Stimmt, das ist auch wieder ein schwieriges spannungsfeld. Die Interessen können sich dann auch noch widersprechen, wenn z.B. Rollstuhlfahrer diese abgesenkten Bordsteine fordern, Blinde dadurch aber nicht mehr wissen, wo Straße und wo Gehweg ist. Gut, als Kompromiss lassen sich da diese Riffelstreifen anbringen.
In der pädagogischen Psychologie kennt man die Kontroverse „Egalisierung vs. Qualifizierung.“ Soll man individuelle Potentiale fördern oder soll man alle gleich machen und auf einen Mindeststand hiefen? Ich persönlich finde, dass wir mit dieser zwanghaften distributiven Gerechtigkeit nicht so wirklich weiterkommen („Alle sollen gleich viel haben und gleich viel sein“). Das geht ja sogar noch weiter als der Begriff der Chancengleichheit.
Ich neige da inzwischen eher zu der Perspektive, unnötige exkludierende Umstände zu beseitigen, statt alle mit Gewalt überall zu inkludieren. Das würde ich als Chancengleichheit für mich definieren. Für meine politische Haltung kenne ich keinen wirklich passenden Begriff. Mir ist es wichtig, die Werte und Ressourcen zu erhalten, die wir als Zivilisation geschaffen haben (Kultur, Wissenschaft, Lebensqualität durch Wohlstand und Sicherheit) oder die uns durch den Planeten gegeben sind. Ich habe Respekt vor Werten und Fortschritt, aber ich will das beste davon bewahren. Für mich fühlt es sich zumindest so an, als würden wir immer tiefer ins Chaos stürzen, da sollten wir eigentlich jedes konstruktive Potential und jede Stärke wertschätzen und ihnen erlauben, sich zu entfalten.
Das heißt also, wenn du rein hypothetisch als Ingenieur super bist, aber als Frau am Arbeitsplatz diskriminiert wirst, dann habe ich nicht deswegen ein problem damit, weil überall alles ausgewogen und zwanghaft gleich verteilt sein muss. Nein, ich habe ein Problem damit, dass du etwas gut kannst und etwas beitragen könntest, aber man dich nicht lässt.
Manche Frauen haben heute sogar ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht Karriere machen, weil sie sich irgendwie der Emanzipation verpflichtet fühlen. Naja, früher war man die Rabenmutter, weil man lieber arbeitet. Durch Erwartungen von außen wählen Menschen Wege, die ihrer Eignung und Neigung nicht entsprechen. Junge Leute gehen aufs Gymnasium und studieren, obwohl es eigentlich nicht zu ihnen passt. Aber ohne Abitur geht heute ja nix mehr (naja, mit auch nicht mehr so wirklich). Ich fühle mich teilweise tatsächlich von dieser „neuen Linken“ und deren Inklusionsbegriff unter Druck gesetzt. Ich finde z.B. auch dieses „Ich bin nicht behindert, sondern ich werde behindert“ völlig an der Realität vorbei, zumindest in der konsequenten Form.
Es gibt auf jeden Fall unsinnige gesellschaftliche Barrieren, aber die Natur hat da auch ein deutliches Wörtchen mitzureden. Neurotizismus hat z.B. einen erblichen Anteil um die 60%, das beeinflusst, wie leicht es uns fällt, Glück zu empfinden. Wir sind unterschiedlich, und wir haben nur in einem begrenzten Spielraum Einfluss darauf, ob wir intro- oder extravertiert sind oder wie schnell und komplex wir denken können, oder ob wir körperlich leistungsfähig oder motorisch geschickt sind. Warum können wir nicht alle diese Merkmale wertschätzen und da zur Geltung bringen, wo sie amm meisten wirksam und effektiv eingesetzt sind? Die Natur gibt uns unterschiedliche Chancen, und deswegen braucht jeder von uns auch andere Chancen. Und das beißt sich mit einer bedingungslosen und undifferenzierten Inklusion.
Radikale Inklusion ist ein akademisches Konzept aus dem Elfenbeinturm. Es sind i.d.R. irgendwelche Professoren, die wahrscheinlich noch nie unterrichtet haben, aber am liebsten alle Förderschulen abschaffen würden. Aber z.B. Blinde brauchen besonders in der Grundschule ein anderes Curiculum, andere Lehrmethoden, andere schwerpunkte, um aus ihren naturgegebenen Voraussetzungen noch möglichst viel rausholen und ihre Stärken entwickeln zu können. Man könnte auch fast sagen: „Wir müssen kompensieren lernen.“ Da haben die Herren und Damen Professoren leider keinen Plan, wie man das genau anstellen soll ohne Förderschulen. Und das sage ich, obwohl meine schule bei mir vieles Verbockt hat.
Von daher würde ich nicht „der Natur ihren Lauf lassen“ wollen, aber akzeptieren, dass wir nicht alle gleiche Voraussetzungen haben und nicht alle in die gleichen Lebensbedingungen passen.