Weiß nicht mehr weiter, Depression, ADHS oder was anderes?

Hallo zusammen,

ich habe dieses Forum gefunden, weil ich langsam ratlos bin. Ich hoffe der Beitrag wird nicht zu lang und wirr. ich würde einfach mal meine Geschichte erzählen. Ich bin männlich und 43 übrigens. Fragt bitte nach, wenn ich etwas näher erklären soll.

Eines meiner größten Probleme ist ein sehr ausgeprägtes Prokrastinieren, das sich in den letzten Jahren deutlich verstärkt hat und mir insbesondere in der Arbeit Probleme macht. Besonders während der Corona-Zeit im Homeoffice ist es mir zum ersten Mal in diesem Ausmaß aufgefallen. Es gab Tage, an denen ich acht Stunden am Schreibtisch saß und am Ende fast nichts von meiner eigentlichen Arbeit erledigt hatte. Stattdessen habe ich immer wieder dieselben Internetseiten geöffnet und aktualisiert, obwohl ich genau wusste, dass ich eigentlich arbeiten müsste.

Vor ungefähr 2,5 Jahren habe ich dann eine sehr schmerzhafte Trennung durchgemacht und gleichzeitig die Arbeitsstelle gewechselt. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen, sowohl emotional / privat als auch in der neuen Arbeit sofort Probleme kamen.

. Es gibt Tage, an denen ich normal arbeite, aber auch Tage, an denen ich immer wieder zwischen der eigentlichen Arbeit und verschiedenen Internetseiten hin- und herwechsle. Typischerweise beginne ich eine Aufgabe, arbeite einige Minuten daran, verliere dann den Fokus, öffne einen Browser-Tab und schaue auf dieselben Seiten wie Spiegel Online, Fachforen oder andere Seiten zu Themen, die mich gerade beschäftigen. Nach kurzer Zeit kehre ich wieder zur Arbeit zurück, arbeite erneut ein wenig und wiederholt sich das gleiche Muster. Manchmal gelingt es mir trotzdem, ausreichend zu arbeiten. An anderen Tagen schaffe ich fast gar nichts.

Das Entscheidende ist für mich, dass ich dieses Verhalten oft nicht bewusst steuern kann. Es ist nicht einfach so, dass ich lieber Freizeit machen möchte. Ich weiß meist genau, welche Aufgaben Priorität haben und dass ich dringend beginnen müsste. Trotzdem tue ich es nicht oder nur sehr kurz und falle immer wieder in dieses Muster zurück. Währenddessen frage ich mich oft selbst, warum ich das gerade mache und warum ich nicht einfach weiterarbeite. Das führt häufig zu Frustration, Schuldgefühlen und teilweise regelrechter Verzweiflung.

Ich habe den Eindruck, dass dieses Muster wesentlich dazu beigetragen hat, dass ich im Beruf zunehmend unter Druck geraten bin. Aufgaben bleiben liegen, ich verliere den Überblick, beginne wichtige Dinge zu spät und zweifle immer stärker an meiner eigenen Leistungsfähigkeit. Aus meiner Sicht ist dieses Prokrastinieren deshalb nicht nur eine unangenehme Angewohnheit, sondern eines der zentralen Probleme, die zu meiner aktuellen Belastung beitragen.

Ich habe versucht, mir wegen meiner Probleme Hilfe zu suchen, bei Psychiater und bin auch schon längere Zeit bei einem Therapeuten. Die Diagnose geht in die Richtung Depression.

Ich war jetzt schon 2x im Abstand von einem knappen Jahr mehrere Wochen krank geschrieben, 1x 4 Wochen und 1x 6 Wochen. Wenn ich aus der Krankschreibung komme, war ich immer eine Weile emotional relativ stabil, wozu wohl auch die AD beigetragen haben. Ich schaffe es aber auch in guten Phasen nicht, dauerhaft produktiv zu arbeiten. Ich kann es dann aber besser beiseite schieben und denke mir halt oft „passt schon, mehr ging halt heute nicht“. Zu der Prokrastination kommt dann noch, dass es mir extrem schwer fällt, komplexe Zusammenhänge zu durchschauen, an Dingen einfach dran zu bleiben, ich verliere mich in den Projekten, verliere komplett die Übersicht, finde kein System meine Dokumente im Griff zu behalten bis ich irgendwann nichts mehr finde und gar nicht mehr weiß, wie jetzt eigentlich der Stand war. Und das, obwohl ich in einem anspruchsvollen Beruf bin. Irgendwann baut sich dann so viel Druck auf, tyischerweise wenn dringende Deadlines oder wichtige Termine anstehen, dass ich wieder zusammenklappe.

