@KiwiSam
Bevor ich mit der Medikamenteneinstellung begonnen habe, habe ich wegen der Erwähnungen in der Fachliteratur zur Wirkung von MPH auf die typischen autistischen Stereotypie um persönliche Erfahrungen gebeten und ja es ist stimmt, bei mir trifft das zu. Der Drang zu Wiederholungen nimmt tendenziell zu.
Mein kleines soziales Umfeld merkt, dass ich mich noch mehr als zuvor zurückziehe, öfter schaukel ohne es zu merken und ich noch unflexibler bin, aber mein Stresslevel liegt dafür auch deutlich niedriger und ich habe weniger Kopfschmerzen, Allergien und Infekte.
Die positive Wirkung des MPH auf den Bereich „Handlungsplanung“ ist bei mir leider sehr gering ausgefallen und Aufgabenwechsel, welche ohnehin meine größte Schwäche sind, haben sich keinesfalls verbessert.
Auch meine Wortfindungsstörungen sind leider noch da.
Ich habe ein bisschen bezweifelt, dass stereotypes Verhalten durch MPH verstärkt werden könnte und habe vermutet, dass sich das eher bei Frühkindlichem-Autismus auswirkt, aber ich wurde eines Besseren belehrt.
Vielleicht gab es bei dir auch eine Nebenwirkung, die dir bei deiner Fragestellung helfen kann?
Rückblickend betrachtet, glaube ich, dass die ADHS-Diagnose mir spätestens ab der Einschulung viel Ärger erspart hätte. Ich gehöre nicht zu den „kleinen Professoren“, auch wenn ich bei Themen, die meine engen Interessen berührten, durchaus mit professoralem Ausdrucksvermögen beeindrucken konnte, habe ich aufgrund mehrerer Entwicklungsstörungen in fast allen Lebensbereichen versagt.
Trotzdem denke ich, wenn ich die Medikamente schon als Kind bekommen hätte, hätten bestimmt viele Konflikte vermieden werden können und das ist ein Umstand, den ich bedauere.
Ich wäre bestimmt nicht ständig unter dem Schreibtisch herumgekrabbelt, nicht dauernd im Klassenzimmer auf und ab gelaufen, hätte nicht meine ganzen Holzstifte aufgegessen und womöglich nicht dreimal so lange, wie die Anderen beim Sich-Anziehen gebraucht.
@schlingelprinz
Es gibt allerdings auch Argumente, die gegen eine größere Vulnerabilität bei Autismus sprechen.
Erstens, das Bindungsverhalten von autistischen Kleinkindern unterscheidet sich doch in vielen Fällen zu neurotypischem Bindungsverhalten, indem nicht im gleichen Maß körperliche Nähe zur Mutter gesucht wird und die fehlende „geteilte Aufmerksamkeit“, als wichtiges Kernkriterium für die Vergabe der Diagnose, welche auch die Mechanismen der Bindungstheorie z.B. die emotionale Rückversicherung mittels eines Elternteils usw. disqualifizieren. Darum wird auch ganz genau auf den triangulären Blick geachtet. Auf Fotos und Videos von autistischen Babys kann man z.B. auch oft sehen, wie sie sich nicht ankuscheln und sich weit nach außen lehnen usw.
Das bedeutet, dass schon aufgrund der besonderen Kognition vieles anders läuft.
Zweitens, laut älteren Studien sind Menschen im Autismus-Spektrum unempfindlicher für negative (und positive) Bewertungen durch andere, was nicht heißen soll, dass sie unter Abwertungen nicht genauso leiden können, aber schon bei sehr kleinen autistischen Kindern, wo noch kein soziales Geschick und maximal rudimentäre Kommunikation zu erwarten ist, sieht man, dass die Kinder lieber alleine spielen, wenig Interesse an Wettkämpfen haben und auch ihre Interessen scheinen sich unbeeindruckt von den Interessen Gleichaltriger (z.B. Fußball, Ninjago, Puppen etc.) zu entwickeln, was auch bedeutet, dass Autisten nicht im gleichen Umfang von Anerkennung und Gemeinschaft profitieren.
Außerdem könnten die Defizite in der Fähigkeit der Mentalisierung (ToM) auch das Erkennen von Ablehnung und Kritik, bis zu einem bestimmten Entwicklungsstand sehr erschweren, sodass sie nicht als „verletzend“ wahrgenommen werden, also Betroffene eher sogar unempfindlich sein können. Jedenfalls war das bei mir so.
Selbstverständlich ist man als Autist auch emotional verletzlich, aber was ich sehr kritisch sehe, sind Behauptungen, die frühe und sehr frühe Kindheitstraumata betreffen. Hier handelt es sich um unterschiedliche Pathomechanismen und deshalb müssen die Symptome bei Autismus-Spektrum-Störungen schon von Geburt an vorhanden sein, auch wenn sie erst im Schulkindalter und mit wachsenden sozialen Anforderungen die klinische Schwelle erreichen müssen.
Es gibt natürlich auch Persönlichkeitsstörungen bzw. Vorformen solcher, die schon vor der Adoleszenz, mitunter wegen ihrer hohen Stabilität über eine lange Lebensspanne hinweg, diagnostiziert werden können: z.B. „Störungen das Sozialverhaltens“.
Manche Persönlichkeitsstörungen kündigen sich oft auch schon durch Akzentuierungen an, aber ich glaube hier liegt oft ein Missverständnis vor, denn Persönlichkeitsausprägungen, sind nicht dasselbe, wie neuronale Entwicklungsstörungen.