sozialen Angst und exzentrischen Verhalten anzuecken… ich habe auch schon 4 Absetzversuche gehabt, das endete einmal damit, dass ich nach einem Film heulend auf dem Gehweg zusammengebrochen bin und einmal damit, dass ich unangemeldet und weinend zu meinem Psychiater kam mit dem starken Gefühl, „nicht mehr zu existieren“. Die normale Alltagswelt ist mir ohne Neuroleptikum einfach zu krass, deshalb überhaupt die Idee mit dem Kloster :slight_smile:

Stimulanzien ohne das Neuroleptikum kann ich leider nicht machen, weil das die Verrücktheit auch verschlimmert. Neuroleptikum ohne Stimulanzien wäre eine Idee, wobei dann die AD(H)S-Symptome schlimmer werden (macht einen ziemlich unruhig und unkonzentriert), weshalb ich das ungern tue. Mein Psychiater sagt, ich nehme eine Kombination von Medikamenten, die kein Arzt auf Anhieb nachvollziehen könnte, aber mir hilft es ganz erstaunlich gut!

Generell, ich habe mir einfach ein Leben ausgesucht, das für mein psychisches Betriebssystem ohne medikamentöse Prothesen vermutlich nicht schaffbar ist - manchmal frage ich mich, ob das die richtige Entscheidung ist. Aber ich möchte meinen Idealismus und mein „need for cognition“ ausleben - ich möchte Umweltpsychologin werden und mich ehrenamtlich für die Umwelt einsetzen. Das bedeutet z.B. nun einmal, dass ich in einer Stadt leben muss, weil Unis halt meistens in Städten sind. Allein das ist für mein „Betriebssystem“ extrem anstrengend. Und Psychologie ist leider auch ein sehr anstrengender Studiengang - dank der Medis fühle ich mich dem aber gewachsen. Ich habe erst letztens festgestellt, dass ich mich noch nie so normal gefühlt habe über einen so langen Zeitraum, wie jetzt, und ich bin ziemlich glücklich mit meinem Leben momentan!

Ich kenne ich beide Medikamente schon recht lange und weiß relativ genau, wie welches für sich genommen wirkt. Es geht nicht darum, das herauszufinden - sondern darum, dass ich bestimmte Persönlichkeitseigenschaften von mir vermisse und wieder einmal erleben möchte. Um dieses Bedürfnis zu erfüllen, ist eine Klosterumgebung genauso geeignet wie jede andere, nur dass ich dort einen Schutzraum habe,

Wegen der Zweifel… gut, dass es auch anderen so geht, aber ich zweifle schon echt viel an meiner ADS-Diagnose, gerade weil ich eine Komorbidität habe, die vielleicht auch ein paar ADS-Symptome erklären könnte (bzw. die Fachwelt ist sich über mich eh uneinig seufz). Vielleicht bin ich einfach jemand, der sehr viel Glück hat und bei der die Symptome durch Medikation ganz verschwinden. Ich kann mich nämlich noch gut an meine ausgeprägten ADS-Symptome vor wenigen Jahren erinnern - weiß halt nur nicht, wie das aktuell aussieht. Der präfrontale Cortex reift ja immerhin bis man 25 ist noch deutlich :slight_smile:
Ich merke aber schon, wenn ich die Stimulanzien weglasse, wird alles sehr viel anstrengender, ich werde reizbarer und ungeduldiger und habe wenig Lust auf kognitiv anstrengende Dinge… oder z.B. Diskussionen. Aber ein-zwei Tage sind mir zu wenig Daten für eine fundierte Einschätzung, wie mein ADS aussieht.

Sorry für soo viel Text, ist gerade ein spannendes Thema für mich.

@julai vielleicht im Kloster einfach das MPH etwas runterdosieren…? Dann fühlst du dich mehr aber hast noch etwas Watte aussenrum?


Das habe ich mich auch schon oft gefragt, mit dem Unterschied, dass ich diese Entscheidung vor längerer Zeit bereits getroffen habe und nun mit den Folgen leben muss, die ich nicht einfach ungeschehen machen kann (und das teilweise auch auf keinen Fall möchte). Aber ich habe schon den Plan, mein Leben mit der Zeit so weit zu „vereinfachen“, dass ich irgendwann ganz ohne Medis auskommen kann.


Würde ich auch sagen. Wäre defintiv interessant zu wissen, was von den Symptomen in diesem reizarmen Setting noch übrig bleibt.

Ja bei mir ist es gut, wenn ich alleine oder zu zweit bin und nicht ganz vollzeit arbeite und täglich meditiere oder Taijiquan übe.

Unter Vollzeit ging es bei mir bergab. Mit „besonderen“ Kindern, dem entsprechend belasteten Alltag, den Therapien und Terminen und Schulunterstützung ist es einfach zu viel.

Das kann ich nachvollziehen. Ich werde meine Stunden auch weiter reduzieren, so weit das finanziell machbar ist.

Ich habe es nicht so klar formuliert, Vollzeit ohne Kinder war schon zu viel für mich… kommt auf den Job an… ich hatte damals jedenfalls immer viele telefonische Abstimmungen mit Kollegen, die entsprechend auch öfters anriefen. Dazu saß ich noch im Großraumbüro - was ich heute auch noch tue, aber zumindest nicht so viele Unterbrechungen durch Telefonate. Dafür sind die Kollegen aber immer noch eine Ablenkung.

