Soziales Kompetenztraining bei ADHS

Hallo!

Ich bin mir nicht eindeutig sicher, ob das Thema hier oder im Bereich “nichtmedikamentöse Behandlung von ADHS” besser aufgehoben ist. Letzten Endes habe ich mich für diesen Bereich entschieden, weil es nicht um die Behandlung der ADHS selbst geht, sondern um die (meiner) Sozialphobie. Aber ich suche eben ganz spezifisch Erfahrungen anderer Erwachsener mit ADHS. Ich hoffe, das passt so.

Von therapeutischer Seite wurde mir nun schon häufiger die Teilnahme an einem sogenannten Sozialen Kompetenztraining nach Hinsch und Pfingsten im Rahmen einer Tagesklinik nahegelegt. Was ich online dazu finde, hinterlässt mich ein wenig zwiegespalten.

Einerseits klingt die Idee des Gruppentrainings Sozialer Kompetenzen (so heißt das Programm offiziell) ziemlich nach etwas, was mir bei der Bewältigung sozialer Ängste und Probleme helfen könnte.

Andererseits weiß ich nicht, ob das bei ADHS nicht zu noch mehr Masking führt. Denn, so zumindest meine Annahme, das Ganze beruht doch sehr auf Standards, die ich mit ADHS nicht erreichen kann.

Was ich im Forum dazu gefunden habe bisher, bezog sich auf Kinder, deshalb wollte ich hier nochmal spezifisch nachfragen, ob jemand als Erwachsene:r mal ein solches Training gemacht hat. Falls ja, wie waren eure Erfahrungen damit?

Danke schon mal!

Erfahrungen habe ich keine. Aber was ich so lese, scheint mir ein GSK auch bei ADHS nützlich zu sein. Ich würde es als eine Chance versuchen zu sehen und mitnehmen.

https://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/9783621293297_shortened.pdf

Ich verstehe, was du meinst. Und ich möchte die Nützlichkeit definitiv nicht von der Hand weisen. Vermutlich liegt teilweise meim Unbehagen bei dem Thema genau an der Sozialphobie.

Zugleich wirkt es für mich immer wieder wie eine Art Schleife, in der ich mich drehen würde mit einem solchen Training? Sprich: ich lerne da zu maskieren, bin weniger authentisch, werde deshalb abgelehnt und das verstärkt die Sozialphobie. Etwas vereinfacht ausgedrückt.

Deshalb wären mir Erfahrungen lieb. Mich würde wirklich interessieren, ob Menschen mit ADHS es geschafft haben, sich mit dem GSK nicht ins Masking zu trainieren. Es kann ja auch sein, dass ich da eine Ausnahme bin mit meiner Befürchtung.

Ich fühle mich mit dem Gedanken einfach super unwohl da zu lernen wie ich mich beispielsweise motorisch korrekt verhalte, damit ich den entsprechenden sozialen Outcome habe. Liegt vielleicht an der arg technischen Sprache des GSK Konzepts?

Ich war in einer Tagesklinik und da gab es ein bisschen soziales Kompetenztraining. Ich fand das sehr gut, im Prinzip die beste Veranstaltung innerhalb der Tagesklinik. Vieles was ich da gelernt habe, war hilfreich und mir wirklich neu, ich hatte tolle Aha-Erlebnisse. Ich finde, beim SKT geht es nicht um Anpassung/Masking, sondern darum, sich selbst und seine Mitmenschen besser zu verstehen. Ich habe seither gelernt, auch seltsames Verhalten meinerseits eher zuzulassen, also nicht zu maskieren, aber bei Bedarf mit einer Erklärung zu versehen.

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Zuerst mal solltest du einschätzen, ob die Sozialphobie dich da auch hingehen lässt.

Ich möchte dir Mut machen.

  • Es wird definitiv ein geschützter Rahmen sein, vor allem, wenn es eine Tagesklinik ist.
  • Alle, die dort sind, haben selbst Probleme.
  • Die Dynamik einer Gruppe ist in meiner Erfahrung immer positiv. Es gibt welche, die schon weiter sind und welche, die am Anfang stehen. Dadurch heilt man sich ein Stück weit gegenseitig.
  • In Bezug auf ADHS solltest du offen sein, wenn es nicht sowieso schon klar ist.
  • Wenn dir eine Übung scheinbar nicht gut tut, solltest du sie weglassen oder verschieben. Da, wo ich war, war sogar erwünscht, den Raum zu verlassen, wenn es zu viel war.
  • Möglicherweise wird auch etwas trainiert, was du schon kannst und du anderen mit deinen Strategien hilfst. Das stärkt dich zusätzlich zu dem, was du lernst.

Übrigens hatte ich eine ganz schlimme Telefonier-Phobie. Das wurde nicht direkt geübt, aber besprochen, was mir da Angst macht oder was mir schlimmstenfalls passiert. Ich sollte dann zu Hause üben und durfte meine Erfolge erzählen. Und wenn es nicht geklappt hat, dann war das auch okay.

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Danke euch beiden für die Erfahrungen!

Ich habe heute bei der Tagesklinik angerufen, wie schon die letzte Woche immer mal wieder, um zumindest einmal die Wartezeit herauszufinden. Bisher war da einfach niemand zu erreichen. Vielleicht meldet sich die Woche mal jemand, nachdem ich heute auf den Anrufbeantworter gesprochen habe. Ich hoffe es jedenfalls.

@Schneemensch Freut mich, dass deine Erlebnisse so positiv waren. Waren die Übungen dort mehr theoretischer oder praktischer Natur? Das würde mich interessieren.

@Seven

Das Hingehen ist in der Tat auch ein Problem, ja. Vor allem weil die Tagesklinik bis in den Nachmittag hinein stattfindet, und ich mir noch nicht vorstellen kann wie ich das wochenlang täglich durchhalten soll.

Im realen Leben tue ich mich extrem schwer offen mit meiner ADHS Diagnose zu sein, zumindest außerhalb medizinischer Kontexte wie beim Arzt oder ähnliches. Im weitesten Sinne ist eine Tagesklinik natürlich auch ein solcher Kontext, aber bei mir ist immer die Angst sehr präsent, dass jemand mir mit diesem Wissen schaden wird. Ich beschreibe lieber Symptome, wenn es schon sein muss. Allerdings ist mir klar, dass ich das auch trainieren muss, weil ich in Zukunft Anpassungen in der Arbeitswelt brauchen werde.

Setzt so ein Training nicht eine Gewisse Basisintuition voraus, wenn es nicht auf Neurodivergenz zugeschnitten ist?

Ich glaube, das ist exakt das, was ich bezüglich Masking meine: dass einem neurotypische Kommunikationsweisen antrainiert werden. Die oben beschrieben Erfahrungen sprechen aber für mich erst mal dagegen, dass es so ist.

Es scheint dann doch eher darum zu gehen, dass man lernt eigene Grenzen und Bedürfnisse zu kommunizieren, ohne dabei in Panik zu verfallen. Das Buch klingt aber halt sehr technisch, finde ich.

Bin aber dankbar für weitere Erfahrungen, falls ihr noch welche habt.

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Das greift so ineinander über. Wenn man sich innerhalb des SKTs in einer Weise äußert, wie man sich normalerweise nicht trauen würde, ist dann das theoretisch oder praktisch? Es gab viel - interaktive - Theorie, und das fand ich einfach sehr interessant und sehr hilfreich (so wie wenn man nie Bio-Unterricht gehabt hätte und plötzlich lernt, dass das Küken aus dem Ei kommt). Es hat mich auf ein Thema gebracht, mit dem ich mich auch nach dem Aufenthalt noch beschäftige. Rollenspiele gab es auch, sie standen aber nicht im Vordergrund und es wurde niemand gezwungen. Für mich hatte das SKT “mehr Hand und Fuß” als Psychotherapie. Es ist greifbarer.

Wenn Du in eine Tagesklinik gehst, ist SKT wahrscheinlich nur ein kleiner Teil des ganzen Programms, bei mir waren es eine Stunde pro Woche. Du kannst eine SKT Gruppe auch unabhängig von einer Tagesklinik ambulant besuchen. Kliniken und Praxen bieten das meines Wissens an.

In einer Tagesklinik kannst Du Dich allerdings gut im Umgang mit anderen Menschen üben, also quasi das SKT anwenden. Du kannst neue Verhaltensweisen ausprobieren, bekommst vielleicht ehrlicheres Feedback als im Alltag. Es wird Dir mehr verziehen als im Alltag, Du kannst Deine Schwächen zeigen, neue Seiten an Dir kennenlernen. Auch Verhalten von anderen kannst Du besser kennen lernen, neu interpretieren. So einen Raum hat man normalerweise im Alltag nicht, das ist schon gut.

Bei manchen Angeboten der Tagesklinik bin ich tatsächlich mit meiner Neurodivergenz angeeckt. Meine Sozialphobie wurde dadurch aber nicht stärker.

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Ich finde nicht. Man hat keine Intuition und kann sich hier wenigstens die Theorie abholen. Das ist schon mal was. Aber sicher wird es Unterschiede bei den Trainern geben.

Ich hatte Chatgpt gefragt und die KI meinte, dass das eine Voraussetzung sei, weil mir so ein Training vielleicht auch nicht schaden würde evtl. aber ich nun mal Autist zusätzlich zur ADHS bin, da ist nicht viel mit Intuition im zwischenmenschlichen, zumindest bei mir. Haben die in der Diagnostik behauptet und Schriftlich festgehalten, wenn ich den ADOS richtig Interpretiert habe.

Ein, glaube ich gutes Beispiel wäre, ich hatte gestern mit einem ASS Freund Sprachnachrichten hin und her geschickt, seine Stimme war aber irgendwie träge und langsam, da hatte ich ihn gefragt ob er bedrückt sei und er war überrascht, dass ich das raushöre. Ich hatte ihm gesagt, dass ich ja seine Stimme kenne, wie er sonst so spricht und diesmal war die halt anders. Rätseln musste ich trotzdem ob da was nicht stimmt mit ihm, und ja es ging ihm nicht so gut, hätte aber auch normale Müdigkeit sein können, wegen der Uhrzeit. Er hatte aber auch schon leicht bedrückende Themen bzw. herausforderungen genannt beim Erstkontakt. 1+1+1 = 3

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Das ist aber eine gute soziale Kompetenz. Einmal die Wahrnehmung an sich und dann die Nachfrage. Und auch das Wissen, dass du ja nur anhand der Wahrnehmung nicht feststellen kannst, was genau die Ursache ist.

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ist aber kognitiv anstrengend… leider. Wenn man das ständig bewusst machen muss und nicht intuitiv. Das ist doch das Problem. Darum gehts ja bei Autismus.

Will den Thread jetzt nicht Kapern mit meinem ständigen Autismus kram. :heart:

Danke. :people_hugging:

Kurzes Update: ich habe nun in der Tagesklinik einen Termin vereinbart. Allerdings schien die Frau am Telefon etwas konfus, denn der Termin fällt auf einen gesetzlichen Feiertag. Mal sehen, wann es ihr auffällt?

Wahrscheinlich heißt das, ich muss dort nochmal anrufen. :roll_eyes:

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Vielleicht beginnt das Soziale Kompetenztraining bereits schon am Telefon. :thinking:

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Hallo KiwiSam,

ich hab vor 1 1/2 Jahren an einem Training für Soziale Kompetenzen teilgenommen, ambulant bei der Psychiatrischen Institutsambulanz in meiner Nähe.

Da hatte ich aber noch keine ADHS-Diagnose, sondern ‘nur’ eine Depression.

Ich muss sagen, dass ich mich ein wenig Fehl am Platz gefühlt habe, weil für mich dort nichts wirklich neu war. Es waren wohl einige in der Gruppe mit einer ASS. Tatsächlich hatte ich eher den Eindruck, dass ich viel im Gespräch mit unterstützt habe.

So rein theoretisch war es aber als ‘Auffrischung’ ganz gut und die Psychotherapeutin, die das Ganze geleitet hat, war wirklich super, fachlich und menschlich.

Seit ich die ADHS Diagnose habe, von zuhause ausgezogen bin und Stimulanzien nehme, sind meine Schwierigkeiten im Sozialen praktisch über Nacht verschwunden. Ich glaub es hing viel mit meinem dopaminmangel-bedingten Funktionsschwierigkeiten im Präfrontalen Kortex und meiner zu aktiven Amygdala zusammen, die durch die Medikamente ziemlich gut kontrolliert arbeiten.

Aber: Das ist nur meine Erfahrung und ich denke, dass es definitiv nicht schaden kann an so einem Kompetenztraining teilzunehmen. Vielleicht gibt es in deiner Nähe auch eine Psychiatrische Institutsambulanz, die sowas anbietet.

Edit: Hab gerad gelesen, dass du bei einer TK angerufen hast. Dann drück ich dir die Daumen dafür!

@Schneemensch Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen. Stimmt, das ist wohl ein Ineinander-Übergehen zwischen Theorie und Praxis in so einer Gruppe. In meiner Psychotherapie fehlt die praktische Umsetzung, auch weil ich mich gerne davor drücke. Meistens kann ich die Dinge sehr gut theoretisch begreifen, aber in der Praxis anwenden ist sehr schwer, weil viele Probleme auftauchen.

Eine ambulante Gruppe gibt es hier in der Tagesklinik leider nicht.

Mir ist recht mulmig vor einem Aufenthalt in einer TK ehrlich gesagt. Das ist doch nochmal ganz anders als die meiste Zeit mit sich allein Zuhause zu verbringen.

@Chihiro Das ist interessant, danke fürs Teilen. Eigentlich bin ich der Meinung, dass ASS und Sozialphobie ganz unterschiedliche Herangehenswisen bei den Sozialen Kompetenzen brauchen. Gerade zum Beispiel, dass autistische Menschen ja nun mal alle sozialen Interaktionen erst kognitiv einordnen müssen, während Angstpatienten ohne Autismus das sehr wohl können. Und dass du dann “mit-therapierst” ist vielleicht auch nicht der Sinn der Sache.

Ich habe vor allem dann Ängste, wenn es darum geht meine ADHS-bedingten Besonderheiten zu erklären, und Menschen psychisch näher an mich heranzulassen. Im täglichen Umgang mit fremden Menschen, z.B. an der Kasse, habe ich keine Angst.

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Hallo , ich bin neu im Forum und hoffe es ist ok wenn ich den Dialog hier starte. Mich würde sehr interessieren in wie weit sich diese Soziale Angst Äußert. Ich verstehe aber sehr gut das Soziale Gruppen oder Kontakte immer eine Herausforderung ist. In meinem Fall betrifft es vor allem GRUPPEN Situationen, hier meide ich diese aktiv, das hat verschiedene Grüne

  • Ich werde extrem müde weil es mich Kraft kostet den Gesprächen zu folgen und meist sind die Gespräche auch noch völlig durcheinander
  • Ich habe ein schlechtes Timing und weiß nicht , wann ich in ein Gespräch einsteige soll, meist verpasse ich den Einstieg oder unterbreche die Menschen was ich zu spüren bekomme.
  • Ich fühle mich grundsätzlich aus Außenseiter und komme wirklich schwer bis gar nicht in eine bestehende Gruppendynamik hinein.

Vielleicht erklärst Du noch , genauer wie Du Deine Angst wahrnimmst, dann kannst Du besser ergründen was man dagegen machen könnte, so fern man das will.

Ich möchte z.B. Diese Gruppen Erfahrungen verbessern ,erlebe mich aber immer dabei das ich sie absichtlich meide. Ich werde dann schon müde BEVOR ich mich treffen soll. Sage fast Alle Treffen kurz vorher ab. wenn ich es doch schaffe, ärgere ich mich anschließend weil es wieder ein Reinfall (Gefühlt war)

Wenn Du vor Einzelpersonen Angst hast , oder Angst ein Gespräch zu beginnen oder aufrecht zu erhalten, dann gibt es dazu bestimmt Therapeutische Verhaltens Taktiken , bei deinem Psychologen.

Liebe Grüße Alex

Hallo und willkommen im Forum!

Also erst mal: vollkommen logisch, dass du dich nicht auf ein Treffen freust, wenn es dir praktisch nur negative Aspekte bringt. Das klingt für mich nicht nach Angst, sondern nach typischen ADHS-Symptomen.

Meine eigene Sozialphobie beruht auf schlimmen Mobbing-Erfahrungen und anderen persönlichen Gründen, die ich hier nicht auschreiben möchte. Insofern ist sie eher eine Traumafolgestörung als eine klassische Sozialphobie. Aktuell äußert sich meine Phobie daher in Angst/Unsicherheit unter Menschen und im Umgang mit anderen Menschen im engeren Kontakt. Ich meide diese Situationen und lasse kaum engere Freundschaften zu, außerdem kann ich Bedürfnisse schlecht äußern.

Eventuell beantwortet das deine Frage? Ich bin mir nicht sicher, was du wissen wolltest- Vielleicht kannst du das nochmal konkret aufschreiben.