Ich bin oft mehr oder weniger handlungsunfähig.

Aktuell hat mich der Hausarzt wieder mal krank geschrieben, erstmal nur 1 Woche und das Escitalopram wieder angesetzt. Ich habe Angst vor nächster Woche, weiß nicht, ob ich mich weiter krank schreiben lassen soll oder nicht.

Ich weiß nicht mehr weiter, wie ich da raus kommen soll. Es kostet mich meine ganze Kraft, meinen Alltag irgendwie am Laufen zu halten.

Ich habe mehrfach versucht, die Prokratination bei meinem Therapeuten zu besprechen, er sagt dann Dinge wie „Sie sehen sich zu negativ, das ist die Depression“, „Heutzutage sind wir doch alle abgelenkt“, „Sie haben einen komplexen Beruf, ich würde da auch hin und wieder den Überblick verlieren“.

Ich habe es jezt vielleicht zum ersten Mal geschafft, genauer aufzuschreiben, was genau mich so fertig macht. Das Gefühl, etwas tun zu wollen, aber es geht einfach nicht. Es gibt auch Beispiele im privaten Bereich dafür, aber besonders belastend ist es eben in der Arbeit.

Ich überlege jetzt, ob es vielleicht doch nicht Depression oder Faulheit oder einfach Unfähigkeit oder der falsche Beruf ist.

Wie gesagt, solche Probleme habe ich schon lange, aber es hat sich immer mehr verstärkt in den letzten Jahren.

Wenn ich dann sinnlos im Internet surfe, beschäftige ich mich meist mit unterschiedlichen Interesssen, die ich immer wieder entwickle: Laufen, Triathlon, Geldanlage, Mountainbiken, Tee, die Liste ist endlos und ich bin da regelrecht süchtig danach und es beherrscht oft mein ganzes Denken.

Nächste Woche bin ich wieder beim Hausarzt und in 3 Wochen beim Psychiater und habe vor, dieses ganz konkrete Prokrastinieren mal mehr in den Mittelpunkt zu stellen als eine Depression.

Kommt das jemand bekannt vor? Ich kann auch noch ausführlicher werden.

Schönen Gruß,

Tobi

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Hallo Tobi,

das liest sich überhaupt nicht wirr. Ich finde, es besteht genug Grund zu erforschen, ob bei dir ADHS vorliegt. Lass dich davon nicht abhalten.

Vieles, was du beschreibst, liest sich wie ADHS. Aufschieben, immer neue Hobbys, Ablenkbarkeit, Nicht bewusst steuern können.

Kennst du den Test auf ADXS.org? Du musst dich dort gesondert anmelden, das läuft unabhängig von deinem Account im Forum.

Nein, den Test kenne ich nicht. Den werde ich heute Abend machen.

Es kommt dann noch dazu, dass ich von Kindheit an irgendwie gehemmt im Umgang mit vielen Menschen bin und wohl auch ein Selbstwertproblem habe . Das macht es mir schwierig, mich mit Leuten, mit denen ich nicht sehr vertraut bin, abzusprechen oder Probleme frühzeitig zu eskalieren. Dazu ständig das Gefühl meine Unfähigkeit verbergen zu müssen und jederzeit ertappt zu werden.

Ich bin gerade an einem Punkt wo ich sage, so kann es nicht weitergehen.

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Hallo und herzlich Willkommen Lieber @Tobibi
Deine Beschreibung über Dein Problem mit Deiner Prokastnation kenne ich sehr gut.

Durch eine Depression wird dieses Muster der eigenen Prokastnation meist verstärkt, was zumindest bei mir selbst schon seit langem so ist.

