Hallo,
Mein (Pflege-)Sohn ist seit kurzem diagnostiziert im Autismus-Spektrum mit ADS und hohem IQ.
Er kam mit elf Monaten zu uns und wir liebten ihn von Anfang an „Heiß und fettig“
. Er galt als „Skeptiker“, aber völlig gesundes, unauffälliges Kind. Das er anders als andere Kinder war, bemerkten wir bereits im ersten Monat. Wir gingen auf seine Special effects ein und gestalteten alles reizarm, viel Struktur etc.
Beim Kinderarzt fiel er auch auf, alles im positiven Sinne.
In der katholischen Kita kam er scheinbar klar und freute sich wie Bolle auf die Schule. Er war/ist kein klischeehafter Junge. Sehr empfindsam, neugierig, aufgeweckt, aber nicht überdreht, künstlerisch in jeder Richtung interessiert und begabt, sehr wortgewandt, ein kind, was lieber in der zweiten oder dritten Reihe steht als eine Rampensau. Zudem hat er immer gerne und viel geschlafen.
Er war wie er war und es war alles gut. Klar, nervten seine „Ticks“ manchmal, aber er brauchte sie und gaben Sicherheit.
In der Schule kam dann der Horror. Nach einer Woche bemerkte ich, wie er ruhiger, leiser, gedrückter wurde. Nach der zweiten Woche zitierte mich die Lehrerin in die Schule. Mit meinem Sohn stimme etwas ganz und gar nicht. Er könne sich nicht konzentrieren, würde sich unter den Tisch setzen und die Ohren zuhalten, würde extrem laut werden, wenn die anderen Kinder laut sind, würde ihre Fragen nicht verstehen oder einfach nicht antworten, wäre einmal beim Toilettengang „übergriffig“ geworden, weil er versucht habe die Tür zu den Mädchentoiletten zu öffnen („Mama, ich wollte doch nur herausfinden, ob die Toiletten bei den Mädchen anders aussehen, weil es welche für Jungen und Mädchen gibt.“). Etc.pp
Wir hatten bereits einen Termin im SPZ ausgemacht, der einige Monate später stattfinden sollte. Das reichte der Lehrerin nicht. Als sie den Satz sagte:“ Ihr Sohn ist ein lustgesteuerter, machtbesessener, völlig empathieloser Autist.“ war das wie eine Ohrfeige. Statt die Frau an die Wand zu tackern, was ich nur zu gern gemacht hätte, bin ich gegangen mit den Worten, dass ich dieses unkonstruktive Gespräch nun beenden würde und wir uns mit Schulleitung und Pflegekinderdienst wieder zusammensetzen werden.
Lange Rede, kurzer Sinn: Das SPZ untersuchte ihn Monate später lange mit der Diagnose: Schlauer Kerl, ADS, kein Autismus ( er konnte der Ärztin ins Gesicht schauen, gab passende Antworten und konnte Anweisungen befolgen…..). Aber er habe ein Störung im Sozialverhalten, man wisse aber nicht was.
Mit Hilfe des Jugendamtes bekam er eine Schulbegleiterin. Eine top Frau!!! Sie sollte sich quasi schützend zwischen meinem Sohn und der Lehrerin stellen, was sie hervorragend meisterte. Zudem besuchte der arme Muckel eine Kinder- und Jugendpsychologin einmal wöchentlich.
Glücklicherweise wurde die Lehrerin dann endlich in der dritten Klasse in den Ruhestand geschickt, nicht freiwillig.
Mein Sohn bekam eine neue Klassenlehrerin, die ihm deutlich zugewandter war. Dann kam auch direkt Corona und die Schulbegleiterin wechselte. Die Dame war dann eine Vollkatastrophe.
Hier überspringe ich mal etwas.
Er wechselte zur 5.Klasse zur Realschule, weil Gymnasium zuviel Druck für ihn bedeutet hätte. DieSchulbegleiterin war zwei Wochen mit auf der Schule, dann beendeten wir das Drama zum Wohle unseres Kindes, der ganzenKlasse und der Lehrer
.
Mit seinem Mitschülern kam unser Sohn überhaupt nicht zurecht. Er war ihnen kognitiv weit überlegen, emotional anders und ich verbrachte jeden Mittag nach der Arbeit mit einem Kind am Esstisch und erklärte ihm, was „Motherfucker, wallah, Wichser“ und co. bedeuteten.![]()
Als Kopfweh, Bauchschmerzen und seelisches Befinden trotz Gesprächen mit Lehrern, Therapeutin und schulpsychologischem Dienst nicht besser wurden, wechselte drauf eine integrative Waldorfschule.
Hier fühlt er sich wohl, hat Anschluss und alle nehmen ihn, wie er ist. Seelisch und gesundheitlich war das die genau richtige Entscheidung. Was er an Hirnfutter darüber hinaus braucht, bekommt er zuhause durch Bücher, Dokus Wissenschaftssendungen.
Trotzdem haben wir ihn noch einmal testen lassen mit dem Ergebnis: Autismusspektrumsstörung, ADHS.
Eine Erklärung, warum er manchmal Dinge tut und sich nicht mehr daran erinnern kann, selbst direkt im Anschluss daran, bekamen wir aber nicht.
Wir haben einmal im Monat Familiengespräche bei einer Therapeutin und warten noch ca ein Jahr bei einem Träger auf einen Platz in der Autismustherapie. ![]()
Unser Sohn ist immer unglaublich müde, gelangweilt und unkonzentriert bzw. abgelenkt. Er bekam auch Migräneattacken. Er wirkte oft missmutig, antriebslos, über das normale Maß bei 14jährigen hinaus.
Jugendamt und Psychiaterin rieten ihm ADHS Medikamente auszuprobieren. Er überlegte es sich lange, ließ sich Wirkungs- und Funktionsweisen erklären und willigte ein.
Medikinet vertrug er nicht gut. Viel Herzklopfen, zittrige Stiftführung, sonst keine Wirkung. Er wechselte auf Elvanse. Begonnen hat er mit 20mg in Saftform und ist nun bei 30mg. Er ist begeistert. Unser Kind hat Zugang zu seinen Gefühlen, kann sich sogar einigermaßen in andere Personen hineinversetzen, fühlt sich wohler, energiegeladener. Nach drei Stunden ist die Wirkung weg und er ist wieder wie vorher.
Das schlimme ist, dass der weiter voranschreitende Prozess der Freudlosigkeit nicht aufgehalten wird und ich verzweifle daran, ihm nicht helfen zu können. Er hat an nichts mehr Spaß, bekommt sein Dopamin kaum noch irgendwo her und entwickelt keine neuen Interessen.
Mir macht es den Eindruck, dass er eine Depression hat.
Ich habe die Ärztin angeschrieben und um dringenden Rückruf gebeten.
Keine Ahnung, ob er eine Depression entwickelt oder schon hat. Ob das Elvanse alles schlimmer macht oder ob es unangenehm so vorkommt, weil er drei Stunden gut ansprechbar und gelöst ist??
Ich habe auch schon an einen stationären Aufenthalt in einer Klinik gedacht. Aber da sind viele Menschen…. Und Kinder…. Ihn nervt ja schon seine kleine Schwester.
Dort könntest vielleicht auch den Grund herausfinden, warum er Dinge unbewusst macht und völlig erstaunt ist, wenn man ihm dann zeigt, dass er sie getan hat ( Video, Audio).
Meine Gedanken fahren Achterbahn seit er heute weinend sagte:“ Es macht alles keinen Spaß mehr, weder Schule noch hier zuhause. Alles macht keinen Sinn mehr.“