Hallo nochmal 
ich habe jetzt sehr viel zum Thema (k)PTBS/ADHS/ASS und den Symptomen recherchiert in der letzten Woche und war dann vor drei Tagen mutig und habe meine Nachbarin (die letztes Jahr die Diagnose kPTBS bekam und noch mitten in der Therapie ist) gefragt ob wir mal ganz offen sprechen können. Sie fand die Idee gut und so haben wir seither einen regen Austausch über unsere Symptome.
Und dabei sind halt markante Unterschiede aufgefallen. Zwar zeigen wir nach außen hin sehr ähnliches bis gleiches Verhalten, aber die Grundlagen dafür sind nahezu immer unterschiedlich. Und ich würde mich freuen, wenn der ein oder andere hierzu ganz einfach ein zwei Gedanken mitteilen könnte, da hier ja viele mit ADHS u/o PTBS unterwegs sind. Mir ist natürlich klar, dass man das nicht verallgemeinern und niemand eine Diagnose stellen kann, aber “Blicke” von außen können ja vllt helfen.
Beispiel: Warteschlangen
Ich: maximal nervös, weil ich stillstehen/warten muss. (Ich habe das Gefühl innerlich zu platzen) Wenn sich jemand hinter mich stellt schaue ich wer das ist um abschätzen zu können ob das eine Lärm- oder Geruchsquelle oder Distanzlosigkeit nach sich ziehen könnte. (kein Traumabezug sondern generell) Was meine angespannte Situation nur noch schlimmer machen würde. Sind zB hektische/laute Menschen hinter mir tue ich so, als hätte ich was vergessen und stelle mich ein paar Minuten später wieder an, wenn weniger Reize da sind. Habe ich jemanden dabei, kann es weniger schlimm sein, wenn ich die Person zutexten darf.
Sie: maximal nervös, weil sie permanent die Umgebung scannt nach einer Gefahr für sich. Menschen um sie herum stören sie nicht, außer sie triggern durch Aussehen/Verhalten ihr Trauma. Geräusche/Gerüche sind nur schlimm wenn sie sich auf das Trauma beziehen. Wenn andere dabei sind ist es schlimmer für sie, weil sie dann noch wachsamer ist, aus Angst dass zusätzlich eine Gefahr für diese Personen besteht.
Beispiel: Lesen (freiwillige Konzentration)
Ich: muss Sätze/Absätze/Seiten ständig xfach lesen, weil ich irgendwo mittendrin gedanklich abgedriftet bin während meine Augen aber weitergelesen haben und ich dann nicht mehr weiß was da gerade passiert ist. Gründe fürs abdriften können sein: bspw. ging es neulich in einem Krimi um einen Musiker (Blues) und als Sidestory gabs ein paar Infos über Bluesmusiker. Ich war gedanklich plötzlich bei “ohh ich könnt auch mal wieder Blues hören” und “ach wie cool das früher war wenn wir in der Bluesbar waren und Billard gespielt haben” etc etc. Dh Wörter oder Situationen in dem Buch bringen mich dazu an was anderes zu denken. (kein Traumabezug). Oder ich schalte mental ab, weil ich einen Satz zu oft lesen muss und mich das stresst, weil ich nicht verstehe warum ich den Satz nicht verstehe.
Sie: überwachsam. Auch zu Hause schaut sie sich ständig um, da sie beim lesen angreifbar wird, weil sie sich auf das Buch konzentriert und evtl. nicht mitbekommt was um sie herum passiert. Und das sieht sie als Gefahr für sich oder andere. (Partner, Kind, Hunde)
Beispiel: unfreiwillige Konzentration
Ich: ähnlich wie beim lesen können gesprochene Wörter dazu führen dass meine Gedanken scharf links abbiegen. Egal ob ich sie ausspreche oder mein Gegenüber. Früher auch Schulbücher bzw Texte die man im Unterricht lesen musste. Oder bei Frontalunterricht, wenn der Lehrer einfach vorne steht/sitzt und erzählt. Keine Chance da am Ball zu bleiben. Erst recht wenn das Thema uninteressant ist → Kopf auf den Tisch/Blick aus dem Fenster/rumkritzeln und Tschüss. Muss ich Dinge tun, auf die ich mich konzentrieren muss, passiert das meist etappenweise. Ich schaffs ein bisschen, dann bin ich wieder abgelenkt, dann mach ich wieder ein bisschen etc. In Klassenarbeiten/Klausuren bin ich permanent zwischen Aufgaben hin und hergesprungen. In der Hoffnung nicht gedanklich abzudriften, weil die Zeit ja nunmal begrenzt war. Tja hat nicht geklappt und dann hat man die etzten 15 Minuten halt Stress. (Alles ohne Traumabezug)
Sie: Kann sich konzentrieren, sofern das Trauma nicht präsent ist.
Beispiel: schlafen
Ich: Kann schlecht einschlafen, kann nicht durchschlafen. Problem beim Einschlafen scheint der Übergang zu sein. Kopf kommt nicht zur Ruhe weil der entweder noch bei dem ist was ich zuletzt gemacht habe, oder gerade an xyz denkt. (Das kann wirklich alles sein. Kein Traumabezug.) Abhilfe bei mir: heißer Kakao/heiße Milch mit Honig beim ersten ins Bett gehen. Wenn ich nachts wach werde (meistens weil ich dann zur Toi muss) brauch ich ein Hörspiel, sonst kreiselt der Kopf wieder um alles und nichts.
Sie: traumabedingte Angst ins Bett zu gehen, kommt nicht zur Ruhe, wenn sie schläft Alpträume, wacht auf, kommt nicht wieder zur Ruhe etc. Einzige Abhilfe: Medikamente.
Beispiel: fiddlen etc.
Ich: würde es Monotonie-/Stressbewältigung nennen. Einfach sitzen und warten müssen (bis man wieder aufstehen kann) bedeutet ich fang an mit leg bounce oder fiddlen. Das kann auch während einer ruhigen Unterhaltung sein, also zB nicht nur im Wartezimmer oder weil ich weiß es wird gleich sttressig. Häufiges “Sitzposition verändern”, kann auch auf dem Stuhl “rumrutschen” sein. In den meisten Fällen würde ich es als eher unbewusst bezeichnen, bzw der Start ist eher unbewusst. Ich merk das dann schon dass ich es mache, aber weiß zB nicht mehr wann ich damit angefangen habe. Mir hat mal jemand einen Stressknautschball geschenkt, aber wenn ich es bewusst mache bringt es mir nichts.
Sie: nutzt fiddlen bewusst um sich abzulenken, von schädlichen Gedanken/Handlungen abzuhalten. Die durch etwas auf das Trauma bezogenes hervorgerufen werden.
Ich seh da wirklich starke Unterschiede. Natürlich muss man jetzt noch beachten, eine kPTBS und eine PTBS sind nochmal anders. Unsere traumatischen Erlebnisse unterscheiden sich etc etc. Aber ich kann mich mit PTBS bei mir einfach nicht “anfreunden”. Ich sehs einfach nichts.
Sorry mal wieder für den langen Text und danke an jeden der es bis hier hin geschafft hat 