Es tönt sehr lustig der Titel und die Idee.
Ich wurde vorschlagen mal.das Neuroleptika auszulassen und vlt konntest du ja auf Elvanse wechseln ? Das ist vlt schon total der Unterschied.
Oder vlt kann man sonst noch was verändern. Ich kenn sowas von mir, wenn ich unmedikamentiert zu inaktiv bin, zu wenig neue Reize und jetzt teilweise im Rebound.
LG zoraya

Ah den Text habe ich erst jetzt gelesen.

Du meinst so die Kreativität, die kommt, wenn man eben eher verträumt ist oder nicht so aufmerksam?
Du könntest ja irgendwie die abends oder am Wochenende weniger vom MPH nehmen ( oder vom Neuroleptika falls es doch eher das ist?)
Ansonsten ist doch cool, dass es so gut funktioniert der Rest. :wink:

Es kann nach Absetzen schlimmer werden die Symptome
Hatte ich auch nach Absetzen von Mph und steht auch auf der packungsbeilage

Ist damit nicht der Rebound gemeint?

Nein, nach Absetzen ist es gemeint.

Du meinst, nach Absetzen werden die Symptome dauerhaft schlimmer als vor der Einnahme?


Ich hatte mir damals unbewusst ein Leben ausgesucht, das sich im Wesentlichen nicht an meinen Interessen, sondern an meinen Schwächen ausrichtet.
Meine Interessen kannte ich gar nicht, weil mir der Zugang durch komorbide Ängste (soziale Ängste, Versagensängste) den Weg versperrten, ebenso wie den Weg zu Menschen, die mich interessierten. Mein Leben war ok, aber ich hatte immer (!) das Gefühl, nicht „kongruent“ zu sein. Nicht zu wissen, wer ich bin, was ich wirklich mag. Also auch irgendwie „daneben“. Ich habe meinen stark ausgeprägten „need for cognition“ (toller Ausdruck!) nicht ausgelebt. Und das hat mich auch(!) krank, mickrig und traurig gemacht. Die Person, die ich bin, war in Symptomen und Komorbiditäten, Ersatzhandlungen und Kompensationsstrategien komplett untergegangen. Trotzdem hatte ich ein prima Leben - auf meinem Weg konnte ich meinen Mann und meine Kinder „aufsammeln“, was mich mehr als entschädigt hat…
Wenn ich Deine im Forum geäußerten Gedanken so verfolge so würde ich sagen - soweit man das auf die Entfernung sagen kann: Du machst alles richtig und scheinst dort, wo Du bist, sehr richtig zu sein.
Und selbst wenn Du beruflich in der Stadt leben musst - wenn Du irgendwann einmal irgendwo eingearbeitet bist, werden sich die Reize von selbst reduzieren. Du wirst die Räume finden, die für Dich passen, und Dich darin einrichten. Vieles wird vertraut und gewöhnt werden.

Was Deine „Versuchsanordnung“ betrifft: Bist Du Dir über Deine Motive wirklich so ganz im Klaren?
Manchmal habe ich den Eindruck, das Betroffene ihre Medikation nicht annehmen können, weil sie sich von gesellschaftlichen Bildern wie „Hirndoping“ etc. nicht freimachen können. Hier werden auch zum Teil diese Hochstapler-Gedanken fußen.
Könnte es nicht sinnvoll sein, sich damit auseinanderzusetzen und Strategien zu entwickeln, mit diesen Gedanken und Zweifeln umzugehen?
In dem Zusammenhang könnte man sich fragen, ob und wieweit hinter diesen Zweifeln auch eine in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitete und teilweise überzogenen Technologiefeindlichkeit und -kritik steckt, die nicht falsch sein muss aber m.E. durchaus hinterfragenswert ist.
Wenn ich an der Legitimität für die Medikation „zweifle“ (was ich aber eher in Hinblick auf das ADHS bei meinem Kind mache), dann suche ich Analogien, und spiele sie durch:
… Würde ein Typ-1-Diabetiker auf die Idee kommen, den Zustand des Unterzuckers als seine „normale“ Persönlichkeit zu betrachten? Wohl eher nicht. Würde er sich als Betrüger fühlen? Wohl auch nicht.
… Wäre ich einbeinig auf die Welt gekommen, hätte das sicherlich auch mein „Sein“ und damit auch mein Bewusstsein und meine Identität geprägt. Bekomme ich nun eine tolle Protese - was ändert sich dadurch? Wäre mal interessant, da Betroffene zu fragen und Analogien zu ziehen…

Die Idee mit dem Kloster finde ich prima, allerdings würde ich das ersteinmal mit der üblichen, eingestellten Medikation ausprobieren.

Ich habe ja die nette Gelegenheit, einmal im Monat (oder bei mir … irgendwann, dafür über längere Zeit) in den Genuss hormonbedingt versagender Medikation zu kommen. Macht keinen Spaß.


Nein, bei mir waren das 3 Tage, bis der Wirkstoff ganz draussen war.

Das ist ja so wie beim Kaffee oder Nikotin, es bilden sich Rezeptoren, die sich zurückbilden. Oder man hat ja noch einen Teil Wirkstoff im Körper, der einem Beinflusst, man hat seine Kompensationsstrategien vlt nicht mehr etc.
Es liegt wohl an verschiedenen Umständen.