Nicht destrotz wäre meine ADHS Diagnose aber wahrscheinlich nie ans Licht gekommen, hätte ich mir in meiner Verzweiflung nicht selbst psychologische Hilfe gesucht, und das übrigens erst als ich mich körperlich und geistig so dermassen „ausgepowert“ gefühlt hatte, dass ich spürte „wenn Du jetzt nichts unternimmst, heisst Dir nicht endlich professionelle psychologische Hilfe suchst, dann bist Du nur noch ein weiteres Augenzwinkern davon entfernt, bis Du zusammen klappst wie ein Schweizer Armee Taschen Messer, mit dem berühmten „Klack Geräusch“ das dabei ertönt wenn man die Klinge wieder in den Griff einklappen lässt“.

Jedenfalls befand ich mich damals tatsächlich bereits in einem Zustand der vielen als sogennter Burnout, oder vielleicht auch als ein totaler körperlicher, sowie geistig und psychischer, oder emotionaler Erschöpfungs Zustand bekannt ist.

Kurz vorher hatte ich aber auch, eigentlich rein zufällig, aber jedenfalls aufgrund vieler privater Umstände in meinem damaligen Leben, dann aufgrund eigener Recherchen im Internet entdeckt, dass alles was meiner Erschöpfung zugrunde liegt, eventuell seine Ursache darin haben „könnte“, dass ich unter einem bisher unentdeckten ADHS leiden „könnte“.

Jedenfalls habe ich dann aufgrund dieser Informationen, und dem Verdacht den ich hegte, explizit nach einem Psychiater* gesucht wo auf seiner Homepage angibt das er* über Kenntnisse von ADHS verfügt.

Dann habe ich dort in einem vorherigen Mail darüber geschrieben was meine aktuellen Probleme sind, und bekam daraufhin überraschend schnell, Gott sei Dank, auch einen ersten Termin bei diesem Psychiater*, und wofür ich bis zum heutigen Tag an auch nachträglich extrem dankbar dafür bin.

Meinen eigenen Verdacht hinsichtlich über ein möglicherweise unentdecktes ADHS bei mir selbst hatte ich aber übrigens absichtlich nicht erwähnt, da ich nicht wollte das vielleicht der Eindruck entstehen könnte, dass ich womöglich unbedingt so eine ADHS Diagnose haben möchte.

Jedenfalls war mein erster Termin dann so das ich über mein ganzes bisheriges Leben gesprochen habe und in dieses 50 Minuten soviel aus mir rausgesprudelt ist, dass die 50 Minuten natürlich längstens überschritten waren, als mein Psychiater* dann sagte das ich zwar ohne Zweifel Depressionen hätte, aber dies nicht weiter verwunderlich sei nach dieser Lebensgeschichte die ich hinter mir hätte, und das seiner Meinung nach aber all dies damit zu tun hätte, dass ich vermutlich ein bisher unentdecktes ADHS hätte, und es nun an der Zeit sei damit man mich an einen ADHS Spezialisten* überweist, um dort dann eine ADHS Testung mit mir durchzuführen und danach eine medikamentöse Behandlung anzufangen.

Jedenfalls, lange Rede kurzer Sinn, wollte ich Dir mit meiner eigenen Geschichte eigentlich nur mitteilen, dass es in Deinem Fall kein Fehler ist wenn Du Dich einer ADHS Testung unterziehst.

Ich wünsche Dir alles Gute, viel Glück und viel Erfolg auf Deinem weiteren Lebensweg.

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Hallo Tobi,

deine Schilderung klingt nach einem zermürbenden Kampf – und es ist gut, dass du ihn benennst. Dass du willst, aber nicht kannst, ist kein Versagen, sondern oft ein Zeichen für ADHS oder exekutive Dysfunktion, die mit Depressionen verwechselt wird.

Probiere kleine Arbeitseinheiten (z. B. 25 Min. mit Timer) und sprich beim Psychiater gezielt über Prokrastination als eigenständiges Problem. Dein Therapeut bagatellisiert – aber dein Leidensdruck ist echt.

Du bist nicht allein. Melde dich, wenn du reden magst. Alles Gute!

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Ich habe jetzt den ausführlichen ADHS Symptomtest gemacht, und er ist mindestens auffällig. 32 von 43 erfassten Symptombereichen getroffen; 94 von 169 Fragen wurden ADHS-typisch beantwortet. Der Test ordnet 32 Symptome in seiner eigenen Skala als „starke ADHS-Symptomatik“ ein. Der gewichtete Score beträgt 9,77; als Vergleich nennt der Test für diagnostizierte Betroffene im Mittel 10,18 und für Nichtbetroffene 3,66. In der testinternen DSM-5-Auswertung werden 9/9 Unaufmerksamkeitskriterien und nur 3/10 Hyperaktivitäts-/Impulsivitätskriterien gefunden.

