Elvanse Wirkverlauf

Kann mir bitte jemand helfen?

Ich nehme seit 3 Monaten elvanse. Die ersten 2 Wochen auf 30mg, es ging mir gut, ich hatte das Gefühl ich war emotional ausgeglichener und mein Kopf war ruhiger aber war immer noch extrem ablenkbar. Dann wurde meine Dosis auf 50mg erhöht. Die ersten 4 Wochen waren der absolute Wahnsinn. Ich hab mich gefühlt als könnte ich Bäume ausreißen, mein Kopf war ruhig, ich war zielstrebig, energetisch, unternehmungsfreudig, Bewegungslustig und hatte das Gefühl total gut meinen Körper zu spüren. Ich habe plötzlich keinen Mittagschlaf mehr gebraucht, konnte Dinge einfach erledigen ohne davor in einen stundenlangen Kampf mit mir selbst gehen zu müssen. Die Wirkung hat bis ca 17:30/18:00 gehalten und ich hatte keinen bis leichten Rebound Effekt, aber alles super handlebar. Seit ca. 3 Wochen ist der Effekt komplett gekippt. Ich nehme meine Medis um ca. 8 Uhr morgens, gehe dann mit meinem Hund gassi, da ich gemerkt habe die Bewegung am Morgen hilft mir gut in Schwung zu kommen, bin gut gelaunt und habe ein gutes Gefühl bis ca. 13 Uhr. Bisherige Nebenwirkungen von 8-13 Uhr: leichtes schwitzen und mundtrockenheit, teilweise aber extremes Verlangen nach Nikotin. Nach 13/14 Uhr „bleibe ich hängen“, ich werde müde, bin extrem zerstreut, kann gefühlt nicht mehr denken (als wäre eine extrem schwerer Vorhang vor meinen Gedanken), bin extrem reizbar, traurig, angespannt, trockener Mund, extreme antriebslosigkeit, liege paralysiert in meinem Bett und kann nur noch Instagram reels schauen. Gegen 17:30/18 Uhr spüre ich dann den rebound. Hier werde ich noch gereizter, ich werde extrem hangry und hab nur noch Lust auf carbs und bekomme regelmäßig essanfälle. Vertrage ich dieses Medikament nicht? Bin ich überdosiert? Bin ich unterdosiert? Zu wenig Struktur? WTF is going on? Ich kenne die paralysierten Zustände von der Zeit vor Medikamenten, aber so extrem kenne ich es noch nicht. Ich habe erst nächste Woche wieder Termin bei meiner Psychiaterin und bin hier wirklich am verzweifeln. Davor habe ich 1 Jahr Ritalin 2x20mg genommen, doch wir sind auf Elvanse umgestiegen, da ich bei Ritalin auch extreme Stimmungsschwankungen und starken rebound hatte und dieses dauerhafte hoch und runter nicht mehr wollte. Die ersten Wochen auf Elvanse haben mir so die Hoffnung gegeben, dass es endlich besser wird und ich mein Leben wieder auf die Reihe bekomme aber das jetzt ist einfach die reinste Hölle. Habt ihr bitte Tipps für mich?.

Ich bin kein Arzt und kann nicht in deinen Kopf gucken, aber hier mal für mich plausible Theorien:

Bei Lisdexamfetamin entsteht der aktiv wirksame Metabolit (d-Amphetamin) verzögert. In Studien liegt Tmax typischerweise grob im Bereich ~3–5 Stunden nach Einnahme (= dann sollte die Wirkstoffkonzentration am höchsten sein und anschließend über viele Stunden hinweg allmählich abflachen).

Der „Knick“ gegen 13–14 Uhr bei Einnahme um 08:00 liegt damit ungefähr im Bereich des erwartbaren Peaks/Übergangs vom Peak in die abfallende Phase (≈ 5–6 h post dose).

Das dürfte klinisch relevant sein, weil es nicht perfekt zu einem klassischen „Wearing-off/Rebound“ passt, der eher später beim deutlicheren Abfall der Spiegel zu erwarten wäre.

*Wobei interindividuelle Muster (z. B. kurze Wirkdauer, atypische Dynamik, Toleranz) auch vorkommen können. Da es aber einen Monat lang funktionierte und dann kippte, würde ich eher in eine andere Richtung tendieren

Die späteren Beschwerden um 17:30/18:00 (Reizbarkeit, Hangry / Carb-Craving → Essanfälle) sind zumindest kompatibel mit einem Wearing-off/Rebound-Phänomen.

Wenn die stimulierende Katecholaminwirkung stark nachlässt, können Affektlabilität, Dysphorie, Impulsivität und Heißhunger deutlicher werden.

Plausibilitäten für „erst super, dann kippt’s“

„Zu viel“ im Peak: Inverted-U / PFC-Übersteuerung

Für Präfrontalkortex-Funktionen (Arbeitsgedächtnis, kognitive Kontrolle, Emotionsregulation) gilt gut belegt ein inverted-U:

  • zu wenig DA/NE → Zerstreutheit, Unruhe, Antriebsschwäche

  • optimal → Fokus, Steuerbarkeit, emotionale Balance

  • zu viel (z. B. hoher Stimulus + Stress + Schlafmangel + ggf. weitere Stimulanzien, wie Koffein / Nikotin) → PFC-Dysfunktion mit „mental fog“, Reizbarkeit, innerer Anspannung, Affektabfall.

Das subjektive Bild „als wäre ein schwerer Vorhang vor den Gedanken“ würde zumindest phänomenologisch zu „PFC offline“ durch Über-Katecholaminisierung (inkl. stressgetriebener NE-Mechanismen) passen.

Wenn es wochenlang bei 50 mg sehr gut lief und dann erst nach einigen Wochen kippt, ist ein konstanter „Peak zu hoch“ allein aber möglicherweise nicht die einzige Erklärung. Es sei denn, es kam parallel ein Verstärker dazu (z. B. Schlafdefizit, mehr Koffein/Nikotin, psychosozialer Stress, Ernährungs-/Gewichtsänderung, Infekt etc.).


Überbeanspruchung: Stimulanz-Maskierung von Erschöpfung

Ein häufiges klinisches Muster:

  • Wochenlang deutlich mehr Output, weniger Pausen, weniger Schlaf → steigende Grundmüdigkeit / Stresslast.

  • Stimulanzien kompensieren das vormittags, aber ab mittags kollabiert das System in eine Mischung aus Müdigkeit, Dysphorie, Reizbarkeit und „paralysiertem“ Verhalten (Scrollen am Smartphone).

Neurobiologisch passt das zumindest zu PFC-Stressmechanismen (verschobenes „Optimum“ auf der inverted-U-Kurve).

Das könnte erklären, warum es anfangs „Bäume ausreißen“ war und mittlerweile „Hölle“, ohne dass die Dosis geändert wurde.


Verstärker im Alltag: Essen/Glukose, Nikotin, Flüssigkeit, Aktivitätsprofil

Mehrere Punkte sind durchaus starke Modulatoren, die das subjektive Wirkempfinden beeinflussen können:

  • Appetitsuppression über Tag, dann Rebound-Hunger am Abend wäre ein typisches Muster bei Amphetaminen. Wenn tagsüber zu wenig gegessen/getrunken wird, kann das den „Crash“ (Müdigkeit, Reizbarkeit, kognitive Verlangsamung) massiv verstärken – und abends Essanfälle begünstigen.

  • „Extremes Verlangen nach Nikotin“: Nikotin wirkt ebenfalls dopaminerg/noradrenerg und kann als „Selbst-Titration“ erlebt werden. Gleichzeitig verschlechtert Nikotin (und Entzug zwischen Zigaretten) möglicherweise Reizbarkeit/Unruhe.

  • Morgenbewegung hilft (wie beschrieben), kann aber zusammen mit weniger Nahrungsaufnahme vormittags den Nachmittagsabfall ebenfalls begünstigen (Energie-/Glukosehaushalt, Dehydrierung).


Was ist insgesamt am wahrscheinlichsten?

Aus neurobiologischer Sicht wären also mehrere überlappende Mechanismen plausibel und eher weniger „entweder über- oder unterdosiert“:

  • Echter Rebound am frühen Abend (klassisches Muster).

  • Mittags-Dysfunktion im Peak-/Post-Peak-Fenster, die entweder

    • durch inverted-U/Übersteuerung (v. a. bei Stress/Schlafmangel/zusätzlichen Stimulanzien) erklärbar ist

    • oder durch Erschöpfung/Schlafdruck + Unterversorgung (Essen/Trinken), wodurch der Peak subjektiv nicht mehr als „gut“ ankommt

Das Timing spricht für mich jedenfalls eher für ein Peak-/State-Problem (inverted-U + Kontext) als für einen reinen Spiegel-Abfall.


Ansatzpunkte für den nächsten Arzt Termin

  • Dosisanpassung nach unten, wenn Peak-Übersteuerung/Irritabilität/Brainfog im Peakfenster naheliegt.

  • Mitbehandeln/Prüfen von Schlafproblemen, Angst/Depression, Koffein-/Nikotinmustern, weil diese das inverted-U-Fenster stark verschieben können.

Für den nächsten Termin hilfreich wäre vielleicht ein kurzes Protokoll (über 7–10 Tage ?):

  • Einnahmezeit

  • Schlafdauer/Schlafqualität

  • Koffein/Nikotin (Menge/Timing)

  • Mahlzeiten und Trinkmenge

  • Stimmung/Antrieb/Fokus in groben Skalen von 1-10 über den Tag bzw. in mehreren Zeitfenstern über den Tag

So könnte man Peak-Übersteuerung vs. Unterversorgung vs. Wearing-off / Rebound-Phänomen besser voneinander trennen.

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