Reflexintegrationstherapie - Erfahrungen?

Hallo liebes Forum,

Meine Tochter (10) hat vor einiger Zeit die Diagnose ADHS erhalten. Bisher kommt sie mit Ergotherapie ganz gut zurecht, jedoch merke ich, dass ihr der kürzlich erfolgte Wechsel aufs Gymnasium schwer fällt. Nun bin ich zufällig auf das Thema Reflexintegrationstherapie gestoßen. Dort wurden als Indikation Probleme in diesen Bereich genannt:

  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme
  • Hyperaktivität
  • Lese- und Rechtschreibschwäche
  • Fehlende Impulskontrolle
  • Geringe Frustrationsgrenze
  • Koordinationsprobleme in der Fein- und Grobmotorik
  • Gleichgewichtsstörungen

Das sind GENAU und ohne Ausnahme ihre Baustellen. In unterschiedlich starken Ausprägungen, aber in jedem genannten Punkt hat sie Defizite, und darüber hinaus eigentlich auch keine weiteren. Hat jemand Erfahrungen mit Reflexintegrationstherapie und mag berichten? Hat das geholfen? Wie findet man einen guten Therapeuten? Ich würde mich über Austausch freuen. Vielen lieben Dank!

LG

Ahoi SillyBilly, ich kann zwar rein garnix zu dieser Therapieform sagen, weil ich es unter anderem auch zum ersten lese/höre, aber bei dem was du geschrieben hast, muss ich einfach mal fragen, wie extrem denn die Probleme deiner Tochter sind?? Weil die von dir genannten „Baustellen“ lesen sich, als würde ich die meiner zwei Jungs (beide mit einer ADHS Diagnose) zusammen schmeissen.

Und wenn deine Tochter doch bisher nur mit Ergo ausgekommen ist, und jetzt durch den Wechsel zum Gymnasium Probleme auftauchen die durch die Ergo nicht mehr zu händeln sind, ist es dann nicht wahrscheinlicher, dass eben der Wechsel das Problem ist und der Druck in der Schule einfach zu hoch für deine Tochter??

Ich meine, ich würde mir nix sehnlicher wünschen, als dass meine Kinder einen guten Schulabschluss machen können um dann später als Erwachsene ein gutes Leben durch einen guten Job haben. Aber wenn ich erkenne, dass die Schulform die sie dann besuchen, einfach nicht zu meistern ist, dann muss ich im Sinne meiner Kinder handeln und sie wieder runterstufen. Es bringt meinen Kindern ja nichts, wenn sie auf der höheren Stufe nichts mehr auf die Kette kriegen und dadurch so sehr frustriert sind, dass sie garnichts mehr erreichen. Dann doch lieber einfach wieder runter stufen damit sie wenigstens, so wie in deinem Fall, die Realschule schaffen können. Auch damit lässt sich einiges erreichen und vielleicht verbessern sich ja im laufe der Zeit die Baustellen deiner Tochter.

Ich habe irgendwo mal den Begriff „persistierende frühkindliche Reflexe“ aufgeschnappt… ist das damit gemeint?

Zum Thema Schule… bei ADHS spielt ja oft auch eine Unreife mit rein, Entwicklungsverzögerungen… mein Mann sagt zum Beispiel von sich, dass er seine ganze Schulzeit lang sozusagen nur aus dem Fenster geschaut hat und gadacht hat, wann kann ich hier raus… aber in der Oberstufe hat er richtig Gas gegeben und ein gutes Abi gemacht…

Sollte eventuell auch so eine gewisse Unreife, Entwicklungsverzögerung vorliegen (mal drüber nachdenken bzw mit der Therapeutin sprechen), könnte man vielleicht eine integrierte Gesamtschule wählen. Dort können die Kinder je nach Schulfach auf unterschiedlichen Niveaus unterrichtet werden. Natürlich gibt es häufig nicht soo viele Kinder mit Gymnasialempfehlung auf den IGSsen, aber eben durchaus bestimmt noch andere Kinder, die in einzelnen Fächern sehr gut sind.

Am Ende können die Kinder ja immer noch ihr Abi auf einer Oberstufenschule machen…

Vielen Dank für eure Antworten! Ich bin da eigentlich ganz bei euch. Ich möchte sie nicht „auf biegen und brechen“ am Gym. halten. Die Entscheidung dafür ist mir nicht leicht gefallen (sie ist auch erst seit ein paar Wochen in der 5. Klasse). Letztlich gab den Ausschlag, dass Lehrer, Ergotherapeutin und Neurologin eindeutig dazu geraten haben und sie wollte auch gern.

Sie hat in Teilbereichen (sprachlich insbesondere) eine Hochbegabung und war bisher trotz Flusigkeit, Trödelei und Vergesslichkeit sehr gut in der Schule. Sie war bisher auch dann am besten und glücklichsten bisher, wenn sie gefordert wurde und sich etwas anstrengen musste (Ein Beispiel: Mathe war erst ihr schwächstes Fach. Dann hat die Lehrerin beschlossen, sie mal probehalber in den Forderkurs für die guten Rechner zu stecken, da sie meinte, sie sei gelangweilt. Und siehe da - es machte ihr auf einmal richtig Spaß und die Note ging von 2-3 auf 1-2. Ist ihr Ehrgeiz geweckt dann geht es meist gut).