Gleichzeitig muss man auch sagen, dass der Differentialtest für Depression sehr eindeutig war. Und auch chrinischer Stress ist vorhanden, was in der Auswertung des Tests genannt wird, dass das ähnliche Symptome erzeugen kann.

Wie lange solche Thematiken schon bestehen ist zweischneidig. Ich war schon immer sehr unordentlich. Als es darum ging, sich auf das Abitur vorzubereiten, hatte ich quasi null Unterlagen und Mitschriften, weil ich alles aus den 2 Jahren Kollegstufe davor nur auf losen, unvollständigen Blättern hatte, wovon ich die Hälfte mittlerweile schon wieder verloren hatte. Ich habe es nicht geschafft, das vernünftig abzuheften. ich habe mich dann nur mit Büchern und Beispielaufgaben auf das Abitur vorbereitet. Gleichzeitig war ich aber eine ziemliche Leseratte und habe stundenlang gelesen, was ja schon Konzentration erfordert. Ich hatte auch mein ganzes Erwachsenenleben noch nie irgendwie Ordner, in denen ich Rechnungen oder Versicherungsunterlagen oder so abgeheftet habe. Es gibt verschiedene Schachteln oder Taschen oder Stapel mit durcheinandergworfenen Papieren, für vieles habe ich überhaupt keinen Nachweis. Ordnung in meinem Zimmer oder später in der Wohnung halten war noch nie meine Stärke, aber auch nciht direkt auffällig. Gelcihzeitig war ich im Beruf lange gewissenhaft, nur Dokuemntation habe ich nciht gerne gemacht und geschoben, aber das hat schon irgendwie funktioniert. Wobei, wenn ich nochmal darüber nachdenke, beim vorherigen Arbeitgeber ist mir die Dokumentation teilweise schon auch schwer gefallen, teilweise habe ich dann manchmal viel auflaufen lassen und dann nciht mehr genau gewusst, oder die Protokolle nicht mehr gefunden. Und das ist dann immer schlimmer geworden. Ich habe in den ersten Berufsjahren auch schon viel Privatkram am Rechner gemacht und z.B. oft stundenlang Minesweaper gespielt, habe mir das aber so erklärt, dass ich immer schnell mit meinen Aufgaben fertig war und dann nichts zu tun hatte. Das Prokrastinieren und die Schwierigkeiten, sich neue Kenntnisse anzueignen muss noch vor Corona angefangen haben. Ungefähr vor 10 Jahren vielleicht, war aber lange nicht wirklich ein Problem

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Na das sieht ja alles sehr einschlägig aus.

Und was das Abheften betrifft - wie bei mir. Es ging bergab, seit wir in der Schule nicht mehr mit Schulbüchern und Heften, sondern mit abzuheftenden Zetteln arbeiteten.

Und stundenlang lesen konnte ich auch immer, das war nie ein Problem.

Ich raffe das oft einfach nicht, wieso ich manche Sachen kann und manche nicht. Wenn ich nur an die letzte Zeit zurück denke, ich habe mich intensiv in Familienrecht eingearbeitet notgedrungen, schreibe Stellungnahmen an Jugendamt und Gericht, mit denen ich wirklich zufrieden bin. Ich habe mir innerhalb kurzer Zeit das Mountainbiken auf relativ hohem Niveau beigebracht, zumindest an der Zeit gemessen, die ich das schon mache. Ich kenne mich jetzt mit der Haltung exotischer Pflanzen recht gut aus. Ich bin mit meiner Ahnenforschung ein gutes Stück weitergekommen, komme in vielen Linien fast bis zum 30 Jährigen Krieg. Kenne mich jetzt recht gut mit Tee aus, habe viel mit Aufgusszeiten und Wassertemperatur rumprobiert und war da immerhin systematisch genug, mir das auch aufzuschreiben. Das habe ich zum größten Teil in den Zeiten zwischen meinen Zusammenbrüchen gemacht.
Gleichzeitig schaffe ich es nicht, vorausschauend einzukaufen, bin deswegen beinahe täglich im Supermarkt oder kaufe Lebensmittel, die dann im Kühlschrank vergammeln, weil ich sie nicht verwende. Meine Wohnung ist die meiste Zeit ein Schlachtfeld. Mein Kellerabteil kann man nicht betreten, weil das Durcheinander bis zur Tür geht. Und das schlimmste, in der Arbeit scheitere ich an den kleinsten Aufgaben, schaffe es teilweise nichtmal eine Email ohne KI zu beantworten und sitze tage- und wochenlang rum ohne überhaupt irgendetwas zu machen, bis ich dann wieder zusammenklappe, weil das ganze Konstrukt irgendwann nicht mehr funktioniert. Und ich glaube eigentlich nicht, dass es nur an Unlust liegt.

