sich fühlen, als hätte man die Identität von jemand anders übernommen (Symptom von Hochsensibilität?)

Hey liebes Forum,

ich habe gerade so ein seltsames Gefühl und glaube, dass das ein Phänomen ist, das ich schon häufiger erlebt habe.
In den letzten Tagen war ich viel mit einer Freundin unterwegs, die ich sehr mag. Ich habe im Laufe der Zeit immer mehr darüber erfahren, wie es in ihr aussieht und was sie so beschäftigt und viel über unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede nachgedacht. Heute scheint es mir, als seien mir viele Gemeinsamkeiten aufgefallen. Wir sind beides Menschen, die sich gerne mit Naturwissenschaft beschäftigen und gerne nachdenken - aber mir scheint, dass ich wegen meines ADS doch anders bin. Z.B. vermeide ich kognitiv anstrengende Aufgaben, etwa Knobelaufgaben oder ein schwieriges Programmier-Problem, für das man viel Geduld braucht. Normalerweise gehe ich damit ganz selbstsicher um.
Ich weiß auch, dass sie starke Selbstwertprobleme hat. Ich würde sagen, dass ich meine ganz gut im Griff habe, aber seltsamerweise kam heute nach einem Gespräch zwischen uns wieder ein starkes Grübeln auf, ein Konkurrenzdenken bzgl. wer von uns die intelligentere ist, Zweifel an meiner mentalen Leistungsfähigkeit im Vergleich zu ihrer, ob ich zu wenig hilfsbereit und prosozial bin im Vergleich… ziemlicher Blödsinn, weil Menschen nicht vergleichbar sind und überhaupt gleich viel wert, egal wie viel sie von der Welt verstehen. Aber naja, wie Gedanken so sind, erst einmal nehmen sie einen ganz schön für sich ein. Ich fand das irgendwie erstaunlich, denn man könnte es so interpretieren, als wäre ich ein bisschen sie geworden… und es fühlt sich auch irgendwie so an, als würde sie mir im Kopf herumspuken, als könnte ich das Konzept „ich“ und „sie“ nicht richtig trennen, gefühlsmäßig.

Das passiert mir nicht zum ersten Mal: Manchmal habe ich dieses Gefühl, wenn ich ein intensives Buch oder einen Film lese oder schaue und mich stark in die Hauptfigur hineinversetze. Die Grenzen zwischen meinem Ich und der anderen (fiktiven) Person verschwimmen. Mir fällt auch noch eine andere Bekanntschaft ein, bei der ich mir explizit sagen musste: nein, sie ist sie und ich bin ich.

Ich hoffe, das ist jetzt kein Symptom der Schizotypen Störung oder so :slight_smile:
Aber ich meine gelesen zu haben, dass das bei Hochsensibilität auch auftreten kann. Wie ist das bei euch, kennt ihr das auch?

hey julai,

ich glaube ein Teil davon ist ganz normal: Spiegelneuronen, - wir gleichen uns mit den Menschen in unserer Umgebung an.

Aber dann geht es bei ADS-lern vielleicht anders weiter. ADS-ler haben doch nicht eine so gute Selbstwahrnehmen, weil wir unsere Persönlichkeit im Zeitverlauf nicht stringet wahrnehmen können und eigentlich immer im jetzt leben.
Und wenn im Jetzt die Stimmungen / Persönlichkeitsanteile der anderen Person in uns stark werden, dann wissen wir nicht mehr wer wir sind und wer der andere.

Mir geht das bei Serien oft so. Dehalb schaue ich oft Monatelang kein Serien. Wenn ich dann aber mal eine schaue, dann meistens alle Folgen innerhalb von wenigen Tagen, selbst auf dem Weg zum Auto auf dem Handy. Und dann bin ich auch Teil von Shield, lebe in Mrs. Maisel’s Famile oder bin Teil vom A-Team.

liebe Grüße
Bieber

Imitation, lernen am Modell ist bei ADHS ausgeprägt, oder Symptom von ADHS. Das andere ist vlt die Träumerei vom Roman.

Hatte auch schon unbewusst Leute imitiert, die ich aber doof und mühsahm fand.


Geht mir auch so und war bei Büchern auch so, als ich noch viele Bücher las.

Hey Du =)

Nein, ein Schizoding ist das ganz sicher nicht… aber das weißt du selbst besser als ich :wink:
Ich denke, das liegt eher an einem schwammigen Selbstkontzept und einem Dasein als Verhaltens-Chamäleon… :mrgreen:

‚Faceman‘ @Bieber hat völlig Recht :smiley:
Du übernimmst ja nicht wirklich ihre Identität, sondern spiegelst Verhaltensweisen die du an ihr sympathisch findest… bis zu einem gewissen Grad ist das ganz normal glaube ich.

