Hallo zusammen,
ich habe dieses Forum gefunden, weil ich langsam ratlos bin. Ich hoffe der Beitrag wird nicht zu lang und wirr. ich würde einfach mal meine Geschichte erzählen. Ich bin männlich und 43 übrigens. Fragt bitte nach, wenn ich etwas näher erklären soll.
Eines meiner größten Probleme ist ein sehr ausgeprägtes Prokrastinieren, das sich in den letzten Jahren deutlich verstärkt hat und mir insbesondere in der Arbeit Probleme macht. Besonders während der Corona-Zeit im Homeoffice ist es mir zum ersten Mal in diesem Ausmaß aufgefallen. Es gab Tage, an denen ich acht Stunden am Schreibtisch saß und am Ende fast nichts von meiner eigentlichen Arbeit erledigt hatte. Stattdessen habe ich immer wieder dieselben Internetseiten geöffnet und aktualisiert, obwohl ich genau wusste, dass ich eigentlich arbeiten müsste.
Vor ungefähr 2,5 Jahren habe ich dann eine sehr schmerzhafte Trennung durchgemacht und gleichzeitig die Arbeitsstelle gewechselt. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen, sowohl emotional / privat als auch in der neuen Arbeit sofort Probleme kamen.
. Es gibt Tage, an denen ich normal arbeite, aber auch Tage, an denen ich immer wieder zwischen der eigentlichen Arbeit und verschiedenen Internetseiten hin- und herwechsle. Typischerweise beginne ich eine Aufgabe, arbeite einige Minuten daran, verliere dann den Fokus, öffne einen Browser-Tab und schaue auf dieselben Seiten wie Spiegel Online, Fachforen oder andere Seiten zu Themen, die mich gerade beschäftigen. Nach kurzer Zeit kehre ich wieder zur Arbeit zurück, arbeite erneut ein wenig und wiederholt sich das gleiche Muster. Manchmal gelingt es mir trotzdem, ausreichend zu arbeiten. An anderen Tagen schaffe ich fast gar nichts.
Das Entscheidende ist für mich, dass ich dieses Verhalten oft nicht bewusst steuern kann. Es ist nicht einfach so, dass ich lieber Freizeit machen möchte. Ich weiß meist genau, welche Aufgaben Priorität haben und dass ich dringend beginnen müsste. Trotzdem tue ich es nicht oder nur sehr kurz und falle immer wieder in dieses Muster zurück. Währenddessen frage ich mich oft selbst, warum ich das gerade mache und warum ich nicht einfach weiterarbeite. Das führt häufig zu Frustration, Schuldgefühlen und teilweise regelrechter Verzweiflung.
Ich habe den Eindruck, dass dieses Muster wesentlich dazu beigetragen hat, dass ich im Beruf zunehmend unter Druck geraten bin. Aufgaben bleiben liegen, ich verliere den Überblick, beginne wichtige Dinge zu spät und zweifle immer stärker an meiner eigenen Leistungsfähigkeit. Aus meiner Sicht ist dieses Prokrastinieren deshalb nicht nur eine unangenehme Angewohnheit, sondern eines der zentralen Probleme, die zu meiner aktuellen Belastung beitragen.
Ich habe versucht, mir wegen meiner Probleme Hilfe zu suchen, bei Psychiater und bin auch schon längere Zeit bei einem Therapeuten. Die Diagnose geht in die Richtung Depression.
Ich war jetzt schon 2x im Abstand von einem knappen Jahr mehrere Wochen krank geschrieben, 1x 4 Wochen und 1x 6 Wochen. Wenn ich aus der Krankschreibung komme, war ich immer eine Weile emotional relativ stabil, wozu wohl auch die AD beigetragen haben. Ich schaffe es aber auch in guten Phasen nicht, dauerhaft produktiv zu arbeiten. Ich kann es dann aber besser beiseite schieben und denke mir halt oft „passt schon, mehr ging halt heute nicht“. Zu der Prokrastination kommt dann noch, dass es mir extrem schwer fällt, komplexe Zusammenhänge zu durchschauen, an Dingen einfach dran zu bleiben, ich verliere mich in den Projekten, verliere komplett die Übersicht, finde kein System meine Dokumente im Griff zu behalten bis ich irgendwann nichts mehr finde und gar nicht mehr weiß, wie jetzt eigentlich der Stand war. Und das, obwohl ich in einem anspruchsvollen Beruf bin. Irgendwann baut sich dann so viel Druck auf, tyischerweise wenn dringende Deadlines oder wichtige Termine anstehen, dass ich wieder zusammenklappe.
Ich bin oft mehr oder weniger handlungsunfähig.
Aktuell hat mich der Hausarzt wieder mal krank geschrieben, erstmal nur 1 Woche und das Escitalopram wieder angesetzt. Ich habe Angst vor nächster Woche, weiß nicht, ob ich mich weiter krank schreiben lassen soll oder nicht.
Ich weiß nicht mehr weiter, wie ich da raus kommen soll. Es kostet mich meine ganze Kraft, meinen Alltag irgendwie am Laufen zu halten.
Ich habe mehrfach versucht, die Prokratination bei meinem Therapeuten zu besprechen, er sagt dann Dinge wie „Sie sehen sich zu negativ, das ist die Depression“, „Heutzutage sind wir doch alle abgelenkt“, „Sie haben einen komplexen Beruf, ich würde da auch hin und wieder den Überblick verlieren“.
Ich habe es jezt vielleicht zum ersten Mal geschafft, genauer aufzuschreiben, was genau mich so fertig macht. Das Gefühl, etwas tun zu wollen, aber es geht einfach nicht. Es gibt auch Beispiele im privaten Bereich dafür, aber besonders belastend ist es eben in der Arbeit.
Ich überlege jetzt, ob es vielleicht doch nicht Depression oder Faulheit oder einfach Unfähigkeit oder der falsche Beruf ist.
Wie gesagt, solche Probleme habe ich schon lange, aber es hat sich immer mehr verstärkt in den letzten Jahren.
Wenn ich dann sinnlos im Internet surfe, beschäftige ich mich meist mit unterschiedlichen Interesssen, die ich immer wieder entwickle: Laufen, Triathlon, Geldanlage, Mountainbiken, Tee, die Liste ist endlos und ich bin da regelrecht süchtig danach und es beherrscht oft mein ganzes Denken.
Nächste Woche bin ich wieder beim Hausarzt und in 3 Wochen beim Psychiater und habe vor, dieses ganz konkrete Prokrastinieren mal mehr in den Mittelpunkt zu stellen als eine Depression.
Kommt das jemand bekannt vor? Ich kann auch noch ausführlicher werden.
Schönen Gruß,
Tobi