Hallo und danke für die Verlinkung, @moya !
Liebe trulla83, ich lese schon viel Gutes heraus und begrüße es sehr, dass ihr schon so viel erreicht und auf den Weg gebracht habt!
Wir selbst haben lange Phasen der Schulverweigerung erlebt und befinden uns mit unserer Tochter gerade auf dem Weg der Besserung. Meine Gedanken hinsichtlich eurer Situation sind jetzt eine Mischung aus privater und beruflicher Erfahrung.
ADHS-typisch stürze ich mich mal auf den ersten Satz, der für mich klar heraussticht:
Nein. Einfach Nein.
Wen Kinder problematisches Verhalten zeigen, dann hat dies immer einen Grund. Schule selbst kann schon ein Grund sein, denn dieses System in seiner aktuellen Form ist in sich schon höchst problematisch.
Dass sie das so präzise ausdrücken kann ist eine echte Ressource! Das sollte man nicht herunterspielen, sondern ernst nehmen. Vor allem als Ärztin.
Ihr Körper signalisiert sehr deutlich, dass etwas nicht stimmt und sie nimmt das wahr und teilt diese Wahrnehmung vertrauensvoll mit euch. Sie ist jetzt nur nicht in der Lage, die Ursache zu erkennen.
Psyche ist komplex und auch Erwachsenen fällt dies schwer.
Es ist also sehr gut, dass ihr schon Termine bei Fachkräften gemacht habt.
Wichtig ist jetzt erstmal, dass ihr zu Hause einen sicheren Ort zur Verfügung stellt. Bisher wisst ihr noch nicht, was die Ursache der Verweigerung ist. Egal was es ist, euer Kind braucht einen sicheren Hafen und einen Ort, um wieder zu Kräften zu kommen und das Nervensystem zu beruhigen.
Aktuell ist eure Tochter sicherlich selbst auch hilflos. Sie sagt, dass sie in die Schule will und das solltet ihr ihr glauben. Warum sage ich das? Es folgt ein Versuch einer Kurzfassung unserer Geschichte.
Unsere Tochter war immer eine super Schülerin, sehr motiviert und strebsam. In der Grundschule hat sie sich oft gelangweilt, musste aber lernen abzuwarten. Das und der zu leichte Schulstoff haben bewirkt, dass sie nicht gelernt hat, sich auch mal durchzubeißen, so dass sie schnell frustriert war. Vor allem bei Kritik durch die Lehrkräfte. Auffällig waren häufige Fehlzeiten, ausgelöst durch Bauchschmerzen und andere psychosomatische Symptome. Dennoch gute Noten.
Wechsel aufs Gymnasium, schwieriges Umfeld, sehr elitär, bösartig den Schülern gegenüber, Mobbing mehrerer Schüler (auch und vor allem durch Lehrkräfte), bis sie dann an der Reihe war. Schlechte Noten, keine Motivation, mehr und mehr Kranktage, ziehen der Reißleine – Schulwechsel auf eine private Oberschule.
Sofortige Besserung der Gesamtsituation. Allerdings kam es dann plötzlich zu Panikattacken und was blieb waren auch relativ viele Fehlzeiten durch Kopf- und Bauchschmerzen. Psychisch war ihr eine Überlastung anzumerken, denn es kam zu Hause nur noch zu Eskalationen.
Es folge dann der Aufenthalt in einer Tagesklinik und mein Drängen auf eine ADHS-Diagnostik. Die Tagesklinik war fachlich schlecht, aber das gemeinsam Feindbild hat sehr verbunden. Die Pause von der Schule tat gut und vor allem war der Kontakt zu anderen Jugendlichen, die auch Probleme haben, sehr hilfreich. Es kam dann auch offiziell die ADHS Diagnose, und somit auch eine Medikation, sowie der Nachweis über einen überdurchschnittlichen IQ. Mit Medi geht es ihr deutlich besser und die Schule als solches zieht viel weniger Energie.
Wir hatten trotzdem das Gefühl, dass noch ungeklärte Fragen im Raum standen und so kam es später noch zur Autismusdiagnose. Im Zuge dessen erkannte unsere Tochter auch, dass sie in der Schule extrem (!) maskiert hat. Sie war im Grunde nie sie selbst, sondern immer die „perfekte Schülerin“.
Jetzt hatten wir das Gesamtbild.
Sie hat enorm viel Energie aufwenden müssen, um so normal wie möglich zu wirken. Ihr hoher Anspruch an sich selbst endete in einem sehr kräftezehrenden Perfektionismus. Schule war in Teilen noch immer langweilig, aber sie hat nach und nach durch ihre Aktivitäten in der Freizeit gelernt, Arbeit in Dinge zu stecken, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Alles ohne Zwang und Notendruck, doch diese Erfahrungen wirkten sich auch positiv auf das Erarbeiten von Schulstoff aus.
Die Schule war leider nicht in der Lage, sich auf die Diagnosen einzulassen, daher entwickelte sich nach und nach immer mehr Schulangst. Es gab Umstände in der Schule selbst, die es unserer Tochter unmöglich machten, regelmäßig hin zu gehen. Sie wollte unbedingt, konnte aber nicht. So kam sie abends z.B. nicht zur Ruhe, konnte nicht schlafen und somit natürlich auch nicht zur Schule gehen. Mit jedem Fehltag wurde es schlimmer, da sie den Schulstoff nicht zuverlässig geschickt bekam und sich jeden Tag schlechter vorbereitet fühle. Unter diesen Voraussetzungen noch Noten erbringen zu müssen war ein Ding der Unmöglichkeit. War sie mal dort, hat sie trotzdem 1en und 2en geschrieben, aber unter enormer Kraftanstrengung und permanentem schnellen Erfassen müssen neuer Inhalte.
Sie geht seit 3 Wochen auf eine neue Schule (wieder Gymnasium), die einen sozialen Dienst und Erfahrung im Umgang mit Autismus haben. Bedingung war die Zurückstufung in eine niedrigere Klassenstufe, was meiner Tochter aber gelegen kommt, da sie so viele Fehltage hatte uns sich den meisten Schulstoff selbst erarbeiten musste. Sie findet es gut, jetzt auch mal Erklärung zu. bekommen und überpüfen zu können, ob sie alles richtig gelernt hat.
Auch hier kam es schon zu einem Fehltag aufgrund von Erschöpfung, aber wir kennen jetzt die Ursache. Die Schule ist mit im Boot und zeigt hier Verständnis und Unterstützung und es gibt für unsere Tochter eine sichere Umgebung, die ihr eine Wiedereingliederung nach Fehltagen erlauben.
Im Nachhinein lässt sich sagen, dass sie damals einen (autistischen) Burnout hatte.
Wichtig war zu dem Zeitpunkt ein sicheres und verständnisvolles Umfeld. KEIN Druck! Denn den hat sie sich ja selber schon gemacht, bis sie nicht mehr konnte. Für sie war wichtig, ernst genommen zu werden und dass ihr geglaubt wird. Sie hatte selbst weder eine Erklärung für ihr Verhalten und ihre Probleme, noch Ideen für Lösungen. Sie war absolut hilflos und überfordert. Sie wusste ja nicht mal, dass sich Dinge für sie anders anfühlen als für andere.
Wir waren zunächst auch ratlos, aber sie wusste, dass wir alle Hebel in Bewegung setzen, ihr zu helfen.
Was hat konkret in Zeiten der Schulverweigerung geholfen?
- kein Druck
- sie durfte zu Hause bleiben, einfach so
- aufstehen, wenn sie es konnte
- Schulaufgaben hat sie soweit sie Material bekam selbstständig nachgearbeitet
- immer Zugang zu Freizeitaktivitäten, um die Psyche zu stärken und intrinsische Motivation zu fördern
- einzige Bedingung: vor dem Mittag aufstehen, um die Medi zu nehmen und den Schlafrhythmus wenigstens so halbwegs stabil zu halten
- immer ein Miteinander, PANDA-Strategie
- bei uns individuelles Problem: Pläne funktionieren aufgrund von PDA nicht, daher wie gesagt Fokus auf PANDA
Als es letztes Jahr ganz schlimm war, haben wir uns verschiedene Hilfesysteme organisiert. Bei uns kommen aber noch andere Baustellen familiärer Natur dazu.
Ich könnte jetzt noch sehr viel mehr schreiben, weil unsere Situation sehr komplex war und auch noch ist. Das würde euch aber wahrscheinlich nicht helfen.
Noch kennt ihr die Ursache für die Schulverweigerung nicht. Was eure Tochter jetzt braucht, ist erstmal ein sicherer Hafen und die Gewissheit, dass ihr sie unterstützt. Schule ist zweitrangig, wenn die Psyche und der Körper Alarm schlagen. Der Bildungsweg lässt sich immer irgendwie organisieren. Wichtig ist zu allererst die Gesundheit. Es müssen jetzt Ursachen gefunden werden und dann sieht man weiter.
Ach so, Ängste waren und sind bei unserer Tochter auch ein Problem, aber die sind mit den Diagnosen und Erfahrungen zu erklären. Klassische Verhaltenstherapie hat da wenig gebracht. Sie überwindet aktuell immer mehr Ängste, weil sie insgesamt besser über ihr Sein informiert ist und psychisch stabiler ist. Und manches muss sie schlicht (noch) nicht schaffen. Da macht sie sich auch selber weniger Druck. Je mehr wir los lassen und den Druck raus nehmen, desto besser wird es.