@Igel
Ein unterstützendes Umfeld kann mit Sicherheit helfen, da gebe ich dir Recht. Wenn die Familie einen akzeptiert, ist es deutlich einfacher für das weitere Leben und führt natürlich zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstwert in der Regel.
Da ASS und ADHS stark genetisch bedingt ist, kann es natürlich sein, dass unbekannterweise die ganze Familie betroffen ist, oder zumindest Teile davon. Ob das zu mehr Akzeptanz führt oder zu noch mehr Problemen, z.B. weil die Eltern als ADHSler keine Struktur bieten können, ist wohl sehr individuell.
Du zählst eine Creator:innen mit ADHS auf, die selbstständig arbeiten. Mir fallen ein, zwei mit Autismus plus ADHS ein, die allerdings nicht von ihrem Content leben (meines Wissens nach), z.B. PurpleElla und audhd_academic. Spontan fiele mir nur mollys-adhd-mayhem ein, die tatsächlich Geld mit ihren Inhalten verdient und davon lebt. Jedenfalls scheint es mir anekdotisch deutlich seltener vorzukommen, dass jemand mit beiden Diagnosen Geld als selbstständige Content Creator:in verdient.
Ich behaupte mal, das ist mir “nur” ADHS nochmal etwas einfacher, weil das alltägliche Leben auf weniger grundlegender Basis eingeschränkt ist. Und ich hatte in meinem Post eben gerade von ASS gesprochen, nicht von Menschen mit nur ADHS. Autistischen Menschen kann das selbstständige arbeiten aber natürlich auch sehr entgegen kommen, keine Frage.
Insgesamt frage ich mich, wo denn ASS tatsächlich anfängt und ob es gut ist so ganz leichte Fälle zu diagnostizieren. Da sind wir wieder beim “broader autistic phenotype” und der Frage, wann ein Merkmal Leidensdruck verursacht und wo wir heute zu viel reininterpretieren. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, einen Menschen als autistisch zu labeln, wenn er oder sie bis ins hohe Erwachsenenalter ohne tiefgreifendes Scheitern auf vielen Ebenen des Lebens zurechtgekommen ist. Da mag es Ausnahmen geben, die immens viel Unterstützung erfahren haben, selbst ohne Diagnose, und deshalb zurechtgekommen sind, und die aber dennoch eindeutig autistisch sind. Aber mittlerweile gibts genug, die einen, zwei Nervenzusammenbrüche im Jahr als autistische Meltdowns interpretieren und offensichtlich wenig über das reale Leid autistischer Meltdowns wissen. Daran ist dann zum Teil auch Social Media schuld.
Um es klar zu sagen: autistische Eigenschaften lassen sich maskieren, auf jeden Fall. Damit kann auch jemand mit extremer Anstrengung sehr weit im Leben kommen. Aber die Folgen wären meines Erachtens nach ebenso extrem, nämlich physische und psychische Krankheiten aller Art. Zum zweiten gibt es sehr viel autistische Menschen, die auch unter strengen Eltern und harten Sanktionen nicht oder nur wenig maskieren können. Autistische Eigenschaften, genau wie ADHS-Eigenschaften, bleiben. Sie führen dann zu immensem Leid, zu Ausgrenzung, Scheitern, kaputten Beziehungen und Armut durch Arbeitslosigkeit usw.
Das ist kein “ich hab das gemerkt als ich plötzlich auf dem Auslandsjahr keine Struktur mehr hatte”. Man fällt auf. Immer. Und das ist einfach nur furchtbar in den meisten Fällen. Manchmal klingt es so als wäre ASS kaum noch mehr als ein weiteres fancy Persönlichkeitsmerkmal fürs Social Media Profil, genauso wie ADHS plötzlich Superkräften gleichgesetzt wird.
Entschuldigt wenn der Post nun teilweise wütend oder frustriert klingt… Oder ich zu hart und rigide bin mit meinen Kriterien.