Falsche Autismus-Diagnose - nur Kompensation des ADHS

Danke. Sehr sehr schöner Beitrag.

Ich grübel seit Wochen ob ich nochmal eine ASS Diagnostik anstreben soll. Ich hatte vor 6 Jahren den Anfangsverdacht, war zur Testung, der Arzt sagte, er vermutet, dass es eher ADHS ist, kann es aber auch nicht sicher ausschließen.
5 Jahre später (prokrastinationstechnisch) hab ich dann die ADHS Diagnose bekommen und nehme jetzt sei 1 Jahr Ritalin. Und mir geht es eigentlich genau wie du es beschreibst. Ich schieb weniger auf, ich hör besser zu, ich bring nicht mehr so viel durcheinander und vor allem kann ich meine Impulse viel besser kontrollieren, was auf der Arbeit unbezahlbar ist (hohes Stressniveau). Aber alles Soziale und Kommunikative hat sich qualitativ genauso wenig geändert wie mein Hang zu festen Routinen und sehr großen Schwierigkeiten mit Veränderungen oder Abweichungen. Unterschied zu vorher ist eigentlich, dass ich es jetzt viel stärker merke. Ich werd das mal bei meinem nächsten Termin ansprechen.

Danke!

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Das halte ich persönlich für wenig sinnvoll. Während ein Großteil von Autisten auch ADHS hat, haben ein Bruchteil der ADHS’ler auch Autismus.

Man sollte nie vergessen, dass wir als Menschen einfach unfassbar komplex sind. Da wir hier oft über weitere Möglichkeiten bzw. Gründe fürs Verhalten reden, öffne ich jetzt einmal metaphorisch gesehen die Büxe der Pandora: Persönlichkeitsstörungen.

Da gibt es tatsächlich, soweit ich weiß, einen gewissen Grad an Überschneidungen.
@bj42rneman es könnte, rein theoretisch, zum Beispiel neben dem ADHS eine Zwangsstörung und eine Soziale Phobie vorliegen, oder aber auch eine anakastische Persönlichkeitsstörung.

Gerade bei spätdiagnostizierten geht die Kompensation auf Kosten der Persönlichkeitsentwicklung. Bei mir wurde das Thema intensiv beleuchtet, allerdings vor den beiden Diagnosen, die sich dann als richtig erwiesen haben. Allerdings schließe ich eine PS bei mir nicht mehr aus, da ich mich leider genau in dieser Lebensphase (Kindheit bis 18) stark verstellt habe.

Ich rate einfach mal jedem, der bei sich Autismus vermutet, sich die genauen ICD-Kriterien anzuschauen (und am besten auch an einem Uniklinikum die Diagnostik machen zu lassen) und das gleiche auch für Persönlichkeitsstörungen zu tun.

Wie gesagt: Probleme in der Interaktion, die nicht auf fehlendem intuitiven Wissen beruhen, sind wahrscheinlich nichts, was mit Autismus zutun hat. Ebenso sind Routinen nicht direkt ein Indiz für Autismus. Wäre alles so leicht einzuschätzen, gäbe es keine Fehldiagnosen und man bräuchte keinen Arzt/Therapeuten, dee etwas diagnostiziert, weil man es einfach selbst machen könnte

ADHS allein sorgt auch für Probleme in der Sozialen Interaktion. Wenn man immer negatives Feedback bekommt und sich deswegen zurückzieht, werden soziale Defizite größer, aber das macht niemanden direkt zu einem Autisten.

Da fiel mir folgendes noch ein, was deine Meinung stützt.

auch ganz interessant

Edit: im 2ten steht auch etwas zu Geschlechtsidentität, außerhalb der binären Geschlechterordnung.

