Falsche Autismus-Diagnose - nur Kompensation des ADHS

@Igel
Ein unterstützendes Umfeld kann mit Sicherheit helfen, da gebe ich dir Recht. Wenn die Familie einen akzeptiert, ist es deutlich einfacher für das weitere Leben und führt natürlich zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstwert in der Regel.

Da ASS und ADHS stark genetisch bedingt ist, kann es natürlich sein, dass unbekannterweise die ganze Familie betroffen ist, oder zumindest Teile davon. Ob das zu mehr Akzeptanz führt oder zu noch mehr Problemen, z.B. weil die Eltern als ADHSler keine Struktur bieten können, ist wohl sehr individuell.

Du zählst eine Creator:innen mit ADHS auf, die selbstständig arbeiten. Mir fallen ein, zwei mit Autismus plus ADHS ein, die allerdings nicht von ihrem Content leben (meines Wissens nach), z.B. PurpleElla und audhd_academic. Spontan fiele mir nur mollys-adhd-mayhem ein, die tatsächlich Geld mit ihren Inhalten verdient und davon lebt. Jedenfalls scheint es mir anekdotisch deutlich seltener vorzukommen, dass jemand mit beiden Diagnosen Geld als selbstständige Content Creator:in verdient.

Ich behaupte mal, das ist mir “nur” ADHS nochmal etwas einfacher, weil das alltägliche Leben auf weniger grundlegender Basis eingeschränkt ist. Und ich hatte in meinem Post eben gerade von ASS gesprochen, nicht von Menschen mit nur ADHS. Autistischen Menschen kann das selbstständige arbeiten aber natürlich auch sehr entgegen kommen, keine Frage.

Insgesamt frage ich mich, wo denn ASS tatsächlich anfängt und ob es gut ist so ganz leichte Fälle zu diagnostizieren. Da sind wir wieder beim “broader autistic phenotype” und der Frage, wann ein Merkmal Leidensdruck verursacht und wo wir heute zu viel reininterpretieren. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, einen Menschen als autistisch zu labeln, wenn er oder sie bis ins hohe Erwachsenenalter ohne tiefgreifendes Scheitern auf vielen Ebenen des Lebens zurechtgekommen ist. Da mag es Ausnahmen geben, die immens viel Unterstützung erfahren haben, selbst ohne Diagnose, und deshalb zurechtgekommen sind, und die aber dennoch eindeutig autistisch sind. Aber mittlerweile gibts genug, die einen, zwei Nervenzusammenbrüche im Jahr als autistische Meltdowns interpretieren und offensichtlich wenig über das reale Leid autistischer Meltdowns wissen. Daran ist dann zum Teil auch Social Media schuld.

Um es klar zu sagen: autistische Eigenschaften lassen sich maskieren, auf jeden Fall. Damit kann auch jemand mit extremer Anstrengung sehr weit im Leben kommen. Aber die Folgen wären meines Erachtens nach ebenso extrem, nämlich physische und psychische Krankheiten aller Art. Zum zweiten gibt es sehr viel autistische Menschen, die auch unter strengen Eltern und harten Sanktionen nicht oder nur wenig maskieren können. Autistische Eigenschaften, genau wie ADHS-Eigenschaften, bleiben. Sie führen dann zu immensem Leid, zu Ausgrenzung, Scheitern, kaputten Beziehungen und Armut durch Arbeitslosigkeit usw.

Das ist kein “ich hab das gemerkt als ich plötzlich auf dem Auslandsjahr keine Struktur mehr hatte”. Man fällt auf. Immer. Und das ist einfach nur furchtbar in den meisten Fällen. Manchmal klingt es so als wäre ASS kaum noch mehr als ein weiteres fancy Persönlichkeitsmerkmal fürs Social Media Profil, genauso wie ADHS plötzlich Superkräften gleichgesetzt wird.

Entschuldigt wenn der Post nun teilweise wütend oder frustriert klingt… Oder ich zu hart und rigide bin mit meinen Kriterien.

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Was verstehst du eigentlich unter leicht?

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Im Grunde solche Fälle wie mich selbst, was den Autismus betrifft.

Ja, ich leide unter der ADHS. Darüber hinaus habe ich dann einige Eigenschaften, die man dem Autismus zurechnen könnte: ich bin auf Strukturen in meinem Tag angewiesen, ich denke oft rigide (wie man hier merkt), ich brauche Pläne und Vorhersehbarkeit in den kleinen Alltagstätigkeiten und in großen Aktivitäten, ich habe Wutanfälle an stressigen Tagen, Stimming ist an der Tagesordnung… usw.

Ist das schon genug für eine Autismus-Diagnose? Ich bin zu dem Schluss gekommen, gerade was die letzten Posts angeht, dass das nicht der Fall ist. Es lässt sich sehr gut durch die ADHS erklären in meinem Fall.

@Jajoov hat es schön geschrieben weiter oben:

Das hatte ich alles nicht als Kind.

Ich will niemandem die ASS Diagnose absprechen. Oder zumindest versuche ich mich davon zu lösen, mein Muster nicht auf alle anderen zu übertragen. Ich muss meinen Sturkopf da sehr bremsen.

Na sie wurde dir doch gestellt, diese Diagnose wird in der Regel nicht leichtfertig gestellt.

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Auf mein nachfragen wurde mir bei der Diagnostik in der UK gesagt, dass unteranderem der Leidensdruck eine wichtige Rolle bei der Diagnose spielt. :people_hugging:

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Das will ich gar nicht abstreiten. Vor allem, wenn man das im Kontext aktueller Diskussionen sieht, wo man immer öfter hört, es gäbe immer mehr autistische Kinder, weil die Kinder zu viel Bildschirmzeit verbrachten und soziale Kompetenzen verlieren, weil sie sich zu wenig mit anderen Kindern treffen, oder die Eltern schauen zu oft auf ihr Smartphone und deshalb lernt das Kind keinen Blickkontakt einzusetzen usw. Ich bin der Meinung, dass es das wirklich öfter gibt, aber das ist keine ASS. Wenn das anerzogenes Einzelgängertum ist, dann kann man von schizoiden Zügen sprechen, aber Autismus ist etwas anderes. Außerdem sind autistische Kinder keine „Engel“. Viele sind sehr impulsiv und ein großer Teil hat eine Störung des Sozialverhaltens, aber da scheint es nicht ganz so wichtig zu sein, diese als Komorbidität anzugeben.

Ich sehe gar kein Problem in der großzügigen Vergabepraxis von Autismus-Diagnosen, sondern an der Stelle, wo Francois Gremaud das Problem sieht. ADHS wird bagatellisiert und bei Erwachsenen erst recht als Kinderkrankheit abgetan, die Symptome werden auf ihren kleinsten Nenner minimiert und limitiert und das hat auch noch praktische Auswirkungen, und zwar dass Hilfsangebote erkämpft werden müssen. Große Hürden für die Beschaffung von Stimulanzien, Kosten für Therapien und Schlafmittel werden teilweise nicht von der Kasse übernommen, absolut mangelhafte Unterstützung im schulischen Bereich und im Studium usw.

Und der tolle Tebarz von Elst hat noch seinen Beitrag dazu geleistet, nämlich dass die UK Freiburg inzwischen keine ADHS-Diagnostik mehr für Kinder anbietet. Sagt das nicht alles?

Was ich jetzt geschrieben habe, hat einen zynischen Unterton, aber ich beziehe mich dabei überhaupt nicht auf euch oder irgendjemanden hier im Forum, sondern auf reale Erfahrungen.

Die Erwachsenen Ambulanz der UK Freiburg nimmt niemanden mehr an wenn ich das richtig verstehe bzw. nur aus der Region aufgrund von Kapazitäten aber bei der KJP der UK Freiburg steht auf der Homepage die ADHS an erster stelle, dass die dort Diagnostiziert und behandelt wird. :thinking:

Die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA)

Die Institutsambulanz der Klinik ist zur ambulanten Versorgung von schwer erkrankten kinder- und jugendpsychiatrischen Patienten eingerichtet worden. Für alle Fragestellungen steht ein multiprofessionelles Team aus Ärztinnen und Psychologinnen zur Verfügung.

In der Institutsambulanz bestehen Diagnostik-, Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche mit kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen wie z. B.

  • Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung bzw. Hyperkinetische Störungen mit zusätzlichen komorbiden Symptomen

Was ich erschreckend finde: Bei Erwachsenen im ASS-Spektrum ohne intellektuelle Beeinträchtigung zeigen Studien – zumindest in klinischen Stichproben – eine deutlich erhöhte Arbeitslosigkeit trotz oft hoher formaler Bildung. In einer deutschen Untersuchung lag die Arbeitslosenquote z.B. bei rund 25% gegenüber etwa 5% in der Allgemeinbevölkerung, also grob Faktor fünf (Vogeley et al.).

Wenn zusätzlich eine ADHS vorliegt und unbehandelt bleibt, ist es naheliegend, dass das die berufliche Situation weiter erschweren kann, weil ADHS-Symptome (z.B. Schwierigkeiten mit Exekutivfunktionen, Organisation, Impulsivität oder emotionale Dysregulation) den Alltag und die Arbeitsfähigkeit zusätzlich belasten können.

Deshalb halte ich es für wichtig, bei entsprechenden Hinweisen ADHS systematisch abzuklären und – wenn die Diagnose bestätigt ist – passende Behandlung und Unterstützung zu prüfen. Zumal ASS und ADHS häufig gemeinsam auftreten: Je nach Studie, Definition und Setting variieren die Angaben deutlich; Meta-Analysen liegen grob im Bereich um ~40%, und klinische Stichproben berichten teils höhere Werte.

Im Grunde sehe ich das weniger als „entweder/oder“, sondern eher so: Bei ASS immer auch an ADHS denken – und bei ADHS auch an ASS, weil die Komorbidität häufig ist und beide Profile sich in ihren Alltagsfolgen gegenseitig verstärken können. Dass beides lange so strikt getrennt wurde, hängt auch mit der früheren Diagnostik zusammen – eine Doppeldiagnose war historisch nicht immer vorgesehen.

Am Ende geht es mir darum, sekundäre Belastungen und Folgeprobleme (z.B. chronischer Stress, depressive Symptome, Angst oder Erschöpfung) möglichst zu reduzieren. Das gelingt am ehesten durch frühes Erkennen der grundlegenden Herausforderungen, eine individuell passende Behandlung/Unterstützung und ein Anpassen des Umfelds (z.B. Arbeitsplatzbedingungen, Struktur, Reizreduktion, klare Kommunikation).

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Danke Chatgpt fürs Formulieren. :heart:

Nach außen mag die Person zurechtgekommen sein. Wie es im Inneren aussieht kannst Du nicht wissen. Was es an Kraft gekostet hat sich “neurotypisch passing” (ich weiß nicht ob es diesen Begriff offiziell gibt, finde ihn aber Recht passend) zu präsentieren, sprich extrem zu maskieren.

Ich bin Zeit meines Lebens angeeckt, in der Schule, im abgebrochenen Studium, in den Ausbildungen, im Beruf, …

Die Frage ist ja auch, was definiert man als Scheitern. Ist es schon Scheitern, wenn man eine Klasse wiederholt, oder das Studium abbricht und dann eine Ausbildung macht? Oder muss man erst dreimal erfolglos eine Ausbildung begonnen haben? Oder reicht es vielleicht schon, wenn man auf Grund dessen, dass man anders ist und nicht weiß wieso, dass man ein geringes Selbstwertgefühl hat?

Und muss man wirklich scheitern, um eine Diagnose bekommen zu dürfen?

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Das waren nur die, von denen ich weiß, dass sie eine offizielle Diagnose haben.

Ich kenne auch eine Frau, die Familrncontent macht, die beide Diagnosen hat (Marlies Johanna). Sie verdient damit definitiv Geld.

Auch im Englischen gibt es einige mit Doppeldiagnose.

Wie Du schreibst, es ist anekdotisch.

Was allerdings ziemlich klar ist, dass unter Creatoren der Anteil neurodivergenter Menschen höher sein wird, als unter Angestellten Arbeitnehmern.

Die können ja behaupten, was sie wollen. Unter bestimmten Umständen vergeben sie Diagnose ADHS und HKS mit Sicherheit, aber wenn man dort sein Kind mit einer Überweisung V.a. ADHS anmelden will, dann wird man zurückgewiesen. Wir wollten eine Diagnose von einer Uni-Klinik machen lassen, in der Hoffnung, dass die Diagnose mit zahlreichen Tests belegt wird. Eben genau aus dem Grund, weil die Validität der ADHS so oft infrage gestellt, insbesondere von Lehrern.
Eine Dame am Telefon hat gesagt: „ADHS diagnostizieren wir hier nicht mehr“, dann wurde uns die Adresse eines Psychiaters aus Denzlingen gegeben, der aus verschiedenen Gründen, die ich an dieser Stelle nicht nennen möchte, als sehr problematisch gilt.
Dann habe ich gefragt, ob sie uns ihre Aussage schriftlich bestätigen würde, worauf die Dame sehr ungehalten reagierte

Ich werde nachher noch ein Schreiben verfassen und um eine schriftliche Begründung bitten.
Mal gucken, ob ich eine Antwort bekomme.

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Genau und wie Dr. Gremaud auch sagte, es wäre wirklich schade, wenn jemandem ein gut wirkendes Medikament vorenthalten würde.

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@schlingelprinz
Ja, die Diagnose wurde mir gestellt, allerdings bin ich immer noch der Meinung, dass ich viele ADHS-Merkmale an mir selbst damals fehlgedeutet habe. Sei es nun aus Unwissen oder vielleicht ein klein wenig, weil die Diagnose Autismus weniger nach Schuldzuweisung klang als zwanghafte Muster. Ganz herausfinden werde ich das wohl nie.

Wahrscheinlich macht es aber durchaus Sinn immer ADHS und ASS gemeinsam abzuklären, um ein möglichst gutes Bild von den Betroffenen zu erhalten. Intellektuelle Behinderungen werden mittels IQ-Test abgeklärt, und bei mir wurden auch Persönlichkeitsstörungen mit abgeklärt. Insofern ließe sich ADHS und ASS sicher auch gemeinsam testen. ADHS wurde bei mir nur deshalb nicht mehr geklärt, weil die Diagnose eh schon feststand.

@Jajoov
Die Bagatellisierung von ADHS sehe ich auch. In meiner anekdotischen Erfahrung, die ich aber auch in meinem Fachbuch von Krause & Krause oft sinngemäß wiedergefunden habe, war es so, dass die Symptome der ADHS bei Erwachsenen als persönliche Charakterfehler interpretiert wurden. Oder als Erziehungsfehler in der Kindheit, was wohl im Ergebnis dasselbe meint. Das Label Kinderkrankheit kommt aber auch noch häufig genug vor, das stimmt. Und dabei könnte so viel Leid vermieden werden, wenn wir endlich aufhören würden, jede Schwäche als willentlichen Kontrollverlust darzustellen.

Wir Menschen bilden uns eindeutig viel zu viel auf unsere vermeintliche Kontrolle über alles ein. Die existiert in den meisten Fällen einfach nicht, aber wir wollen das nicht wahrhaben.

@Igel
Die Frage nach der Definition von Scheitern ist ein wirklich guter Punkt. Wann scheitern wir denn genug, um eine Diagnose welcher Art auch immer zu verdienen? Wahrscheinlich gibts darauf keine Antworten, die nicht extrem individuell sind. Zudem dachte ich grade, ich mache in meinem Post schon wieder eine Art Wettbewerb im Scheitern auf… ^^” Nicht gut.

Ich bin jedenfalls in meinem Leben sehr stark gescheitert, das kann ich wohl so sagen. Schule, Studium, Privatleben… Da läuft kaum etwas in meinem Leben. Allerdings geht das nicht nur auf angeborene Behinderungen zurück, sondern eindeutig auch zu einem großen Teil auf meine familiären Verhältnisse.

Unter Selbstständigen generell wird der Anteil von Menschen mit ADHS und Autismus höher sein, sofern diese Personen einen mindestens durchschnittlichen IQ und einige andere Privilegien besitzen. Ich habe die Tage eine Podcast-Folge mit einem Interview mit einem Kabarettisten gehört (aus der Reihe “ADHS - Kein Grund zur Panik!”) und dieser hat sehr eindrücklich von seinem Leidensweg mit unerkannter ADHS als selbstständiger Künstler berichtet. Er hat die Diagnose erst mit 50 Jahren erhalten und seine Karriere ist vom ADHS gepägt sozusagen. Selbstständigkeit ist also auch keine Lösung für alle, aber zumindest für einige.

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Ich bin der Meinung bei mir, dass ich vieles als ADHS und ASS Merkmale fehlgedeutet habe, obwohl es vielleicht Dissoziation ist. :thinking:

Denke ich auch, und dann stellt sich noch die Frage, was für das Scheitern im Einzelfall die Ursache ist. Wie du ja auch schreibst, kann es weitere Ursachen geben wie familiäre Verhältnisse. Es gibt extrem viele Leute, die eine sehr schlechte Kindheit hatten und dann mit Autismus (und ggf. ADHS) diagnostiziert werden. Ich bin nicht sicher, ob die Ursachen immer so genau abgegrenzt werden, wie es nötig wäre. Aber zumindest scheitert so jemand nicht an dem Kriterium „Leidensdruck“, denn den hat er ja.
In den anderen Fällen, wo man davon ausgeht, dass es keine anderen Ursachen gibt, muss man individuell schauen, ob eine Diagnose Sinn macht. Das wäre sehr schwer pauschal zu beantworten.

Trotzdem wird Autismus auch heute noch oft spät diagnostiziert, vor allem wenn eben die Intelligenz normal oder hoch ist. Denn viele Eigenarten werden dann kleingeredet, wenn man merkt, ach das Kind lernt ja doch sprechen oder das Kind hat gute Noten in der Schule. Und es gibt ganz verschiedene Ausprägungen von Autismus, die auch unterschiedlich stark auffallen. Es gibt z.B. die ganz ruhigen Autisten, die sich nach Kräften anpassen und nur als sehr ruhig oder schüchtern auffallen. Sie internalisieren ihre Probleme, sind abgekapselt, machen aber anderen keine Schwierigkeiten. Wenn man da nicht sehr genau hinschaut, sieht man deren Leid nicht, weil sie es gar nicht mitteilen oder irgendwie zeigen können. Statt Meltdowns zu haben verletzen sie sich vielleicht in aller Stille selbst, wenn alles zu viel wird, ohne dass es jemand merkt. Das Umfeld hat dann nicht den Druck, irgendwas zu machen, und dann passiert ggf. auch nichts (z.B. weil die Eltern „einfach strukturiert“ sind und gar nicht auf die Idee kommen, ihr Kind untersuchen zu lassen, Probleme nicht sehen können oder wollen oder dem Kind keinen Stempel verpassen wollen). So kann ein autistisches Kind auch heute noch erwachsen werden, ohne eine Diagnose zu haben, und in früheren Jahrzehnten hat sowieso niemand so genau hingeschaut. Das rächt sich aber im späteren Leben, weil es fatal ist, wenn man mit allem immer alleine ist und keine Hilfe bekommt und noch nicht einmal weiß, dass man eigentlich eine Diagnose und Hilfe bekommen könnte.

ADHS und ASS sind multifaktoriell. Ein komplexes Zusammenspiel mit starker genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren. Eine Einzelursache kann man also nicht verantwortlich machen, wie z.B. „schlechte Kindheit“. :heart:

Bei mir steht nach ADHS Diagnose vor wenigen Jahren, die äußerst ausführlich war, nun in der Verhaltenstherapie bei einem anderen Arzt auch die Frage gewisser autistischer Züge im Raum.

Allerdings geht es mir auch etwas so wie im Eröffnungspost - das meiste lässt sich mmn. auch durch ADHS und intuitiv erlerntes Kompensationsverhalten erklären - und bestimmte Aspekte/Dimensionen von Autismus treffen bei mir wiederum überhaupt nicht zu.

Wenn ich nun mit Selbsttests, Fragebögen etc. hantiere, kommt da schon eine Tendenz in die Richtung raus, aber das differenziert ja eben nicht zu ADHS.

Wie würdet ihr damit umgehen, um da mehr Klarheit zu bekommen? Gibt es verlässliche Diagnostiken, die auch nach einer ADHS Diagnose solide Abgrenzung und Differenzierung sicherstellen können? Oder bleibt es ein Stück weit Guesswork?

Danke!

Ein Interdisziplinäres Team wäre für die Diagnostik schon ganz gut. Physisch beweisen bzw. ausschließen, kann man Autismus leider noch nicht. Eine spezialisierte Praxis oder UK sind, denke ich auf jeden Fall wichtig. :heart:

Edit: Naja und manche sind halt schon krass auffällig, da gibts nicht viel „was anderes“…

Edit2: Gerade wunder ich mich allgemein über den Thread mal wieder, weil ADHS ja kein Ausschluss mehr ist für Autismus seit 2012 oder so. Kommt tatsächlich, beides recht häufig zusammen vor hat man wohl rausgefunden… und nur weil man zusätzlich Autist ist heißt das ja nicht, dass man deswegen weniger ADHS hat oder Vice Versa. :thinking:

Eine schlechte Kindheit ist gar niemals Ursache für Autismus. Bei Autismus ist Genetik als Hauptursache im Gespräch, unter Umständen kann es Umwelteinflüsse VOR der Geburt geben, die einen Einfluss haben, und in seltenen Fällen kann eine Hirnhautentzündung im Säuglingsalter Symptome wie bei Autismus auslösen. Aber niemals kann Vernachlässigung, Missbrauch oder Misshandlung jemals Autismus verursachen.
Bei ADHS weiß ich es nicht. Die Tendenz neuerdings, zu sagen, dass auch Autismus durch Erfahrungen erworben werden könnte, ist nicht gut und macht es nur noch schwieriger, weil dann einige Leute wieder auf die falsche Spur gebracht werden.

Genau, das wäre der sekundäre Autismus und der ist erworben.

Wieder auf die Falsche Spur… Stichwort Kühlschrankmütter.

Edit: Wieso gab es bei dieser Theorie eigentlich keine Kühlschrankväter??? Gleiches Kühlschrankrecht für alle. :face_with_symbols_on_mouth:

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@Akana

Das kommt bestimmt vor. Ich wollte nicht abstreiten, dass auch Autismus übersehen werden kann, aber schließe mich den Aussagen von Dr. Gernaud an und denke auch, dass viele ADHSler, besonders dann, wenn sich ihre Hyperaktivität nicht so heftig körperlich äußert, wenn sie über eine etwas bessere Verhaltenshemmung verfügen z.B. nicht dauern Reden, Quengeln usw., dazu noch über eine gute Intelligenz verfügen, Coping-Strategien entwickeln können z.B. durch Sport, Vermeidung von Schwächen, Reizüberflutung und soziales Engagement usw. leichter übersehen werden können.

Klar und dann kommt noch das soziale Umfeld ins Spiel. Wenn die Eltern ohnehin eher zu Alternativmedizin und Esoterik neigen, oder sich von Pädagogen oder der bösen Schwiegermutter nichts sagen lassen wollen, alles Mögliche als Einmischung erachten, dann gibt es auch keine Diagnose für das Kind. Oft suchen solche Eltern ja auch ganz gezielt ein Umfeld für das Kind, das ihre Einstellung und Skepsis gegenüber Stimulanzien oder psychiatrischen Diagnosen generell, bestätigt z.B. anthroposophische Kinderärzte und Reformpädagogische Schulen usw. und gerade bei Eltern von Kindern mit autistischen Kindern fällt mir öfter eine gewisse Neigung zu paranoiden Vorstellungen und Spiritualität auf. Dann werden Diäten und Zuckerkügelchen und Klangschalentherapien und Schläge auf den Hintern ausprobiert etc. Einige dieser „alternativen“ Heilmethoden durfte ich selbst kennenlernen.

Und dein Punkt ist auch richtig, weil Asperger häufig gar nicht so schlechte Schulleistungen bringen, wird aus diesem Grund schon mal nicht gehandelt, wo wiederum bei ADHSlern wegen schlechten Noten und Schulverweigerung schnell Alarm angesagt ist.

Ich glaube auch, dass es neurodiversen Kindern leichter fällt gegenüber Erwachsenen nicht so stark aufzufallen, sie können sich manchmal ganz gut hinter ihrer allgemeinen Unreife verstecken, sind oft charmant und viele haben schon sehr erwachsene Ansichten plus die nötige Eloquenz.

Wo ich allerdings immer Zweifel habe, ist, wenn es nie Konflikte mit Gleichaltrigen gegeben haben soll. Die Altersgenossen erkennen nämlich auch subtilste Besonderheiten ziemlich rasch. Bei mir haben sie schon ziemlich früh gemerkt, dass ich sehr naiv bin und haben sich daraus einen Spaß gemacht, Fallen gebaut, sich über das fehlende Verständnis für Ironie lustig gemacht und mich so lange provoziert bis der Wutanfall da war, um sich dann noch genüsslich daran zu vergnügen, wenn ich dafür bestraft wurde. Bei Aspergern kommen noch Sonderinteressen dazu, die andere Kinder befremdlich finden, vielleicht noch eine hochgestochene sprachliche Ausdrucksweise usw. Also wenn man das schon als junges Kind maskieren kann, dann ist das vielleicht auch keine Grundstörung mehr, sondern nur noch Charakter eines sehr, sehr weit auslaufenden Kontinuums.

Aber, wie bereits geschrieben, das ist nur meine persönliche Meinung und ich stimme dir zu, wenn bei den verantwortlichen Bezugspersonen die nötige Sensibilität fehlt sowohl für zwischenmenschliches als auch das Leid des Kindes zu sehen, dann wird das Kind übersehen.