Zeitblindheit - Umgang im Alltag

Hallo, liebe Mitleidensgenossen,
wie geht ihr mit eurer Zeitblindheit um? Wie schafft ihr es, Termine einzuhalten und einer normalen Arbeit nachzugehen, um euren Lebensunterhalt zu bestreiten?
Leider bin ich noch nicht offiziell diagnostiziert und kann daher keine Medikamente nehmen.

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Hallo Hypathia und herzlich Willkommen :adxs_wink:

Termine kann ich meistens einhalten, weil mir das zu spät kommen, sich erklären, rechtvertigen, entschuldigen… zu kraftraubend und unangenehm ist.

Gleichzeitig kostet es natürlich auch Kraft, mit hilfe von Kalender, Notizzetteln, Timern und Wecker abgehetzt (wahlweise viel zu früh oder auf die letzte Minute) aber pünktlich irgendwo anzukommen. Immerhin ohne mich erklären zu müssen.

Eine wirkliche Lösung habe ich noch nicht gefunden, bin aber auch (wieder) ohne Medikamente unterwegs.

@Hypathia wie sieht es denn bei dir aus?

Liebe Grüße
Nymphaea

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Hallo Zusammen,

das ist auch ein Thema was mich interessiert. Im Moment bin ich ja in der Eindosierung. Vieles gelingt und auch diese Ablenkbarkeit ist weniger geworden. Zum Glück. :slight_smile:

Aber dieses Organisieren und das Durchhalten das ist mit einem großen ??? behaftet…

LG Lucky81

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Ich komme auch sehr ungern zu spät (hasse das Gefühl, dass jemand auf mich warten muss, weil ich selbst wohl nicht gerne auf andere warte) so bin ich meistens zu früh unterwegs - für verbindliche Termine - und davon gibt es irgendwie gar nicht soo viele. Meine Kollegin, die ich auf dem Weg zur Arbeit abhole, muss leider immer mit Verspätung rechnen, dort schaff ich es irgendwie nicht, pünktlich zu sein. Aber es ist mir immer total unangenehm. Schreibe meistens eine Nachricht - wenns auch nur zwei Minuten Verspätung sind, bzw. auch mal ein Update, dass es vier werden. :see_no_evil: …wahrscheinlich, weil mich das Verfassen der Nachricht über das zu spät kommen, extra Zeit kostet. :roll_eyes:

@Hypathia
Aber ich hab auch kein System, habs während 40 Jahren nicht geschafft eine Agenda zu führen (aber dafür jedes Jahr wieder eine schöne zu kaufen). Mache mir meistens Erinnerungen ins Handy und irgendwo im Kopf und hoffe darauf, dass der Zettel im Kopf nicht runterfällt. Da ich aber eh jede gefühlte Minute aufs Handy schaue, wird es mir daher mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht entgehen. (Stelle auch eine Erinnerung für die Erinnerung ein (kann man auf dem iPhone so einstellen), je nachdem zwei Stunden vorher oder einen Tag, eine Woche - kommt auf den Termin drauf an.) Das kann ich empfehlen. Man kann auch mehrere solcher Erinnerungen einstellen, mache oftmals eine eine Woche davor und dann eine kurz davor oder so.

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Durchhalten und organisieren kann ich ganz gut @Lucky81 . Mein ADHS äußert sich nur in einer erschreckenden Zeitblindheit. Verspätungen von 30min oder 45min sind bei mir quasi normal. Ich liebe daher das Homeoffice, weil das da nicht der Fall ist.
Was mich stresst, ist die Angst, aufgrund dessen negativ beurteilt zu werden.
Meine Angst ist wohl auch schon fast eine selbsterfüllende Prophezeihung geworden.

Ich stelle mir auch schon mehrere Uhren, analoge und digitale. Arzttermine trage ich immer eine Stunde eher ein. Wenn der Termin dann erst in ein paar Monaten und nicht in der daraufkommenden Woche ist, schaffe ich es sogar, den Termin einzuhalten, weil ich dann denke, der Termin sei zu der Uhrzeit.
Das Schlimmste sind alltägliche Termine, insbesondere die ersten am Morgen. Danach geht es.
Leider habe ich es nicht geschafft, dieses Problem mit Disziplin zu lösen. Daher hoffe ich sehr darauf, endlich die Medikamente nehmen zu können. Dann hoffe ich, durch Medis und Disziplin das Problem der Zeitblindheit in den Griff zu kriegen. So bleibt es später mit der Medikation hoffentlich nur bei 2min Verspätung.

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@Nymphaea_alba Bei mir liegen auch etliche Zettel rum. Die Benachrichtigungen im Smartphone bezüglich Terminen stelle ich immer ein, ebenso den Wecker zusätzlich.
Trotzdem gabe ich den Eindruck, kein System zu haben.
Zudem leide ich nämlich auch unter einer Insomnie. Mein Schlafrhythmus ist zerschossen.

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Moin @Hypathia
Was ist das, diese " Zeiteinteilung "?
Habe mir für die wichtigsten Dinge (Mittagessen usw.) einen Wecker im Handy gestellt eben weil ich das eh immer bei mir habe (und wehe ich weiß mal nicht wo ich das vor 1sek. hingelegt habe… dann ist gleich das extreme Chaos und ich drehe panisch am Rad :frowning: ).
Zusätzlich habe ich für private Termine einen Kalender (Ringbuch, richtig schön Oldschool) und für Aufgaben auf der Arbeit eine digitale Prio Liste mit Datumswarner…

Allerdings gibt es da noch das Problem mit dem realistischen einschätzen der Dauer einzelner Aufgaben / Schritte / Fahrt- bzw. Wegstrecken… Klar, Maps und Navi erleichtern schon irgendwo die Planung aber da gibt es ja noch das Problem rechtzeitig und stressfrei los zu kommen…

Prinzipiell ist es wohl eher ein Flickwerk als ein wirkliches System… Läuft halt irgendwie… Ob gut oder schlecht ist da irgendwie sehr stark von der Tagesform abhängig…

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hmm da bin ich echt am dran arbeiten und an Wegen finden. Kalender im Handy etc. geht gut und ich trage mir da viel ein. das beruhigt. Das ist das private.

@Hypathia danke für die Antwort. Das Zeitliche hab ich nicht das Problem. Eher so dieses im Überblick behalten und die Ordnung. Das ist schon sowas was puh sich ein wenig schwerer im Griff halten wird. Ich bin gespannt was wie wo. Ich rede ungern mit digitalen Dingen aber vielleicht wäre das eine Idee.

Hat da einer Erfahrung mit ? Alla Alexa, Google oder Siri mach mir eine Erinnerung, Notiz etc. Geht das gut ?

VG
Lucky81

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@Hypathia

Ich habe neulich realisiert, dass mein Umgang darin besteht, dass ich mir möglichst wenig Termine lege.
Keep it simple. Onlinebanking etc pp
So viel wie geht vereinfachen.

Mit Terminen/Verabredungen und Pünktlichkeit habe ich allerdings wenig Probleme.
Ich bin eher immer zu früh.
Aber zu viele Termine stressen mich irre schnell.
Ähnlich wie mit den Briefen. Man hat Wochen lang Schiss diese zu öffnen, macht sich total den Stress.
Dann öffnet man sie, und dann ist es nur Werbung.

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Die vibrierende Timer- und Wecker-Funktion meines Smartbandes finde ich überraschend hilfreich. Viel besser als akustische oder visuelle Timer.

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Oh yes. Da bin ich dabei. Arbeite im mobilen Dienst, wo sich eh dauernd alles verschiebt bald mal. Kalkuliere also dauernd alles mit ein und am Ende ist es außerhalb meines Einflusses und… Ja, also heeeeerrlich ist es dann, herrlich. :grimacing:

Und das schaff ich auch nach all den Jahren nur einigermaßen, trotz Bein ausreißen. Mir kommt vor, dass es manchmal zufällig klappt und dann wieder nicht, weil irgendeine Kleinigkeit anders war oder ich etwas mehr oder weniger zu erledigen hatte. Hab ich wiederum weniger zu erledigen bevor ich raus muss, werd ich leichtsinnig und komm dann erst recht wieder in Stress. In anderen Bereichen bin ich super überkorrigierend, aber beim Rausgehen hängt es mich aus und ich half-ass etwas oder sprinte dann schnell wohin.

Und das auch mit Medikation.
Also, guter thread @Hypathia, danke! :smile:

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@Hypathia zum Thema Termine einhalten ect. hilft bei mir seit jeher immer nur das selbe.
Der Versuch eine geregelte Tagesstruktur einzuhalten, Versuch deshalb weil ich mir deshalb jeden Tag aufs neue einen Tritt in den Allerwertesten erteilen muss.
Ansonsten bedeutet das für mich zum Beispiel einen grossen übersichtlichen Kalender aufhängen auf dem man gut sichtbar Termine eintragen kann, am besten in der Nähe des Kühlschranks aufzuhängen.
Dann grosse gut lesbare Notiz Zettel zu machen, dabei am besten ausserdem noch die Wichtigkeit oder Dringlichkeit in Rot und fett unterstrichen hervor zu heben, und dann an einem Platz aufzuhängen an dem ich ihn auf keinen Fall übersehen kann, heisst zum Beispiel am oder neben dem Kühlschrank oder Badezimmer Spiegel.
Ausserdem ist es für mich enorm wichtig das ich jeden Tag zur selben Zeit aufstehe, ausschlafen darf ich mir nur an Sonn und Feiertagen erlauben, und das auch nur wenn ich wirklich alles wichtige erledigt habe.
Denn ansonsten muss ich mich genau dann, an diesen Sonn oder Feiertagen darum kümmern, denn wenn ich es weiter aufschiebe macht sich das dann sofort durch eine depressive Stimmung, innerer Unruhe und Schlafstörungen bemerkbar.
Was dann wiederum so verheerende Auswirkungen auf mich hat, dass ich wieder tagelang wie gelähmt nur „rumhänge“ und überhaupt nichts mehr gebacken kriege.
Sobald ich damit anfange meine tägliche Routine nur einmal zu vernachlässigen, rächt sich das umgehend, und dass wirklich schlimme daran ist, obwohl ich das alles weiss, passiert mir der ganze Schlamassel trotzdem immer wieder.
Deshalb muss ich verflixt pingelig darauf achten das ich meine Abläufe wie in einer Art Ritual einhalte.
Und ausserdem darf ich mich dabei durch nichts ablenken lassen, sobald ich der Verlockung der Ablenkung nachgebe, was natürlich leicht passiert, komme ich dadurch so ins „schwimmen“, dass mir das meine gesamte Planung über den Haufen wirft.
Deshalb hilft bei mir nur Disziplin und nochmals Disziplin, alles andere funktioniert nicht bei mir.

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@AbrissBirne Das klingt hart. Allerdings geht es wohl nicht anders.
Wie beschrieben, besteht mein „System“ auch aus Weckern und Kalendereintragungen, wenn es um die Einhaltung von Terminen geht.

Trotzdem wird es bei Dir als ADHS-Betroffene im normalen Leben sicher so sein, dass diese Leistung nicht gesehen und Du trotz allem als nicht gut genug befunden werden wirst, oder?

Hat sich durch eine GdB dadurch etwas geändert oder ist das Stigma sogar noch schlimmer geworden?

Am Arbeitsplatz funktioniere ich in der Regel sogar tadellos, nur wenn ich alleine zuhause bin fällt es mir schwer mich organisieren zu können. Deshalb bin ich zum Beispiel auch nicht Homeoffice tauglich.
Hatte übrigens noch vergessen zu erwähnen das ich bei Terminen immer so plane das ich eine halbe Stunde zu früh dort bin.:smiley_cat:

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Das geht mir ebenfalls so. Ich funktioniere gut auf Arbeit, dafür bräuchte ich keine Medikamente.
Meine Arbeit gibt mir Struktur, die Arbeit an und für sich ist aber auch sehr durchstrukturiert.

Zu Hause gehts los. Tagesplanung/ablauf. Durchziehen. Never ever…
Was (ernsthaftes) studieren? Studienplanung, Organisation, Lernplan. Haha, niemals.

Da liegt mein Leidensdruck.

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@Hypathia P.s. zu Deinen an mich gerichteten Fragen: am Arbeitsplatz wurde meine Arbeit in den meisten Fällen immer gelobt und wertgeschätzt. Natürlich gab es auch mal den ein oder anderen Job bei dem es nicht so gut lief und ich den Job dort dann auch meistens ziemlich schnell gekündigt habe, aber im grossen und ganzen bin ich bis jetzt gut zurecht gekommen.
Von Stigma Erfahrungen kann ich persönlich nichts berichten, geschweige denn das mein Stigma schlimmer geworden sei, wie kommst Du darauf?, ich hatte mit keinem Wort irgendwas von Stigma geschrieben.

Hm, ich schätz wenn man auf der Arbeit gut „funktioniert“ (klasse Wort), dann hat man entweder den richtigen Job, gutes Arbeitsumfeld und/oder gute Skills entwickelt. :smiley:

Ich bin etwa auf der Arbeit auch sehr ehrgeizig, aber Zeitblindheit ist nochmal n eigener Schuh. Ist auch die Frage ob man blind darüber ist wie die Zeit vergeht oder Termine übersieht, a gibt’s so viele Möglichkeiten. Ist es ein Problem der Zeitwahrnehmung (schwieriger zu trainieren) oder ein Exekutivproblem (mit Planen und Organisieren, Taskwechsel etc.)? Das kann man ja noch ziemlich auseinanderdröseln und dann ansetzen.

Auf der Arbeit bin ich etwa nicht per se blind, aber Termine sind schwieriger zu managen, da mein Dienst viel zeitliche Flexibilität erfordert. Organisiere wie Bolle und das auch ziemlich gut, aber es fordert dennoch viel…
Viel Disziplin, wie @AbrissBirne sagt. Sei es in der Arbeit, wo es manchen leichter fällt (da im Arbeits-Mindset, Rolle - ähnlich bei „hochfunktionaler Depression“), oder in der Freizeit (und am Handy/Laptop), wo man ggf eher „Gefahr läuft“ locker zu lassen und die Zeit eher mal auseinanderfallen kann.

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Ich habe ein Problem damit, dass ich schwer abschätzen kann wie viel oder wie wenig Zeit gewisse Sachen brauchen. Das ist mir beim TMS jetzt um die Ohren geflogen.
Ich habe aber auch keine Übung im Organisieren und Planen. Ich mache das eigentlich nie. Wahrscheinlich auch Vermeidung, weil ich mich eh nie dran gehalten habe.

Wenn ich mir dann doch mal die nächste Woche durchgeplant habe, dann ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich viel weniger Zeit zur Verfügung habe als mein reines Gefühl mir sagt. Das überrascht mich dann immer.
Ich starte die Woche meistens blind und lass mich dann von den Gegebenheiten überraschen oder stressen. Je nachdem oder wieder etwas totprokrastiniert habe.

Extrem stressen mich dann auch Anfragen von Freunden, wann ich mal wieder Zeit habe. Weil ich immer das Gefühl habe davon zu wenig zu haben. Um dann ironischerweise nichts zu machen. Müllzeit.

Habe letztens ein trauriges, sehr zutreffendes Zitat gefunden, ich versuche es mal sinngemäß:

With ADHD we always rush for going home and then do absolutely nothing.

Das hat mich ziemlich getroffen.

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Manchmal bedauere ich, dass ich nicht auf ein Internat gegangen bin. Ok, stand auch nie zur Auswahl - davon mal abgesehen.

Aber ich glaube, dass mir das sehr gut getan hätte.
Wahrscheinlich wär ich eh abgehauen, weil ich es damals niemals eingesehen hätte :smiley:

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Mein Job ist einfach ein NoBrainer für mich.
Es fordert mich 0.

Einzig allein die Anmeldung ist manchmal kritisch, aber auch unmöglich organisiert. Es fordert mich aber nicht im Sinne davon, dass es schwer ist, sondern weils extremes Multitasking ist.
Wenn mich ein Patient von vorne zuquatscht, ich 0 verstehe wegen Glasscheibe und Maske, währenddessen mein lauter Kollege im Nebenraum laut redet und dann noch ein Arzt was von mir will: ja, dann habe ich richtig Shut Down.
Aber ich denke, dass das auch Normis so geht.
Ich bitte dann immer um Ruhe bzw um Reihenfolge.
Müsste ich das täglich aushalten könnte man mich nächsten Monat einweisen.