Diese Ergebnisse weisen möglicherweise auf eine klinisch bedeutsame Komorbidität zwischen autistischen Entwicklungsbeeinträchtigungen und Borderline Störungen hin. Die Entwicklung einer BPS auf dem Boden von Entwicklungsstörungen erscheint – auch vor dem Hintergrund der bekannten hohen Komorbidität der BPS mit der ADHS – plausibel. Ungünstige Lerngeschichten, dysfunktionale und invalidierende Erfahrungen sind bei abweichenden Eigenschaften, die bereits früh in der Entwicklung auftreten, wahrscheinlich. Es stellt sich damit aus klinischer Perspektive die Frage, ob eine möglicherweise subsyndromal ausgeprägte Variante des Autismus im Sinne eines Persönlichkeitsmusters (Tebartz van Elst, 2016) Basisstruktur für eine sich daraus psychoreaktiv entwickelnde Borderline-Persönlichkeitsstörung sein könnte
(Tebartz van Elst et al., 2013).

https://www.psychologie.uni-freiburg.de/abteilungen/psychobio/team/publikationen/nanchen_heinrichs_2016

Persönliche Meinung: Ich glaube manche haben auch die Idee, dass es bei Autismus und Begabung viel Gemeinsamkeiten gibt aber auch eine dementsprechende Problematische Entwicklung wenn nicht alles passt oder so. Muss ich aber den anderen in meinem Kopfauto fragen, der weiß da mehr bescheid. :heart:

In der 2. Studie steht folgendes:

„it might feel less confronting to label these social differences as autistic rather than confront their traumatic origins.“

Und GENAU DAS meinen Tom Harrendorf und ich, wenn „wir“ von einem „Trend“ oder einem „Schutzmantel“ sprechen. Exakt das.
Dadurch, dass Autismus als etwas so tolles und erstrebenswertes dargestellt wird, macht es Autismus zu „einer angenehmen Diagnose“. Wenn es an Autismus liegt, „hat alles einen Sinn“ und „man ist gut, so wie man ist“, was man ja mit anderen Erkrankungen nicht wäre, schließlich wäre man ja dann wirklich krank (nicht meine Sichtweise, nur als ein Erklärungsmodell).

Und ich verstehe das. Das ganze passiert unterbewusst, aber es passiert nunmal. Und wenn dann genau diese Leute anderen erzählen, sie seien Autisten, wird das gesamte Bild verschoben.

Vergesst bitte nicht, dass man „mit dem Asperger-Syndrom innerhalb des Spektrums Glück hat“; HF und Asperger machen nur einen kleinen Teil der Autisten aus. Wenn nurnoch der „funktionierende Teil“ der Spektrums, also der, der am nächsten an der Sozialen Norm dran ist, gesehen wird, rutschen alle anderen in eine Position, die ihre gesamt Situation noch verschlimmert.
Wenn man nurnoch die Autisten sieht, die gut angepasst sind, die studieren etc. dann sind wir ganz schnell an einem Punkt, an dem das für „normal für Autisten“ gehalten wird. Dann werden nicht mehr die studierten Autisten gefeiert, sondern die „gescheiterten“ Autisten verglichen und ihnen gespiegelt, dass sie das ja auch könnten, wenn sie wollten oder, sie werden gefragt, warum sie das denn nicht können.

Natürlich gibt es beide Seiten, natürlich zeigt sich ein Spektrum sehr unterschiedlich, aber genau deswegen müssen wir aufpassen.

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Das ist ein sehr interessanter Gedanke!

Ich denke, dass Autisten vielleicht vulnerabler dafür sind, je nach Ausprägung der autistischen Merkmale, weil man sein „falsch-sein“ versucht zu kompensieren und sich damit in der eigenen (Persönlichkeits)Entwicklung behindert.

Gerade bei BPS oder HPS habe ich die Vermutung, dass diese dadurch entstehen könnten bzw. das beide eventuell auch als Fehldiagnose gestellt werden könnten. Was dafür spricht wäre die klare Geschlechtsverteilung und das Stigma Frauen gegenüber.