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Ganz genau. Bis zur 11. Klasse hatten wir Hefte, das ging noch einigermaßen. Ab der 12. Klasse sollten wir in Ordner heften. Eine Katastrophe biblischen Ausmaßes.

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Spricht alles geradezu klassisch für ADHS.

Das heißt, dein Psychiater und dein Therapeut (sind das verschiedene Personen) halten dich seit Jahren davon ab, in dieser Richtung Hilfe zu suchen, indem sie es als „normal“ herunterspielen? Das ist ja geradezu unterlassene Hilfeleistung!

Das sind verschiedene Personen. Mit dem Psychiater habe ich noch nicht darüber gesprochen. Hatte da länger keinen Termin mehr. Zuvor ging es um Depression. Ich muss auch sagen, ich habe schon auch Hemmungen, darüber zu sprechen wieviel ich in der Arbeit einfach gar nichts mache oder stundenlang privat surfe, obwohl ich meine Arbeit nicht erledige. Das ist für mich auch mit großen Schuldgefühlen und Scham verbunden. In drei Wochen hab ich da wieder nen Termin.

Beim Therapeuten ist es anders, der tut das ab, hält ADHS auch für eine Modediagnose. Und glaubt, ich mache meine Arbeit in Wirkichkeit gar nicht so schlecht, sondern habe durch die Depression bedingt eine zu schlechte Meinung von mir selbst. Womit er vielleicht teilweise auch nen Punkt hat. Ich tue mir schwer, schlecht über ihn zu reden, weil ich ihn eigentlich mag.

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Du musst auch nicht schlecht über ihn reden und du magst ihn, das ist ja in Ordnung. Aber zum Thema ADHS hat er offensichtlich ein Vorurteil, was seinen Klienten, wenn sie eine noch unentdeckte ADHS haben sollte, sehr schaden kann.

Wobei es vermutlich gar nicht falsch ist, dass du eine Depression hast und das die Dinge noch verschlimmert. Aber man kann eben beides haben.

Und deine jetzige Depression kann ja wohl nicht dein Zettelchaos im Gymnasium erklären, oder?

Keine Ordner zu nutzen und nie etwas abheheftet zu haben mit Adhs herleiten finde ich sehr schwierig, ich bin genau das Gegenteil und habe eher alles mehrfach ordentlich chronologisch und sehr gewissenhaft. Und habe trotzdem schweres stark ausgeprägtes Adhs und phasenweise kaum Impulskontrolle und dann gab es immer wieder mehrere Jahre die recht gut und „recht normal“ verlaufen sind aber auch Jahre mit Vollcrash

Streb in spezialisierten Praxen eine Diagnostik an statt zu konstruieren. Wir sind keine Psychiater und können den Rest deines Lebens zu Testergebissen eher nicht diagnostisch bewerten und gerade einer relativen Gewissheit bewerten, ob Top oder Flop gewissheit tut meist besser als ungenaue Schwebezustände wo man weder Fisch noch Fleisch ist…

Dein Muster ist typisch ADHS: Hyperfokus auf belohnende Themen (Tee, Recht), aber Exekutivfunktionsstörung (Alltagsaufgaben, E-Mails). Kein Versagen – dein Gehirn braucht Dopamin für Motivation. Lösung: Externe Strukturen (Apps, Timer), Akzeptanz (80%-Regel) und ggf. Diagnostik. Du bist nicht faul, nur anders verdrahtet.

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Vielleicht kannst Du für den Anfang etwas stabilisierendes Selbstmitgefühl daraus ziehen, dass viel von der Selbstsabotage eigentlich Selbstberuhigung oder sogar eine Art Selbstmedikation ist. „Maladaptives Coping“ hilft vielleicht als Suchwort.

Man zweifelt vielleicht anfangs ein bisschen an sich. Vielleicht sogar, weil da wirklich noch irgendein Informationsdefizit ist vor dem Lösen der Aufgabe. Weil aber das Gefühl so unangenehm ist, flieht man, vergrößert dadurch den Zeitdruck. Dann gibt es ein Nadelöhr, in dem das stimulierend und aktivierend sein könnte für ein Nervensystem, das eher PINCH-verlötet ist: Play - Interest - Novelty - Competition - Hurry.

Aber wenn man an dieser Haarnadel-Kurvenausfahrt vorbeifährt, dann wird der Druck gefühlt so groß, dass Vermeiden fast schon objektiv verständlich ist… und so geht es weiter.

Gerade letzte Woche wieder durchgespielt, ich auch. Und welche Ironie: Genau in dieser Phase war die Scham über meine eigenen Defizite so groß, dass auch die ablenkenden Gedanken am größten waren. Als ich es gerade so über den Berg geschafft hatte, ließ das von selbst nach.

Teufelskreis - und der dreht leider noch schneller, wenn man ihn nicht als solchen erkennt.

Ob ADHS oder nicht - das wird eher ein gradueller Unterschied sein. Wenn auch evtl. ein entscheidender beim Gegensteuern.

Im „Deep Work“-Buch von Cal Newport kann man an einem Fallbeispiel nachlesen, dass schlechte Gewohnheiten gerade digital bis zu 98 % der Arbeitszeit fressen können und wie der Rückweg aussehen kann. (Mir hat es geholfen, es mal von jemand anderem zu lesen, weil der Einsicht ja manchmal fast Unglauben entgegensteht, wie sehr man sich sabotieren kann.)

Anna Lembkes Content liefert eine weitere Fundstelle möglicher Entwöhnung.

Ohne genug Dopamin fällt man leichter in solche Gruben und findet schwerer wieder raus, v.a. unbehandelt. Aber so oder so braucht es Gegenwehr. Es gibt genug Algorithmen, die um unsere Aufmerksamkeit kämpfen.

Kann (!) auch an diesem Prozess liegen, der mit ADHS weniger gut funktioniert: Konkurrierende Netzwerke - DMN vs. TPN

Entschuldigung für den Link- und Info-Dump. Berührte mich aus eigener Betroffenheit. KI hätte es vielleicht pädagogischer aufbereitet.

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Erstmal Danke für die vielen Antworten. Für das Mitgefühl und das Mitdenken.

Es ist auch so, dass Angst eine große Rolle spielt. Es ist ein Zusammenspiel aus der Unfähigkeit in´s Tun zu kommen und der Angst davor und vor dem Versagen.

Ich bekomme bestimmte Aufgaben nicht begonnen oder strukturiert. Dann bekomme ich Angst, dass ich etwas nicht weiß oder versäumt habe. Aus Scham frage ich nicht nach. Dann vermeide ich es weiter. Der Rückstand und die Angst werden größer. Irgendwann halte ich den Druck nicht mehr aus und möchte mich mit allem überhaupt nicht mehr beschäftigen.

Ich schiebe Aufgaben teilweise nicht nur ein bisschen auf. Es gibt Tage, an denen ich stundenlang vor dem Rechner sitze, weiß, was ich eigentlich tun müsste, und trotzdem immer wieder private Internetseiten öffne. Bei komplexeren Aufgaben weiß ich manchmal nicht einmal, wie ich herausfinden soll, was alles zu tun ist. Dann bekomme ich Angst, jemanden zu fragen, weil ich denke, ich müsste das längst wissen. Ich vermeide das Thema, dadurch wird es dringender, und meine Angst wird noch größer.

Das passiert inzwischen so stark, dass ich irgendwann nur noch möchte, dass die ganzen Anforderungen weg sind. Ich frage mich ernsthaft, ob ich meinen Beruf so weiter ausüben kann.

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Schreib Dir doch hier mal selbst: Tobibi2 an Tobibi1. Oder schreib uns anderen. Wir waren alle schon in der Situation. Sind es immer mal wieder. Haben fast alle schon fast alles versucht. Es anderen zu erklären, ist viel leichter.

Was ich an mich selbst schreiben würde:

Leider läuft es dann oft doch auf diese manchmal unerträglich banalen Ratschläge raus, die einen in der Drucksituation zum Kotzen bringen…

  • sich (und anderen) die Vergangenheit vergeben, weil es eben besser bisher nicht ging. Der Wille war da.
  • eine Aufgabe aussuchen, auch wenn sich alle gleich wichtig anfühlen. Notfalls Lose ziehen. Die zweitwichtigste ist besser als keine.
  • für Momentum: den nächsten Schritt so lächerlich klein wie möglich machen, wirklich ganz niedrige Latte legen
  • Wie Trittsteine über den Fluss eine ganz grobe Gliederung vor Augen haben, von Ziel zu Ziel hüpfen
  • Aufgabe begleitend in EInzelschritten sich selbst erklären wie einem interessierten 10-jährigen
  • Wenn lesen schwer fällt: Vielleicht geht laut vorlesen.
  • Wenn tippen schwer fällt: Vielleicht geht die Word-Diktatfunktion.
  • Wenn X schwer fällt: Vielleicht geht Y.
  • Zeit begrenzen, Pausen einplanen, Pomodoro-Planung oder sogar viel kürzer
  • White Noise auf Kopfhörer oder ein Hörbuch, das Du kennst und das Dich beruhigt
  • Freedom oder anderen Internet-Blocker für die üblichen Verdächtigen
  • Umfeldwechsel, falls möglich und hilfreich
  • Parkplatz-Zettel für Tee-Bestellimpulse und sonstige Ablenkungen
  • kontraintutitiv: Arbeitszeit insgesamt begrenzen und nicht ausufern lassen
  • aufhören, wenn man weiß, wie es weitergehen könnte
  • KI-Dialog, wenn Dir Fragen da weniger peinlich sind (artet leicht selbst wieder abschweifend aus)
  • usw.

Hast Du schon hundertmal gelesen. Kannst Du zweifellos selbst alles auflisten. Was bei Dir funktioniert, weißt Du im Zweifel selbst am besten. Irgendwann und manchmal ging und geht es ja. „Jetzt ist nicht immer“.

Dass der Berg Aufgeschobenes sich gerade so groß anfühlt, liegt im Übrigen auch daran, dass Du viele Ressourcen an Bord hast, mit denen Du bisher kompensieren konntest. Das Problem trägt die Lösung also selbst schon in sich. Ist so.

3 Mini-Mini-Schritte fühlen sich in 7 Stunden besser an als ein großer Plan, der an weiterer Selbstabwertung scheitert. Auch wenn das so unsexy ist, dass es nicht motiviert. Und auch wenn genau das unser Problem ist.

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Ich verrenne mich seit Tagen in diese Gedanken. Ob ich möglicherweise ADHS habe und das viel erklärt. Recherchiere darüber, denke darüber nach, schreibe immer ausgefeiltere Texte, die ich den Ärzten vorlegen will. Mache fast nichts anderes. Ist das noch normales Verhalten? Depressives Grübeln? Hyperfokus? Soll ich nächste Woche wieder in die Arbeit gehen? Der Gedanke macht mir Angst, aber sich weiter krank schreiben zu lassen, ist auch wieder nur aufschieben und Vermeidung. Eine Abklärung wird dauern, in der Zeit wird sich nichts verändern.

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Falsches Forum für die Frage. Normal ist in einem ADHS-Forum nicht die Kernkompetenz.

Du hast doch Deine Arzt-Termine schon in Reichweite.

Weitere Recherche und ausgefeilte Texte sind m.E. eher kontraproduktiv. Damit klingst Du wie ein Schauspieler, der eine ADHS-Diagnose will. Gerade in Zeiten wie diesen.

ADHS-Pro-Tipp, sehr studienbasiert: Geh zwei Stunden spazieren. Im Wald, idealerweise. Was nächste Woche wieder möglich ist, zeigt sich dabei am besten.

Mehr Bildschirm-Zeit ist jetzt eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Das schließt das Forum mit ein. (Und auch das habe ich mir jetzt primär selbst geschrieben. Alles Gute!)

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