Also, bleib wie du bist… und ändere dich täglich :sunglasses: [size=85](Spruch geklaut, Autor vergessen)[/size]

Liebe Grüße


cooler Ausdruck


Wenn du dich in das Thema Adhs einliest, werden dir bestimmt noch öfter Chamäleon-Analogien begegnen… in finde mich da irgendwie auch drin wieder.

@julai ‚Mimikry‘ trifft es doch ganz gut oder? :<LINK_TEXT text=„Weiterleitungshinweis … 856z2bUZ_7“>https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&url=https://de.wikipedia.org/wiki/Mimikry_(Psychologie)&ved=2ahUKEwic8pLY1oboAhUP2qQKHZN9CckQFjAQegQIBRAN&usg=AOvVaw2dpBcCOWNHHc856z2bUZ_7</LINK_TEXT>

Cool das Mimikry kannte ich nicht.
Ich hab’s vor allem im Zusammenhang mit Kindern gelesen, dass das Modellverhalten bei ADHS viel stärker ist als normal.
Deshalb muss man da noch mehr aufpassen.

Spiegelneurone würde ich auch sagen, wie @Bieber.

Prof. Dr. Joachim Bauer hat dazu viele tolle Bücher geschrieben. Warum ich fühle, was du fühlst etc. Deshalb finde ich auch, dass viele Adhsler so sensibel sind, weil sie immer die Umgebung abscannen mussten und ihre eigenen Innenwelt hintenanstellen mussten. Und dann kommt die Verwirrung: was ist meines, was gehört aber zum Gegenüber? (Mama, Papa oder in deinem Fall der Freundin…)

Einfaches Beispiel: Kind wurde per Kaiserschnitt geboren. Mama legt das Baby ins Bettchen und verzieht das Gesicht vor Schmerz. Das Baby kann nicht unterscheiden, ob das jetzt Mamas oder der eigene Schmerz ist und weil es noch nicht gelernt hat zu unterscheiden, wird es den Schmerz auf sich beziehen.

@Maya18Max
Oh das finde ich ganz toll erklärt. Hatte auch schon über Spiegelneuronen gelesen.
Aber das mit der Verwirrung war mir noch nicht ganz klar. Und auch das mit der Sensibilität.
Deshalb sind fremde Menschen wohl anstrengend wenn man deren Gefühle im Gesicht sieht und fühlt.
Haben das denn nicht-ADHSler weniger?

Danke das hat mir Grad viel erklärt.
Andererseits sind doch ADHSler unaufmerksam.

Ja ADHSler sind unaufmerksam, aber es liegt eher daran, dass sie das Umfeld „scannen“. Ist das Unfeld sicher oder unsicher? Sind mir die Menschen gut gesonnen oder eher nicht?

Die Amygdala im Gehirn bewertet alles in einem Bruchteil von Sekunden und reagiert drauf. Je höher das Stresslevel, desto mehr muss ein ADHSler scannen und ist deshalb unaufmerksamer für den Rest oder auch noch in sich gelehrter, weil die Gefühle so schlimm sind um sie zu unterdrücken.

Von Spiegelneuronen hatte ich ehrlich gesagt noch nie etwas gehört und die Recherche im Netz ergab, dass das Konzept wissenschaftlich einen ähnlichen Stand hat wie die Hochsensibilität, nämlich einen recht schwachen.

Ich führe das, was hier zum Thema Spiegelneuronen und Hochsensibilität geschildert wird, ganz einfach auf den zu offenen Reizfilter bei ADHS zurück - mit dem Effekt, sich von anderen und ihren Handlungen und Emotionen nicht ausreichend abgrenzen zu können.

So ist es, Addy! Und das, was du so treffend mit deinen eigenen Worten beschreibst, hat einen Namen: Hochsensibilität! :wink:
Egal ob wissenschaftlich erwiesen oder nicht. Es trifft eben bei weitem nicht auf alle ADHSler zu und genau darum gilt die These, dass es kein Symptom von ADHS ist, sondern ein eigenes Krankheitsbild.


Meinetwegen können wir den zu offenen Reizfilter als Hochsensibilität bezeichnen - aber dann bitte ohne die selbstwerterhöhenden Merkmale, die sonst gerne damit verbunden werden, z.B. Affinität zu den schönen Künsten und ähnliches… :wink:

Das was ich in Bauers Büchern gelesen habe war wissenschaftlich erforscht und sogar mit Bildgebenden Verfahren nachgewiesen.

Wie kommst du eigentlich darauf, dass dies zwingend etwas mit Selbsterhöhung zu tun hat? Für mich ist das eigentlich vollkommen logisch:
Jede Kunstform zielt in erster Linie auf die Sinneswahrnehmung und nicht auf den Verstand.

Ergo: Jemand, der Sinnesreize nicht filtern kann, fühlt sich auch von den der Kunst immanenten Reizen intensiver angezogen als Neurotypische. Das kann ebenfalls dazu führen, dass man sich überflutet fühlt.