Ich finde, Persönlichkeitsstörungen müssten mehr in den Fokus rücken, aber im Gegensatz zu Autismus, ist das dann kein „gemütlicher Status Quo“; man müsste dann tatsächlich an sich arbeiten und man wäre „wirklich nicht normal“ (Autismus wird ja immer nehr Richtung normal gedrängt, wobei ich mich dann immer Frage, wie man von den Unterteilungen zu dem Spektrum wechseln konnte, dann aber sagt, dass das ganze Spektrum nur eine Normvariante ist. Ich wüsste gerne, ob die wirklich sagen würden, es ist eine „Normvariante“ wenn es um einen „Kanner-Autisten“ geht.)

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Würde ich auch sagen. Sie haben allerdings einen unglaublich schlechten Ruf. Zum einen wegen der Fehldiagnosen, und zum Anderen weil es sie auszeichnet, dass sie als ich-synton wahrgenommen werden und somit kein Grund zur Veränderung besteht. Sie sind mit am schwierigsten zu therapieren.

Das mit der sozialen Intuition bei ASS versuche ich immer noch für mich einzuordnen und klarzukriegen.

Hier (viel weiter oben) hatte ich ja schon mal geschrieben, dass mir ASS gelegentlich als Hypothese vorgeschlagen wird als Erklärung für meine Persönlichkeit, aber ich finde ehrlich gesagt nicht, dass es besonders gut matcht. Andererseits kann man ja auch blinde Flecken bei sich selbst haben. So ein deutlich ausgeprägtes „Aliensyndrom) (anders als die anderen) kann ich z.B. auch nicht bestätigen, sondern eher ein „Viele werden mit mir nicht so richtig warm und ich ecke an, dann muss ich wohl folglich das Problem sein.“

Im direkten Kontakt habe ich (glaube ich zumindest) keine Probleme, intuitiv und spontan Gespräche zu führen und einigermaßen das angebrachte Maß an Distanz einzustellen. :wink: Wenn mich etwas im Alltag ärgert oder zwischenmenschliche Konflikte auftreten, kann ich da auch mal sehr deutlich werden, aber die Reaktion steigt proportional zum Schweregrad und geht nicht von 0 auf 100.

Was mir aber Riesenprobleme macht, sind eher die indirekten oder systemischen Regeln im größeren Rahmen, wenn ich sie irrational und nicht zielführend finde. Das wirkt sich mehr im Arbeitsleben oder in der Vereinsarbeit aus. Da ist tatsächlich vieles nicht intuitiv für mich und ich muss mich runterbremsen und alles Schritt für Schritt durchanalysieren, um hinter das Problem zu kommen.

Beispiele
  1. … dass Leute oft keine Probleme in ihrem Wirkungsbereich lösen wollen, weil das ihre Stellung anderen gegenüber angreifen würde.
  2. … dass Leute schlussfolgern, wenn ihr Verhalten heute falsch/kontraproduktiv ist, wäre es immer schon falsch gewesen, und dann gehen sie in eine Art Verweigerungsmodus, weil ja ihr ganzes Leben sonst ein Fehler gewesen wäre.
  3. … dass eine zeitlich punktuelle und medienwirksame Katastrophe als schlimmer gewertet wird als schleichender Verfall
  4. … dass mein Video mit dem dümmsten Titel die zweitmeisten klicks hat.
  5. … dass viele Regeln so inkonsequent sind. Bewerbungen sollen angeblich möglichst „persönlich“ auf das Unternehmen zugeschnitten sein. Aber wenn man ein Problem bei ihnen benennt, durch dessen Lösung sie profitieren würde und das man anbietet zu lösen, bekommt man eine mmaschinelle absage, weil Unternehmen angeblich nur Schmeichelei wollen. Und ja, ich hatte mir dabei Mühe gegeben, das Unternehmen in ein positives Licht zu rücken und mehr das Potential aufzuzeigen.
  6. … dass anscheinend viele Leute glauben, wenn sie ein Arschloch unterstützen, wird dieses bei ihnen eine Ausnahme machen und sie gut behandeln (siehe Politik und manche Liebesbeziehungen).
  7. … dass Passivität als weniger gefährlich empfunden wird als aktives Entscheiden, und diese Idee, dass, wenn wir einfach nur friedlich und nett sind, alle anderen auch friedlich und nett blieben und natürlich niemand auf die Idee käme, das auszunutzen.

