Falsche Autismus-Diagnose - nur Kompensation des ADHS

Könnte es sein, dass einfach die Art der Bedarfe nicht gut verstanden wird? Ich bin ja gerade auch am Thema Pflegegrad dran und merke bei den üblichen Fragebogen und Pflegegradrechnern wieder, dass die Ersteller da andere Bilder im Kopf hatten. Also z.B. ist man in diesem Schema entweder klar körperlich eingeschränkt (Rollator) oder kognitiv unterbelichtet (Demenz). Sachen wie deine ADHS-ASS-Kombi oder meine Mehrfachbehinderungen können intersektional nochmal einen Unterstützungsbedarf ergeben, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Leute kennen oft die beiden Schubladen getrennt, aber selten als Kombination mit ihren Wechselwirkungen. Dass jemand z.B. einerseits STruktur und Sicherheit braucht, andererseits aber zu ADHS-schusselig ist um sie alleine einzuhalten.

@Nelumba_Nucifera, Aushaltbra finde ich wunderbra. :+1: Jetzt habe ich erst verstanden, warum meine Ami-Verwandten so dermaßen auf das deutsche „wunderbar“ abfahren. :adxs_grins: So was ist ok als Kompromiss, elastische Hosen auch. Mir ist die körperliche Beweglichkeit als solche wichtiger als die sportlichen Aktivitäten, also in die Hocke gehen, irgendwo hochklettern, Sachen mit Gelenkigkeit und Kontakt.

Dass mir Leute irgendwo druntergucken können, würde mich selber theoretisch nicht groß stören, das stört nur meine Angehörigen. Denen erspare ich die unangenehme Berührtheit dann doch besser. Unfähigkeit, sozial adäquates Verhalten allein einzuhalten, muss definitiv auch mit in den Pflegeantrag. :rofl:

Die große Spannweite beim ASS-Thema finde ich tatsächlich auch sehr schwierig. Was sagt eine Diagnose (nicht Identität) aus, wenn sie von den Konsequenzen her alles und nichts bedeuten kann? Oder lässt sich dieser Konflikt nur durch die Wechselwirkung mit anderen Diagnosen und Lebensumständen auflösen? Oder haben die mit dem extremen Unterstützungsbedarf vielleicht noch nicht die passende Förderung für ihre Entwicklung gefunden?

@KiwiSam: Ist der Unterschied bei der Mimik für ASS auch qualitativ anders oder hauptsächlich quantitativ? Wenn qualitativ, hätte es die diagnostikstelle ja eigentlich erkennen können. Wenn quantitativ, gleicht es sich vielleicht durch ADHS und die Enthemmung wieder aus.

Bei Autismus ist es wichtig, war glaube ich bei mir zumindest so, dass der Autist wirklich gesehen wird… tun die das nicht und das hat viele Gründe wirds schwierig. Dazu kommt noch, dass wenn man selber darum nicht weiß, wie soll man dann die eigenen Schwierigkeiten überhaupt mitteilen welchen bedarf man hat.

Zu ADHS und schwer Betroffen, wegen meinem obigen Post will ich aber noch was ergänzen bzw. berichtigen :thinking:. Manche kompensieren durch hohe Intelligenz, Fleiß, Strukturhilfen, Perfektionismus oder „Masking“, so heftig gut, wie will man da eigentlich den Schweregrad der Betroffenheit einschätzen.

Keine Ahnung ob das jetzt eine gewagte These von mir ist und ich das viel zu vereinfacht darstelle, ich Plauder das trotzdem mal aus. Wenn ein Mensch mit einem sehr hohen IQ sehr viel kompensiert ( schwerer Betroffen) bleibt am Ende trotzdem immer noch ein hoher IQ übrig und man übersieht dadurch vermutlich die schwere der Betroffenheit.

Ist mir in einem anderen Thread eines Betroffen aufgefallen was der so alles machen muss, er hatte das sehr übersichtlich aufgezählt und ich hatte was dazu geschrieben… keine Lust jetzt zu suchen. :roll_eyes:

Edit: ist vermutlich keine neue Erkenntnis… :joy:

@schlingelprinz Die schwerst Betroffenen von ADHS findet man wohl recht häufig im Gefängnis ^^” Wichtiger Punkt, den “broader phenotype” gibt es sowohl beim ADHS als auch beim Autismus. Ich habe den Eindruck, beim ADHS ist die Bandbreite deutlich weniger sichtbar und bekannt. Vielleicht weil die Kriminalität, die aus unbehandeltem ADHS (plus evtl. miesem Umfeld) entstehen kann, immer noch als rein individuelles Verhaltensproblem betrachtet wird. Nicht auch (!) als Ausdruck einer Störung. Das würde in dieser ARD-Doku von Hirschhausen zumindest angerissen.

Maskieren funktioniert mit hohem IQ besser, das ja, aber bei schwer/er oder sogar sehr schwer Betroffenen nur bis zu einem gewissen Punkt, davon bin ich überzeugt. Oder auch gar nicht. Da spielt deutlich der finanzielle Hintergrund der Betroffenen eine Rolle, also sprich jemandem mit viel Geld verzeiht man deutlich mehr Fehltritte als einem armen Menschen. Zumal erstere Person sich freikaufen kann, z.B: vom Schwarzfahren.

Aber die Schwere der Betroffenheit kann sich hinter hohem IQ verstecken, stimmt. Da bleibt absolut unsichtbar, was die Person alles an Kompensation leisten muss, um den Alltag zu bewältigen. Ich glaube, das führt ebenso irgendwann in den Burnout bei den allermeisten. Man hält es einfach für normal, was man so täglich leisten muss, um zu arbeiten oder den Alltag zu bewältigen.

@tamaracha Der Unterschied ist laut Lehrbuch auf jeden Fall auch qualitativ. Meistens wird Autismus mit einem flachen Affekt verbunden, also monotoner Stimme und wenig Mimik. Beides trainieren sich autistische Menschen meistens an, um nicht aufzufallen. Dadurch ergibt sich oft beim Gegenüber ein Gefühl von “die/der ist aber unauthentisch” oder sogar Unterstellungen zu lügen. Also ja, das müsste/sollte einer Diagnostikstelle auffallen. Ich kann mir aber vorstellen, dass Inhibition da auch was ausgleicht, weil die rein spiegelnd abläuft (bei mir zumindest). Ich spiegele die Stimmung und den Ausdruck des Gegenübers rein intuitiv, was genau das ist was psychologisch bei nicht-autistischen Menschen passieren soll. Aber für mich ist das unfassbar anstrengend. Vielleicht weil meine Emotionen dabei so viel stärker sind? Was das Kindisch-Wirken eben erklären würde.

Jedenfalls werde ich immer nach einer halben Stunde müde davon und dann ist da nix mehr mit Gefühle spiegeln. Ich könnte mir halt vorstellen, dass die Enthemmung dafür sorgt, dass das Gefühl sofort gespiegelt wird und dann die restliche Anpassung intellektuell passiert, weshalb ich irgendwann müde bin.

Weil es öfter geschrieben wurde und mir in den Fingern juckt: ich habe alle Beiträge gelesen :sweat_smile: weil ich es so interessant fand. Aber zugegeben über mehrere Tage immer mal wieder weil wirklich keine Zeit wegen Tagesklinik und danach extrem platt und zuhause noch für die Kinder funktionieren und dann ins Bett fallen.

Deswegen: gute Nacht allerseits.

Dieser Abschnitt, mit dem Fahren zum Arzttermin, liest sich als hätte ich ihn geschrieben. Jetzt habe ich schmunzeln müssen. :sweat_smile:

Es fühlt sich gut an zu wissen, dass man nicht alleine damit ist.

Glg :hugs:

Das tut wirklich gut! Das ist etwas wirklich vollkommen neues für mich und fühlt sich fast wie Urlaub an, dieses verstanden werden. :green_heart:

Das hätte mir auch passieren können. :sweat_smile:

Ich habe vor Jahren mal einen Urlaub gebucht, der doch eine Stange Geld gekostet hat. Mit einer Bahnfahrt zum Flughafen und ihr könnt euch denken, was passiert ist: natürlich hatte die Bahn Verspätung und ich kam viel zu spät zum Flughafen. Bis hierhin konnte ich ja nicht einmal was dafür, außer dass ich mit Sicherhet von vornherein einen Zug früher hätte nehmen müssen. Am Flughafen selbst war ich dann aber komplett verloren und wusste nicht einmal, wie das mit dem Einchecken geht oder zu welchem Bereich ich gehen musste - ich hatte NICHTS vorher nachgesehen oder recherchiert, weil komplett der Meinung “das wird schon irgendwie”. Ich weiß nicht mehr genau, was dann passiert ist, ich erinnere mich nur noch daran, dass ich mit dem Reisebüro telefoniert habe, um das Desaster irgendwie zu regeln. Es endete jedenfalls damit, dass ich wieder nach Hause gefahren bin, ohne diesen Urlaub je angetreten zu haben. Ich habe einen Bruchteil des Geldes zurückbekommen, glaube ich. Aber ich weiß noch sehr gut, dass ich heilfroh war, Zuhause bleiben zu dürfen und nicht in den Urlaub zu “müssen” (ich hatte ihn mir selbst ausgesucht!).

Ich kann solche Großereignisse einfach weder planen noch überblicken, wenn mir niemand hilft. Im Grunde hätte ich auch Begleitung wegen der Reize und der Orientierung gebraucht. Das weiß ich heute. Himmel, ich kann ja nicht einmal nach einem Rezept kochen oder mich länger in einem Laden aufhalten. Damals war es mir endlos peinlich, dass ich so unfähig und überfordert war. Ich habe bis heute kaum jemandem erzählt, dass ich FROH war, dass dieser Urlaub ausgefallen ist, weil ich dachte, die Leute halten mich für vollkommen verrückt.

Ihr seid jedenfalls nicht allein mit diesen Erlebnissen.

darf ich fragen, welche Bücher du gelesen hast? Ich habe bzgl. Symptomatik ein ähnliches Problem wie du, hinzu kommt ebenfalls Verwirrung dabei, ob ein Symptom eher in Richtung ASS oder ADHS geht, durch die sozialen Medien. Ich suche Bücher, die diesbezüglich weiterhelfen können….

Natürlich @GroßstadtKatze

Ich habe folgende Bücher zurate gezogen:

“ADHS im Erwachsenenalter” von Krause & Krause: sehr umfassendes Fachbuch, ich finde es wirklich klasse. Autismus kommt in einem kurzen Kapitel als Komorbidität vor, wird jetzt aber nicht ausführlich besprochen.

“ADHS bei Erwachsenen - Ein Leben in Extremen” von Roy & Ohlmeier: blöder Titel irgendwie, aber das Buch ist ganz gut. Es gibt ein ein etwas längeres Kapitel zu Autismus.

“Autismus, ADHS und Tics. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit” von Van Elst: sehr spannende Abhandlung über die Schnittmengen zwischen den drei großen Entwicklungsstörungen. Er bespricht Autismus sehr ausführlich.

Das waren so meine Hauptquellen bisher. Der Blick in die Fachbücher bedeutet zwar eine ziemlich medizinische Sicht auf ADHS und Autismus, aber hat mir zumindest wirklich geholfen real existierende Probleme durch Autismus, die Schnittmengen mit ADHS und die Doppeldiagnose von unscharfen, fancy Instagram-Reels abzugrenzen. Dort wird einfach viel Mist erzählt leider.

Hallo @KiwiSam und alle anderen hier,

ich habe mich, um hier zu antworten, jetzt doch mal registriert, nachdem ich einige Zeit still mitgelesen hatte.

Alle 200+ Beiträge habe ich noch nicht gelesen, ich bitte um Nachsicht, falls ich hier etwas wiederhole, was schon durchgekaut wurde!

Zu mir: Vor ein paar Jahren wurde bei mir ADHS diagnostiziert, mit sehr eindeutigem Score. In dieser Diagnose erkannte und erkenne ich mich bis heute subjektiv sehr gut wieder.

Nach einigem Lesen und Forschen kam mir dann recht bald auch der Verdacht, ich könnte außerdem auf dem Autismus-Spektrum ein. Bei mir war es allerdings umgekehrt als bei dir, denn während ich die ADHS-Diagnose quasi als Erleichterung empfand, die ich Freunden und Familie quasi “begeistert” mitgeteilt habe (“Endlich wissen wir, was los ist!”), hat mich der Gedanke, ich könnte Autist sein, schwer erschüttert. Ich habe lange damit gekämpft, was das zu bedeuten hätte, mich stärker denn je sozial isoliert und wusste von Anfang an, dass ich diese Diagnose außer meiner Partnerin niemandem (auch nicht und vor allem nicht den Menschen, die mir nahestehen) erzählen würde.

Inzwischen habe ich aber das Screening gemacht und das Ergebnis - zu meiner Überraschung und ich glaube sogar ein bisschen zur Überraschung meines Arztes - war, dass es mit Ausnahme der Selbstauskunft (wo es darum geht, wie man subjektiv seinen Alltag erlebt) in keinem der anderen Screening-Teile Hinweise auf Neurodiversität gibt. Die anderen Teile des Screenings sind ja eher Tests, in denen stärker “objektiv” geprüft wird, ob Social Skills, Theory of Mind, Erkennen von Emotionen/Gesichtsausdrücken und dergleichen funktionieren.

Ich habe seitdem nochmal ein bisschen weiter gelesen und geforscht und verstehe jetzt besser, warum ADHS leicht zur Selbstdiagnose “Autismus” verleiten kann. Auch bin ich wie andere hier der Meinung, dass Selbsttests im Internet mit Vorsicht zu genießen sind - ich habe den Eindruck, dass gerade die oft stark auf Selbstauskunft/subjektives Erleben setzen. Ich kann mich @KiwiSam insofern nur anschließen - erstmal abwarten, ob Tests oder Screenings objektive Diagnose-Kriterien belegen. Feststellungen wie Ich bin super-lärmempfindlich/fühle mich in sozialen Situation schnell überfordert/kapsele mich oft ab haben erstmal nichts zu sagen.

Ich hätte mir damit 2 Jahre Grübeln und Hadern erspart.

Willkommen hier @planktonorganizer (was für ein cooler User-Name ist das bitte?)

Ich glaube, es wurden bereits einige Thmen hier und da wiederholt innerhalb dieses Threads und das ist auch wirklich kein Problem für mich als Ersteller. Bei über 200 Beiträgen lässt sich das nicht vermeiden.

Spannend, dass es bei dir tatsächlich nur in der Selbstauskunft Hinweise auf Autismus gegeben hat, wenn ich das richtig interpretiere. Neurodivers sind wir nämliche alle und ich nehme an, du meintest “keine Hinweise auf Neurodivergenz” (: Letzteres ist allerdings auch keine Diagnose, sondern ein soziopolitischer Begriff, der einen Status innerhalb eines gesellschaftlichen Systems meint.

In meiner ASS-Diagnostik wurden keine Tests in Richtung Emotions-Erkennung in Gesichtern oder dergleichen gemacht, sondern der ADOS. Der zielt, glaube ich, viel auf Theory of Mind ab. Der Fehler in meiner Diagnostik war rückblickend wohl, dass quasi keine Fremdbewertung abgefragt wurde. Dabei wäre in meinem Fall wohl kein auffälliger Wert herausgekommen, der über dem Cut Off liegt. Mutmaße ich zumindest.

ADHS kann sehr leicht zur Selbstdiagnose Autismus verleiten, in der Tat. Oder sogar zur formellen Diagnose, wie in meinem Fall. Die Differenzierung erfordert sehr viel Feingefühl, Erfahrung und Wissen und damit Zeit. Auf der anderen Seite: was anderes soll man letzten Endes abfragen als das Erleben der betroffenen Person. Das muss der Mittelpunkt einer jeden Diagnostik sein und damit finde ich Selbsttests, wenn man sie ehrlich ausfüllt, sogar ganz hilfreich zur ersten Einschätzung. Alles darüber hinaus muss natürlich tiefergehend abgeklärt werden.

Insgesamt scheint ADHS damit aber auch bei dir weniger Stigma zu haben als Autismus, wenn ich das richtig herauslese. Da du vorhattest praktisch niemandem von dieser Diagnose zu erzählen, wäre sie bei dir gestellt worden. Die ADHS dagegen hast du ja erzählt. Das ist kein Vorwurf, sondern ein Muster was mir oft aufgefallen ist.

Ich habe sowohl vom ADHS als auch von sämtlichen anderen Diagnosen bisher außerhalb vom medizinischen Kontext nur sehr selten und sehr wenigen Menschen erzählt. Fühlt sich immer an als würde ich dem Gegenüber eine Liste mit all meinen Schwächen überreichen. Nicht schön.

Ja und es gibt einige mehr Gründe als Autismus, wenn man schlecht ist Gefühle aus Gesichtern abzulesen. Das habe ich gelernt inzwischen. Und dass man in sozialen Situationen Probleme hat

ToM ist für mich inzwischen der Knackpunkt. Und genau darum bin ich nicht autistisch. :wink: Ich überlege mir, was wohl andere fühlen. Und ich kann mich in sie reinversetzen.

Theory of Mind bei Autismus ist tatsächlich im Schwerpunkt viel grundlegender als Gefühle anderer Menschen, jedenfalls sofern ich das korrekt verstanden habe.

Und zwar gehts da um viel mehr um Handlungen und Motivationen im Alltag, die autistische Menschen oft nicht ohne längere Erklärung verstehen: z.B. entgehen ihnen Anzeichen von Langeweile beim Gegenüber komplett und sie verstehen dann nicht, warum die Person weggeht. Oder sie bedenken beispielsweise nicht, dass eine andere Person nicht wissen kann, wohin ein Gegenstand gelegt wurde (Klassisches Beispiel mit dem Ball und dem Korb). Das ist jetzt natürlich sehr plakativ und vereinfacht ausgedrückt, aber der Knackpunkt ist eben nicht das grundsätzliche Reinversetzen in anderer Leute Gefühle, sondern ein Schritt davor: das Ablesen und Verstehen nonverbaler menschlicher Signale.

Allistische Menschen überlegen sich nicht, was der Gesichtsausdruck des Gegenübers bedeutet, sie wissen es (in aller Regel) intuitiv. Natürlich überlegt Mensch auch bei traumatischen Erfahrungen oder einer sozialen Phobie beispielsweise, ob die Person da gerade wütend guckt oder man schon wieder was Dummes gesagt hat. Aber das würde ich, so laienhaft, als Über-Interpretation aus schlechten Erfahrungen heraus bezeichnen, denn grundsätzlich wird ein allistischer Mensch in aller Regel auch mit sozialer Phobie eine Mimik intuitiv verstehen können. Inwiefern Trauma da etwas verändert, weiß ich allerdings nicht.

Der Punkt ist: das Gehirn selbst tut sich mit Autismus meistens sehr schwer nonverbale Signale zu deuten. Das ist dann eine Denkleistung, die parallel zum Gespräch verläuf, und jede Regung im Gesicht der Person gegenüber muss praktisch von Hand gedeutet werden.

Sich in die Situation eines anderen Menschen hineninzuversetzen, z.B. wenn diese Person sich auf einen Urlaub freut, ist ja immer eine kognitive Leistung. Klar, man muss davor natürlich auch die Freude im Gesicht der Person erst mal lesen können, und die Freude nachzufühlen ist dann erst der zweite Schritt für meine Begriffe.

Beides hängt natürlich zusammen und vielleicht ist die Trennung ein wenig künstlich, keine Ahnung.

Bei reiner ADHS, ohne Autismus, würde man die sozialen Signale öfters übersehen und deshalb überrascht sein, was die Person tut. Aber lesen könnte man die Signale sehr wohl.

Wie immer, bitte korrigiert mich wenn ich was Falsches erzähle. :sweat_smile:

Dieser Thread hier existiert mittlerweile seit Juli und ich möchte ein paar zusammenfassende Erkenntnisse teilen, die mir mit der Zeit kamen. Vielleicht kann das auch dazu dienen, dass Leute nicht mehr alles lesen müssen, um sich hier zu äußern.

  1. ADHS ist tiefgreifender als ich gedacht hatte. Es betrifft jeden Aspekt meines Lebens, und sogar Teilbereiche, die ich nie damit in Verbindung gebracht hätte. Z.B. Auffälligkeiten beim räumlichen Sehen.
  2. Ich bin deshalb mittlerweile der Meinung, ADHS wird dahingehend sehr oft unterschäzt. Es mag nicht so tiefgreifend sein wie Autismus in dem Sinne, dass es weniger grundlegende Fähigkeiten wie z.B. das Lesen non-verbaler Signale an sich (nicht Übersehen durch Ablenkung!) betrifft. Aber es ist trotzdem ziemlich umfassend.
  3. Ich habe wirklich viele meiner ADHS-Probleme auf Autismus übertragen.
  4. Ich werde vermutlich nie hundert prozentig wissen, ob ich nun autistisch bin oder nicht.
  5. Viele Probleme und Eigenschaften von ADHS (und anderen Störungen) werden in den sozialen Medien als autistisch dargestellt, sodass dort immer mehr Fehlinformationen herrschen. Passt auf, wem ihr folgt, falls ihr da ähnlich anfällig seid wie ich. Und hinterfragt alles!

Zusammenfassend würde ich sagen: man sollte nur da Autismus diagnostizieren, wo er wirklich nachweislich durch das ganze Leben hindurch nachweisbar ist. Dasselbe gilt natürlich für ADHS genauso, aber ich bleibe hier beim Autismus, weil es mich da betrifft. Ja, man kann durchaus in meinem Lebenslauf diverse autistische Eigenschaften und Probleme feststellen, aber bei näherer Betrachtung lassen die sich noch durch die Diagnosekriterien ADHS besser erklären. Noch. Wie gesagt, wo man da die Grenze ziehen mag, ist wirklich schwer zu entscheiden.

Aber der Autismus sollte klar als solcher erkennbar sein, wenn man Maskierung soweit als möglich abzieht. Nur dann kann die Diagnose wirklich etwas bringen, finde ich.

Falls es euch interessiert, kann ich nochmal eine Liste machen, wie ich bei mir selbst die Neurotypen abgrenze. Vielleicht hilft es jemandem.

Mich würde das interessieren. Mir ist auch nach Jahren die genaue Definition der verschiedenen Diagnosen noch nicht ganz klar.

Bei Autismus finde ich es sowieso schwierig, weil es so viele unterschiedliche Erscheinungsbilder gibt. Mit manchen Autisten habe ich gefühlt keinerlei Schnittmenge, obwohl ich die Diagnose auch habe (und auch denke, dass ich sie zu Recht habe). Mit manchen ADHSlern habe ich Gemeinsamkeiten, aber auch nicht mit allen.

Die Abgrenzung ist auch immens schwer und ich als medizinischer Laie kann da sowieso kein exaktes Wissen bieten. Ich stimme dir zu, dass bei Autismus das Spektrum wirklich riesig ist und für mich persönlich nochmal größer als bei ADHS - und zwar weil es bei ASS von non-verbal und auf ständige Unterstützung rund um die Ihr angewiesen bis hin zu arbeitsfähig und selbstständig lebend reicht. Bei ADHS scheint (!!) mir das Spektrum etwas kleiner - von immens hyperaktiv und eventuell kriminell auffällig (oder sehr lethargisch und kaum zu einer Handlung zu motvieren) bis hin zu jemandem, den die Symptome wenig beeinflussen. Ich habe jetzt bewusst ausgelassen, was die hohe “Funktionalität” die Menschen kostet. Bei ADHS hat man meines Wissens nach nicht diese ganz grundsätzlichen Fähigkeiten stark eingeschränkt, wie z.B. Sprechen auf der Ebene, dass man im Alltag auf digitale Hilfsmittel komplett angewiesen wäre. Aber die Grenze ist schwammig und unscharf.

Abgegrenzt habe ich meine Neurotypen anhand der Motivation hinter dem Verhalten. Beispiel: das Erkennen sozialer Signale.

Bei Autismus hätte ich ganz grundständige Probleme, diese Signale zu lesen, interpretieren und entsprechend zu beantworten. Egal wie lange ich jemanden kennen würde, aus diesem Grund würden häufig Missverständnisse auftreten, weil ich komplette oder mindestens teilweise Kontexte einfach nicht erkennen würde - egal wie sehr ich mich anstrengte oder hinsehen würde. Und unabhängig vom Interesse und der Person oder einer Aufgabe, die mich in Beschlag nimmt.

Mit ADHS habe ich die Reizenoffenheit, die meinen Blick ständig im Raum sonst wo hinlenkt, sodass ich die Signale nicht mitbekomme. Ich kann die Signale aber lesen, wenn ich hinsehe und aufmerksam bin. Die Intuition ist grundsätzlich da, ich kann aber die Aufmerksamkeit nicht darauf hinsteuern, weil sich der Fokus nicht willentlich festlegen lässt. Und das passiert nicht aus dem Grund, dass mich die Signale nicht interessieren oder ich gerade in etwas vertieft bin.

Selbes Verhalten, zwei vollkommen verschiedene Probleme dahinter.

Ich stimme zu, dass wohl bei ADHS die Intuition im Umgang mit anderen Menschen grundsätzlich da ist und bei Autismus nicht. Bei ADHS gibt es zwischenmenschliche Probleme, wie du schreibst, durch die Unaufmerksamkeit, zusätzlich wohl auch durch Impulsivität manchmal.

Beim Autismus finde ich es schwieriger. Das Lesen von Mimik allein macht es nicht aus, das kann man lernen. Aber auch wenn man es kann, ist man immer noch Autist. Es muss noch etwas darunter liegen, eine tiefer liegende Barriere würde ich es mal nennen. Aus meiner Sicht fühlt es sich so an, dass ich einfach keine Verbindung zu anderen Menschen habe und die meiste Zeit nicht weiß, was ich sagen soll oder was deren Absichten sind. Es ist ein bisschen wie Navigieren im Nebel, wenn man ein Gespräch führt. Es gibt Situationen, wo es einfacher ist, weil ich „weiß wie der Hase läuft“. Zum Beispiel am Arbeitsplatz, wenn über die Arbeit gesprochen wird, dann fällt mir das relativ leicht. Schwieriger ist es, wenn die Zusammenkunft lockerer Natur ist ohne Fahrplan und ohne festes Thema. Besonders schwierig wird es dann, wenn es um engere Beziehungen geht. Das ist mir so ein Rätsel, dass ich es bisher nicht hinbekommen habe, über eine lockere Freundschaft oder Bekanntschaft hinaus zu kommen. Dabei mag ich aber einzelne Menschen trotzdem gerne, und sie sind mir auch wichtig, nur komme ich ihnen nie wirklich nahe. Es gibt aber Autisten, die das offenbar schaffen, wie auch immer.

Habe nicht alles gelesen… Ich musste mich mit dem Thema auseinandersetzen, weil mein Kind neben ADHS evtl ebenfalls im Spektrum ist. Inzwischen glaube ich es nicht, auch mehrere Fachpersonen sehen das so.

Mir haben folgende beide Quellen bei der Unterscheidung geholfen (falls es noch nicht geteilt wurde).

Zum Lesen

Zum Schauen / Hören

Ich würde sagen - aber rein aus meiner “Außenperspektive” - dass die darunterliegende Barriere das Nicht-Lesen-Können non-verbaler Signale ist. Menschen kommunizieren viel mehr non-verbal als verbal, obwohl ich gerade keine wissenschaftlichen Beweise dafür habe, und wenn einem praktisch der Hauptteil der Konversation entgeht, ist es nur logisch, dass man keine/kaum Verbindung zu anderen aufbauen kann. Würdest du das aus deiner Sicht so bestätigen oder ist die Barriere ganz anders?

Ich mit meiner ADHS baue sehr leicht eine oberflächliche Verbindung zu Menschen auf, wenn denn meine Angst nicht im Weg steht sozusagen. Die meisten Menschen finden mich sympathisch und irgendwie nett für eine Unterhaltung, so zumindest die Rückmeldungen, von denen ich so weiß. Tiefere Verbindungen fallen mir schwer, weil ich in der Vergangenheit oft mit dem Vorwurf konfrontiert war, ich sei zu gefühlsintensiv und das war Menschen zu viel. Das sind dann die Probleme, die du du ja hinzugefügt hast: Impulsivität mit mangelnder emotionaler Regulationsfähigkeit. Die Menschen wollten dann nichts mehr mit mir zutun haben, weil ich ihnen einfach zu anstrengend war.

Witzig wie gegensätzlich da ASS und ADHS in der Beziehung sind, welche Gesprächssituationen wir bevorzugen. Ich hasse diese Arbeitsumfelde, wo nur bestimmte Themen und schlimmstenfalls noch Floskeln angebracht sind, weil ich es unglaublich anstrengend finde ständig im Kopf zu navigieren, was ich nun sagen soll, wie der nächste Satz lauten soll und welche Sätze auf keinen Fall gesagt werden dürfen. Dafür gibt es ja ungeschriebene Regeln und die ständige Selbstüberwachung finde ich wirklich massiv anstrengend.

Lockere Settings haben diese starren Regeln nicht und da fällt für mich eine gewisse Anstrengung dann weg. Das heißt nicht, dass es mir dann furchtbar leicht fallen würde, was zu sagen - aber es gibt eben deutlich weniger Fallstricke für die Impulsivität. Dank der fallen mir oft irgendwelche Sprüche oder Antworten ein, die andere dann lustig finden. Dadurch entsteht dann die erwähnte oberflächliche Verbindung.

Navigieren im Nebel ist eine wirklich treffende Beschreibung für soziale Kommunikation. Engere Beziehungen habe ich fast gar keine.

Der Smalltalk ist trotz meiner zusätzlichen ADHS nicht sonderlich ausgeprägt, kommt aber schon manchmal vor…Smalltalk ist, Schnarrrrrrchhhhhhh :yawning_face:

Reden um des Reden Willens“. :joy:
Stelle gelinkt wo Frau Bachmann es anspricht.