Also dachten wir, wir probieren es mal und nun ist sie also am Gym… Und ich merke, dass sie zwar mit den Lerninhalten gut zurecht kommt, aber die ganze Orga, das Tempo, die Menge an Dingen, an die sie gleichzeitig denken muss - das macht sie richtig fertig zurzeit und da ist auch schon ab und zu was schief gelaufen. Hausaufgaben vergessen weil in der Schule nicht aufgeschrieben oder Arbeitsblätter dort liegen gelassen z.B… Zu spät gekommen, Maske vergessen … sie ist halt eine Chaos-Prinzessin!

Und klar ist das für alle Kinder viel und neu. Aber ihr fällt das besonders schwer. Wir müssen schauen. Wenn es nicht klappt, dann eben nicht. Über Medikation können wir nachdenken. Die würde ich aber eher in Betracht ziehen, wenn die Probleme mit der Impulskontrolle und der Frustrationstoleranz wieder durchs Dach gehen. Das ist ihre größte Baustelle. Ergo und coronabedingte Entschleinugung hatten ihr zuletzt sehr gut getan.

Also hatte ich nach Möglichkeiten gesucht, sie noch ein wenig zu unterstützen und war über diese Reflexintegrationstherapie gestolpert. Ihre Ergotherapeutin, von der ich viel halte, habe ich mittlerweile dazu befragen können. Sie war da ganz eindeutig und hält da gar nichts von / sagte, sie kennt einige Kinder, die das versucht haben und es hätte nichts gebracht außer dicken Rechnungen … damit ist das Thema erst mal vom Tisch für mich. Werden jetzt mal abwarten, sie da mal ankommen lassen in der Schule, schauen wie sie weiter zurecht kommt / die ersten Klassenarbeiten ausfallen. Ergo weiter machen und dann entscheiden.

Medikation wird doch heute auch schon bei leichten bis mittelschweren Ausprägungen empfohlen ?

Ich verlasse mich da mal auf den Rat von Ärztin und Therapeutin, die beide sagen - lieber erst mal so weiter machen, solange der Leidensdruck nicht steigt. Sie hat zwar verschiedene „Baustellen“, aber extrem sind die Probleme nicht. Ergo hat schon mal motorisch einiges bewirkt und ihr ein paar Möglichkeiten gegeben, mit Wut und Enttäuschung etwas besser umzugehen. Als „nächste Stufe“ wurde uns zu Neurofeedback geraten, vor Medikation. Sicher gibt es hierzu viele unterschiedliche Meinungen. Ich habe aber ein ganz gutes Gefühl mit dem Plan.

Mein anderer Sohn, der nur hochbegabt ist und mal auf ADS getestet wurde, was aber nichts ergab, der ist jetzt auch seit drei Wochen auf dem Gymnasium - er vergisst auch viel, ist total unorganisiert und ihm fällt die Umstellung nicht leicht… aber das hört man von den meisten hier…

So was kenne ich auch aus meinem jetzigen Alltag, das gehört leider immer irgendwie dazu. Medikamente helfen da schon, aber sie puffern nicht alles ab.
ADHS bedeutet halt sich mit diesen Gegebenheiten auseinanderzusetzten und immer wieder versuchen Lösungen zu finden.
Ihr wisst ja von der Diagnose, das ist ja schonmal hilfreich, wir haben uns früher ja ohne all dies Wissen da durchkämpfen müssen.

Ich kann nicht einschätzen ob es auf der Realschule/Hauptschule aus struktureller Sicht nicht bei ähnlichen Problemen bleiben würde .
Unterforderung und keine Struktur oder gesunde Anforderung und keine Struktur . Stellt sich die Frage ob weniger Anforderung entlastet oder passende Anforderung eher motiviert.

Wenn die Lehrer es mitmachen würde ich engen Austausch empfehlen und schauen das sich nicht zu viel an Sachen aufbauscht, also noch viel Strukturelle Konrolle und Unterstützung damit sie am Ball bleibt, wenn ihr das ermöglichen könnt.

Wenn man uns bei der Struktur hilft und Orientierung gibt, dann sind manche Dinge plötzlich kein so großes Problem mehr.

Neurofeedback ist eine Option die helfen kann
Medis vielleicht einfach mal trotzdem testet, man kann sich jeden Tag ja wieder dagegen entscheiden.

Ich habe z.B. mit Medikation Neurofeedback gemacht und das hat gezeigt das es nicht ohne geht.

Ich weiß nicht wie lange es bei euch dauern würde um Medikation verschrieben zu bekommen ? Also falls Neurofeedback nicht den Erfolg gibt, dasss ihr dann relativ zeitnah dies Option testen könnt. Also terminlich da vorsorgen.

@SillyBilly
Mit der Entscheidung gegen diese seltsame Therapie hast du ganz sicher richtig entschieden, da sich das Thema ADHS zur Gelddruckmaschine entwickelt und jeder mitverdienen will, ob kompetent oder nicht.

Und die Einschulungsentscheidung ist auch erstmal gut. Ich hatte eine Empfehlung für die Hauptschule und ich danke meinem Onkel noch heute dafür, dass er für mich die Realschule erkämpft hat. Da blieb mir die Tür zum Gymnasium nicht ganz versperrt und durch die Tür bin ich dann auch freiwillig gegangen. ADHSler werden es nie ganz einfach in weiterführenden Schulen haben, ob direkt am Anfang oder eben später bei einem nochmaligen Wechsel. Ich musste mich zwar durchbeißen. Habe es aber geschafft.

Meine schlimmen Probleme fingen erst im Studium an, als die Struktur wegbrach.

Liebe/r Silly Billy,

du solltest natürlich lieber auf eure Fachleute hören als auf jemand in einem Internetforum, den du gar nicht kennst. Dennoch möchte ich dir meine Meinung nicht verschweigen.

Ich halte es für falsch, zu warten bis die Probleme extrem sind oder durchs Dach gehen! Wenn Impulsivität und Frustrationskontrolle ihre größten Baustellen sind, dann solltest du deiner Tochter Medikamente nicht weiter vorenthalten, wenigstens ein Versuch wäre es wert. Was spricht denn dagegen, ich sehe keinen Grund weswegen man die Schwelle dafür hoch setzen sollte? Die Ergotherapeutin und die Ärztin haben vermutlich beide nicht selbst ADHS und wissen wie es ist, damit zu leben.

Nein, mit Biegen und Brechen auf dem Gymnasium halten musst du sie nicht. Das ist nicht der Punkt. Ich weiß auch nicht ob das durch Medis so sehr beeinflusst würde. Da könnte sie mit ihrer Ergotherapeutin Techniken einüben, wie sie ihre Hausaufgabe nicht aufzuschreiben vergisst, und auch die Lehrerinnen sollten darauf achten dass das ankommt. Lehrer, die ein schlechtes Zeitmanagement haben und beim Pausenklingeln mal eben die Aufgabenstellung in die Klasse hereinrufen, sind mit verantwortlich, wenn nur ein Teil der Schüler das mitkriegt! :sunglasses:

Aber, wie ich vor Kurzem schon in einem anderen Thread schrieb, es ist ein ganz doofes Gefühl, ein impulsives und emotional unausgeglichenes Kind zu sein. Auch dann wenn Eltern und Lehrer damit noch klar kommen.

Ich bin jetzt 54, und nehme ADHS-Medis seit ich 37 bin. Es war bei mir auch nicht extrem, aber das Gefühl, Schwierigkeiten nicht mehr so an mich heran kommen lassen zu müssen und viel ausgeglichener zu sein, ist ganz wunderbar, das kannte ich vorher nicht und ich möchte darauf nicht verzichten. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, hätte ich die Medis damals aber viel nötiger gebraucht.

Zumal das Alter mit den größeren Herausforderungen - Hormonschwankungen, falsche Freunde, Rauchen/Alkohol usw. - noch kommt. Ausgerechnet dann wird die Impulsivitätsbaustelle bestimmt nicht kleiner. Es kann sehr schwierig sein, dann mit Medis anzufangen, in der Pubertät ist die Akzeptanz für elterliche Vorschläge sehr gering; anders ist es wenn sie dann schon eine positive Erfahrung mit ADHS-Medis hat.

Ich hatte nur eine eingeschränkte Empfehlung für die Realschule also stand Hauptschule an. Aus welchem Grunde auch immer sagte mein Bauch , dass ich nicht auf die Hauptschule möchte. Ich habe so lange gebockt, gewütet und gezickt bis ich doch zur Realschule durfte.
Nun bin ich da zwar 1 mal sitzen geblieben und es war wahrlich nicht einfach und irgendwie meinen Abschluss doch nocht geschafft. Die Lehrer manches mal wegen mir verzweifelt , meinen Eltern auch , ich auch. Aber ich habe auch vieles durch meine Humor und sozialen Einsatz wieder Wett gemacht.

Aber ich habe den Realschulabschluss geschafft und vor allem durch viel unterschiedliche AG’s und Schulprojekete für die ich mich immer engagiert habe unwahrscheinlich viele positive Erfahrungen gemacht.
Ich Blicke trotz ADHS und meine Probleme auf eine sehr schöne Zeit in der Realschule zurück. Ich profitiere heute noch von ganzen vielen Dingen die ich dort so nebenschulisch lernen durfte und bin so einigen Lehrer dankbar die mich gefördert haben, an mich geglaubt haben, ein Auge zugedrückt haben und mir nicht so viel übel genommen haben.
Nun ja und die alte Sorte Lehrer vom alten Schlag, da bin ich froh ab und zu mein Mund geöffnet zu haben auch wenn einer seine Macht ausnutzte und er angekündigt mit dafür sorgte das ich sitzenblieb, was das jedoch das BEste war was mir passieren konnte :slight_smile: