Alternative Behandlung

Beiträge können nur begrenzte Zeit editiert werden, weil der Zusammenhang sonst verloren geht, wenn schon andere Teilnehmer/innen geantwortet haben.

Das ist in vielen Foren so üblich und daher keineswegs überraschend, unklar, unverständlich oder versteckt. Das wurde auch schon verschiedentlich hier diskutiert, also wir gehen da offen mit um.

Zusammenfassung (sehr lang)

Aufmerksamkeitsstörung (ADS) ± eine Diagnose,

die weder Patienten noch Behandlern hilft

For and Against: Attention Deficit Syndrome (ADS) ± A Diagnosis that Neither

Helps Patients nor Therapists

Dr. med. Dipl.−Psych.

Barbara Alm

Zentralinstitut für Seelische

Gesundheit, Klinik für Psychi−

atrie und Psychotherapie, J5

68159 Mannheim

Die Wahrnehmung, Diagnostik und Therapie

der Aufmerksamkeitsdefizit−/Hyperaktivitäts−

störung (ADHS) bei Erwachsenen hat sich im

vergangenen Jahrzehnt deutlich verändert. ADHS, gekennzeich−

net durch situationsübergreifende Störungen der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle, motorische Hyperaktivität, Desorgani−

siertheit und Affektdysregulation wurde lange Zeit ausschließ−

lich als eine Störung des Kindes− und Jugendalters gesehen.

Stand der Wissenschaft durch Follow−up−Studien an Kindern ist

heute, dass ADHS bei einem Teil der Betroffenen (ca. 50 %) auch

bis in das Erwachsenenalter weiter bestehen kann. ADHS wird

zunehmend verstanden als eine lebenslange Störung, die

schwerwiegende Konsequenzen für die Betroffenen haben kann

[3].

Bezüglich der Prävalenz im Erwachsenenalter ergab eine kürz−

lich in den USA durchgeführte epidemiologische Studie bei

3917 Personen im Alter von 18 ± 44 Jahren eine Prävalenz von

4,4 % für ADHS im Erwachsenenalter [4]. Auch Querschnittsun−

tersuchungen zeigten an verschiedenen Populationen (Führer−

scheinbewerber, Studenten) Prävalenzen von über 4 %. ADHS

hat für einen Teil der Erwachsenen schwerwiegende negative

Konsequenzen. Nach bisher vorliegenden Studienergebnissen

besteht bei 60 ± 80 % der betroffenen Erwachsenen mindestens

eine weitere psychische Störung, hauptsächlich affektive Stö−

rungen, Angststörungen und Substanzabhängigkeiten. Weniger

gut untersucht sind Persönlichkeitsstörungen, wobei Studiener−

gebnisse ein erhöhtes Risiko für dissoziale Persönlichkeitsstö−

rungen bzw. delinquentes Verhalten konsistent belegen. Weit−

reichende psychosoziale Folgen, wie Schulabschlüsse, Ausbil−

dungen und berufliche Tätigkeiten unterhalb des intellektuellen

Begabungsniveaus, erhöhte Arbeitslosen− und Scheidungsrate,

Partnerschaftskonflikte, Beeinträchtigung von Erziehungsfunk−

tionen, Selbstwertstörungen und Beeinträchtigungen der Fahr−

eignung wurden im Vergleich zu nicht betroffenen Kontrollpro−

banden in Untersuchungen wiederholt beschrieben [5].

2003 sind Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Erwachse−

nen−ADHS veröffentlicht worden, die Diagnosekriterien und ±

soweit vorhanden ± evidenzbasierte Therapieempfehlungen ge−

ben [6]. Ein multimodaler Ansatz, der den vorliegenden Sympto−

men, Funktionsstörungen und komorbiden Störungen ent−

spricht und Psychopharmakotherapie und Psychotherapie kom−

biniert, wird favorisiert und ± vielfach kritisiert.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer äußerte

2005, dass die Besorgnis über die Zunahme der Verordnung von

Stimulanzien (hier Methylphenidat) unbegründet und eher Aus−

druck einer Unterversorgung mit Medikamenten gewesen sei.

Kritikpunkte sind, dass 1. die Diagnose ADHS zu häufig gestellt,

bzw. die Krankheit als solche gar nicht vorhanden sei, sondern

als Erklärung für ein vielfaches Versagen der Umwelt oder der

Personen selbst herhalten müsse, 2. die Diagnose die Betroffe−

nen bezüglich ihrer psychosozialen Probleme in Passivität ver−

harren lasse und 3. die Therapie mit Stimulanzien viel zu häufig

erfolge, bzw. falsch sei.

Diagnosestellung

Die Diagnose ADHS ist eine klinische Diagnose, kein Test (biolo−

gische Marker, neuropsychologische Testbatterien oder funktio−

nelle Bildgebung) kann die exakte klinische Untersuchung erset−

zen. Die Diagnostik ist aufwändig und zeitintensiv, die Sympto−

me müssen in ihrer Zeitstabilität erfasst werden, eine Fremd−

anamnese erhoben und weitere Erkrankungen, die die Sympto−

me erklären könnten, ausgeschlossen werden. ADHS ist eine

Ausschlussdiagnose.

Nur exaktes Arbeiten von Medizinern kann davor schützen,

Fehldiagnosen zu stellen und den Betroffenen Therapien vorzu−

enthalten. Erfahrungsberichte von Patienten zeigen, dass die Di−

agnosestellung ihnen einen Kontext gab, Emotionen und Hand−

lungen zu verstehen, aber auch ihre Ressourcen zu nutzen. Pa−

tienten berichten, dass sie ihre Kindheit so in Erinnerung haben,

dass, was immer sie auch getan haben, nie gut genug war. Sie

mussten sich immer anstrengen, Dinge anders machen, nur

wie, habe ihnen keiner gesagt.

Das National Institute of Mental Health stimmte 1998 in einem

Consensus Statement zu, dass verschiedene klinische Modelle

für ADHS existieren und substanzielle Evidenz für die Validität

der Störung bestehe und betont die negativen Langzeitfolgen,

die aus nicht oder fehlender Diagnosestellung und Behandlung

resultierten [7].

Psychosoziale Beeinträchtigung

Stellvertretend für diese Thematik soll der bisher wenig unter−

suchte Bereich der Elternschaft bei Erwachsenen mit ADHS dis−

kutiert werden. ADHS−Mütter werden als weniger konsistent

und ungeduldiger in ihrem Erziehungsverhalten beschrieben. In

einer Studie von McGough, der Eltern von Kindern, die ADHS

hatten (n = 152) und Eltern ohne ADHS (n = 283) untersuchte,

zeigten sich bei den ADHS−Eltern mehr Substanzabhängigkeiten,

depressive Störungen und Angststörungen, auch fand sich ein

früherer Beginn der Depression. Diese Komorbidität, so interpre−

tiert der Autor seine Ergebnisse, zeige nicht nur persönliches Lei−

den und Fehlanpassung der Betroffenen, reflektiert durch nied−

rigen Bildungsstand und geringen beruflichen Erfolg, sondern

zeige auch den Einfluss auf die Familien, die durch die elterliche

Psychopathologie belastet sind. Mc Gough spricht hier von

ADHS als ¹family affair“ [8]. Dies ist ein weiteres Argument für

die ADHS−Diagnosestellung, denn Information und Beratung

entlasten und Prävention kann helfen, anders mit den psychoso−

zialen Problemen umzugehen.

Therapie

Kritisiert wird die Medikalisierung von abweichenden Verhal−

tensweisen. Die Therapie mit Stimulanzien begünstige eine spä−

tere Drogenabhängigkeit.

Wie oben dargestellt, ist die exakte Diagnosestellung die Voraus−

setzung dafür, um mit dem Patienten im Sinne eines ¹shared de−

cision making“ Therapieoptionen zu besprechen, u. a., ab wann

behandelt werden soll und ob der Patient Stimulanzien einneh−

men möchte. Evidenz für die Wirksamkeit von Methylphenidat

bei Erwachsenen mit ADHS liegt vor [9], Studien konnten auch

belegen, dass durch Methylphenidat keine Abhängigkeit indu−

ziert wird, eine frühe Behandlung zeigte eine protektive Wir−

kung bezüglich Drogenkonsum bei Jugendlichen und jungen Er−

wachsenen [10]. In der Behandlung sollten auch Psychothera−

pien eine Rolle spielen. Allerdings liegen bisher nur wenige Stu−

dien zur Wirksamkeit von Psychotherapie vor. Die Freiburger

ADHS−Arbeitsgruppe hat ein Manual für eine spezifische Grup−

pentherapie entwickelt und in einem kontrollierten klinischen

Versuch an 76 Patienten mit guten Ergebnissen in Bezug auf die

ADHS−Symptomatik durchgeführt [11].

Fazit

Die Diagnosestellung bei Erwachsenen mit ADHS ist notwendig

und wichtig, weil die Störung im Erwachsenenalter nach vorlie−

genden Studien häufig ist und mit vielfältigen psychosozialen

Beeinträchtigungen einhergeht, die in ätiologischem Zusam−

Pro und Kontra ¼ Psychiat Prax 2007; 34: 4 ± 6

menhang mit verschiedenen Vulnerabilitätsfaktoren zu sehen

sind. Therapieziele sind Selbstmanagement und Selbstkontrolle

der ADHS−Symptome. Nur durch die Diagnosestellung kann dem

Betroffenen die Möglichkeit zur Auseinandersetzung und Verän−

derung seiner Erfahrungswelt gegeben werden. Entscheidend

für neue Lernprozesse ist, dass alternative Erfahrungen gemacht

werden, unabhängig davon, wie (durch Medikamente, Psycho−

therapie oder beides) diese gemacht werden. Mit der Diagnose

kann der Patient sich viele Voraussetzungen schaffen, positive

Erfahrungen zu machen, Ressourcen zu aktivieren. Und wir als

Behandler sollten die Perspektivenvielfalt der ADHS−Störung

kennen und die Bereitschaft haben, uns mit dem eigenen Han−

deln auseinanderzusetzen.

Eine Krankheit? Keine Krankheit? Die Auseinandersetzung um

diese Frage ist in Gang und polarisiert. Aber was sagen die be−

troffenen Erwachsenen? Ein kürzlich veröffentlichtes Editorial

im American Journal of Psychiatry plädiert dafür, die Wünsche

des Patienten wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Wir

messen und messen und vergessen, die Patienten zu fragen:

Wie fühlen Sie sich? Dies als Aufforderung für uns alle [12]. Die

gute Nachricht aus den verfügbaren Studien zum Thema ADHS

ist die, dass ADHS behandelbar ist. Die ADHS−Forschung ist sehr

aktiv. Wir wissen zunehmend mehr über die biologische Basis,

beteiligte Gehirnstrukturen und bedeutsame Umwelteinflüsse,

Gen−Umwelt−Interaktionen sind wahrscheinlich. Und je mehr

wir wissen, umso genauer wird die Diagnostik und umso wir−

kungsvoller die Behandlung.

Literatur

1 Watzlawick P. ¹Wie wirklich ist die Wirklichkeit“. München: Piper,

1976: 84

2 Schubert I, Lehmkuhl G, Spengler A et al. Methylphenidat bei hyperki−

netischen Störungen. Verordnungen in den 90er−Jahren. Dtsch Ärztebl

2001; 98: A 541± 544

3 Biederman J. Attention−deficit/hyperactivity disorder: A selective

overview. Biol Psychiatry 2005; 57: 1215± 1220

4 Kessler RC, Adler L, Barkley R, Biederman J, Conners CK, Demler O, Farao−

ne SV, Greenhill LL, Howes MJ, Seenik K, Spencer T, Ustun TB, Walters EE,

Zaslavsky AM. The Prevalence and Correlates of Adult ADHD in the

United States: Results From the National Comorbidity Survey Replica−

tion. Am J Psychiatry 2006; 163 (4): 716± 723

5 Sobanski E, Alm B. Aufmerksamkeitsdefizit−/Hyperaktivitätsstörung

(ADHS) bei Erwachsenen. Nervenarzt 2004; 75: 697 ± 715

6 Ebert D, Krause J, Roth−Sackheimer C. ADHS im Erwachsenenalter ±

Leitlinien auf der Basis eines Expertenkonsens mit Unterstützung

der DGPPN. Nervenarzt 2003; 10: 939 ± 946

7 Diagnosis and Treatment of Attention Deficit Hyperactivity Disorder.

NIH Consens Statement 1998; 16 (2): 1± 37

8 McGough JJ, Smalley SL, McCracken JT, May Yang MS, Del’Homme M,

Lynn DE, Loo S. Psychiatric comorbidity in adult attention deficit hy−

peractivity disorder: findings from muliplex families. Am J Psychiatry

2005; 162: 1621 ± 1627

9 Faraone SV, Spencer T, Aleardi M, Pagano C, Biederman J. Meta−analysis

of methylphenidate for treating adult attention−deficit/hyperactivity

disorder. J Clin Psychopharmacol 2004; 24: 24± 29

10 Wilens TE, Faraone SV, Biederman J, Gunawardene S. Does stimulant

therapie of attention−deficit/hyperactivity disorder beget later sub−

stance abuse? A meta−analytic review of the literature. Pediatrics

2003; 111: 179 ± 185

11 Hesslinger B, Philipsen A, Richter H, Ebert D. Psychotherapie der Auf−

merksamkeitsdefizit−/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachse−

nenalter. Ein Arbeitsbuch. Göttingen: Hogrefe, 2004

12 Gabbard GO, Freedman R. Psychotherapy in the journal: What’s mis−

sing? Am J Psychiatry 2006; 163: 182 ± 184

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (Seite 3/7)

Kritik am Störungsbild ADHS

Erkrankung und Diagnose werden häufig bezweifelt

Kreidetafel mit ADHS und Fragezeichen

© HNFOTO / stock.adobe.com

Die ADHS ist als psychische Störung und klinische Diagnose weltweit anerkannt und gehört zu den am häufigsten diagnostizierten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Doch über wenige Krankheiten wird so heftig diskutiert. Für die einen ist klar, dass mit Symptomen wie Aufmerksamkeitsstörung oder einem zu starken Bewegungsdrang die Störung diagnostizierbar ist. Andere gehen so weit, dass sie bezweifeln, ob es diese Störung wirklich gibt und die Betroffenen nicht einfach sehr lebhaft sind. Denn die Ursachen der Störung seien noch nicht definitiv geklärt.

„Die öffentliche Diskussion um die Diagnose ‚ADHS‘ und die Verschreibung von Medikamenten ist oft stark von persönlichen oder ideologischen Interessen getrieben. Wichtig ist deshalb, die Diskussion zu versachlichen – und vor allem zu schauen, was für das Kind und sein Umfeld am hilfreichsten ist.“

( Dr. Adam Alfred, Kinder- und Jugendpsychiater am ADHS-Zentrum München)

Erster Kritikpunkt:

Gibt es die Störung ADHS überhaupt? Sind nicht manche Kinder einfach besonders lebhaft, aktiv, impulsiv oder leicht ablenkbar? Besteht nicht die Gefahr, dass solche Kinder zu schnell als krank und behandlungsbedürftig abgestempelt würden?

Stellungnahme von Experten: "Es stimmt, dass es besonders lebhafte oder leicht ablenkbare Kinder gibt. Ob tatsächlich eine Erkrankung vorliegt, wird mithilfe festgelegter Kriterien von einem Facharzt festgestellt. Ein entscheidendes Kriterium für die Diagnose ADHS ist, dass das Kind und seine Familie stark unter den Symptomen leiden und dass es durch die Symptome zu Einschränkungen kommt, etwa im schulischen Bereich, die sich auch negativ auf die Zukunft des Kindes auswirken können.

Wenn das Kind selbst mit seinen Besonderheiten zurechtkommt – also in der Schule mitkommt, Freunde hat und es keine starken Konflikte mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen gibt – ist nicht unbedingt eine Behandlung notwendig.

Oft haben die Kinder aber große Probleme in der Schule, haben keine Freunde, und es gibt häufig Konflikte und Streitereien in der Familie. Dann ist eine Behandlung auf jeden Fall sinnvoll. Durch eine sorgfältige Diagnosestellung können im Anschluss passende Behandlungsmaßnahmen eingeleitet werden."

Zweiter Kritikpunkt:

Kann man eine ADHS denn überhaupt sicher diagnostizieren? Die Grenze zwischen normal und krank ist ja fließend und nicht eindeutig festgelegt.

Stellungnahme von Experten: „Tatsächlich ist ADHS ein mehrdimensionales Störungsbild, das heißt, es gibt keine eindeutige Grenze zwischen normal und krank. Allerdings gibt es klare Kriterien für die Diagnosestellung. Wichtig ist deshalb wiederum eine sorgfältige Diagnostik, die von einem ADHS-Experten durchgeführt wird.“

Dritter Kritikpunkt:

Wie kann man sichergehen, dass ADHS keine Fehldiagnose ist?

Oft kommen die Kinder ja zum Kinder- und Jugendpsychiater, weil die Eltern oder Lehrer schon vermuten, dass eine ADHS vorliegt. Aber vielleicht steckt hinter den Symptomen wie Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität auch eine andere psychische Problematik? Oder sie sind in Wirklichkeit Ausdruck emotionaler Belastungen, die durch Probleme in der Familie oder Schule oder durch Erziehungsfehler entstehen?

Stellungnahme von Experten: "Auch hier ist eine umfassende Diagnostik wichtig. Sie kann klären, ob wirklich eine ADHS vorliegt, ob hinter den Symptomen eine andere Störung steckt – zum Beispiel eine Entwicklungsverzögerung oder eine emotionale Störung – oder ob äußere Faktoren für die Symptome wie Unaufmerksamkeit oder unruhiges Verhalten verantwortlich sind.

Wenn die Diagnose nicht von einem Spezialisten für ADHS gestellt wurde und wenn Sie den Eindruck haben, dass der Behandler relativ schnell und ohne umfassende Informationen über den Betroffenen zu der Diagnose gekommen ist, könnte eine falsche Diagnose vorliegen.

Wenn tatsächlich eine ADHS besteht, können Belastungen in der Familie oder Schule die Symptome verstärken. Deshalb geht es in der Therapie auch darum, solche Belastungen zu verringern. Das allein reicht aber dann nicht aus, um die Symptome dauerhaft zu verbessern"

Vierter Kritikpunkt:

ADHS ist nur eine Erfindung unserer Gesellschaft. Die Symptome kommen vor allem durch veränderte gesellschaftliche Bedingungen zustande, zum Beispiel durch eine ständige Reizüberflutung oder zu hohe Anforderungen und starken Druck in der Schule.
Außerdem ist unsere Gesellschaft wenig tolerant gegenüber Kindern, die unangepasst zu sein scheinen. Es wird zu Unrecht erwartet, dass Kinder immer brav und ruhig sein sollten.

Stellungnahme von Experten: "Die Symptome der ADHS wurden schon vor etwa 200 Jahren beschrieben. Ob es heute tatsächlich häufiger auftritt, lässt sich schwer sagen. Es stimmt aber, dass die Anforderungen an Aufmerksamkeit und Konzentration in der Schule und im Berufsleben deutlich zugenommen haben. Dadurch tritt das Problem ADHS heute möglicherweise mehr zutage.

Deshalb ist es auf jeden Fall sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, was man in der Umwelt verändern könnte, damit ADHS bzw. ADHS-Symptome weniger stark auftreten.

Ein wichtiger Aspekt ist, Hektik und Reizüberflutung zu reduzieren. Dazu sollte auch auf einen geringeren Fernseh- und Internetkonsum geachtet werden. Sinnvoll wären sicher auch kleinere Schulklassen, in denen individuell auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder eingegangen werden kann und Kindern so das Lernen mehr Spaß machen würde.

Es stimmt, dass es mehr Toleranz gegenüber wilden oder sehr aktiven Kindern geben sollte. Auch die Eltern und Erzieher sollten aufgeklärt und ihre Erwartungen verändert werden. Das gilt vor allem in Bezug auf jüngere Kinder."

Deutsches Ärzteblatt PP

Ausgabe 6/2012

Referiert

ADHS: Zu häufig diagnostiziert

  • MS

· Dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (AHDS) wird seitens Experten, Öffentlichkeit, Presse und Medien große Aufmerksamkeit gewidmet. Nicht selten wird dabei ADHS als „Modediagnose“ tituliert. Zudem steht ADHS im Verdacht, zu häufig diagnostiziert und medikamentös behandelt zu werden. Dass dies den Tatsachen entspricht, konnten jetzt die Psychologen Dr. Katrin Bruchmüller von der Universität Basel sowie Prof. Dr. Silvia Schneider und Prof. Dr. Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum nachweisen.

· Sie legten 473 deutschen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiatern vier unterschiedliche Fallgeschichten mit Patienten im Kindesalter vor und baten sie, eine Diagnose zu stellen und eine Therapie vorschlagen. In drei der vier Fallgeschichten lag anhand der geschilderten Symptome und Umstände kein ADHS vor, nur ein Fall war mit Hilfe der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als ADHS diagnostizierbar.

· 16,7 Prozent der Therapeuten vergaben eine ADHS-Diagnose bei den Fallgeschichten, in denen kein ADHS vorlag. Dies werteten die Autoren als Überdiagnostizierung von ADHS. Darüber hinaus wurden für Jungen signifikant mehr ADHS-Diagnosen vergeben als für Mädchen, insbesondere in den Fallgeschichten, in denen kein ADHS vorlag. Dies bestätigt nach Meinung der Autoren den Verdacht, dass bei Jungen vorschnell und zu häufig ADHS diagnostiziert wird. Männliche Therapeuten diagnostizierten signifikant häufiger ein ADHS als weibliche Therapeuten. In den Fallgeschichten, in denen kein ADHS vorlag, empfahlen Therapeuten, die trotzdem ADHS diagnostiziert hatten, signifikant häufiger eine medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung als Therapeuten, die keine ADHS-Diagnose vergeben hatten. Die Studie zeigt, dass ADHS in vielen Fällen auch dann diagnostiziert wird, wenn die Diagnosekriterien nicht erfüllt sind. Als Ursache vermuten die Autoren, dass Therapeuten häufig einem heuristischen Vorgehen folgen und dadurch für Denk- und Wahrnehmungsfehler anfällig sind, statt systematisch die geforderten ICD-Kriterien abzuklären. Daneben ist zu vermuten, dass Therapeuten dazu neigen, die Diagnose „ADHS“ zu stellen, um die Patienten und ihre Familien zu entlasten.

· Um solche Fehldiagnosen zu vermeiden, sollten sich Therapeuten generell bewusst sein, dass die Anwendung von Heuristiken problematisch ist, und sich daher nicht auf ihre Intuition verlassen, sondern sich an den diagnostischen Kriterien orientieren, sich entsprechend schulen lassen und standardisierte Befragungsinstrumente einsetzen. ms

· Bruchmüller K, Schneider S: Fehldiagnose Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom? Empirische Befunde zur Frage der Überdiagnostizierung. Psychotherapeut 2012, DOI: 10.1007/s00278–011–0883–7
Bruchmüller K, Margraf J, Schneider S: Is ADHD diagnosed in accord with diagnostic criteria? Overdiagnosis and influence of client gender on diagnosis. Journal of Consulting and Clinical Psychology 2012, DOI: 10.1037/a0026582
Prof. Dr. Silvia Schneider, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Psychologie, Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, GAFO 02/921, 44780 Bochum, E-Mail: silvia.schneider @rub.de

Formal juristisch falsch es fehlt das Konkrete Vereinbaren beim Vertragsschluss ein allgemeiner Hinweise zu den AGBs ist unzulässig und ungültig!!! Zitat: Überraschende Klauseln in Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) sind Bestimmungen, mit denen der Vertragspartner nach den Umständen, insbesondere dem äußeren Erscheinungsbild des Vertrags, nicht zu rechnen braucht. Diese Klauseln werden nicht Vertragsbestandteil. Gesetzliche Grundlage: § 305c BGB

Besonderer Hinweis bei überraschenden Klauseln
Um die Wirksamkeit einer ungewöhnlichen oder überraschenden Klausel sicherzustellen, reicht ein bloßer Verweis auf die AGB nicht aus.

  • Ausdrücklicher Hinweis: Der Verwender muss den Vertragspartner explizit und deutlich auf die überraschende Klausel hinweisen.

Da das versäumt wurde verlange ich ausdrücklich ein Löschen meines Accounts!

Zusammenfassung (sehr lang)

ren, weniger auffälligen Kindern impliziert wird.

Beschreibungen der Kinder als extrem anstrengend, extrem schwierig,

oder unerträglich machen deutlich, dass die Unterscheidung vor allem

über das Empfinden der Eltern oder des Umfelds getroffen wird. Auch

diese Attribute beschreiben das Verhalten der Kinder nicht explizit, son-

dern indirekt über negative Empfindungen, die durch das Verhalten der

Kinder bei beteiligten Personen ausgelöst werden. Es ist das Umfeld, das

das Verhalten der Kinder als anstrengend, schwierig oder auch angster-

regend, z. B. als tickende Zeitbombe und in anderen Metaphern des Kam-

pfes beschreibt. Auch eine Nomination wie Sorgenkind referiert auf das

Empfinden der Eltern oder des Umfelds dem Kind gegenüber (nicht das

Kind selbst ist besorgt, sondern die Eltern haben Sorgen um ihr Kind).

106

Auch erweist es sich als eine Strategie des Diskurses, eine Dichotomie

zwischen ›Normalität‹ und ›Anderssein‹, zwischen ›normalem‹ und ›prob-

lematischem‹ Verhalten herzustellen, so etwa bei dem Wunsch, ein nor-

males Leben führen zu können, ein Wunsch, der implizit eine soziale

Norm des angemessenen Lebens transportiert, der sich durch das prob-

lematische Verhalten des Kindes nicht realisieren kann.

Sobald die Beschreibungen konkret werden, dominiert das Thema

›Aggression‹ sowie der Aspekt des Unbeherrschbaren, der in mechanisti-

schen Metaphern wie ausrasten, ausflippen, durchdrehen, austicken aus-

gedrückt wird, die nahelegen, eine Funktionsstörung mit technischen

Mitteln zu beheben und insofern für eine medikamentöse bzw. eventuell

auch für eine verhaltenstherapeutische Behandlung der Kinder sprechen.

Im ›medikamentösen Diskurs‹ werden Kinder dann dementsprechend zu

Objekten, die umgestellt oder angeschubst werden müssen.

Verbale Aggressionen wie schreien, brüllen, beschimpfen und beleidi-

gen werden häufig als problematisch beschrieben, sowie physische Ge-

waltformen wie knuffen, schubsen, boxen oder hauen. Zudem werden

häufig Wutanfälle oder Wutausbrüche als äußerst problematisch thema-

tisiert: »Das hat ihn soooooooooo geärgert, dass er raus sollte, so dass er

mir meine Küchentür (Hartplastik) mit einem Tritt kaputt machte und

wie wild schrie, habe so einen starken Wutausbruch noch nie erlebt«.

Aggressives Verhalten wird weitaus am häufigsten beschrieben. Ne-

ben Beschreibungen von offener, d. h. nach außen gerichteter physischer

und verbaler Aggression finden sich, wenn auch deutlich seltener, Dar-

stellungen von autoaggressiven Verhaltensweisen wie Schmerz und Ge-

waltanwendungen gegen den eigenen Körper, Suizidgedanken und Sui-

zidandrohungen: »Letztens sagte er, dass nach dem nächsten Papa-WE

nur noch 21 Kinder in der Klasse wären […] – weil er sich dann vom

Burgfelsen stürzen würde«.

Auch unruhiges Verhalten wird häufig genannt und negativ bewertet.

Kindern werden mit Attributen wie unruhig, hibbelig, zappelig und wild

charakterisiert. Auch metaphorische Bezeichnungen wie Wirbelwind

evozieren Bilder der Unruhe. Kinder könnten nicht still sitzen, wären von

innerer Unruhe getrieben, zu laut oder würden zu viel reden. Deutlich

P&G 2/14 107Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko

wird dabei v. a. auch der elterliche Wunsch nach Ruhe: »Wenigstens fünf

Minuten Ruhe« ohne Lärm und lebhaftes Treiben der Kinder.

Seltener wird hypoaktiv-verträumt-trödelndes Verhalten als proble-

matisch genannt, dies dann, wenn es der Erfüllung von Aufgaben im

Wege steht, die von außen, v. a. vom Schulsystem, an das Familiensystem

herangetragen werden, wenn also Eltern durch das Verhalten ihrer Kin-

der wiederum selbst Gefahr laufen, gesellschaftlich erwartete Rollenbil-

der und Anforderungen nicht erfüllen zu können. Wenn das Erledigen

bestimmter Aufgaben, wie Anziehen, Frühstücken, das Einnehmen der

Medikation, gefordert und von Kindern zu langsam, unselbständig und

nicht fokussiert durchgeführt wird. Wenn das Verhalten von geringer

aktiver Partizipation am Umfeld gezeichnet und das primäre Augenmerk

nicht auf das Erfüllen der vorgegebenen Aufgaben gerichtet ist. Die Prob-

lematik liegt in jedem Fall bei den Eltern und nicht bei den Kindern.

Ähnlich weisen Beschreibungen des kindlichen Verhaltens als unge-

horsam auf eine Delegitimierung eines hierarchischen Eltern-Kind-Ver-

hältnisses hin. Kinder würden etwa nicht auf ihre Eltern hören und sich

den Aufforderungen der Erwachsenen durch Passivität, Aggression oder

aktive Unmutsäußerungen wie bocken, trotzen, schmollen, maulen, mot-

zen oder diskutieren entziehen. Eltern sehen sich durch den Ungehorsam

ihrer Kinder, durch deren Aufbegehren den elterlichen Anweisungen und

Regeln zuwider, mit dem Problem konfrontiert, gesellschaftlichen Norm-

vorstellungen von elterlicher Autorität nicht genügen zu können und

geraten unter Druck. Das problematische Verhalten der Kinder verweist

also sehr stark auf Verhaltensnormen, die an die Eltern gerichtet sind. Es

untergräbt die gesellschaftliche Erwartung an diese, ein Autoritätsver-

hältnis stabilisieren zu können. Statt jedoch die gesellschaftlichen Erwar-

tungen und Bedingungen zu thematisieren und das eigene Rollenbild

dahingehend zu hinterfragen, wird das Verhalten der Kinder zum Prob-

lem erklärt.

Eine analoge Dynamik ergibt und versteilt sich im Schulkontext; denn

in ähnlicher Weise wird von den ADHS-Kindern auch die Autorität von

Lehrpersonen untergraben. Folglich sind nicht Aggressionen per se

Hauptthema der schulspezifischen Problemschilderungen, sondern Ver-

108

P&G 2/14Warum akzeptieren Eltern so bereitwillig die Diagnose ADHS

haltensweisen, die den Anforderungen des konventionellen Unterrichts

entgegenlaufen: nicht still sitzen zu können, andere zu stören, oder aber

auch sich nicht zu beteiligen bzw. sich nicht auf die vorgegebene Aufgabe

konzentrieren zu können (wobei der Begriff Konzentration in den Pos-

tings eng mit spezifischen Lernanforderungen des autoritären und auf

das abstrahierende Denken fokussierten Bildungssystems verknüpft ist).

Die Kinder verhalten sich also den schulischen Vorgaben und Regeln

zuwider und erfüllen den Leistungs- bzw. Lernanspruch nicht oder nur

ungenügend, was von Lehrpersonen entsprechend problematisiert und

sanktioniert wird. Dies zeigt sich in geschilderten Maßnahmen wie Stra-

fen, Verboten, Drohungen bis hin zum generellen Ausschluss aus der

Schule, vor allem jedoch in schlechten Leistungsbeurteilungen. Diese wie-

derum haben weitreichende Konsequenz für den weiteren Bildungsweg in

einem gegliederten Schulsystem wie in Österreich und Deutschland und

gerade deswegen einen so hohen Stellenwert für Eltern. Entsprechend

wird problematisiert, dass Kinder aufgrund mangelnder Leistungen das

Schuljahr wiederholen oder in eine andere Schulform wechseln müssen,

wobei Schulformen, wie folgendes Zitat einer Mutter veranschaulicht,

nicht als gleichwertig betrachtet werden: »Und rutschte von Gesamt-

schule über Realschule schließlich auf die Hauptschule ab«.

In diesem Kontext ist auch zu beachten, dass von der Schule Verfah-

ren zur Ermittlung sonderpädagogischen Förderbedarfs eingeleitet wer-

den können: »Heute kam Junior aus der Schule mit einem Brief, in dem

geschrieben stand, es wurde ein Antrag auf Prüfung zum sonderpädago-

gischen Förderbedarf gestellt«. Indem die Schule eine derartige diagnosti-

sche Abklärung von (Lern)›Behinderungen‹ der Kinder ansetzen kann,

wird sie gleichsam zu einer Vorfeldorganisation des ADHS-›Manage-

ments‹. In einigen wenigen Fällen ist dieses von der Schule forcierte An-

docken an den HelferInnendiskurs und die damit in Aussicht gestellte

Betreuungszeit für die Eltern entlastend. Zumeist aber sind die Eltern

über dieses Vorgehen der Schule verärgert bzw. verwundert. Sonderpä-

dagogischer Unterricht steht ja letztlich für Leistungsversagen und mitun-

ter für eine drohende Exklusion aus dem Regelschulsystem in Richtung

Sonderschule.

P&G 2/14 109Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko

Verzweifelt und erschöpft – Eltern in Erziehungsschuld

Nachdem es im Schulsystem strukturell nur begrenzt möglich und beab-

sichtigt ist, auf Bedürfnisunterschiede der Kinder einzugehen, bleibt als

Konsequenz, Kinder den schulischen Regeln anzupassen. Sind die Erzie-

hungs- bzw. Disziplinarmethoden der Schule erfolglos, wird das Problem

an die Eltern herangetragen. In den Forumspostings berichten Eltern

häufig davon, dass Lehrpersonen das Gespräch mit ihnen als Erzie-

hungsberechtigte suchen, um sie über die Schulprobleme ihrer Kinder zu

informieren. Sie erfahren so einerseits, dass das Verhalten ihrer Kinder

im schulischen Kontext als Problem wahrgenommen wird, und anderer-

seits direkt oder indirekt, dass sie als verantwortliche Personen für eine

Veränderung zuständig und verantwortlich sind. Ihnen obliegt es, im

familiären Umfeld so für die ›richtige‹ Erziehung der Kinder Sorge zu

tragen, dass es im schulischen Bereich zu keinen Störungen kommt. Es

geht hier nicht um Bedürfnisse der Kinder, sondern um Anpassung an

gesellschaftliche (Bildungs)Normen. Der Elterndiskurs über ADHS zeigt

sich ausgesprochen systemtreu. Gesellschaftliche Bedingungen und An-

forderungen werden nicht in Frage gestellt, sondern Eltern versuchen im

Gegenteil, trotz oder gerade wegen ihrer rebellierenden Kinder, dem

System mit größter Anstrengung zu entsprechen und das verlangte Funk-

tionieren der Kinder mit systemkonformen Erziehungsverhalten zu er-

wirken. Sie schildern Methoden wie beispielsweise Verstärkerpläne und

Belohnungssysteme, mit denen sie ihre Kinder zu erziehen versuchen und

fordern mit großem Engagement und Energie die Erfüllung schulischer

Anforderungen von ihren Kindern ein.

Es fällt auf, dass Kinder im familiären Kontext im Grunde denselben

Erwartungen entsprechen müssen wie im schulischen Kontext. Es gilt die

Autorität der Erwachsenen anzuerkennen und die verlangten Aufforde-

rungen, Regeln und Tätigkeiten, unabhängig von persönlichen Interessen

und Motivationen, in einer gewissen Zeit zu erledigen. Kinder sollen sich

ruhig, aber gleichzeitig aktiv mit den von ihnen erwarteten Aufgaben

beschäftigen. Selbstdiszipliniertes Verhalten wird erwartet. Individuelle

Bedürfnisse spielen eine untergeordnete Rolle, die Systemanforderungen

110

stehen im Vordergrund. Kinder sehen sich also nicht nur in der Schule,

sondern auch in der Familie mit der Problematik konfrontiert, dass ihre

Bedürfnisse nicht wahrgenommen, sondern im Gegenteil problematisiert

werden. Denn Eltern im Diskurs über ADHS sehen das Verhalten ihrer

Kinder nicht im Kontext situativer Gegebenheiten begründet und dem-

entsprechend sinnhaft, sondern deuten das Verhalten ihrer Kinder sys-

temkonform als anders, auffällig, nicht der Norm entsprechend und

daher problematisch. Diesem Unverständnis und Anforderungsdruck be-

gegnen die Kinder wiederum mit Aggressionen und Unruhe bzw. mit

Passivität.

Die Eltern können diesen sich selbst verstärkenden Mechanismus

nicht thematisieren. Für sie sind die Schwierigkeiten im familiären und

schulischen Umfeld einfach belastend. Zahlreiche Beiträge thematisieren

Gefühle der Verzweiflung, Erschöpfung und Überforderung auf Seiten der

Eltern: »Ich bin langsam mit meiner Kraft am Ende … komme mir

manchmal echt ausgeliefert vor und könnte nur los heulen!!!«. In diesem

Zusammenhang werden auch Selbstvorwürfe geäußert: »ich habe schon

das Gefühl, dass ich eine schlechte Mutter bin, ich kann einfach nicht

mehr«. Der gesellschaftlich zugeschriebenen Erziehungsverantwortung

nicht gerecht werden zu können, führt zu großer Verzweiflung: »Sitze

hier schon den ganzen Morgen und überlege was mache ich falsch, was

kann ich anders machen. […] Warum klappt es bei anderen und bei mir

nicht. […] die Angst zu versagen die ist groß«. Derart in einen Schuld-

diskurs verwoben, macht es für Eltern Sinn, die Problematik einseitig im

Kind zu verorten.

Das biomedizinische Deutungsangebot und seine Verspre-

chungen

Die kindliche Verweigerung der Konzentration bzw. andere Formen der

Verweigerung, wie sie in die ADHS-Diagnose einfließen, bedeuten eine

Verweigerung der Selbstdisziplinierung unter den Vorgaben der herr-

schenden gesellschaftlichen Bedingungen. Dies bildet sich in Alltagsdis-

kursen (wie dem untersuchten) nicht ab, lösen jene doch die Schuld- bzw.

P&G 2/14 111Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko

Verursachungsfrage immer auf die Seite der Einzelindividuen oder der

Familien hin auf. Der medizinisch-psychiatrische Diskurs stellt an dieser

Stelle ein Deutungsangebot für die verzweifelten Eltern bereit – ADHS –

,

das diese nicht ausschlagen können. Erstens wird das Geschehen über-

haupt benennbar. Zweitens unterstützt es das medizinische Krankheits-

konzept, die Problematik im Kind zu verorten und somit zu containen.

Wenn einmal das Verhalten des Kindes als Störung benannt ist, eröffnet

sich drittens eine Palette von Hilfs- und Förderangeboten. Es darf also

nicht verwundern, dass vom System zur Verzweiflung gebrachte Eltern

nach dem Lösungsangebot des Systems greifen und damit endgültig von

der Paradoxie des Systems verschluckt werden. Die bevorzugten Lö-

sungsangebote dabei sind die bio-medizinischen Diskurse, die die Eltern

in spezifischer Weise entlasten und zu einer psychosozialen ›Entschul-

dung‹ führen, wird doch die Ursache der Probleme im Kind selbst, d. h.

in primär somatischen Prozessen verortet, und soziale oder psychologi-

sche Bedingungen weitgehend ausgeblendet. Wohl nicht zuletzt daher

werden ADHS-kritische Positionen, die ja auch innerhalb des medizi-

nisch-psychotherapeutischen Feldes artikuliert werden, so gut wie nicht

aufgegriffen. Die Verweigerung einer ADHS-Diagnose durch den Psychi-

ater oder Therapeuten führt vielmehr in aller Regel dazu, dass dessen

Kompetenz bezweifelt wird!

Einer biomedizinischen Ursachendeutung folgend gilt die Behandlung

der Kinder mit Psychopharmaka als zentrale Hilfsstrategie und wird

dementsprechend auch im Eltern-Diskurs über ADHS als gängige Be-

handlungsmethode geschildert. Häufig erhalten Kinder nicht nur ein

Medikament, sondern eine Kombination: »Er hat ADHS und bekommt

Concerta 18 mg und zusätzlich bei Bedarf 5 mg Ritalin«. Aber auch

diverse nicht-medikamentöse Therapieverfahren, allen voran Ergothera-

pie, werden als integraler Behandlungsteil diskursiviert. Den von den

Eltern geschilderten Therapieverfahren, medikamentösen wie nicht-medi-

kamentösen, gemeinsam ist die Orientierung daran, als defizitär oder

symptomatisch bezeichnete Verhaltensweisen an bestimmten Verhaltens-

ansprüche anzupassen. Auch bei den nicht-medikamentösen Therapie-

formen, die sich beispielsweise dem Training der Konzentration, der

112

sozialen Kompetenz, der Lese- und Rechtschreibfähigkeit etc. widmen,

wird der inhärente Bezug zu schulischen Verhaltensansprüchen und de-

ren Implikationen von Leistung und Wettbewerb deutlich.

