Hallo an alle,
ich bin zur Zeit echt am verzweifeln und könnte nur noch heulen. Falls jemand gute Ratschläge geben kann, freue ich mich darüber, ansonsten nutze ich das hier auch, um mir einfach mal alles von der Seele zu schreiben.
Mein Sohn (10J) hat seit der 2. Klasse ADHS diagnostiziert und nach einigem rumprobieren (was einem ja wirklich selbst weh tut) sind wir nun bei Elvanse 50mg gelandet. Medikinet und Ritalin haben ihn depressiv gemacht und Atomoxetin hochaggressiv.
In der Grundschule ist es nach der Einstellung auf Elvanse super gelaufen. Er hat ohne lernen durchgehend sehr gute Noten bekommen und auch seine Impulsivität wurde auf ein gutes Level reduziert. Wir mussten Mitte der 3. Klasse einmal die Dosis anpassen, weil die Wirkung deutlich früher und die Konzentration im Allgemeinen stark nachgelassen hat, wahrscheinlich aufgrund von Wachstum und Entwicklung. Danach lief es wieder super.
Nach den Sommerferien ist er aufs Gymnasium gewechselt. Leider ohne ehemalige Klassenkameraden oder Freunde. Das hat ihn die ersten beiden Woche sehr belastet. Danach hat er Anschluss gefunden. Er hat im Allgemeinen sehr wenige Freunde, vielleicht zwei oder drei, was ihn sehr stört. Da er auf Elvanse schon seit längerem mit Tics (Kopf rollen, Finger knacken, Mund aufreißen) reagiert, haben wir mit Beginn der Herbstferien versucht auf Atomoxetin umzustellen (8 Wochen reine Hölle für alle Beteiligten –> es gab keinen Moment am Tag, an dem er nicht völlig eskaliert ist, außer er durfte zocken). Da das auch in der Schule zu Problemen geführt hat, sowohl im sozialen Verhalten, wie auch im kognitiven, nimmt er nun wieder Elvanse und wir leben mit den Tics. Er selbst sagt, dass er lieber diese Tics hat, als sich wieder so zu fühlen, wie mit der Atomoxetin-Einnahme.
Der Grund meiner aktuellen Verzweiflung liegt unter anderem daran, dass er absolut nicht lernen möchte. Er ist eigentlich ein kluger Kerl und versteht auch den Unterrichtsstoff. Um ihn in den Arbeiten richtig und unter Zeitdruck wiedergeben zu können, müsste er dennoch etwas lernen. Dazu bekomme ich ihn mit allem Bitten, Betteln, Erklären, Reden und Drohen (ja ich weiß, dass das nicht gut ist) einfach nicht. Er schreibt aktuell ausschließlich 4er und mittlerweile auch einige 5er. Ihn selbst stört das ebenfalls wahnsinnig, trotzdem sieht er nicht ein, dass er lernen muss. Laut seiner Aussage, hat er in den Arbeiten eine solche Angst zu versagen, dass er einen Blackout bekommt. Teils glaube ich es ihm, teils sehe ich an den Arbeiten auch, dass er es einfach nicht konnte. Wenn ich ihn zu Hause abfrage, kann er mir zumindest den Großteil richtig wiedergeben, sodass ich eigentlich 2er oder zumindest 3er erwarten würde. Die Stimmung bezüglich der Schule ist absolut im Keller. Nächste Woche habe ich ein Gespräch mit der Schulsozialarbeiterin (gestern hat er schon mit ihr gesprochen) und danach werden wir dann entscheiden, ob ihm Nachhilfe vielleicht gut tun würde. So müsste er sich zumindest auch außerhalb des Schulgebäudes und der Hausaufgaben mal mit seinem Schulstoff beschäftigen.
Seine Art ist gerade auch einfach katastrophal. Oft habe ich das Gefühl, dass seine Laune stark mit der nachlassenden Wirkung von Elvanse zusammenhängt. An manchen Tagen eskaliert es aber auch einfach so. Er schreit rum, verdreht alles was ich sage und hört nur das, was er hören möchte. Seiner Ansicht nach ist er dann an allem Schuld, macht nie was richtig und ist ja sowieso dumm. Es mag durchaus sein, dass ich ihm vielleicht zu oft sage, wenn etwas falsch läuft oder er seinen beiden kleinen Schwestern Dinge vormacht, die nicht gut sind. Allerdings hat er von uns noch nie gesagt bekommen, dass er dumm ist oder etwas nicht kann. Wir achten sehr darauf ihn zu bestärken, da ich an meinem Bruder sehe, was es mit Menschen macht, wenn sie das im Kindesalter immer wieder gesagt bekommen (auch wenn es nur von einem Elternteil ausgeht). Er gibt permanent Widerworte und diskutiert wirklich alles aus. Ich kann gefühlt keinen Satz zu ihm sagen, den er nicht mit: Nein, stimmt nicht; Nein, hast du nicht; Doch, das ist so; etc. kommentiert.
Das morgendliche Aufstehen ist ebenfalls schwierig. Wir brauchen mindestens eine halbe Stunde bis er annähernd wach ist. Währenddessen schreit er rum und tritt um sich. Im Nachhinein weiß er nichts davon. Auch das Anziehen, Frühstücken und Fertigmachen um loszufahren dauert ewig. Wenn ich Dinge mehrmals sage, motzt er rum, dass man es nicht dauernd wiederholen muss und sagt man es nur einmal, bekommt er es nicht mit und man darf sich anhören, dass man es nie gesagt hat. Zur Zeit geben wir ihm eine halbe Stunde vor dem Wecken 5mg Medikinet unretardiert, damit läuft es etwas besser und eskaliert nicht schon morgens.
Nachmittags haben wir schon versucht ihm 5mg Medikinet oder 10mg Medikinet retard nachzugeben. Haben aber nicht das Gefühl, dass es einen nennenswerten positiven Effekt hat. Vielleicht braucht er davon auch einfach mehr, aber das muss ich erst mit seiner Ärztin besprechen. Mir kam auch schon der Gedanke, ob es vielleicht helfen würde, wenn er nachmittags eine zweite Dosis Elvanse nehmen würde, natürlich in einer geringeren Dosierung. ABer auch das kann ich erst Ende Januar mit seiner Ärztin besprechen.
Ich weiß, dass die richtige Medikation ihm hilft und damit auch ein harmonischeres Familienleben bringt, trotzdem fühle ich mich schrecklich, wenn ich darüber nachdenke ihm höhere Dosen oder mehr Tabletten zu geben.
In der letzten Mail hat seine KJP angesprochen, ob vielleicht eine teilstationäre Behandlung sinnvoll wäre. Wir sind da sehr skeptisch, weil unser Sohn wahnsinnig sensibel ist, trotz seiner Ausraster. Er ist im Nachhinein immer wahnsinnig traurig, dass wir uns gestritten haben und er sich so benommen hat. Wenn er jetzt aus der Schule genommen wird und auch noch aus der Familie, fühlt er sich wahrscheinlich abgeschoben und das wollen wir auf keinen Fall. Außerdem haben wir erst vor knapp 2 Wochen eine kleine Katze (nach jahrelangem Überlegen) geholt, die er sehr liebt und sicherlich nicht alleine lassen möchte.
Entschuldigt den langen Text und das Gejammer, aber außer meinem Mann hat bei uns leider niemand Verständnis für unsere Situation. Entweder man bekommt als Antwort: Ja, das kenne ich, ich muss auch alles 2x sagen (als ob das dasselbe wäre) oder wir bekommen den guten Ratschlag, dass es noch nie geschadet hat mal “ein Paar hinter die Löffel zu bekommen” (ältere Generation mit der Überzeugung ADHS existiert nicht und liegt entweder am Medienkonsum oder an fehlender Erziehung).
Ganz liebe Grüße und eine hoffentlich schöne Vorweihnachtszeit