Paradoxe Wirkungen bei Stimulanzien & die Auswirkungen von inkorrekter Dosierung - Meine Recherche

Hi zusammen,

Dieser Post ist quasi der Follow-Up zu meinem vergangenen Update „Verzweifelt: Betäubungsmittel die tatsächlich nur betäuben“.

Ich hatte auf Anfrage an meinen verschreibenden Neurologen Concerta bekommen. Meine vorherige Tagesdosis bei Medikinet Adult lag bei insgesamt 25-30mg (10-10-5 bzw. 10-10-10). Ich hatte etwas Schwierigeiten bei der Umrechnung nach Concerta, bin dann bei der Entscheidung angelangt, dass 36mg passend wären.

Direkt nach Start mit Concerta hatte ich das Gefühl zu hoch dosiert zu sein. Eine innerliche Raserei die schlimm genug war, es fast wieder abzusetzen. Ich habe es aber durchgezogen, und siehe da, nach 3-4 Tagen ging die Unruhe zurück. Zu meinem Schrecken habe ich jedoch gemerkt, dass mein alter Feind die Erschöpfung sich wieder einstellt. Viel weniger penetrant als bei Elvanse, aber störend.

Ich bin jetzt in der dritten Woche, und stelle mir die Frage, ob ich jetzt zu viel nehme, oder zu wenig? Was geht hier überhaupt ab?


Das klingt jetzt alles total verwirrend, ja. Sogar mein Psychiater meint er hatte sowas noch nicht.

Ich habe mich die letzten vier Monate totrecherchiert was das Thema angeht. Ich wollte verstehen, wie Dopamin mit dem Körper interagiert, und wie sich die Medikamente auswirken. Ich habe bei mir selbst bei beiden Wirkstoffen, Methylphenidat und Lisdexamfetamin, ähnliche Probleme beobachtet, und wollte verstehen, wie diese zu Stande kommen.

Klar, man erkennt dass man „zu viel“ hat, wenn die Stimulanzien zu gut wirken. Super hyperaktiv, Kieferspastik, Zittern, Herzrasen, schwitzige Hände, Eurphorie oder Reizbarkeit. Das ist noch halbwegs deutlich.

Ich wollte wissen, wieso genau eine Dosis, die über dem „individuellen Optimum“ liegt, oft paradox wirken kann. Ich habe selbst erfahren, und oft von anderen gehört, dass Stimulanzien oft absolut unverständlich und widersprüchlich Wirken.

Ansonsten hätten sich nicht jeder von uns schonmal gefragt, ob er jetzt über- oder unterdosiert ist. Medikamentöse Einstellung ist bekanntlich ein Albtraum.

Die „paradoxen“ Symptome die ich selbst erlebt habe, die auf Stims teilweise schlimmer waren als ohne:

  • Erschöpfung
    Ich könnte den ganzen Tag pennen. Manchmal fühle ich mich hellwach und trotzdem total ausgebrannt und erschöpft.

  • Motivationslosigkeit (Lethargie)
    Ich will eigentlich nur rumsitzen, und jede Perspektive irgendwas zu machen ist ein Kampf.

  • „Zombie“- oder „Roboter“-Gefühl (Apathie)
    Keine Emotionen, einfach nur funktionieren. Keine Zeit für Mensch sein, ich habe Aufgaben.

  • Genussverlust (Anhedonie)
    Sozialer Rückzug. Meine Hobbies machen mir keinen Spaß mehr.

  • Suchtsteigerung
    Hab ich schon immer so viel geraucht/gedampft? Ich hab fast durchgängig Schmacht.

Ich habe mich entschieden die Resultate meiner Recherche mit euch zu teilen, um ggf. etwas Logik in die Funktionsweise von Stimulanzien zu bringen & wie sie (neben-)wirken.


Neurochemischer Hintergrund:

Stimulanzien wie z.B. Methylphenidat oder Lisdexamfetamin wirken u.A. durch Hemmung des Dopamintransporters (DAT), der für die Rückresorption von Dopamin aus dem synaptischen Spalt in das präsynaptische Neuron verantwortlich ist. Durch die Blockierung dieses Transporters erhöht sich die Dopaminkonzentration in der Synapse, wodurch die Dopaminsignalisierung in Bereichen des Gehirns wie dem präfrontalen Kortex, der für Aufmerksamkeit, Konzentration und Impulskontrolle zuständig ist, verstärkt wird.

