ADHS: Verlaufskontrolle

Hallo,

für mich kann ich sagen, dass meine ADHS-Behandlung noch nie mit einer (wissenschaftlichen) Verlaufskontrolle begleitet wurde - weder in einer Klinik, noch bei einem niedergelassenen Facharzt.

  • Wessen ADHS-Behandlung - auch im Zeitraum einer Fehldiagnose - wurde mit einer (wissenschaftlichen) Verlaufskontrolle begleitet?
  • Welche Erfahrungen habt ihr mit einer Verlaufskontrolle gemacht?
  • Ist das heute mit einer (digitalen) Verlaufskontrolle vielleicht anders, als noch vor 5-10 Jahren?
  • Wer weiß wie der digitale Test heißt, den Ralph Meyers für die Verlaufskontrolle verwendet?

30.10.2023: Hirschhausen und ADHS

Dr. Ralph Meyers: Psychiater, spezialisiert auf Kinder und Erwachsene mit ADHS

32m:50s: Hirschhausen: Seit über 30 Jahren behandelt der Psychiater Ralph Meyers Kinder und Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefiziten.

(…)

Hirschhausen: Ralph Meyers setzt einen in Schweden entwickelten Test zur Diagnostik ein. Er misst Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Konzentration und das funktioniert sogar auf dem Handy. Fortschritte in der Behandlung lassen sich so einfach messen und kontrollieren.

Ralph Meyers: Das ist jetzt in dem Fall ein Mädchen, die ist zu dem Zeitpunkt unbehandelt und 15 Jahre 7 Monate alt.

Anmerkung: Ralph Meyers zeigt auf die Aufzeichnungen in der Patientenakte.

Und wir haben das Bild eines flüchtigen ADHS. Hier ist die Unruhe festgehalten. Hier unten haben wir ganz ganz viel Flüchtigkeit.

So und jetzt kommt die erste Kontrolle unter Behandlung, in dem Fall Methylphenidat, 2 Wochen später und wir sehen was sich verändert hat. Nämlich die Flüchtigkeit ist deutlich zurückgegangen, die Unruhe ist zurückgegangen.

So und das interessante jetzt ist, dass wir die gleiche Patientin hier noch einmal sehen können mit knapp 20 Jahren. Und jetzt ist sie inzwischen so weit, dass sie keine Medikation mehr braucht. Unruhe noch auffällig, ja, aber dadurch kein Leidensdruck. Hier unten unter höchsten Anforderungen sehr sehr gute Leistungsfähigkeit.

Diese junge Frau ist ausbehandelt."

Hallo @Kelyan und herzlich willkommen im ADXS-Forum,

was genau verstehst du unter einer wissenschaftlichen Verlaufskontrolle?

Normalerweise geht man in bestimmten Abständen zum Psychiater und der fragt einen wie es beruflich und privat läuft und wie die Medikamentenwirkung wahrgenommen wird. Oft wird dabei auch ein fester Fragenkatalog abgelesen, so kenne ich es von meinem aktuellen Arzt.

Mit einem maschinellen Test kann man zwar die Konzentration in einer zeitlich begrenzten Situation messen. Aber damit allein lässt sich weder eine ADHS (erst-)diagnostizieren noch Veränderungen im Verlauf feststellen. Denn zur ADHS gehören ja auch soziale Wahrnehmung, emotionale Ausgeglichenheit, Konfliktbewältigung im familiären Umfeld usw. Wie willst du das durch einen Computertest messen?

Ich habe die Hirschhausen-Doku noch nicht gesehen - es kann ja durchaus sein, dass durch diesen Test die 20-jährige als „ausbehandelt“ gilt, ihr Leben aber dennoch stark beeinträchtigt ist - aber vielleicht in ganz anderen Bereichen ihres Lebens als vor oder während ihrer Pubertät?

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https://opatus.se/de/opatus-cpta-de/

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Den hab ich gemacht. Wüsste trotzdem nicht, was einem das jetzt sagen soll als „Verlaufskontrolle“. Weil das klingt für mich, als könne man ADHS wegtherapieren und das stimmt ja nicht…

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Dass was in Hirschhausen und ADHS von Dr. Ralph Meyers als Verlaufskontrolle erläutert wird.

Danke für den Link.

Aber genau das ist die Meinung von Dr. Ralph Meyers.

Ab 32m:50s erläutert Dr. Ralph Meyers in Hirschhausen und ADHS im Interview, dass

  • er für die Verlaufskontrolle ein digitales Werkzeug benutzt,
  • ADHS ausbehandelbar ist und
  • er die Ausbehandlung von ADHS aus den aufgezeichneten Diagrammen für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Konzentration bestimmen kann.

Und ich glaube, dass das :poop: ist. Als wäre ADHS einfach nur ein Problem mit Aufmerksamkeit usw.

Deshalb halte ich das für gefährlich.

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Ja stimmt , weil was ist denn mit den Dingen wie Zeitblindheit, Verpeiltheit, Reizüberflutung, Haushaltstauglichkeit, Finanztauglichkeit, den Babbel nicht halten können , Selbststiumulanz, Schlafstörungen ……etc……ppp……usw……

Wobei ich mir vorstellen könnte das bei Kindern, da sich ja das Hirn ja noch entwickelt eine Einnahme von Stimulanzien sich eher positiv „nachweisbar“ auf das Gehirn auswirkt die bei uns „spät berufenen“ zumal unser Gehirn ja bis dahin unter Dauerbelastung stand.???

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Grundsätzlich ist’s schon so das einige ADHSler im Erwachsenenalter oder auch nach der Pubertät keine Behandlung mehr benötigen oder?

Glaube @UlBre hat das auch irgendwo geschrieben deswegen gehe ich davon aus, das es da seriöse Quellen gibt.

ADHS verändert sich etwas im Laufe der Entwicklung. Ich frage mich aber ob es eher an dem Coping Strategien liegt.

Oder weil man während der Pubertät anfängt zu rauchen :smoking:? :thinking:

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Hab’s gefunden:

ADHS endet nicht, wie man bis zum Ende des letzten Jahrtausends annahm,1 automatisch mit dem Erwachsenwerden.

ADHS bleibt bei rund zwei Drittel der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen.

Das heißt ja das bei einem Drittel ADHS nicht bestehen
Allerdings wenn ich mich anschaue hab ich immer noch ein Gehirn mit einer ADHS Funktionsweise, würde aber vielleicht aufgrund von verschiedenen Copingmechanismen die Diagnose Kriterien nicht mehr ausreichend erfüllen.

Trotzdem müsste ich ohne Stimulanzien einfach viel mehr kompensieren.

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Mit Ralph Meyers hatte hier im Forum schon mal jemand Erfahrungen gemacht.

Finde ich aber nicht mehr.

Ah. Eine Apothekerin in Heilbronn macht wohl mit diesem Instrument eine ADHS Diagnostik.

Das hatte ich schon mal gelesen.

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32m:50s:

Hirschhausen:

Seit über 30 Jahren behandelt der Psychiater Ralph Meyers Kinder und Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit.

Es klingt paradox, aber er ist optimistisch, dass das Gehirn mit den Medikamenten besser lernen kann, sodass man die Medikamente irgendwann nicht mehr braucht.

Ralph Meyers:

Einmal ADHS heißt nicht immer ADHS. Ja, wenn sie durch die Gegend laufen, halb blind, halb taub, ja, dann hilft ihnen logischerweise eine Brille und ein Hörgerät. Ja, wenn sie vollkommen unkonzentriert durch die Gegend laufen und sie kriegen ein Medikament, das die Konzentration jetzt herstellt, dann kriegen sie Informationen mit denen ihr Gehirn etwas anfangen kann und seine Fähigkeiten dann ausbaut. Und wenn ich das gelernt habe, dann brauche ich immer weniger von dieser Stütze.

Das was ich jetzt schreibe, ist polemisch. Jeder Vergleich hinkt, also auch dieser Vergleich von Ralph Meyers. Dieser Vergleich ist mitnichten eine schlüssige Plausibilitätserklärung für die Ausbehandelbarkeit von ADHS.

Habt ihr schon einmal gehört, dass jemand der Brille und Hörgerät braucht, Brille und Hörgerät nicht mehr braucht, wenn das Gehirn mit den durch Brille und Hörgerät gewonnenen Informationen etwas gelernt, seine Fähigkeiten ausgebaut hat und immer weniger von diesen Stützen braucht?

Ich bitte um Verzeihung. Kennt ihr den Witz schon?

Wer ist noch verrückter als der Patient?
Antwort: Der Psychiater.

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Würd dazu gerne mal ein paar Zahlen sehen. Was handfestes, abgesehen von seinem Gefasel…

Ich hab tatsächlich ein paar Leute in meiner Selbsthilfegruppe, die irgendwann die Medikamente abgesetzt haben und sagen, dass die Medikamente ihnen geholfen haben, ohne zu leben. Aber ist halt auch nur anekdotische Evidenz und was die so erzählen, würde ich jetzt weder „ausbehandelt“ noch „geheilt“ nennen… sitzen ja in einer Selbsthilfegruppe :slight_smile:

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Meyers beschreibt in seinem Buch zu ADHS ziemlich deutlich, dass der Test ein Modul seiner Diagnostik ist und keine eierlegende Wollmilchsau. Außerdem geht aus dem Beitrag bei Hirschhausen ja recht deutlich hervor, dass die Verlaufskontrolle nicht darüber entscheidet, ob jemand nicht mehr behandelt werden muss, sondern der nicht mehr vorhandene Leidensdruck. Die Verlaufskontrolle dient auch dazu, die modulare Therapie und die Medikation entsprechend anzupassen. Die Behauptung, dass ADS heilbar ist, provoziert natürlich eine Diskussion und ich denke mal, das ist beabsichtigt. Aber Meyers beschreibt schon sehr klar, was er damit meint und aus seiner Sicht klingt das keineswegs verwerflich, eher zwangsläufig logisch. Und die Behauptung legt ja irgendwie auch den Finger in die Wunde: Was ist ADS eigentlich? Krankheit? Störung? Normvariante? Wenn ADHS eine Störung oder Krankheit ist und diagnostisch nachgewiesen, dann ist es ja nicht unwahrscheinlich, dass man, bei erfolgreicher Behandlung, irgendwann an den Punkt kommen kann, dass man sein Leben ohne weitere Behandlung und Medikation bewältigen kann. Dass dies ein erstrebenswertes Ziel ist, welches auch erreicht werden kann, sieht nicht nur Meyers so. Da sind sich sogar relativ viele Experten einig. Das Problem sehe ich eher darin, dass aufgrund der relativen Unerforschtheit und uneindeutigen Belegbarkeit von ADHS noch immer viel Raum für Interpretationen ist und selbst wenn man ADHS zu 100% diagnostizieren könnte, sind die Symptome und deren Auswirkungen noch immer so individuell, dass eine einheitliche Behandlung nicht möglich sein wird. Ich persönlich halte es nicht für gefährlich, wenn ein Experte behauptet ADS sei heilbar. Gefährlich wird es, wenn man diese Behauptung ungeprüft übernimmt oder ablehnt.

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Ich war wohl zu unaufmerksam. Der Link war nicht von @Zoi, sondern von @ads66.

@ads66: Danke für den Link.

Im Film entsteht aber durchaus ein irreführender Eindruck, weil Ralph Meyers nicht darauf hinweist, dass der digitale Test nur ein Teil seiner Diagnostik ist. Selbst bei der Erwähnung „kein Leidensdruck“ entsteht der Eindruck Ralph Meyers lese das aus den Testergebnissen.

Wenn das nicht irreführend ist, was dann:

Einen ADHS-Patienten ohne regelmäßige Nachsorge als geheilt zu entlassen, könnte fahrlässig sein. Auch zur Nachsorge eines ausbehandelten/geheilten ADHS-Patienten lässt sich Ralph Meyers nicht ein. Das passt ja auch schlecht zur heilsbringenden Aussage: „Diese junge Frau ist ausbehandelt.“

Sein hinkender Vergleich mit Brille und Hörgerät entlarvt meines Erachtens Ralph Meyers’ Absicht.

Selbstverständlich darf Ralph Meyers sich im Fernsehen glorifizierend so darstellen, aber ich prüfe das halt.

Das unterschreibe ich blind.

Ist es medizinisch vertretbar, einen ADHS-Patienten als geheilt zu bezeichnen, der sich ohne Medikation weiter durchs Leben wurschtelt?

Klare Antwort: Nein, denn die bekannten ADHS-Medikamente wirken nicht bei jedem.

Per Zufall habe ich kürzlich etwas im Internet gefunden:

Psychopharmakologie bei Autismus Spektrum Störungen, Luise Poustka, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim, Ulm, 28.09. 2012

Autismus und ADHS

Methylphenidat

  • wirksam bei etwa der Hälfte der Patienten (vs ca. 75% bei nicht autistischen Patienten mit ADHS)
  • Effektstärken zwischen 0,2-0,6
  • Aber: 10x häufiger unerwünschte NW (Reizbarkeit, emotionale Durchbrüche, Schlafstörungen, Appetitverlust)
  • 18 % (!) Abbrecher wg. Intolerabler NW

Atomoxetin

  • 43 % Responder (vs ~60 % bei nicht-autistischen ADHS-Patienten)
  • 7 % Abbrecher wg. Intolerabler NW (1/16)
  • Fazit: effektiv bei knapp der Hälfte der Patienten

Das macht schon Sinn. Durch die Medikamente kann man besser neue Strategien entwickeln und ich kann es für mich auch sagen dass es mittlerweile besser ohne als in der Vergangenheit. Weil ich andere Strategien habe und besser weiß wie ich funktioniere.

Edit:

Auch ein anderes Umfeld, ein anderer Beruf usw kann helfen. Deshalb ist natürlich die ursprüngliche Funktionsweise des Gehirns immer noch gleich, aber man benötigt deshalb nicht immer Medikamente.

Auf ADxS findet man einige Studien - die Texte find ich beim überfliegen aber alle nicht aussagekräftig.

Dann eher meine eigene Logik :sweat_smile:

Genau das. Wollte ich auch noch heraussuchen.
Du warst schneller - Danke :slight_smile:

3 mal: genau das ist es.
Je nach Betroffenem, je nach Ursache, je nach Leidensdruck.
Innerhalb eines Betroffenen aber ent oder weder…