Behandlungserfolge werden fast ausschließlich den pharmakologi-

schen Interventionen zugeschrieben. Darstellungen positiver Wirkeffekte

beziehen sich dabei vor allem auf Verbesserungen der Leistungen der

Kinder hinsichtlich ihrer Schulnoten bzw. schulischer Anforderungen:

Mein Sohn bekommt seit Mitte Dezember 2011 Medikinet. Auf

wundersame Weise (es ist unfassbar) bekommt er in der Schule

nur noch 1en oder 2en. Aus dem Förderunterricht für Kinder mit

Lernschwierigkeiten wird auf einmal Begabtenförderung. Zum

erstenmal in seiner Schullaufbahn (3. Klasse) kann er seine Leis-

tungsfähigkeit voll ausschöpfen.

Im Zusammenhang mit nicht-medikamentösen Interventionen werden

höchstens leichte Verbesserungen oder gar keine Wirkeffekte beschrie-

ben. Trotzdem werden nicht-medikamentöse Therapieverfahren von Eltern

mitunter konkret eingefordert. Dies ist nur vordergründig paradox. Medi-

kamente zeigen häufig nur ungenügende Wirkerfolge und/oder uner-

wünschte, teils gravierende Nebenwirkungen – kein Appetit und Durst,

Übelkeit, Bauchschmerzen, Wachstumsstörungen, Aggressionen, Schlaf-

losigkeit, Depressionen, Benommenheit, Müdigkeit, Ängste, Weinerlich-

keit, Tics, Schwindel, Kopfschmerzen schwankende Pulsfrequenz und

Herzstillstand werden im Diskurs geschildert. Häufig ist daher schon die

Entscheidung für Medikamente geprägt von der Angst vor Nebenwir-

kungen. Aufgrund der Unsicherheit des Behandlungsausgangs geht die

Entscheidung für Medikamente oft mit einem gewissen Schuldgefühl auf

Seiten der Eltern einher. Die Inanspruchnahme nicht-medikamentöser

Interventionen in Kombination, aber auch Medikamentenpausen, die

Verharmlosung von Medikamenten, aber auch die besondere Betonung

positiver Wirkeffekte, bieten hier möglicherweise eine gewisse Ent-

lastung.

Trotz der Sorge um Nebenwirkungen, der Sorge, Medikamente könn-

ten nachteilig für die Kinder sein, nehmen Eltern die Pharmakotherapie

P&G 2/14 113Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko

in Kauf. Sie halten sogar dann an einer medikamentösen Behandlung

fest, wenn ungenügende Wirkerfolge oder unerwünschte Nebenwirkun-

gen auftreten. Die dadurch erzeugte Verunsicherung kann in solchen

Fällen kompensiert werden. Eltern zeigen sich oft als regelrechte Co-

ExpertInnen des biomedizinischen Diskurswissens und beraten sich im

Rahmen des Internetforums gegenseitig. Ihre Kritik richtet sich zunächst

und zumeist gegen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte und nicht

gegen das Hilfsangebot an sich. Die Problematik zeigt sich erst dann,

wenn die medikamentöse Behandlung tatsächlich keine befriedigende

Hilfestellung bieten kann; wenn Kinder mit verschiedenen Medikamen-

ten in unterschiedlichen Dosierungen über einen längeren Zeitraum

behandelt werden und nur ungenügende Wirkeffekte eintreten und/oder

wenn Kinder aufgrund der Medikation unter gravierenden Nebenwir-

kungen leiden. Die Unsicherheitsbereiche der medikamentösen Behand-

lung werden hier so deutlich, dass die Überzeugungen der Eltern ins

Wanken geraten und damit die Deutungsmacht der medikamentösen

Behandlung zu schwinden beginnt. Eltern zeigen sich hier in ihren Dar-

stellungen mehr und mehr verunsichert und überfordert, beginnen

schlussendlich am Behandlungsmodell zu zweifeln oder wenden sich ganz

davon ab. Zudem werden an dieser Stelle wieder massiv Schuldgefühle

geäußert: »Ich bin total durcheinander, fühle mich schrecklich, dass ich

meinem Sohn das ›angetan‹ habe!«.

Der Druck der Schule auf die Eltern

Im Diskurs über ADHS zeigt sich jedenfalls, wie konkrete schulische und

weniger konkrete gesellschaftliche Anforderungen Eltern massiv unter

Druck bringen, ihrer Rolle nicht gerecht werden zu können, insofern sich

Elternsein über die Verantwortung für das Entsprechen der Kinder ge-

genüber gesellschaftlichen Anforderungen definiert, wie sie v. a. durch

die Institution Schule vermittelt werden. Diese spielt als zentrale Reprä-

sentantin gesellschaftlicher Wert- und Normvorstellungen und daher

auch als Produzentin gesellschaftlicher Anforderungen an Kinder eine

entscheidende Rolle. Im deutschsprachigen Raum, auf den sich die Ana-

114

lyse bezieht, müssen alle Kinder bis zu einem gewissen Alter das Schul-

system durchlaufen, Eltern haben für die Einhaltung der gesetzlich gere-

gelten Schulpflicht Sorge zu tragen, die Regeln des Schulsystems sind

schwer änderbar. Sind im Kontext der Familie noch Variationen des

regulierten Zusammenlebens möglich, dessen Gestaltung mehr oder

minder den Eltern obliegt, so zeigen sich im Kontext Schule gesetzlich

verankerte Strukturen, die relativ starre und homogene Vorgaben an

Kinder produzieren. Das verpflichtende Regelschulsystem stellt ein ge-

sellschaftliches Organ dar, das unabhängig von den Eltern Anforderun-

gen an Kinder richtet und dabei gleichzeitig zur Bewertungsinstanz der

Eltern wird. Denn entsprechen Kinder den geforderten Bildungserwar-

tungen nicht, impliziert dies ein ungenügendes Entsprechen der Eltern in

ihrer Rolle als Sorgetragende.

ADHS als Entlastung von der Schuldzuweisung

An dieser Stelle betreten die ExpertInnen, d. h. Psychiater und Psychiate-

rinnen die Bühne: Ihre Diagnosen führen oft zu Erleichterung und auch

Entschuldungen der Eltern, außerdem öffnen sie die Türen zu psychoso-

zialen Hilfsangeboten. Die professionelle Wahrnehmung durch das Me-

dizinsystem und die Bestätigung der Problematik durch die Diagnose

ADHS ist von Eltern daher erwünscht. Der Gang zum Experten oder zur

Expertin des Gesundheitswesens und die professionelle Begutachtung der

Kinder stellt eine fest verankerte Handlungsstrategie im Diskurs dar.

Wird die von Eltern vermutete Diagnose von ExpertInnen nicht bestätigt

oder verweigert, führt dies zu großer Enttäuschung. Abweichende Exper-

tInnenmeinungen werden von Eltern nicht aufgegriffen, sondern die

fachliche Kompetenz und Autorität der behandelnden Personen in Frage

gestellt. Vor allem von ExpertInnen geäußerte Kritik an der Erziehung

wird besonders negativ aufgefasst, impliziert sie doch wieder eine Schuld-

zuweisung. Eine Forumsteilnehmerin schildert etwa voller Unmut ein

Gespräch mit einem Therapeuten, das bei ihr den Eindruck hinterlässt

»dass er auch einer von der ›Sorte‹: man muss sein Kind nur erziehen,

ADHS ist Quatsch, ist«. Psychodynamische Erklärungsansätze werden

P&G 2/14 115Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko

von betroffenen Eltern mitunter massiv abgewehrt. Es werden biomedi-

zinische Erklärungen gefordert, auch wenn dies im Diskurs kaum explizit

thematisiert, sondern gewissermaßen unausgesprochen vorausgesetzt wird.

Eine Diagnose ist für Eltern im Diskurs über ADHS derart wichtig, dass

sie mitunter regelrecht darauf bestehen, sich gegenseitig zu beraten wie

dies zu bewerkstelligen sei und nach ExpertInnen suchen, die ihnen die

gewünschte Diagnose bescheinigen:

Am 19.06. haben wir einen Termin bei einem KJP [Kinder- und

Jugendpsychotherapeuten], der sich mit AD(H)S auskennt (Tipp

von der Autismustherapeutin unseres Jüngsten, die einen erwach-

senen ADHS-Sohn hat). Wenn der mir auch noch durch die Blume

sagt, wir sind ›nur‹ erziehungs- und/oder kommunikationsunfähig,

weiß ich nicht, was ich tun soll.

Die verzweifelte Suche von Eltern nach PsychiaterInnen in der Umge-

bung, von denen bekannt ist, dass sie bereitwillig die ADHS-Diagnose

vergeben, gehört zu den bedrückendsten bzw. eindringlichsten Passagen

des analysierten Diskurses. Mehrfach fragen die Eltern im Forum da-

nach, wie es anderen gelungen ist, eine ›Diagnose zu bekommen‹, d. h.

wie sie es geschafft haben, sich an den HelferInnendiskurs anzuschließen

(und darüber die Zuweisung eigenen Versagens, eigener Erziehungsunfä-

higkeit zu umschiffen).

Das medizinische System bietet den verzweifelten Eltern Anerken-

nung. Es liefert mit der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperak-

tivitätsstörung ein Deutungsangebot, mit dem sich die vorherrschende

Problematik über biomedizinische Ursachenzuschreibungen bei den

Kindern verorten lässt und Eltern von einer (Erziehungs)Schuld befreit.

Gesellschaftliche Rollenerwartungen und Verhaltensnormen, die Eltern

verzweifelt zu erreichen suchen, werden dabei nicht in Frage gestellt, in-

sofern das medizinische System diesen zuarbeitet und sich selbst in ihnen

konstituiert. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität bilden

die definitorischen Symptomklassen der ADHS-Diagnose, was im Um-

kehrschluss nichts anderes als die Erwartung impliziert, Kinder sollten

sich über einen längeren Zeitraum ausschließlich mit Aufgaben bzw.

116

Schularbeiten beschäftigen, diese möglichst fehlerfrei bzw. ordnungsge-

mäß erledigen und sich dabei diszipliniert und ruhig, aber nicht passiv

verhalten. Die ADHS-Diagnose repräsentiert damit Voraussetzungen für

die Teilnahme am spätkapitalistischen Leistungsbetrieb, die im Kontext

Schule und im Kontext Familie eingefordert werden. Diesem Norman-

spruch zuwiderlaufende Verhaltensweisen werden durch das Schulsystem

sanktioniert, im Familiensystem problematisiert und durch das Medizin-

system symptomatisiert. Hier wie da werden Kinder als problematische

Objekte betrachtet, deren Anpassung erwartet und forciert wird. Die

dem Diskurs über Erziehung wie dem Diskurs über Bildung inhärente

Unterscheidung in ›angepasst-normales‹ und ›unangepasst-problema-

tisches‹ Verhalten spiegelt sich in der ›gesund/krank-Logik‹ des biomedi-

zinisch-psychiatrischen Diskurses. Dieser liefert über ein Deutungsange-

bot, mit dem sich die Problematik einseitig im Kind verorten lässt. Über

physiologische Ursachenzuschreibungen und diesen Zuschreibungen

entsprechende Hilfsangebot, d. h. Medikamente, wird die Anpassung der

Kinder und damit letztlich ein Entsprechen der Eltern in Aussicht gestellt.

Das medizinische System bietet mit der ADHS-Diagnose also Unterstüt-

zung, ohne elterliches Verhalten oder gesellschaftliche Norm- und Wert-

vorstellungen in Frage zu stellen. Eltern, die ansonsten mit dem Vorwurf

der Erziehungsverfehlung konfrontiert sind und damit mit dem Vorwurf

des Versagens gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen (Lalouschek,

2005), können sich so aus einem Schulddiskurs befreien – um sich gleich

in einen neuen zu verstricken.

Von der Erziehungs- zur Gesundheitsverantwortung

Durch die ADHS-Diagnose werden Eltern in die moralische Pflicht ge-

nommen, ihre Kinder im Rahmen des medizinischen Systems behandeln

zu lassen – schließlich handelt es sich um ein medizinisches Störungsbild.

Sich gegen das biomedizinische Hilfsangebot zu entscheiden, würde

nachgerade eine Vorenthaltung medizinischer Hilfe bzw. ein Nichtwahr-

nehmen von Gesundheitsverantwortung bedeuten. Die biomedizinische

Deutungsstrategie verlässt den Schuldtopos also nicht, sondern verlagert

P&G 2/14 117Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko

ihn. Eltern werden dann nicht mehr für die Erziehung ihrer Kinder ver-

antwortlich gemacht, sondern stattdessen für deren Gesundheit und

damit für deren Behandlung. Die Eltern wissen aber gleichzeitig, dass die

Medikamente starke Nebenwirkungen haben können. Mit und ohne

Behandlung eröffnen sich hier also Optionen für Beschuldungen.

Wenn Medikamente tatsächlich die gewünschte Wirkung erzielen,

wenige Nebenwirkungen auftreten und Kinder sodann dem schulischen

Leistungsanspruch gerecht werden, kann all dies in den Hintergrund

treten. In diesem Fall wird die medizinische Deutung bestätigt, die Ge-

sundheitsverantwortung wahrgenommen und zudem der gesellschaftliche

Erziehungsanspruch erfüllt. Die Attraktivität dieses Szenarios macht

nachvollziehbar, warum das medikamentöse Hilfsangebot trotz der

Unsicherheit bezüglich der Nebenwirkungen einen derart großen Stel-

lenwert im Alltagsdiskurs über ADHS hat und Eltern auch bei Versagen

der Pharmakotherapie lange daran festhalten.

Resumé

Im Durchgang durch die Postings verdichtet sich jedenfalls das Gefühl

für die gesellschaftlichen Widersprüche, die sich hinter der Konjunktur

des ADHS-Phänomens verbergen. Das auffällige Verhalten der Kinder ist

Indiz für eine allgemeine Unruhestimmung und einen Anforderungs-

druck, dem die Kinder angesichts schwindender Eigenräume nur durch

aggressive Verweigerung oder durch passives Träumen entkommen;

beides untergräbt die Autorität von Eltern (vielleicht v. a. von solchen,

die sich die gesamtgesellschaftliche Unruhe nicht anmerken lassen wol-

len). Denn diese sind schließlich verantwortlich dafür, dass ihre Kinder

pünktlich und präsentabel und mit gemachten Hausübungen in der Schu-

le erscheinen (nicht zuletzt, um das Zeitregime der Eltern – ihren eigenen

Anforderungsdruck – nicht durcheinander zu bringen) etc. Das Problem

der Kinder ist also sofort das Problem der Eltern; der selbst verspürte

kulturelle Anforderungs- insbesondere Zeitdruck zwingt die Eltern zu

Handlungen, die sie eigentlich oft nicht setzen möchten – und treibt sie

dem pharmakologisch-biomedizinischen Diskurs über ADHS zu.

118

Die Diagnose ADHS erleichtert und entlastet die Eltern in aller Regel.

Sie steht für die Hoffnung auf Hilfe, für die Hoffnung, der Elternrolle

gerecht werden zu können. Sie verspricht das Entsprechenkönnen in

einem System, dessen Anforderungen zu Überforderung und Verzweif-

lung führen. Sie trägt und forciert in Leistungsideologie konstituierte

Verhaltensnormen und stabilisiert über die Anpassung der Kinder ent-

sprechende Gesellschaftsstrukturen. Mit dem Angebot der Diagnose

ADHS trägt das Medizinsystem dazu bei, diese Dynamik zu entpolitisie-

ren bzw. bestehende (Autoritäts)Verhältnisse zu konservieren. Sie liefert

ein Deutungsangebot, mit dem sich die Problematik über biomedizini-

sche Ursachenzuschreibungen bei den Kindern selbst verorten lässt und

Eltern damit von einer Erziehungsschuld befreit, sie anerkennt. Leidtra-

gende am System bleiben sie weiterhin – und ihre Kinder.

! Anmerkungen

1 http://www.adhs-anderswelt.de

! Literatur

Baumann, Zygmund (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Mo-

derne. Hamburg: Hamburger Edition.

Foucault, Michel (2001). Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main:

Fischer.

Foucault, Michel (2004). Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der

Biopolitik. Vorlesung am Collège des France 1978-1979. Frankfurt am Main:

Suhrkamp.

Foucault, Michel (2005). Subjekt und Macht. In Daniel Defert (Hrsg.), Schriften

in vier Bänden. 1980-1988. Band 4 (S. 269-293) Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Jäger, Siegfried (2009). Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Münster: Un-

rast-Verlag.

Keupp, Heiner (1979). Normalität und Abweichung. Fortsetzung einer not-

wendigen Kontroverse. München: Urban & Schwarzenberg.

Link, Jürgen (1997).Versuch über den Normalismus. Opladen: Westdeutscher

Verlag.

P&G 2/14 119Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko

Lalouschek, Johanna (2005). Inszenierte Medizin. Ärztliche Kommunikation,

Gesundheitsinformation und das Sprechen über Krankheit in Medizinsendungen

und Talkshows. Radolfzell: Verlag für Gesprächsforschung.

Slunecko, Thomas (2008). Von der Konstruktion zur dynamischen Konstitution.

Beobachtungen auf der eigenen Spur. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels

AG.

Weissensteiner, Rosmarie (2013). Über die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivi-

tätsstörung als Deutungsangebot für verzweifelte Eltern – eine kritische Diskurs-

analyse. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Wien.

Also ich persönlich glaube ja das solche enorm langen Textwände wie hier, und einer regelrechten Überschwemmung von diesen Textwänden hier, diese möglicherweise weder von einem menschlichen Gehirn ausgedacht sind, noch vermutlich auch nicht von Menschenhand geschrieben sind, sondern vielleicht, zumindest von meinem Gefühl her, dass mich persönlich hier beschleicht, alles auf einem Einsatz von KI beruht.

Denn ein Adhs’ler:in wäre niemals, (jedenfalls meiner persönlichen Meinung nach), dazu fähig solche dermassen lange Textwände, (und Quasi ohne Unterbruch), erstens so zu verfassen, und zweitens nach dem Verfassen, in der Zwischenzeit nicht total fix und fertig von diesem Stress zu sein.

Ich möchte hierbei nicht mehr teilnehmen, und bitte um Lösung meines Accounts aus diesem Forum schon allein da man hier keine Kontrolle über seine Beiträge hat, ich habe den Forumsbetreiber schon informiert. des Weiteren bringt mich diese Form des Austausches nicht weiter. des Weiteren bin ich nicht mit den AGBs einverstanden, da sie „überraschend“ „unerwartet“ und „benachteiligend“ Transparenzgebot: Unklare, unverständliche oder versteckte Klauseln sind unwirksam. § 305c BGB
waren/sind, deshalb sehe ich sie als nicht gültig an.
Mit freundlichen Grüßen B.S.

Bitte gib doch den Moderatoren ein bisschen Zeit, um deinen Account zu löschen.

Der Anderswelt-Link führt inzwischen zu einem Online-Casino.

Stefan hat hier nur Kopien gepostet. Er scheint das gepostete in Bezug auf seine vorherigen Äußerungen auch entweder nicht gelesen oder verstanden zu haben.

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Hallo Liebe @Una , Danke für Deine Antwort. :bouquet:
Aber warum dieser Aufwand?, jedenfalls, ich verstehe das alles hier nicht, tut mir leid. :adxs_kp:

ich bringe all jenen meine größte Bewunderung entgegen, die da noch durchblicken. Ich habe es zumindest auch aufgeben es weiter zu versuchen.

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Da ich keinerlei Kontrolle über meine Beiträge habe und offensichtlich meine Beiträge nachträglich von anderer Seite aber nachbearbeitet und verfälscht worden sind, muss ich hier ganz klar einen Schlussstrich ziehen. Ich will hier sofort austreten und will nicht, dass man meinem Namen mit diesem Forum in Verbindung gebracht wird. Von mir wurden ständig Quellenangaben gefordert von Leuten, die selbst Argumente ohne jede Quellenangabe benutzt haben. Ich habe darauf geachtet nichts Verwertbares zu verwenden. Mir ging es lediglich um das Darstellen von altbekannten Grundprinzipen. Ich bin der Überzeugung, dass ich mich persönlich nicht in so einem Umfeld bewegen möchte, wo alle so gleich gemacht sind und nur eine Einheitliche Meinung vertreten. Ethisch und Moralische Aspekte, Demokratie und Pluralität von Meiningen ist hier fehl am Platz. Ich mag auch nicht diesen hier vorherrschenden „Antiamerikanismus“, da ich mich hierbei persönlich angegriffen werde. Ich möchte aus diesem Forum gelöscht werden, da ich mich hier nicht sicher noch gerecht behandelt fühle. Hier findet nur Kritik und Niedermachen ohne den Austausch/Wettbewerb von bessern Gedanken, Ideen und Methoden statt, so kann ich mich auch mit einem ungezogenen Kleinkind unterhalten, was ich aber nicht vorhabe. Ich wünsche allen viel Spaß beim Verzweifelten nachahmen der Methoden. Ich habe da eine Überraschung parat, die dargestellten Methoden sind in wirksamer Form in Deutschland nicht verfügbar und auch nicht an einem einzelnen anderen Ort möglich. Das benötigte Hintergrundwissen, der rechtliche Rahmen weitere Details wurden nicht genannt. Mir war von Anfang an klar, dass hier nur etwas abgegriffen und benutzt werden sollte. Das Anfängliche Gefühlt hat sich hier wieder einmal bestätigt, es herrscht hier einfach eine Reaktionäre Sichtweise mit Konfirmation Bias vor. Hier will niemand sich kreativ mit einer Thematik auseinandersetzen. Sondern man fordert ohne selbst etwas zu leisten. Dies Art und Weise kennt gefällt mir nicht. Das ist kein liberales und weltoffenes Umfeld wie ich es kenne und schätze. Die Zeit der Foren ist offensichtlich schon lange vorbei. Vermutlich wird das ganze Projekt hier von KI-Bot betreut. Da steige ich gerne aus. Und verbleibe mit der Bitte mich zu löschen, denn ich möchte mit dieser Art von Veranstaltung nichts mehr zu tun haben.
Beste Grüße

Hab dich Mäusekönig.

Man selbst macht sich die Mühe und schriebt viel Text, die anderen sind aber nicht einmal in der Lage 2-3 Zeilen zu schreiben. Das ist kein Niveau, das ist eine ziemliche Zumutung. Dieser Kommentar ist wieder einmal bezeichnend für das hier vorherrschende Niveau. Adieu Ich wünsche dir gute Besserung und viel Gesundheit.

Tschööö mit Ö.

Ich bin der schlimmste hier im Forum aber bitte nicht Pauschalisieren. Muss ich auch weiterhin lernen.

Für deine Bubble gibts noch gar keinen Namen behauptet Chatgpt, kann sich natürlich auch täuschen. Er schlägt folgendes vor: Hormonoptimierungs-/Functional-Medicine-Bubble

Ich find Die Tempelritter der Hormonachsenoptimierung gut. Vielleicht auch Wahlweise Die Missionare der Hormonachsenoptimierung.

Edit: Achso dir auch. :heart:

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Ist doch lustig.
Erster Akt:
Wie dokumentiert man am besten, dass man weder verstanden hat, wie Wissenschaft funktioniert, noch wie man eine KI so verwendet, dass was nützliches bei rauskommt…
Zweiter Akt:
…und wie man dann zum Troll mutiert und andere damit erpresst, mit dem Murks immer weiterzumachen, weil man langsam darauf kommt, dass man sich lächerlich macht…

Ich finde diesen Thread für Wissenschaftsnichtversteher sehr lehrreich.
Ebenso für Menschen, die verstehen wollen, wie Verschwörungstheorien und Memes entstehen.

Ich meine, das sollte der Nachwelt auf Ewigkeit erhalten bleiben.
Mit Klarname.
Den du selbst, entgegen der Forumsregeln, so gewählt hast.

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Aber den kann man auf Anonym stellen lassen hier im Forum, dass finde ich nicht richtig ihn dann so blos zu stellen, naja aber vermutlich ist es sowieso nicht der echte Name.

Hallo Stefan,

es tut mir leid für dich, dass du dich so missverstanden fühlst.

Ich fand den Titel des Threads interessant, bin aber mit der Art deiner Beiträge nicht klar gekommen. Mir war es ein zu viel an Informationen, von der Menge fühlte ich mich geradezu erschlagen. Wenn mich ein Thema interessiert, nähere ich mich dem schrittweise in meinem Tempo oder in einem Austausch mit anderen. So war es mir nicht möglich.

Dabei habe ich durchaus Interesse an Alternativen zu Medikamenten. Nach mehr als zehn Jahren mit Meds lebe ich seit mehr als einem Jahr unfreiwillig ohne und gucke mir durchaus genauer an, welche Parameter meine Gehirnfunktionen beeinflussen.

Von daher finde ich es schade, wie es hier abgelaufen ist, auch wenn es für mich keine geeignete Form des Austauschs war.

Dir wünsche ich eine für dich geeignetere Plattform zur Diskussion. Der schriftliche Austausch in einem Forum war vielleicht nicht die passende Form.

Viele Grüße
A.

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