Während diese Wirkung auf Dopamin bei Verwendung der vorgeschriebenen Dosen im Allgemeinen therapeutisch ist, könnte eine übermäßige Unterdrückung der Dopaminaufnahme zu mehreren potenziellen Problemen führen, neben anderen Auswirkungen die Stimulanzien auf das Nervensystem haben.

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Überstimulierung des ZNS & biologische Stressreaktion:

Stimulanzien aktivieren das sympathische Nervensystem („Sympathikus“, bzw. „Fight-or-Flight“-Reaktion), das die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Wachsamkeit erhöht. Während dies kurzfristig zu einem Energieschub führt, kann eine anhaltende Überaktivierung dieses Systems zu körperlicher Erschöpfung führen: Wenn sich der Körper über einen längeren Zeitraum in einem erhöhten Erregungszustand befindet, kann das zu Müdigkeit, Muskelverspannungen und allgemeiner Erschöpfung führen. Dies geschieht, weil der Körper in einem Zustand der Übersteuerung arbeitet und Energie schneller verbrennt als er sie zurückgewinnen kann.

Stimulanzien beeinflussen nicht nur den Neurotransmitterspiegel, sondern aktivieren auch die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA), die an der Stressreaktion des Körpers beteiligt ist. Eine zu hohe Dosierung (oder Missbrauch) bei Stimulanzien führt zu einem anhaltenden Anstieg von Cortisol, dem wichtigsten Stresshormon des Körpers, was schließlich zu Gefühlen der Erschöpfung, Dysphorie (negative Stimmung) und Anhedonie führen kann.

Nach der Überstimulierung kann es mehrere Stunden dauern, bis sich das Gehirn erholt und sein natürliches Gleichgewicht der Neurotransmitter wiederhergestellt hat. Während dieser Zeit können sich die Betroffenen überreizt oder übermäßig aufmerksam fühlen, weil sich ihr Gehirn immer noch in einem hyperaktiven Zustand befindet und versucht, die Überstimulation, die während des Stimulanzienkonsums auftrat, wieder auszugleichen.

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Verbrauchte Neurotransmitterspeicher:

Die Neuronen im Gehirn, die Dopamin freisetzen, können nur eine begrenzte Menge des Neurotransmitters produzieren und speichern. Wenn Stimulanzien häufig oder in Dosen überhalb der individuellen Idealdosis konsumiert werden, ist der Dopaminvorrat schneller aufgebraucht, als er wieder aufgefüllt werden kann. Diese Erschöpfung kann zu einem vorübergehenden oder länger anhaltenden Dopaminmangel führen, insbesondere nachdem die Wirkung des Stimulans nachgelassen hat.

Überstimulierung, wie im oberen Punkt erklärt, führt zu einer erhöhten Ausschüttung von Neurotransmittern, insbesondere Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, was zu einer schnelleren Erschöpfung der Neurotransmitterspeicher führt.

ADHS entsteht durch dieselbe Dysregulierung dieser Transmitter. Desto mehr diese Transmitter erschöpft sind, umso mehr können auch neue Symptome auftauchen, die schwerwiegender sind als die dem Betroffenen bekannten.

Man kann auf verschiedene Weisen die Produktion von Dopamin im Körper beeinflussen bzw. anregen. Dazu gehören Sport, ausreichend Schlaf, Vermeidung oxidativen Stresses, Supplementation/Ernährung (besonders interessant sind Aminosäuren wie L-Tyrosin und D-Phenalanin als Bausteine für Neurotransmitter), Stärkung der Darmflora (z.B. durch Darmkur) und so weiter.

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Kritikalität von Schlaf auf Stimulanzienwirkung & ggf. einhergehende Störung des Schlafzyklus

Ein typischer Schlafzyklus dauert etwa 90 Minuten und umfasst mehrere Phasen: Leichtschlaf (Stufe 1 und Stufe 2), Tiefschlaf (SWS-Stufe 3 und Stufe 4) und REM-Schlaf. In einer Nacht durchläuft der Körper diese Phasen mehrmals. Im Laufe der Nacht werden die REM-Schlafphasen länger, während der SWS-Schlaf typischerweise in der frühen Phase der Nacht auftritt.

Der REM-Schlaf geht mit einer Abnahme der Aktivität des sympathischen Nervensystems und einer Verschiebung hin zu einer parasympathischen Aktivierung (Entspannung) einher. Wenn sich der Körper aufgrund des Konsums von Stimulanzien in einem erhöhten Zustand befindet, kann er sich nicht ausreichend entspannen, um den REM-Schlaf zu erreichen, was zu Schlafstörungen führt wie z.B. Einschlafprobleme, Alpträume oder wiederholtes Aufwachen.

Selbst wenn die Stimulanzien nicht zu spät im Nachmittag genommen worden sind, kann eine unpassende bzw. zu hohe Dosis eine Überstimulierung hervorrufen, welche sich wie oben beschrieben noch einige Zeit auf den Betroffenen auswirkt. Hier liegt es also nahe, dass als Nebenwirkung Schlafstörungen entstehen, selbst wenn das Medikament bereits verstoffwechselt ist.

Der für die Dopaminregeneration kritischste Schlafzyklus ist in der Regel der Slow-Wave-Schlaf (SWS), der während der Tiefschlafphasen (Stufe 3 und 4 des Nicht-REM-Schlafs) auftritt. Während der REM-Schlaf für die emotionale Verarbeitung und die Gedächtniskonsolidierung wichtig ist, ist der SWS besonders wichtig für die körperliche Wiederherstellung und die Regeneration bestimmter Neurotransmitter, einschließlich Dopamin.

REM-Schlaf und SWS sind nicht isoliert; sie sind Teil eines kontinuierlichen Schlafzyklus. Störungen in einer Phase des Zyklus können sich auf die anderen auswirken, da die Phasen co-abhängig voneinander sind. Wenn der REM-Schlaf gestört ist, kann dies zu einer Fragmentierung des Schlafzyklus führen, so dass die Übergänge zwischen den verschiedenen Schlafphasen häufiger werden. Diese Fragmentierung kann das Gehirn daran hindern, vollständig in den Tiefschlaf einzutreten, insbesondere in der frühen Nacht, wenn der Tiefschlaf am stärksten ausgeprägt ist.

Durch eine Störung dieser Schlafzyklen wird somit die Effektivität der Stimulanzien gestört. Somit kann sich über den Einnahmezeitlauf der zu hohen Dosis das Symtom- bzw. Nebenwirkungsbild verändern.


Das Fazit:

Eine für den Betroffenen ungeeignete Stimulanzie, oder eine zu hoch gewählte Dosis kann durch die Konsequenzen einer Überstimulierung nicht nur Nebeneffekte einer Stressreaktion hervorrufen, sondern bestehende ADHS Symptome verstärken, oder gar neue Symptome, welche mit demselben Mangel bzw. derselben Unreguliertheit der Neurotransmitter im Gehirn zusammenhängen, hervorrufen.

Die Symptome einer Unterdosierung hingegen entstehen eher durch eine kompensatorische neuronale Reaktion. Wenn das Gehirn durch das Medikament, bei einer zu niedrigen Dosis, nicht ausreichend stimuliert wird, kann es versuchen, dies zu kompensieren, indem es die Aktivität bestimmter neuronaler Schaltkreise in einer Weise erhöht, die unerwünschte Wirkungen hervorrufen kann.
Eine niedrige Dosis kann beispielsweise zu verstärkten kompensatorischen Verhaltensweisen wie Unruhe, Angstzuständen oder Konzentrationsschwierigkeiten führen. Diese Verhaltensweisen entstehen dadurch, dass das Gehirn versucht, den unzureichenden Dopaminschub zu überwinden, was zu einem Teufelskreis aus Frustration und Überstimulation bestimmter Gehirnregionen führt.

Demnach sind die Symptome einer Über- sowie Unterdosierung oft sehr ähnlich, und die Nuancen, die beide unterscheidet sind individuell vom Betroffenen abhängig. Faktoren wie schnelle Verstoffwechselung oder Empfindlichkeit gegenüber Stimulanzien machen es umso schwieriger die persönliche Idealdosis zu finden.


Wie kann ich das auf meine Situation anwenden?

