Gib ihr Zeit.
Wir haben das auch durch.
Ich schreibe mal noch ein bisschen von unserer Erfahrung. Vielleicht ist für dich was hilfreiches dabei. Wenn nicht, auch nicht so schlimm, denn wir sind ja alle individuell.
Ich kann dir erstmal die Angst nehmen, dass sie Dinge nicht lernen wird, wenn du jetzt nicht dran bleibst. Wenn sie grundsätzlich in der Lage ist, auch mal die Küche oder ihr Zimmer aufzuräumen, dann hat sie es schon gelernt. Die Regelmäßigkeit kommt irgendwann. Oder halt nicht. Je nach Diagnose und Ausprägung und auch dafür gibt es zugegebener Zeit Hilfen.
Als meine Tochter irgendwann Medi hatte, wollte sie auch nur eine Dosis nehmen und an freien Tagen gar keine. Ich habe zunächst versucht, mit Vernunft zu argumentieren. Keine Chance. Sie brauchte das Gefühl, das selbst entscheiden zu können. Irgendwann hat sie mich dann von selbst gebeten, sie morgens dran zu erinnern oder ihr welche ans Bett zu bringen. Heißt nicht, dass sie sie dann in dem Moment auch nehmen konnte. Dann bin ich halt wieder gegangen.
Irgendwann hat sie selbst gemerkt, dass sie auch die zweite Dosis braucht und nimmt diese inzwischen selbstständig.
Wenn deine Tochter in der Schule unauffällig ist, dann maskiert sie und das kostet sie enorm viel Kraft. Zu Hause hat sie die nicht mehr.
Gib ihr erstmal den Raum, den sie braucht.
Ich habe das auch so gemacht. Bis zum Beginn der Tagesklinik und auch währenddessen habe ich die Tochter von sämtlichen Pflichten freigesprochen. Nach und nach hat sie von alleine angefangen, Dinge hinter sich weg zu räumen.
Inzwischen sagt sie aber auch ganz klar, wenn sie das energetisch nicht schafft. Finde ich auch wichtig, dass sie lernt, sich einzuschätzen und eben nicht immer über ihre Grenzen zu gehen. Einmal Burnout reicht.
Vor Tagesklinik, Panda und Medi konnte ich nichts, wirklich gar nichts sagen, sie nicht mal anschauen, ohne dass sie in die Luft gegangen wäre. Sie konnte in ihrer Not auch gar nicht anders. Anforderungen und Druck weg, Panda-Strategie an und sofort wurde es besser.
Dann die Tagesklinik und schließlich Medikamente. Im Verlauf der Zeit wurde sie stabiler und damit auch vernünftiger.
Und wenn ich sage, gebt euch Zeit, dann spreche ich von Monaten, in denen ein Schritt nach dem anderen getan werden muss. Mein ADHS-Gehirn und mein Mutterherz fanden das beide gar nicht super, aber auch die können den Lauf der Dinge nicht beschleunigen.
Manches ist auch bei uns geblieben, wie es vorher war. Ein bisschen PDA, die Verpeiltheit, Missverständnisse; die Diagnosen eben. Aber im Großen und Ganzen läuft es jetzt.
Ich musste lernen, auf mein Bauchgefühl zu hören.
Es kommen immer Leute die einem sagen, mach so oder mach so. Irgendwer sagt dir, das Kind brauche strenge Regeln und klare Strukturen. Jemand anderes, so wie ich, sagt dir, verlang erstmal gar nichts.
Was davon in welcher Dosis für euch der richtige Weg ist, kannst nur du vor Ort wissen.
Ich weiß nur, dass du euch Zeit geben musst. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob sie heute lernt, die Küche nach sich aufzuräumen oder ob sie das in ein paar Jahren lernt. Ich bin mir sicher, sie wird es lernen.
Die Gefühlsausbrüche werden abnehmen, wenn ihr wisst, was genau los ist und wenn sie eine passende Therapie annimmt. Meine Tochter z.B. wollte mich nie verletzen. Sie wollte nie so sein. Es tat ihr immer unfassbar leid und sie hat sich für sich selber so geschämt, dass sie darüber immer wütender geworden ist. Mit Vernunft bin ich da an dieser Stelle nicht weiter gekommen. Verständnis hat aber geholfen. Ich musste mir immer wieder sagen, dass sie nicht mich persönlich meint. Ich musste lernen, diese Ausbrüche bis zu einem gewissen Grad zu ertragen und sie in Ruhe zu lassen. Ich hatte hier kein ungezogenes Kind, sondern eins im Burnout. Da noch mit zusätzlichen Anforderungen zu kommen, wenn es sich eh schon selber verflucht, wäre auch nicht hilfreich gewesen. Meine Aufgabe in dieser Zeit war nicht Erziehung, sondern aushalten. Sie und ihre Gefühle aushalten und ihr somit Halt geben.
Bei uns wurde es aber nie körperlich. Da hätte ich auch nochmal anders überlegen müssen. In ruhigen Momenten haben wir dann über diese Situationen gesprochen und ohne Schuldzuweisung aufgearbeitet. Daher wusste ich auch, dass sie sich selber so fertig macht und hab da nicht nochmal nachgesetzt.
Glaub mir wenn ich sage, dass ich deine Sorgen nachempfinden kann. Ich war damals oft so hilflos, ausgelaugt und traurig, dass ich hätte mitschreien können.
Wie gesagt, unser Weg muss nicht eurer sein. Vielleicht hilft dir aber zu wissen, dass es bei uns besser geworden ist. Es wird auch bei euch besser. Ihr habt einen neuen KJP, Reha steht an, Tagesklinik ist eine Option. Eins nach dem anderen, Schritt für Schritt.