Zusammenfassung (sehr lang)
ren, weniger auffälligen Kindern impliziert wird.
Beschreibungen der Kinder als extrem anstrengend, extrem schwierig,
oder unerträglich machen deutlich, dass die Unterscheidung vor allem
über das Empfinden der Eltern oder des Umfelds getroffen wird. Auch
diese Attribute beschreiben das Verhalten der Kinder nicht explizit, son-
dern indirekt über negative Empfindungen, die durch das Verhalten der
Kinder bei beteiligten Personen ausgelöst werden. Es ist das Umfeld, das
das Verhalten der Kinder als anstrengend, schwierig oder auch angster-
regend, z. B. als tickende Zeitbombe und in anderen Metaphern des Kam-
pfes beschreibt. Auch eine Nomination wie Sorgenkind referiert auf das
Empfinden der Eltern oder des Umfelds dem Kind gegenüber (nicht das
Kind selbst ist besorgt, sondern die Eltern haben Sorgen um ihr Kind).
106
Auch erweist es sich als eine Strategie des Diskurses, eine Dichotomie
zwischen ›Normalität‹ und ›Anderssein‹, zwischen ›normalem‹ und ›prob-
lematischem‹ Verhalten herzustellen, so etwa bei dem Wunsch, ein nor-
males Leben führen zu können, ein Wunsch, der implizit eine soziale
Norm des angemessenen Lebens transportiert, der sich durch das prob-
lematische Verhalten des Kindes nicht realisieren kann.
Sobald die Beschreibungen konkret werden, dominiert das Thema
›Aggression‹ sowie der Aspekt des Unbeherrschbaren, der in mechanisti-
schen Metaphern wie ausrasten, ausflippen, durchdrehen, austicken aus-
gedrückt wird, die nahelegen, eine Funktionsstörung mit technischen
Mitteln zu beheben und insofern für eine medikamentöse bzw. eventuell
auch für eine verhaltenstherapeutische Behandlung der Kinder sprechen.
Im ›medikamentösen Diskurs‹ werden Kinder dann dementsprechend zu
Objekten, die umgestellt oder angeschubst werden müssen.
Verbale Aggressionen wie schreien, brüllen, beschimpfen und beleidi-
gen werden häufig als problematisch beschrieben, sowie physische Ge-
waltformen wie knuffen, schubsen, boxen oder hauen. Zudem werden
häufig Wutanfälle oder Wutausbrüche als äußerst problematisch thema-
tisiert: »Das hat ihn soooooooooo geärgert, dass er raus sollte, so dass er
mir meine Küchentür (Hartplastik) mit einem Tritt kaputt machte und
wie wild schrie, habe so einen starken Wutausbruch noch nie erlebt«.
Aggressives Verhalten wird weitaus am häufigsten beschrieben. Ne-
ben Beschreibungen von offener, d. h. nach außen gerichteter physischer
und verbaler Aggression finden sich, wenn auch deutlich seltener, Dar-
stellungen von autoaggressiven Verhaltensweisen wie Schmerz und Ge-
waltanwendungen gegen den eigenen Körper, Suizidgedanken und Sui-
zidandrohungen: »Letztens sagte er, dass nach dem nächsten Papa-WE
nur noch 21 Kinder in der Klasse wären […] – weil er sich dann vom
Burgfelsen stürzen würde«.
Auch unruhiges Verhalten wird häufig genannt und negativ bewertet.
Kindern werden mit Attributen wie unruhig, hibbelig, zappelig und wild
charakterisiert. Auch metaphorische Bezeichnungen wie Wirbelwind
evozieren Bilder der Unruhe. Kinder könnten nicht still sitzen, wären von
innerer Unruhe getrieben, zu laut oder würden zu viel reden. Deutlich
P&G 2/14 107Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko
wird dabei v. a. auch der elterliche Wunsch nach Ruhe: »Wenigstens fünf
Minuten Ruhe« ohne Lärm und lebhaftes Treiben der Kinder.
Seltener wird hypoaktiv-verträumt-trödelndes Verhalten als proble-
matisch genannt, dies dann, wenn es der Erfüllung von Aufgaben im
Wege steht, die von außen, v. a. vom Schulsystem, an das Familiensystem
herangetragen werden, wenn also Eltern durch das Verhalten ihrer Kin-
der wiederum selbst Gefahr laufen, gesellschaftlich erwartete Rollenbil-
der und Anforderungen nicht erfüllen zu können. Wenn das Erledigen
bestimmter Aufgaben, wie Anziehen, Frühstücken, das Einnehmen der
Medikation, gefordert und von Kindern zu langsam, unselbständig und
nicht fokussiert durchgeführt wird. Wenn das Verhalten von geringer
aktiver Partizipation am Umfeld gezeichnet und das primäre Augenmerk
nicht auf das Erfüllen der vorgegebenen Aufgaben gerichtet ist. Die Prob-
lematik liegt in jedem Fall bei den Eltern und nicht bei den Kindern.
Ähnlich weisen Beschreibungen des kindlichen Verhaltens als unge-
horsam auf eine Delegitimierung eines hierarchischen Eltern-Kind-Ver-
hältnisses hin. Kinder würden etwa nicht auf ihre Eltern hören und sich
den Aufforderungen der Erwachsenen durch Passivität, Aggression oder
aktive Unmutsäußerungen wie bocken, trotzen, schmollen, maulen, mot-
zen oder diskutieren entziehen. Eltern sehen sich durch den Ungehorsam
ihrer Kinder, durch deren Aufbegehren den elterlichen Anweisungen und
Regeln zuwider, mit dem Problem konfrontiert, gesellschaftlichen Norm-
vorstellungen von elterlicher Autorität nicht genügen zu können und
geraten unter Druck. Das problematische Verhalten der Kinder verweist
also sehr stark auf Verhaltensnormen, die an die Eltern gerichtet sind. Es
untergräbt die gesellschaftliche Erwartung an diese, ein Autoritätsver-
hältnis stabilisieren zu können. Statt jedoch die gesellschaftlichen Erwar-
tungen und Bedingungen zu thematisieren und das eigene Rollenbild
dahingehend zu hinterfragen, wird das Verhalten der Kinder zum Prob-
lem erklärt.
Eine analoge Dynamik ergibt und versteilt sich im Schulkontext; denn
in ähnlicher Weise wird von den ADHS-Kindern auch die Autorität von
Lehrpersonen untergraben. Folglich sind nicht Aggressionen per se
Hauptthema der schulspezifischen Problemschilderungen, sondern Ver-
108
P&G 2/14Warum akzeptieren Eltern so bereitwillig die Diagnose ADHS
haltensweisen, die den Anforderungen des konventionellen Unterrichts
entgegenlaufen: nicht still sitzen zu können, andere zu stören, oder aber
auch sich nicht zu beteiligen bzw. sich nicht auf die vorgegebene Aufgabe
konzentrieren zu können (wobei der Begriff Konzentration in den Pos-
tings eng mit spezifischen Lernanforderungen des autoritären und auf
das abstrahierende Denken fokussierten Bildungssystems verknüpft ist).
Die Kinder verhalten sich also den schulischen Vorgaben und Regeln
zuwider und erfüllen den Leistungs- bzw. Lernanspruch nicht oder nur
ungenügend, was von Lehrpersonen entsprechend problematisiert und
sanktioniert wird. Dies zeigt sich in geschilderten Maßnahmen wie Stra-
fen, Verboten, Drohungen bis hin zum generellen Ausschluss aus der
Schule, vor allem jedoch in schlechten Leistungsbeurteilungen. Diese wie-
derum haben weitreichende Konsequenz für den weiteren Bildungsweg in
einem gegliederten Schulsystem wie in Österreich und Deutschland und
gerade deswegen einen so hohen Stellenwert für Eltern. Entsprechend
wird problematisiert, dass Kinder aufgrund mangelnder Leistungen das
Schuljahr wiederholen oder in eine andere Schulform wechseln müssen,
wobei Schulformen, wie folgendes Zitat einer Mutter veranschaulicht,
nicht als gleichwertig betrachtet werden: »Und rutschte von Gesamt-
schule über Realschule schließlich auf die Hauptschule ab«.
In diesem Kontext ist auch zu beachten, dass von der Schule Verfah-
ren zur Ermittlung sonderpädagogischen Förderbedarfs eingeleitet wer-
den können: »Heute kam Junior aus der Schule mit einem Brief, in dem
geschrieben stand, es wurde ein Antrag auf Prüfung zum sonderpädago-
gischen Förderbedarf gestellt«. Indem die Schule eine derartige diagnosti-
sche Abklärung von (Lern)›Behinderungen‹ der Kinder ansetzen kann,
wird sie gleichsam zu einer Vorfeldorganisation des ADHS-›Manage-
ments‹. In einigen wenigen Fällen ist dieses von der Schule forcierte An-
docken an den HelferInnendiskurs und die damit in Aussicht gestellte
Betreuungszeit für die Eltern entlastend. Zumeist aber sind die Eltern
über dieses Vorgehen der Schule verärgert bzw. verwundert. Sonderpä-
dagogischer Unterricht steht ja letztlich für Leistungsversagen und mitun-
ter für eine drohende Exklusion aus dem Regelschulsystem in Richtung
Sonderschule.
P&G 2/14 109Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko
Verzweifelt und erschöpft – Eltern in Erziehungsschuld
Nachdem es im Schulsystem strukturell nur begrenzt möglich und beab-
sichtigt ist, auf Bedürfnisunterschiede der Kinder einzugehen, bleibt als
Konsequenz, Kinder den schulischen Regeln anzupassen. Sind die Erzie-
hungs- bzw. Disziplinarmethoden der Schule erfolglos, wird das Problem
an die Eltern herangetragen. In den Forumspostings berichten Eltern
häufig davon, dass Lehrpersonen das Gespräch mit ihnen als Erzie-
hungsberechtigte suchen, um sie über die Schulprobleme ihrer Kinder zu
informieren. Sie erfahren so einerseits, dass das Verhalten ihrer Kinder
im schulischen Kontext als Problem wahrgenommen wird, und anderer-
seits direkt oder indirekt, dass sie als verantwortliche Personen für eine
Veränderung zuständig und verantwortlich sind. Ihnen obliegt es, im
familiären Umfeld so für die ›richtige‹ Erziehung der Kinder Sorge zu
tragen, dass es im schulischen Bereich zu keinen Störungen kommt. Es
geht hier nicht um Bedürfnisse der Kinder, sondern um Anpassung an
gesellschaftliche (Bildungs)Normen. Der Elterndiskurs über ADHS zeigt
sich ausgesprochen systemtreu. Gesellschaftliche Bedingungen und An-
forderungen werden nicht in Frage gestellt, sondern Eltern versuchen im
Gegenteil, trotz oder gerade wegen ihrer rebellierenden Kinder, dem
System mit größter Anstrengung zu entsprechen und das verlangte Funk-
tionieren der Kinder mit systemkonformen Erziehungsverhalten zu er-
wirken. Sie schildern Methoden wie beispielsweise Verstärkerpläne und
Belohnungssysteme, mit denen sie ihre Kinder zu erziehen versuchen und
fordern mit großem Engagement und Energie die Erfüllung schulischer
Anforderungen von ihren Kindern ein.
Es fällt auf, dass Kinder im familiären Kontext im Grunde denselben
Erwartungen entsprechen müssen wie im schulischen Kontext. Es gilt die
Autorität der Erwachsenen anzuerkennen und die verlangten Aufforde-
rungen, Regeln und Tätigkeiten, unabhängig von persönlichen Interessen
und Motivationen, in einer gewissen Zeit zu erledigen. Kinder sollen sich
ruhig, aber gleichzeitig aktiv mit den von ihnen erwarteten Aufgaben
beschäftigen. Selbstdiszipliniertes Verhalten wird erwartet. Individuelle
Bedürfnisse spielen eine untergeordnete Rolle, die Systemanforderungen
110
stehen im Vordergrund. Kinder sehen sich also nicht nur in der Schule,
sondern auch in der Familie mit der Problematik konfrontiert, dass ihre
Bedürfnisse nicht wahrgenommen, sondern im Gegenteil problematisiert
werden. Denn Eltern im Diskurs über ADHS sehen das Verhalten ihrer
Kinder nicht im Kontext situativer Gegebenheiten begründet und dem-
entsprechend sinnhaft, sondern deuten das Verhalten ihrer Kinder sys-
temkonform als anders, auffällig, nicht der Norm entsprechend und
daher problematisch. Diesem Unverständnis und Anforderungsdruck be-
gegnen die Kinder wiederum mit Aggressionen und Unruhe bzw. mit
Passivität.
Die Eltern können diesen sich selbst verstärkenden Mechanismus
nicht thematisieren. Für sie sind die Schwierigkeiten im familiären und
schulischen Umfeld einfach belastend. Zahlreiche Beiträge thematisieren
Gefühle der Verzweiflung, Erschöpfung und Überforderung auf Seiten der
Eltern: »Ich bin langsam mit meiner Kraft am Ende … komme mir
manchmal echt ausgeliefert vor und könnte nur los heulen!!!«. In diesem
Zusammenhang werden auch Selbstvorwürfe geäußert: »ich habe schon
das Gefühl, dass ich eine schlechte Mutter bin, ich kann einfach nicht
mehr«. Der gesellschaftlich zugeschriebenen Erziehungsverantwortung
nicht gerecht werden zu können, führt zu großer Verzweiflung: »Sitze
hier schon den ganzen Morgen und überlege was mache ich falsch, was
kann ich anders machen. […] Warum klappt es bei anderen und bei mir
nicht. […] die Angst zu versagen die ist groß«. Derart in einen Schuld-
diskurs verwoben, macht es für Eltern Sinn, die Problematik einseitig im
Kind zu verorten.
Das biomedizinische Deutungsangebot und seine Verspre-
chungen
Die kindliche Verweigerung der Konzentration bzw. andere Formen der
Verweigerung, wie sie in die ADHS-Diagnose einfließen, bedeuten eine
Verweigerung der Selbstdisziplinierung unter den Vorgaben der herr-
schenden gesellschaftlichen Bedingungen. Dies bildet sich in Alltagsdis-
kursen (wie dem untersuchten) nicht ab, lösen jene doch die Schuld- bzw.
P&G 2/14 111Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko
Verursachungsfrage immer auf die Seite der Einzelindividuen oder der
Familien hin auf. Der medizinisch-psychiatrische Diskurs stellt an dieser
Stelle ein Deutungsangebot für die verzweifelten Eltern bereit – ADHS –
,
das diese nicht ausschlagen können. Erstens wird das Geschehen über-
haupt benennbar. Zweitens unterstützt es das medizinische Krankheits-
konzept, die Problematik im Kind zu verorten und somit zu containen.
Wenn einmal das Verhalten des Kindes als Störung benannt ist, eröffnet
sich drittens eine Palette von Hilfs- und Förderangeboten. Es darf also
nicht verwundern, dass vom System zur Verzweiflung gebrachte Eltern
nach dem Lösungsangebot des Systems greifen und damit endgültig von
der Paradoxie des Systems verschluckt werden. Die bevorzugten Lö-
sungsangebote dabei sind die bio-medizinischen Diskurse, die die Eltern
in spezifischer Weise entlasten und zu einer psychosozialen ›Entschul-
dung‹ führen, wird doch die Ursache der Probleme im Kind selbst, d. h.
in primär somatischen Prozessen verortet, und soziale oder psychologi-
sche Bedingungen weitgehend ausgeblendet. Wohl nicht zuletzt daher
werden ADHS-kritische Positionen, die ja auch innerhalb des medizi-
nisch-psychotherapeutischen Feldes artikuliert werden, so gut wie nicht
aufgegriffen. Die Verweigerung einer ADHS-Diagnose durch den Psychi-
ater oder Therapeuten führt vielmehr in aller Regel dazu, dass dessen
Kompetenz bezweifelt wird!
Einer biomedizinischen Ursachendeutung folgend gilt die Behandlung
der Kinder mit Psychopharmaka als zentrale Hilfsstrategie und wird
dementsprechend auch im Eltern-Diskurs über ADHS als gängige Be-
handlungsmethode geschildert. Häufig erhalten Kinder nicht nur ein
Medikament, sondern eine Kombination: »Er hat ADHS und bekommt
Concerta 18 mg und zusätzlich bei Bedarf 5 mg Ritalin«. Aber auch
diverse nicht-medikamentöse Therapieverfahren, allen voran Ergothera-
pie, werden als integraler Behandlungsteil diskursiviert. Den von den
Eltern geschilderten Therapieverfahren, medikamentösen wie nicht-medi-
kamentösen, gemeinsam ist die Orientierung daran, als defizitär oder
symptomatisch bezeichnete Verhaltensweisen an bestimmten Verhaltens-
ansprüche anzupassen. Auch bei den nicht-medikamentösen Therapie-
formen, die sich beispielsweise dem Training der Konzentration, der
112
sozialen Kompetenz, der Lese- und Rechtschreibfähigkeit etc. widmen,
wird der inhärente Bezug zu schulischen Verhaltensansprüchen und de-
ren Implikationen von Leistung und Wettbewerb deutlich.
Behandlungserfolge werden fast ausschließlich den pharmakologi-
schen Interventionen zugeschrieben. Darstellungen positiver Wirkeffekte
beziehen sich dabei vor allem auf Verbesserungen der Leistungen der
Kinder hinsichtlich ihrer Schulnoten bzw. schulischer Anforderungen:
Mein Sohn bekommt seit Mitte Dezember 2011 Medikinet. Auf
wundersame Weise (es ist unfassbar) bekommt er in der Schule
nur noch 1en oder 2en. Aus dem Förderunterricht für Kinder mit
Lernschwierigkeiten wird auf einmal Begabtenförderung. Zum
erstenmal in seiner Schullaufbahn (3. Klasse) kann er seine Leis-
tungsfähigkeit voll ausschöpfen.
Im Zusammenhang mit nicht-medikamentösen Interventionen werden
höchstens leichte Verbesserungen oder gar keine Wirkeffekte beschrie-
ben. Trotzdem werden nicht-medikamentöse Therapieverfahren von Eltern
mitunter konkret eingefordert. Dies ist nur vordergründig paradox. Medi-
kamente zeigen häufig nur ungenügende Wirkerfolge und/oder uner-
wünschte, teils gravierende Nebenwirkungen – kein Appetit und Durst,
Übelkeit, Bauchschmerzen, Wachstumsstörungen, Aggressionen, Schlaf-
losigkeit, Depressionen, Benommenheit, Müdigkeit, Ängste, Weinerlich-
keit, Tics, Schwindel, Kopfschmerzen schwankende Pulsfrequenz und
Herzstillstand werden im Diskurs geschildert. Häufig ist daher schon die
Entscheidung für Medikamente geprägt von der Angst vor Nebenwir-
kungen. Aufgrund der Unsicherheit des Behandlungsausgangs geht die
Entscheidung für Medikamente oft mit einem gewissen Schuldgefühl auf
Seiten der Eltern einher. Die Inanspruchnahme nicht-medikamentöser
Interventionen in Kombination, aber auch Medikamentenpausen, die
Verharmlosung von Medikamenten, aber auch die besondere Betonung
positiver Wirkeffekte, bieten hier möglicherweise eine gewisse Ent-
lastung.
Trotz der Sorge um Nebenwirkungen, der Sorge, Medikamente könn-
ten nachteilig für die Kinder sein, nehmen Eltern die Pharmakotherapie
P&G 2/14 113Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko
in Kauf. Sie halten sogar dann an einer medikamentösen Behandlung
fest, wenn ungenügende Wirkerfolge oder unerwünschte Nebenwirkun-
gen auftreten. Die dadurch erzeugte Verunsicherung kann in solchen
Fällen kompensiert werden. Eltern zeigen sich oft als regelrechte Co-
ExpertInnen des biomedizinischen Diskurswissens und beraten sich im
Rahmen des Internetforums gegenseitig. Ihre Kritik richtet sich zunächst
und zumeist gegen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte und nicht
gegen das Hilfsangebot an sich. Die Problematik zeigt sich erst dann,
wenn die medikamentöse Behandlung tatsächlich keine befriedigende
Hilfestellung bieten kann; wenn Kinder mit verschiedenen Medikamen-
ten in unterschiedlichen Dosierungen über einen längeren Zeitraum
behandelt werden und nur ungenügende Wirkeffekte eintreten und/oder
wenn Kinder aufgrund der Medikation unter gravierenden Nebenwir-
kungen leiden. Die Unsicherheitsbereiche der medikamentösen Behand-
lung werden hier so deutlich, dass die Überzeugungen der Eltern ins
Wanken geraten und damit die Deutungsmacht der medikamentösen
Behandlung zu schwinden beginnt. Eltern zeigen sich hier in ihren Dar-
stellungen mehr und mehr verunsichert und überfordert, beginnen
schlussendlich am Behandlungsmodell zu zweifeln oder wenden sich ganz
davon ab. Zudem werden an dieser Stelle wieder massiv Schuldgefühle
geäußert: »Ich bin total durcheinander, fühle mich schrecklich, dass ich
meinem Sohn das ›angetan‹ habe!«.
Der Druck der Schule auf die Eltern
Im Diskurs über ADHS zeigt sich jedenfalls, wie konkrete schulische und
weniger konkrete gesellschaftliche Anforderungen Eltern massiv unter
Druck bringen, ihrer Rolle nicht gerecht werden zu können, insofern sich
Elternsein über die Verantwortung für das Entsprechen der Kinder ge-
genüber gesellschaftlichen Anforderungen definiert, wie sie v. a. durch
die Institution Schule vermittelt werden. Diese spielt als zentrale Reprä-
sentantin gesellschaftlicher Wert- und Normvorstellungen und daher
auch als Produzentin gesellschaftlicher Anforderungen an Kinder eine
entscheidende Rolle. Im deutschsprachigen Raum, auf den sich die Ana-
114
lyse bezieht, müssen alle Kinder bis zu einem gewissen Alter das Schul-
system durchlaufen, Eltern haben für die Einhaltung der gesetzlich gere-
gelten Schulpflicht Sorge zu tragen, die Regeln des Schulsystems sind
schwer änderbar. Sind im Kontext der Familie noch Variationen des
regulierten Zusammenlebens möglich, dessen Gestaltung mehr oder
minder den Eltern obliegt, so zeigen sich im Kontext Schule gesetzlich
verankerte Strukturen, die relativ starre und homogene Vorgaben an
Kinder produzieren. Das verpflichtende Regelschulsystem stellt ein ge-
sellschaftliches Organ dar, das unabhängig von den Eltern Anforderun-
gen an Kinder richtet und dabei gleichzeitig zur Bewertungsinstanz der
Eltern wird. Denn entsprechen Kinder den geforderten Bildungserwar-
tungen nicht, impliziert dies ein ungenügendes Entsprechen der Eltern in
ihrer Rolle als Sorgetragende.
ADHS als Entlastung von der Schuldzuweisung
An dieser Stelle betreten die ExpertInnen, d. h. Psychiater und Psychiate-
rinnen die Bühne: Ihre Diagnosen führen oft zu Erleichterung und auch
Entschuldungen der Eltern, außerdem öffnen sie die Türen zu psychoso-
zialen Hilfsangeboten. Die professionelle Wahrnehmung durch das Me-
dizinsystem und die Bestätigung der Problematik durch die Diagnose
ADHS ist von Eltern daher erwünscht. Der Gang zum Experten oder zur
Expertin des Gesundheitswesens und die professionelle Begutachtung der
Kinder stellt eine fest verankerte Handlungsstrategie im Diskurs dar.
Wird die von Eltern vermutete Diagnose von ExpertInnen nicht bestätigt
oder verweigert, führt dies zu großer Enttäuschung. Abweichende Exper-
tInnenmeinungen werden von Eltern nicht aufgegriffen, sondern die
fachliche Kompetenz und Autorität der behandelnden Personen in Frage
gestellt. Vor allem von ExpertInnen geäußerte Kritik an der Erziehung
wird besonders negativ aufgefasst, impliziert sie doch wieder eine Schuld-
zuweisung. Eine Forumsteilnehmerin schildert etwa voller Unmut ein
Gespräch mit einem Therapeuten, das bei ihr den Eindruck hinterlässt
»dass er auch einer von der ›Sorte‹: man muss sein Kind nur erziehen,
ADHS ist Quatsch, ist«. Psychodynamische Erklärungsansätze werden
P&G 2/14 115Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko
von betroffenen Eltern mitunter massiv abgewehrt. Es werden biomedi-
zinische Erklärungen gefordert, auch wenn dies im Diskurs kaum explizit
thematisiert, sondern gewissermaßen unausgesprochen vorausgesetzt wird.
Eine Diagnose ist für Eltern im Diskurs über ADHS derart wichtig, dass
sie mitunter regelrecht darauf bestehen, sich gegenseitig zu beraten wie
dies zu bewerkstelligen sei und nach ExpertInnen suchen, die ihnen die
gewünschte Diagnose bescheinigen:
Am 19.06. haben wir einen Termin bei einem KJP [Kinder- und
Jugendpsychotherapeuten], der sich mit AD(H)S auskennt (Tipp
von der Autismustherapeutin unseres Jüngsten, die einen erwach-
senen ADHS-Sohn hat). Wenn der mir auch noch durch die Blume
sagt, wir sind ›nur‹ erziehungs- und/oder kommunikationsunfähig,
weiß ich nicht, was ich tun soll.
Die verzweifelte Suche von Eltern nach PsychiaterInnen in der Umge-
bung, von denen bekannt ist, dass sie bereitwillig die ADHS-Diagnose
vergeben, gehört zu den bedrückendsten bzw. eindringlichsten Passagen
des analysierten Diskurses. Mehrfach fragen die Eltern im Forum da-
nach, wie es anderen gelungen ist, eine ›Diagnose zu bekommen‹, d. h.
wie sie es geschafft haben, sich an den HelferInnendiskurs anzuschließen
(und darüber die Zuweisung eigenen Versagens, eigener Erziehungsunfä-
higkeit zu umschiffen).
Das medizinische System bietet den verzweifelten Eltern Anerken-
nung. Es liefert mit der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperak-
tivitätsstörung ein Deutungsangebot, mit dem sich die vorherrschende
Problematik über biomedizinische Ursachenzuschreibungen bei den
Kindern verorten lässt und Eltern von einer (Erziehungs)Schuld befreit.
Gesellschaftliche Rollenerwartungen und Verhaltensnormen, die Eltern
verzweifelt zu erreichen suchen, werden dabei nicht in Frage gestellt, in-
sofern das medizinische System diesen zuarbeitet und sich selbst in ihnen
konstituiert. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität bilden
die definitorischen Symptomklassen der ADHS-Diagnose, was im Um-
kehrschluss nichts anderes als die Erwartung impliziert, Kinder sollten
sich über einen längeren Zeitraum ausschließlich mit Aufgaben bzw.
116
Schularbeiten beschäftigen, diese möglichst fehlerfrei bzw. ordnungsge-
mäß erledigen und sich dabei diszipliniert und ruhig, aber nicht passiv
verhalten. Die ADHS-Diagnose repräsentiert damit Voraussetzungen für
die Teilnahme am spätkapitalistischen Leistungsbetrieb, die im Kontext
Schule und im Kontext Familie eingefordert werden. Diesem Norman-
spruch zuwiderlaufende Verhaltensweisen werden durch das Schulsystem
sanktioniert, im Familiensystem problematisiert und durch das Medizin-
system symptomatisiert. Hier wie da werden Kinder als problematische
Objekte betrachtet, deren Anpassung erwartet und forciert wird. Die
dem Diskurs über Erziehung wie dem Diskurs über Bildung inhärente
Unterscheidung in ›angepasst-normales‹ und ›unangepasst-problema-
tisches‹ Verhalten spiegelt sich in der ›gesund/krank-Logik‹ des biomedi-
zinisch-psychiatrischen Diskurses. Dieser liefert über ein Deutungsange-
bot, mit dem sich die Problematik einseitig im Kind verorten lässt. Über
physiologische Ursachenzuschreibungen und diesen Zuschreibungen
entsprechende Hilfsangebot, d. h. Medikamente, wird die Anpassung der
Kinder und damit letztlich ein Entsprechen der Eltern in Aussicht gestellt.
Das medizinische System bietet mit der ADHS-Diagnose also Unterstüt-
zung, ohne elterliches Verhalten oder gesellschaftliche Norm- und Wert-
vorstellungen in Frage zu stellen. Eltern, die ansonsten mit dem Vorwurf
der Erziehungsverfehlung konfrontiert sind und damit mit dem Vorwurf
des Versagens gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen (Lalouschek,
2005), können sich so aus einem Schulddiskurs befreien – um sich gleich
in einen neuen zu verstricken.
Von der Erziehungs- zur Gesundheitsverantwortung
Durch die ADHS-Diagnose werden Eltern in die moralische Pflicht ge-
nommen, ihre Kinder im Rahmen des medizinischen Systems behandeln
zu lassen – schließlich handelt es sich um ein medizinisches Störungsbild.
Sich gegen das biomedizinische Hilfsangebot zu entscheiden, würde
nachgerade eine Vorenthaltung medizinischer Hilfe bzw. ein Nichtwahr-
nehmen von Gesundheitsverantwortung bedeuten. Die biomedizinische
Deutungsstrategie verlässt den Schuldtopos also nicht, sondern verlagert
P&G 2/14 117Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko
ihn. Eltern werden dann nicht mehr für die Erziehung ihrer Kinder ver-
antwortlich gemacht, sondern stattdessen für deren Gesundheit und
damit für deren Behandlung. Die Eltern wissen aber gleichzeitig, dass die
Medikamente starke Nebenwirkungen haben können. Mit und ohne
Behandlung eröffnen sich hier also Optionen für Beschuldungen.
Wenn Medikamente tatsächlich die gewünschte Wirkung erzielen,
wenige Nebenwirkungen auftreten und Kinder sodann dem schulischen
Leistungsanspruch gerecht werden, kann all dies in den Hintergrund
treten. In diesem Fall wird die medizinische Deutung bestätigt, die Ge-
sundheitsverantwortung wahrgenommen und zudem der gesellschaftliche
Erziehungsanspruch erfüllt. Die Attraktivität dieses Szenarios macht
nachvollziehbar, warum das medikamentöse Hilfsangebot trotz der
Unsicherheit bezüglich der Nebenwirkungen einen derart großen Stel-
lenwert im Alltagsdiskurs über ADHS hat und Eltern auch bei Versagen
der Pharmakotherapie lange daran festhalten.
Resumé
Im Durchgang durch die Postings verdichtet sich jedenfalls das Gefühl
für die gesellschaftlichen Widersprüche, die sich hinter der Konjunktur
des ADHS-Phänomens verbergen. Das auffällige Verhalten der Kinder ist
Indiz für eine allgemeine Unruhestimmung und einen Anforderungs-
druck, dem die Kinder angesichts schwindender Eigenräume nur durch
aggressive Verweigerung oder durch passives Träumen entkommen;
beides untergräbt die Autorität von Eltern (vielleicht v. a. von solchen,
die sich die gesamtgesellschaftliche Unruhe nicht anmerken lassen wol-
len). Denn diese sind schließlich verantwortlich dafür, dass ihre Kinder
pünktlich und präsentabel und mit gemachten Hausübungen in der Schu-
le erscheinen (nicht zuletzt, um das Zeitregime der Eltern – ihren eigenen
Anforderungsdruck – nicht durcheinander zu bringen) etc. Das Problem
der Kinder ist also sofort das Problem der Eltern; der selbst verspürte
kulturelle Anforderungs- insbesondere Zeitdruck zwingt die Eltern zu
Handlungen, die sie eigentlich oft nicht setzen möchten – und treibt sie
dem pharmakologisch-biomedizinischen Diskurs über ADHS zu.
118
Die Diagnose ADHS erleichtert und entlastet die Eltern in aller Regel.
Sie steht für die Hoffnung auf Hilfe, für die Hoffnung, der Elternrolle
gerecht werden zu können. Sie verspricht das Entsprechenkönnen in
einem System, dessen Anforderungen zu Überforderung und Verzweif-
lung führen. Sie trägt und forciert in Leistungsideologie konstituierte
Verhaltensnormen und stabilisiert über die Anpassung der Kinder ent-
sprechende Gesellschaftsstrukturen. Mit dem Angebot der Diagnose
ADHS trägt das Medizinsystem dazu bei, diese Dynamik zu entpolitisie-
ren bzw. bestehende (Autoritäts)Verhältnisse zu konservieren. Sie liefert
ein Deutungsangebot, mit dem sich die Problematik über biomedizini-
sche Ursachenzuschreibungen bei den Kindern selbst verorten lässt und
Eltern damit von einer Erziehungsschuld befreit, sie anerkennt. Leidtra-
gende am System bleiben sie weiterhin – und ihre Kinder.
! Anmerkungen
1 http://www.adhs-anderswelt.de
! Literatur
Baumann, Zygmund (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Mo-
derne. Hamburg: Hamburger Edition.
Foucault, Michel (2001). Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main:
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Foucault, Michel (2004). Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der
Biopolitik. Vorlesung am Collège des France 1978-1979. Frankfurt am Main:
Suhrkamp.
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in vier Bänden. 1980-1988. Band 4 (S. 269-293) Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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Link, Jürgen (1997).Versuch über den Normalismus. Opladen: Westdeutscher
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P&G 2/14 119Rosmarie Weissensteiner & Thomas Slunecko
Lalouschek, Johanna (2005). Inszenierte Medizin. Ärztliche Kommunikation,
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und Talkshows. Radolfzell: Verlag für Gesprächsforschung.
Slunecko, Thomas (2008). Von der Konstruktion zur dynamischen Konstitution.
Beobachtungen auf der eigenen Spur. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels
AG.
Weissensteiner, Rosmarie (2013). Über die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivi-
tätsstörung als Deutungsangebot für verzweifelte Eltern – eine kritische Diskurs-
analyse. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Wien.