Naja, die Erschöpfung von Concerta die ich Empfinde, gepaart mit der Lustlosigkeit & Co bedeuten, dass ich überstimuliert bin, und mein Körper unter der Stressreaktion leidet. Wenn ich nochmal hochdosiere wird zwar die Erschöpfung behoben, aber nicht, dass mein Dopamin nicht mehr richtig funktioniert. Ergo: Ich werde zur Maschine. Auf nachfrage an meinen Psychiater ist dies relativ normal, er hatte diese Erschöpfung selbst empfunden.

Die Lösung ist einfach. Ich gehe von 36mg auf 27mg. Falls ich dort mal mehr Power brauche dosiere ich mit 5mg Medikinet Adult nach.

Wieso hat mich Elvanse so Müde gemacht? Ich denke es hängt mit meiner Empfindlichkeit auf Stimulanzien zusammen. Elvanse im Gegensatz zu MPH basierten Medikamenten generiert Dopamin zusätzlich zur Wiederaufnahmehemmung. Insgesamt schien das so stark zu sein, dass mein Dopamin übermäßig erhöht war durch die „antidepressive“ Wirkung des Wirkstoffs.

Wenn der Dopaminspiegel übermäßig hoch ist, können die Rückkopplungsmechanismen im Gehirn eine Verringerung der Dopaminproduktion oder -freisetzung bewirken, um die Situation auszugleichen. Dies kann zu einer Dopaminverarmung führen, die Energiemangel, Motivationslosigkeit und Erschöpfung zur Folge haben kann. Also genau mein Problem, plus die oben genannten Überstimulierungsprobleme bei höheren Dosen.

Schade um die gute Laune, aber das war eher Euphorie und nichts was mir wirklich geheuer ist.

Danke für eure Aufmerksamkeit. Ich hoffe ihr könnt was aus meinem Post mitnehmen :slight_smile:

LG,
Todmüde.

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Ist es nicht wunderbar komplex, unser Hirn? :slight_smile:

Hier und da wurde das schon mal versucht zu erklären,.
Auch, was die Erwartungshaltung an die Medikamente angeht und was die angestrebte Wirkung sein sollte.

<Elvanse Überdosierung? Falsches Medikament? - #3 von SneedleDeeDoo

Aber selber recherchiert ist immer gut und bleibt besser im Kopf hängen :adxs_daumen:

Im Prinzip gibts einen individuellen therapeutischen Bereich.
Zu weit drunter ist doof. Zu weit drüber aber auch.

Wie ein Radiosender, den man optimal einstellen muss, damit das Signal sauber übertragen wird.

2 „Gefällt mir“

Stellt euch vor es gäbe direkt eine Dopaminpumpe zum Gehirn , die gleich passend dosiert :sweat_smile:

Das wärs… Son Scheiß aber auch :smiley:

Hi @todmuede, danke für die Ausarbeitung !

Ich stecke aktuell in einer ähnlichen Situation mit dem Medikament, ist einfach nur frustrierend…

Ich wollte mal fragen, wie du aktuell mit der neuen Einnahmen zurecht kommst

Ich habe den sehr langen Text nicht ganz gelesen, aber dass 36 mg Concerta nicht 10 - 10 - 5 mg Medikinet Adult entsprechen, hätte deine Ärztin auch wissen können.

Von daher würde ich auch sagen, probier doch 27 mg aus. Und irgendwas für den späten Nachmittag und Abend (aber nicht nochmal das Gleiche) bräuchtest du auch noch, denn so lange wirkt Concerta nicht.

Danke für die Infos
Ich bin gerade bei der Einstellung
Habe zuerst MPH ratiopharm bekommen ( retardiert wie concerta) und war erst müde und wie im Rausch, dann lethargisch und die ganze Zeit am dampfen. Zudem irgendwie verwirrt und eingeschränkt im Denken und meine traumerinnerung war weg.

Ich hab dann , recht schnell nach 3 Wochen, auf Medikinet gewechselt, aber erst seit ein paar Tagen, was aber viel besser ist, macht mich nur etwas komisch „ überwach“
Die retardierung ist ja verschieden, das macht für mich wohl einen signifikanten unterschied, war beides 10mg.
Aber mal schauen wo die Reise hingeht…
Meine Ärztin sagte auch ,dass wir elvanse nochmal versuchen.
Auf jedenfall hat mir deine Einschätzung sehr geholfen.
Danke :slightly_smiling_face: