Hi FioTheCat,
Hilfe habe ich leider keine, kann dir nur schildern, dass du nicht allein bist.
Seit vor Weihnachten habe ich eine Diagnose. Hingeschickt wurde ich von meiner Psychologin (bei der ich wegen Depressionen & Stress schon länger in Behandlung war). Das war also nicht meine Idee oder Einbildung von mir - ganz im Gegenteil, mein erster Gedanke war: ich doch nicht. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso mehr erkannte ich mich wieder.
Zur Diagnostik bin ich bei einem Psychologen gelandet, der damit sehr viel Erfahrung hat. Der hat das super ausführlich alles abgehandelt, Fragebögen, Tests, Gespräche, mehr als 5 Stunden hat der sich mit mir beschäftigt. Auch der Befundbericht ist sehr ausführlich und fundiert. Auch ein Psychiater hat mir gesagt, dass die Diagnosen von ihm fachlich mehr als einwandfrei seien.
Nun war ich auf psychosomatischer Reha (wegen Stress und Depris), die Chefärztin und Psychaterian sagte mir nach 10 min Gespräch, ich hätte kein ADHS. Ohne den Befund überhaupt gelesen zu haben. „Sie haben keine ADHS, sonst hätte ich ja auch ADHS, Sie sind eben eine Lok“.
Dann stellte sie mir 5-10 Fragen und sagte: „Ich sag Ihnen jetzt, was Sie haben, Sie haben eine depressive Episode“. (Was ich ja gar nicht anzweifle).
Ich versuche seitdem einen Arzt zu finden, der mir Medikamente verschreibt. Der Hauptgewinn wäre, wenn ich gleichzeitg irgend eine Art von Therapie machen könnte. Die meisten Psychiater nehmen keine Patienten mehr an, andere niemanden mit ADHS, andere verschreiben keine ADHS-Medikamente für Erwachsene…
Ich packe das alles überhaupt nicht mehr. Listen führen, wen ich schon kontaktiert habe, wen ich erreicht habe und wen nicht. Wer wann telefonische Sprechzeiten hat und wann im Urlaub ist. Doklib hat mir einen Termin bei einem Psychiater für September vorgeschlagen, in 100 km Entfernung. Und ich weiß gar nicht, ob die Praxis ADHS bei Erwachsenen behandelt. (Habe die letzten Jahre schon damit zugebracht, Orthopäden-, Rheumatologen- und Gastroenterologentermine zu bekommen, teilweise auch vergeblich. Selbst Hausarzt ist inzwischen schwierig, von Vorsorgeuntersuchungen rede ich erst gar nicht.)
Nach 5 Wochen Reha hat mich die erste Woche Arbeit (Teilzeit, Lehrerin) derart geschlaucht, ich bin so fertig wie vor der Reha. Ich laufe halt Vollgas mit 180 % durch den Tag wie ein D-Zug. Bremsen, anhalten - für mich unmöglich. Danke, keine Tipps dazu, ich habe genug Tipps bekommen, probiere/habe probiert alles mögliche umzusetzen - ohne Erfolg.
Ich organisiere/strukturiere mich zu Tode. Führe TODO-Listen, Kalender, OneNote-Notizbücher und habe trotzdem jede Minute das Gefühl, dass ich überall hinterherlaufe, nichts im Griff habe, mir alles entgleitet, ich mir einfach noch mehr Mühe geben müsste…
Die medizinische Versorgung mit Fachärzten ist insgesamt eine Katastrophe, besonders schlimm im psychologischen Bereich - das ist das Eine.
Das Andere ist, dass derzeit ADHS bei Erwachsenen ja wirklich auch eine Art Mode ist. Was eigentlich nur heißt, dass die Aufmerksamkeit für diese Krankheit gerade erhöht ist. Dass erwachsene Menschen endlich eine Diagnose erhalten, die einfach zu früh geboren wurden (ich bin 53) und sich ein Leben lang mit Problemen rumgeschlagen haben, ohne eine Erklärung dafür zu haben ist ein Segen!
Und ja, das gehört auch dazu: es gibt Menschen, die sich selbst diagnostizieren (oft aber einfach auch nur, weil die Wartezeit auf Diagnostik so lang ist) und auch vereinzelt welche, die sich den Schuh anziehen, obwohl er nicht passt.
Psychische Erkrankungen haben ja eh das Problem, dass sie nicht so offensichtlich sind wie ein gebrochenes Bein. Das weiß jeder, der schon einmal depressiv war und „wertvolle“ Tipps erhalten hat, wie: geh doch mal raus an die frische Luft, dann wird’s gleich besser. Ähnlich ist das mit ADHS, „reiß dich zusammen“, „führe einen Kalender/ToDO-Liste“, „ich kann mich auch manchmal nicht konzentrieren“ usw. - jeder von uns hat diese Sätze schonmal gehört, denke ich.
Dann scheint es noch ein Problem zu geben: Manche Psychiater verstehen sich als „richtige Ärzte“ und bezweifeln einfach alles, was von einem Psychologen kommt.
In deinem Fall würde ich sagen: arbeite deine Überweisungen ab, um das alles abklären zu lassen. Versuche vielleicht inzwischen, woanders Medikamente herzubekommen. Bleib dran, ich halt die Daumen, dass das alles möglichst bald in geregelte Bahnen kommt.
Liebe Grüße
kernig