Beispiel:
Ich kann höchstens 1,5 Stunden in einem Museum verbringen. Meistens schaffe ich es nicht, mir alles anzusehen,weil es mir zuviel wird. Meistens bleibe ich vor meinem Lieblingsbild eine halbe Stunde oder länger sitzen oder stehen und habe das Gefühl, förmlich in das Gemälde hineingezogen zu werden.
Und auch bei Konzerten muss ich manchmal weinen oder bekomme Gänsehaut und brauche nach solch intensiven Erlebnissen ziemlich lange, um wieder „runter“ zu kommen.

Das hat nix mit Selbsterhöhung, sondern mit intensiver Empfindung zu tun, von denen ich dann regelrecht überwältigt werde.

PS:
Ich bin keine Kunstexpertin, setze mich also damit gar nicht intellektuell auseinander, wei mir das dann schon wieder viel zu anstrengend wäre. Ich empfinde Kunst, „mehr“ nicht!

Ich habe ja auch nicht von Selbstüberhöhung gesprochen, sondern von Selbstwerterhöhung…

Sorry, hatte es falsch geschrieben. Meinte auch Selbstwerterhöhung.

Kein Thema. :slight_smile:


das könnte stimmen. Ich hatte auch mal ne Zeit, wo ich mich jeden Tag wie ein anderer Mensch gefühlt habe, keine konstante Selbstwahrnehmung hatte. Generell habe ich ein geringes Gefühl für Kontinuität. Das führt dann oft zu emotionalen Turbulenzen, die genauso schnell auch wieder weg sind, und ich erinnere mich schon gar nicht mehr daran, bin wieder ganz woanders…

Von dem, was ich im Studium gelernt habe, kann ich sagen, dass es „Spiegelneuronen“ an sich gibt in dem Sinn, dass bei Affen Neurone des prämotorischen Cortex feuern, wenn die eine Bewegung sehen, die jemand anders ausführt (also ist die Hirnaktivität so, als würden sie selbst die Bewegung ausführen). Mehr ist das im Grunde nicht, aber es wird vermutlich stark überinterpretiert. Für kognitive Empathie (implizit wissen, was in jemand anders vorgeht) bzw. Theory of Mind sind z.B. ganz andere Netzwerke verantwortlich, man weiß aber noch nicht ganz, welche - je nach Studie irgendwo im Frontallappen.

Ich denke auch, dass es in meiner Frage mehr um das Identitätsgefühl als um kognitive Empathie oder Modellernen geht. Insofern weiß ich nicht, ob ich mit der Chamäleonmetapher hier viel anfangen kann. Als anpassungsfähiger als andere sehe ich mich nicht unbedingt, nur als offener (und der Trait Offenheit ist glaube ich bei kreativen Menschen generell ausgeprägter, und AD(H)Sler sind wegen eingeschränkter Arbeitsgedächtnisfunktionen kreativer, also vermutlich auch offener, womit sie auch anpassungsfähiger sein könnten… mal so heruminterpretiert :wink: )

Bei Hochsensibilität bin ich, obwohl ich den Begriff hier benutzt habe, auch skeptisch, was die wissenschaftliche Gültigkeit angeht. Psychologische Konstrukte erfinden kann ja jeder (und viele machen es auch), aber wie sieht es hier mit der Inhaltsvalidität und Konstruktvalidität aus, also kann man das Konstrukt abgrenzen und korreliert es mit ähnlichen Konstrukten? Darüber zu recherchieren, steht auf meiner endlosen To-Do-Liste (sprich, noch nicht gemacht). Ich habe nur herausgefunden, dass es eine Skala (einen wissenschaftlichen Fragebogen) zu dem Konstrukt gibt, deren psychometrische Eigenschaften wohl ganz gut sind (Redirecting).
Außerdem ist mein Psychiater ein Fan von dem Begriff und ich denke, in Ausnahmefällen kann man Konstrukte akzeptieren, deren Inhaltsvalidität fraglich ist, die aber plausibel und für die Praxis nützlich sind - und da meiner Erfahrung nach die Online-Mental-Health-Community eh viel mit dem Begriff umgeht, habe ich mich einfach mal angeschlossen.

Ich würde die Erklärung plausibel finden, dass ich mich durch die wie auch immer geartete Sensibilität so in ihre Geschichten hineinversetzt habe, dass ich sehr lange brauche, um das alles zu verarbeiten und es in meinem Kopf so nachklingt, dass ihre Identität in mir „herumspukt“. Für mich hat Hochsensibilität weniger mit geschärfter oder intensiverer Wahrnehmung an sich zu tun, sondern mit dem Überwältigtsein bzw. Eingenommensein und langsamerem und intensiveren Verarbeiten von sensorischen, aber auch rein mentalen oder emotionalen Eindrücken zu tun. Wobei ich mit dieser Definition evtl. vom Standard abweiche, aber ich finde es so plausibler.