Also ja, vieles finde ich dumm und kurzsichtig, und es nervt gewaltig. Mittlerweile hat sich da auch viel Wut bei mir aufgestaut. Mit der Zeit hat es in mir immer mehr Dysphorie und Abwehr ausgelöst, diese Art Maske zu tragen, mit der man solche Schnitzer nicht begeht und weniger aneckt. Das fühlt sich vielleicht ein bisschen wie Angst an, mehr aber wie Bedrängnis oder als ob die Luft zum Atmen abgeschnürt würde, oder als ob ich einen Teil in mir langsam töten würde. In gewisser Hinsicht hat das ja auch mit Anpassungsproblemen zu tun.

Soll das schon autistisch sein, wenn man so denkt? Macht man es sich nicht etwas zu bequem, wenn man das pathologisiert? Es fühlt sich nicht ich-dyston an (ja, das kenne ich auch durch vergangene Sozialphobie). Wenn überhaupt, dann hätte es eher Überschneidung mit einer Persönlichkeitsstörung.

In meinen Augen nicht. Es gibt viele Menschen, die sich nicht an Missstände anpassen wollen bzw. an Dinge, die sie für Missstände halten. Je nach maß der Ausprägung könnte dann natürlich an einem Ende als Extrem eine PS in Richtung Antisozial stehen, oder einfach eine in die Richtung ausgeprägte Persönlichkeit.
Muss aber definitiv nichts mit Autismus zutun haben :grin:

also wenn ich mir die Zahlen so anschaue Bezweifel ich, dass es überhaupt einen „nicht“ traumatisierten Autisten gibt überspitzt Ausgedrückt.

Ich selber habe ja weiter oben schon geschrieben, dass meinem kleinem autistischen Ich erst klar wurde wie heftig eine Sozialphobie ist als wir bei der Diagnostik waren. Wobei dieser meine kleine Ich Zustand, wenn man es so nennen mag eher weniger Probleme damit hat, das kleinste Ursprungs Ich darunter, mit dem Kontakt aufgenommen wurde für die Diagnostik schon, weil er so verletzlich ist. Wir arbeiten aber daran. Hoffentlich dann auch irgendwann im ATZ wenn die Bewilligung durch ist.

Für mich selber bin ich mittlerweile schon soweit in Gedanken, dass ich glaube, dass es unglaublich herausfordernd bis nahezu unmöglich für Diagnostiker, Psychologen sein muss überhaupt herauszufinden was Maske ist, Fantasie Figur, was Ich Zustand ist und was ist Kern selbst. Steht aber viel dazu im Trauma Artikel.

Bei mir erklärt Autismus nicht alles, da bin ich mir sehr sicher… wie tief ich noch graben will bleibt mir aber überlassen, für PG 3 reichts erstmal. PS wurden aber alle ausgeschlossen in der Diagnostik, darunter Borderline mehrfach.

Ach ja mein liebster Satz aus dem Artikel der ISSTD News: Autismus zeigt sich in allen Zuständen, ist ja auch eine Neurologische Sache. Frei übersetzt.

Okay, ich möchte ein paar Dinge anmerken - vorerst ohne die verlinkten Artikel gelesen zu haben, also es mag sein, dass ich was äußere, was da ohnehin drinsteht. Aber ich möchte ein paar Dinge einwerfen, die ich in der Diskussion gerade befremdlich finde.

Ich will zum Thema Persönlichkeitsstörung und Co. jedenfalls noch das Buch lesen, was ich hier liegen habe: „Autismus, ADHS und Tics. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit“ von Tebart van Elst.

Autismus befreit ebenso wenig von Arbeit in der Therapie wie Persönlichkeitsstörungen. Es kann sein, dass Autismus so in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird - als könnten autistische Menschen grundsätzlich nichts an sämtlichen ihren Problemen ändern. Im Kern nicht, nein, denn die neurologische Störung bleibt natürlich. An vielem drumherum kann man aber sehr wohl arbeiten. Gleiches gilt für ADHS. Mir persönlich hat die ADHS Diagnose dabei geholfen klarzustellen, wo meine Grenzen liegen und wo meine Schwächen einfach bleiben, egal wie viel Arbeit ich investiere. Und das muss ich akzeptieren.

Normvariante ist ein Begriff, der sich meines Wissens nach darauf bezieht, alle Arten von Behinderungen als Varianten der menschlichen Entwicklung zu begreifen. Das beinhaltet keine Wertung, sondern es ist eine Beschreibung der Realität, wenn ich das korrekt verstehe. Natürlich sind Autist*innen Ausnahmen innerhalb der riesigen Gruppe der Menschen und deshalb haben sie eine Behinderung. Zumindest in unserer Gesellschaft, wie sie eben ist. Normvariante beinhaltet für mich keine Verleugnung von Problemen. Alle Entwicklungen sind menschlich, wenngleich nicht alle typisch verlaufen. Da stellt sich mir immer die Frage, wer bestimmt was die Norm ist.

Borderline wurde bei mir persönlich im Übrigen ausgeschlossen und andere Persönlichkeitsstörungen ebenso. Ich stimme euch in jedem Fall insofern zu als dass diese möglichen Alternativen oder Komorbiditäten abgeklärt werden sollten.

Es geht nicht darum, ob Autisten ein Traume erleben können. Zumindest nicht in diesem Teil. Hier geht es darum, dass jemand seine Soziale Unbeholfenheit mit Autismus Labelt, anstatt sich mit der wahren Ursache auseinanderzusetzen: den traumatischen Kindheitserfahrungen, die die Kompetenzentwicklung beeinträchtigt haben.

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Ich weiß nicht, ob ich deine Reaktion falsch verstehe, aber dir ist klar, dass ich nicht über dich rede, oder? Also so gar nicht über dich…
Es geht hier um eine andere Problematik, die mit weniger reflektierten Menschen zutun hat, du warst nicht gemeint.

Das weiß ich, das war nicht mein Empfinden. Ich beziehe das auf die Menschen, die ich getroffen habe und von denen ich im Internet immer wieder mitbekomme, dass Autismus eben einen bequemen Status Quo für sie herstellt.

„Die Probleme liegen darin begründet, dass sie Autisten sind, Autismus ist eine Normvariante ergo gibt es nichts woran man arbeiten müsste“

Das ist in der Öffentlichkeit/an der Uni das Mindset. Das habe ich beschrieben.

Ah danke für die Erklärung.
Ich habe in meinem realen Leben bisher noch nicht viele autistische Menschen getroffen und dein beschriebenes Problem bisher noch nicht erlebt. Vielleicht mal auf den sozialen Medien, aber von solchen Inhalten halte ich mich dann sowieso fern sobald ich da einen solchen Eindruck gewinne.

Es ist mies, dass ein solches Mindset entsteht. Dann wird der Autismus (oder auch die ADHS) dann tatsächlich zur Ausrede für mangelnde Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Konsequenzen des eigenen Verhaltens. Denn die gibt es ja, egal durch was das Verhalten nun entsteht. Oder Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebenslauf.

Wobei ich überhaupt nicht leugnen will, dass es harte Arbeit ist sich mit seinem Verhalten und seiner Vergangenheit auseinander zu setzen, und dafür hat sicherlich nicht jeder Mensch die Kapazitäten. Je nach Lebenssituation.

Und es gibt Grenzen in der Arbeit, das ist mir auch nochmal wichtig zu betonen. Du hast das nicht geleugnet, KiraNadine, also das bezieht sich nicht auf dich und deine Aussagen. Ich bin nur in meinem Leben über Jahre in eine Art Selbstoptimierungsfalle getappt, in der ich immer mehr und immer bessere Masking-Fähigkeiten gelernt habe - bis zum Burnout. Also in der Konsequenz muss es um gesunde Grenzen gehen, finde ich: woran kann man arbeiten? woran nicht aus Grund XY? und wo hilft nur Akzeptanz und ein angepasstes Umfeld?

