ADHS-Verteilung in der Bevölkerung?

Hallo! Ich wundere mich schon länger über die Zahlen, was die Verteilung von ADHS in der hiesigen Bevölkerung, also prozentual gesehen, angeht. Auf der Insta-Seite von Takeda (ADHS und ich) sah ich gerade, dass die Verteilung bei den Erwachsenen 4,7 % beträgt. Bei einem Vortrag von Alexandra Phillipsen sah ich jedoch, dass sie die Zahl 2,7 % nannte für Deutschland. Habt ihr vielleicht genaue Daten und unzweifelhafte Quellen für die Verteilung?

Danke und schöne Restweihnachten🌲

Hallo @Orkide ,

Hier sind einige interessante Sachen die unsere Regierung veröffentlicht hat.
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/kindergesundheit/aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.html

https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-045.html

Auf Seite 12 des Langen Berichts, kannst du nachlesen wie es zu beiden Zahlen kommt.

Blockzitat
Epidemiologie
Die Prävalenz von ADHS ist altersabhängig und variiert mit den verwendeten diagnostischen Kriterien
und den zur Beurteilung der Symptomatik herangezogenen Informationsquellen. Im Kindes- und
Jugendalter liegt die in internationalen epidemiologischen Studien gefundene Prävalenz weltweit bei
5.3 % (95 % KI 5.01 – 5.56), wobei international keine wesentlichen Unterschiede bestehen [7-9]. In
Deutschland liegt die Häufigkeit elternberichteter Diagnosen einer ADHS nach der KiGGS-Studie des
Robert-Koch-Instituts bei etwa 5 % [10].
Für das Erwachsenenalter konnte auf Grundlage von DSM-IV Kriterien in einer Metaanalyse von
sechs Studien eine Prävalenz von 2.5 % (95 % KI 2.1 – 3.1) festgestellt werden [11].

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Danke Mona! Aber halt (hab mir den langen Text noch nicht runtergeladen, deshalb schreib ich ins Blaue hinein und korrigiere mich ggf.): Die 5%sind ja die Verteilung bei Kindern und Jugendlichen und die 2,5 bei Erwachsenen. Also nicht die gleiche Gruppe, die hier betrachtet wird.

Auf dieser Webseite hier wird von zwei verschiedenen Studien gesprochen, eben mit den beiden unterschiedlichen Zahlen:

Danke nochmals @Mona, ohne deine Antwort wäre ich nicht auf der Seite gelandet, die ich nicht kannte.

Liebe Grüße!

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Kein Ding, gerne @Orkide , es gibt einige Zahlen aber alles ist alt. Die nächte Ausarbeitung dieser Statistiken ist Turnusmäßig 2022. Und wir dürfen nicht vergessen bei den 5,3% handelt es sich um die Verteilung auf Weltbevölkerung. Deutschland 5%. Bei der Zahl 2,5% bei Erwachsenen habe ich leider nicht gefunden ob auf Weltbevölkerung oder nur National. Der Bericht ist mir auch zu lang :laughing:
Wenn du gute Studien zum Thema suchst die länger gehen als 14 Tage findest du diese nur in den USA.

Freut mich, dich auf eine gute Spur gebracht zu haben.

Grüße Mona

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Auf die Auswertung 2022 bin ich mal gespannt.
In meinem Umfeld wird gerade wie am Fließband diagnostiziert.
Mein Freund gerade vor zwei Wochen, eine Woche später dann ein Studienfreund.
Und nachdem mein Partner mit seinem engeren Umfeld darüber gesprochen hat, outeten sich plötzlich alle.
Gefühlt kenne ich gerade keine neurotypischen Menschen mehr.

Es ist ja so ein Leitspruch „ADHS findet ADHS“ und dass wir Neurodiversen zu einander gravitieren.
Es rücken nach meiner Wahrnehmung derzeit durch Social Media gerade von ADHS betroffene Frauen/FLINTA mehr in den Vordergrund, checken vielleicht zum ersten Mal, dass sie davon betroffen sein könnten.
Dann ist mein Studiengang natürlich auch ein Sammelbecken aus aneckenden Persönlichkeiten, Nonkonformen, Schulabbrechern, Outcasts…
Würde ich Biochemie oder Jura studieren, wär das vielleicht ganz anders verteilt.

Aber irgendwas daran, dass jetzt so viele ihre Diagnose bekommen, weckt bei mir wieder Impostor Syndrom Gefühle.
Wenn alle Welt ADHS hat, ist das dann vielleicht nur Symptom der Erschöpfung in der Leistungsgesellschaft? Wo liegt denn die Norm genau? Was ist so typisch an neurotypisch?

Würde mich interessieren, wie sich diese Welle des neuen neurodiversen Selbstverständnisses auf die Statistiken auswirkt.
Ob das nur in meiner Bubble so sehr um sich greift.

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Ob es bei mehr Leuten diagnostiziert wird, ändert an diesen Statistiken aber nichts. Denn erfasst wird da ja die Häufigkeit in der Bevölkerung, unabhängig davon ob die Betroffenen davon etwas wissen oder nicht.

Die Häufigkeit der Erwachsenen mit ärztlich festgestellter ADHS-Diagnose (!) ist viel niedriger. Eher in Promille als in Prozenten auszudrücken.

Es gibt ohnehin keine klare Grenze. Dass angeblich die 10-14-jährigen Jungs (!) am häufigsten ADHS haben und alle jüngeren Kinder weniger und alle Erwachsenen noch viel weniger, heißt ja nicht dass diese Kinder und Erwachsenen alle vollständig gesund sind, sondern dass die irgendwann mal festgelegten ADHS-Merkmale auf sie zutreffen.

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Wie wird das denn erfasst?
Hab die Links oben mal kurz angeklickt, aber nicht richtig eingelesen…

Beziehungsweise hatte ich das Zitat in Monas Beitrag so verstanden, dass verschiedene Tests und Screeningbögen zu verschiedenen Ergebnissen kommen und die Kriterien variieren.
Wann werden solche Tests erhoben und wie wird das gerechnet?

Dann würde ich trotzdem noch einwerfen, dass das ICD 11 ja nun ab nächstem Jahr (glaube ich?) in Kraft tritt und da vielleicht auch am Diagnosestandart noch Updates vorgenommen wurden. Vielleicht auch inklusiver was Geschlecht und Alter angeht…

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Das hab ich auch mal versucht zu durchleuchten.
Die Fachbegriffe sind diagnostische Prävalenz und Feldprävalenz.

Leider sprechen die ganzen Untersuchungen meistens von diagnostischer Prävalenz, sagen das aber nicht. Studien zur Feldprävalenz sind bedauerlicherweise rar.

Und dann kommt es darauf an, nach welchem statistischen Manual ausgewertet wird. ICD ist strenger, gibt also eine geringere Prävalenz, DSM ist weiter (und wurde es mit den Versionen auch immer mehr) und gibt daher eine größere (diagnostische) Prävalenz.

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Danke Euch allen fürs Mitüberlegen und auch für die Hinweise. Erstaunt hat mich ja, dank @Ulbre gelesen, dass zB in den USA Angehörige der Minderheiten extrem unterdiagnostiziert sind (was vielleicht mal eine Feldstudie an einer sogenannten hiesigen „Brennpunktschule“ interessant machen würde). Eigentlich kann man also von einer Zahl irgendwas zwischen 2,5 bis 5 % Diagnoseprävalenz ausgehen, so hab ich das jetzt für mich verstanden :wink:

@theunfedmind interessant, dass das jetzt so aufploppt. Tiktok oder generell social media bringen Leute heute wahrscheinlich eher dazu, sich über mögliche Symptome klarzuwerden. Und bei Frauen älteren Semesters, so wie ich, ist es ja noch massiv unterdiagnostiziert.

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Da erinnere ich mich gerade an ein Video aus dem deutschsprachigen Raum, in dem eine Gruppe von Leuten erraten sollte, wer im Raum neurodivers ist.
Es war ein Afrodeutscher dabei, der erzählte, seine Unruhe sei in der Grundschule auf das „afrikanische Temperament“ geschoben worden und so blieb er lange undiagnostiziert.

Was für Filter und Biases da eine Rolle spielen… Vermutlich ein Fass ohne Boden.

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Diese ganzen Prävalenzstudien zu ADHS sind genauso fehlerhaft oder falsch wie Wahlumfragen, 2016 Michael Moore zu den Umfragen im Rust Belt, wo überall Hillary Clinton führte (aber bei der Wahl selbst fast überall Trump gewann): „I don’t believe any of these Rust Belt polls.“ …I don’t believe any of these adhd prevalence studies

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Ebenfalls falsch ist die Aussage, dass Prävalenzstudien zu ADHS weltweit eine annähernd gleiche Häufigkeit von ADHS ergeben hätten:

Türkei zum Beispiel:

( “…Our results confirmed a substantially higher ADHD prevalence rate (more than double) than the suggested pooled worldwide prevalence…”)

mehr zur quantitativen Dimension von ADHS ist hier ausgeführt:

Oho, das ist ja mal interessant mit der Türkei! Wie gut, dass ich Türkisch kann und werd mich da mal reinknien, warum da so hohe Zahlen festgestellt werden (und bei Interesse hier ggf. teilen). Super Hinweis, danke🌺

Woran das jetzt spezifisch in der Türkei genau liegt…???

Wohl aber ist die Türkei bei der ADHS-Forschung eines der aktivsten Länder weltweit und auch bei ADHS als gesellschaftliches bzw. medizinisches Thema hat sich seit ungefähr 10+ Jahren so einiges getan… ich spekuliere dabei auf folgende Gründe: 1. überdurchschnittliche Prävalenz von ADHS in der Bevölkerung der Türkei, 2. massenhafte Verstädterung in der Türkei im Zuge der volkswirtschaftlichen Modernisierung dort und entsprechend stärkere Sichtbarkeit der ADHS-Symptomatik bei Kindern in Millionenstädten wie Istanbul, Ankara, Kayseri etc., 3. innerhalb des AKP-Apparates muss es Mäzene geben, die es ermöglichen, diese weit überdurchschnittlich hohen Summen für die sehr aktive Forschung zu ADHS in der Türkei zu finanzieren.

Was genau die Ursachen für die überdurchschnittlich hohe Prävalenz von ADHS in der Türkei sind… genetisch natürlich… aber wodurch?… das „die“ Türken mal ein Steppenvolk waren, das liegt über 1000 Jahre zurück (die Bekehrung der Göktürken zum Islam und damit auch sukzessive Sesshaft-Werdung in Staatsformen begann mit dem Überlaufen des türkischen Kontingents von Seiten der Armee der chinesischen Tang-Dynastie zur Armee des Kalifats in der Schlacht am Talas im heutigen Kirgisistan im 8. oder 9. Jahrhundert) und könnte in geringem Ausmaß bis heute nachwirken… noone knows for sure letztendlich…

zur evolutionären Anthropologie von ADHS noch das hier:

Cultural anthropologist Jay Fikes, Ph.D. , points out that members of traditional Native American hunting tribes normally behave differently from those who have traditionally been farmers. The farmers such as the Hopi and other Pueblo tribes are relatively sedate and risk-averse, he says, whereas the hunters, such as the Navajo, are „constantly scanning their environment and are more immediately sensitive to nuances. They´re also the ultimate risk takers. They and the Apaches were great raiders and warriors.“…" auf das bin ich heute gestoßen, als ich nach „apaches adhd“ gegoogelt habe, ist aus „ADHD and the Edison Gene“ von Tom Hartmann von 2015.

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Auch unter den ethnischen Minderheiten der Türkei kenne ich Adhsler und beobachte auch einige Adhs Züge.

Diese waren aber keine Steppenvölker.

Wie z.B. die Kurden und Zazas im Südöstlichen Anatolien.

Oder auch in der Nordöstlichen Schwarzmeerregion der Türkei, bei den Lazen, Georgiern und den Pontusgriechen gibt es Adhsler.

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Hallo @lavieestbelle ! Danke für die interessanten Ausführungen, denen ich nur teilweise zustimmen kann, da ADHS gesellschaftlich noch gar nicht so sehr in den Fokus gerückt zu sein scheint, Infoseiten etc. sind aus dem Englischen übersetzt und es gibt keine Foren wie dieses hier. Noch ist auch im türkischen youtube etc. kaum was populärwissenschaftliches zu finden. Also lustig, dass da anscheinend so eine Diskrepanz zwischen Erforschung und Forschungsvermittlung herrscht.

Warum die Zahlen jezt so dermaßen höher liegen, ist natürlich interessant und wird kaum erklärt, zumindest in den wenigen veröffentlichten Studien, in die ich jetzt reinschaute.

Ob das jetzt wirklich so eine „Steppenvolk“-Gen-Herleitung ist, würde ich hier gern leicht anzweifeln, auch wenn es natürlich verglichen mit anderen Ländern Ähnlichkeiten geben mag. Vermutlich hat die Landflucht nach den 1970’ern in die Großstädte einen größeren Einfluss auf die Verteilung…aber wie gesagt, alles nur Vermutungen. Was ich mich ja frage, ob es nicht einfacher wäre, die ADHS-Verteilung in sozialgesellschaftlich ähnlich gelagerten Ländern wie der Türkei zu vergleichen (hohe Jugendquote, Klassensystematik, hoher Bildungsdrang, wirtschaftliche Lage) als mit den Zahlen der Industrieländer, aber das nur am Rande.
Ob Erdoğan diese Forschung bewusst initiiert und finanziert…da würde ich auch gern ein kleines Fragezeichen setzen wollen, außer es gibt dafür Belege, die ich bisher nicht gefunden hab. Danke dir für die vielen Anregungen, es macht schon Spaß sich da mal ejnzuwurschteln (hab frei die Woche und kann mal in Ruhe Studien lesen, juchhe!)

Guten Rutsch und nur das Beste für 2022​:four_leaf_clover::beetle:

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Noch deutlicher sind die weltweit eben sehr wohl unterschiedlichen Prävalenzen von ADHS am Beispiel Israel mit über 14%:

Und Saudi Arabien ebenfalls:

Zu Prävalenzen von ADHS in verschiedenen Ländern und Kulturkreisen gabs in diesem Forum schon mal einen Thread:

Und die reden alle explizit von Feldprävalenz ???
Nicht vielleicht doch von Diagnoseprävalenz?
Letztere ist durch gesellschaftliche Akzeptanz und medizinische Ausrichtung stark beeinflusst…