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Das ist eine interessante Auslegung, über die ich bisher noch nicht nachgedacht habe! Da werde ich mich mal mit auseinandersetzen, danke dir! :grin::+1:

Sehr lieben dank erstmal, dass du das noch dazu geschrieben hast. Also, dass es dir so eingefallen ist. Das fand ich irgendwie sehr hilfreich, um dir noch besser folgen zu können! :smiling_face:

Und auch das kenne ich gut. Das war bei mir die Zeit in der Oberstufe bzw. ab der 9. Klasse bis zum Abitur. Ich hab mich so sehr in meiner Persona, die ich in der Schule gespielt habe, verloren, dass meine ganze Welt zusammengebrochen war, als ich den Abschluss gemacht hatte… das war wine richtig harte Zeit.

Irgendwie schon, weil beides sehr viel Überschneidungen hat, früher man davon ausgegangen ist, dass tatsächlich Autisten nicht traumatisiert werden können, was man inzwischen besser weis. Denn es reichen wohl schon Kleinigkeiten aus, selbst bei „Hochfunktionalen“, zeigt sich nur anders. Die folge ist dann ein Störungsbild das selbst Spezialisten überfordern kann, oder sogar, die dann keine Lust haben dass zu sortieren…

Habe ich schon verstanden ich blubber aber so gern über mich um die Welt zu erklären. :grin: Ein Autist der gern über sich selbst redet, ist jetzt auch nichts ungewöhnliches.

Ich hatte mal gehört das manche viele Autistische Menschen Schwierigkeiten haben zu reflektieren. Keine Ahnung ob das stimmt, bei mir ist das Gegenteil, habs zusätzlich zur ASS Diagnose sogar schriftlich bekommen, der Fall.

@KiwiSam

Bevor ich mit der Medikamenteneinstellung begonnen habe, habe ich wegen der Erwähnungen in der Fachliteratur zur Wirkung von MPH auf die typischen autistischen Stereotypie um persönliche Erfahrungen gebeten und ja es ist stimmt, bei mir trifft das zu. Der Drang zu Wiederholungen nimmt tendenziell zu.

Mein kleines soziales Umfeld merkt, dass ich mich noch mehr als zuvor zurückziehe, öfter schaukel ohne es zu merken und ich noch unflexibler bin, aber mein Stresslevel liegt dafür auch deutlich niedriger und ich habe weniger Kopfschmerzen, Allergien und Infekte.

Die positive Wirkung des MPH auf den Bereich „Handlungsplanung“ ist bei mir leider sehr gering ausgefallen und Aufgabenwechsel, welche ohnehin meine größte Schwäche sind, haben sich keinesfalls verbessert.

Auch meine Wortfindungsstörungen sind leider noch da.

Ich habe ein bisschen bezweifelt, dass stereotypes Verhalten durch MPH verstärkt werden könnte und habe vermutet, dass sich das eher bei Frühkindlichem-Autismus auswirkt, aber ich wurde eines Besseren belehrt.

Vielleicht gab es bei dir auch eine Nebenwirkung, die dir bei deiner Fragestellung helfen kann?

Rückblickend betrachtet, glaube ich, dass die ADHS-Diagnose mir spätestens ab der Einschulung viel Ärger erspart hätte. Ich gehöre nicht zu den „kleinen Professoren“, auch wenn ich bei Themen, die meine engen Interessen berührten, durchaus mit professoralem Ausdrucksvermögen beeindrucken konnte, habe ich aufgrund mehrerer Entwicklungsstörungen in fast allen Lebensbereichen versagt.

Trotzdem denke ich, wenn ich die Medikamente schon als Kind bekommen hätte, hätten bestimmt viele Konflikte vermieden werden können und das ist ein Umstand, den ich bedauere.

Ich wäre bestimmt nicht ständig unter dem Schreibtisch herumgekrabbelt, nicht dauernd im Klassenzimmer auf und ab gelaufen, hätte nicht meine ganzen Holzstifte aufgegessen und womöglich nicht dreimal so lange, wie die Anderen beim Sich-Anziehen gebraucht.

@schlingelprinz

Es gibt allerdings auch Argumente, die gegen eine größere Vulnerabilität bei Autismus sprechen.

Erstens, das Bindungsverhalten von autistischen Kleinkindern unterscheidet sich doch in vielen Fällen zu neurotypischem Bindungsverhalten, indem nicht im gleichen Maß körperliche Nähe zur Mutter gesucht wird und die fehlende „geteilte Aufmerksamkeit“, als wichtiges Kernkriterium für die Vergabe der Diagnose, welche auch die Mechanismen der Bindungstheorie z.B. die emotionale Rückversicherung mittels eines Elternteils usw. disqualifizieren. Darum wird auch ganz genau auf den triangulären Blick geachtet. Auf Fotos und Videos von autistischen Babys kann man z.B. auch oft sehen, wie sie sich nicht ankuscheln und sich weit nach außen lehnen usw.
Das bedeutet, dass schon aufgrund der besonderen Kognition vieles anders läuft.

Zweitens, laut älteren Studien sind Menschen im Autismus-Spektrum unempfindlicher für negative (und positive) Bewertungen durch andere, was nicht heißen soll, dass sie unter Abwertungen nicht genauso leiden können, aber schon bei sehr kleinen autistischen Kindern, wo noch kein soziales Geschick und maximal rudimentäre Kommunikation zu erwarten ist, sieht man, dass die Kinder lieber alleine spielen, wenig Interesse an Wettkämpfen haben und auch ihre Interessen scheinen sich unbeeindruckt von den Interessen Gleichaltriger (z.B. Fußball, Ninjago, Puppen etc.) zu entwickeln, was auch bedeutet, dass Autisten nicht im gleichen Umfang von Anerkennung und Gemeinschaft profitieren.

Außerdem könnten die Defizite in der Fähigkeit der Mentalisierung (ToM) auch das Erkennen von Ablehnung und Kritik, bis zu einem bestimmten Entwicklungsstand sehr erschweren, sodass sie nicht als „verletzend“ wahrgenommen werden, also Betroffene eher sogar unempfindlich sein können. Jedenfalls war das bei mir so.

Selbstverständlich ist man als Autist auch emotional verletzlich, aber was ich sehr kritisch sehe, sind Behauptungen, die frühe und sehr frühe Kindheitstraumata betreffen. Hier handelt es sich um unterschiedliche Pathomechanismen und deshalb müssen die Symptome bei Autismus-Spektrum-Störungen schon von Geburt an vorhanden sein, auch wenn sie erst im Schulkindalter und mit wachsenden sozialen Anforderungen die klinische Schwelle erreichen müssen.

Es gibt natürlich auch Persönlichkeitsstörungen bzw. Vorformen solcher, die schon vor der Adoleszenz, mitunter wegen ihrer hohen Stabilität über eine lange Lebensspanne hinweg, diagnostiziert werden können: z.B. „Störungen das Sozialverhaltens“.

Manche Persönlichkeitsstörungen kündigen sich oft auch schon durch Akzentuierungen an, aber ich glaube hier liegt oft ein Missverständnis vor, denn Persönlichkeitsausprägungen, sind nicht dasselbe, wie neuronale Entwicklungsstörungen.

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https://www.youtube.com/watch?v=XkbjEvkuKvM&t=4639s Die Sache am Schluss fand ich ganz interessant aber soweit habe ich mich ehrlich gesagt nicht damit richtig befasst.

„Autistische Menschen ziehen sich nicht zurück weil sie sich isolieren wollen, sondern weil ihre Aufmerksamkeit überfordert wird.“

Ich glaube aber ich rede langsam am Thema vorbei, daher zieh ich mich jetzt zurück. :grin: