Ich finde generell die Beschreibungen von ADHS und Autismus sehr verwirrend, weil oft schwammig, teilweise widersprüchlich. Wenn ich es dann mit dem abgleiche, was ich bei mir selber wahrnehme, wird es noch verwirrender, weil manches aus der einen Schublade zutrifft, anderes gar nicht, oder es trifft etwas aus einer anderen Schublade zu.
Zur Mimikerkennung: ich dachte lange, es wäre ein Gerücht und Mythos, dass Autisten keine Mimik lesen könnten, weil ich bei entsprechenden Tests, die man im Internet findet, gut bis überdurchschnittlich gut abschneide. Ich hatte nie den Eindruck, dass es wirklich das ist, was mich am sozialen Miteinander hindert oder einschränkt. Es gab dann auch mal einen Artikel, dass fehlende Mimikerkennung eher mit Gefühlsblindheit zu tun hat nicht mit Autismus. Aber dennoch liest man es immer wieder, dass Autisten keine Mimik lesen könnten. Also ich kann das verdammt gut, würde ich sagen, aber wie schon jemand schrieb: dahinter sehen kann ich nicht. Was jemand nicht zeigt, merke ich auch oft nicht, außer es lässt sich kognitiv schlussfolgern.
Ich empfinde es so, dass ich im Gespräch wenig Verbindung zu anderen bekomme und deshalb oft keine Ahnung habe, was ich sagen soll, außer das, was ich in meinem “Textbaukasten” angesammelt habe durch Lebenserfahrung. Ich habe so viele Bausteine, dass ich sogar manchmal spontan und witzig wirken kann. Aber damit komme ich nur auf einer oberflächlichen Ebene voran, ich bekomme keine tiefere Verbindung zu anderen Menschen (obwohl ich sie mag), und ich finde es auch sehr anstrengend. Was ich noch nicht erlebt habe, dazu habe ich keine Bausteine, und komme dann auch nicht weiter. Wie macht man aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft? Weiß ich nicht. Mir wurde oft gesagt, ich müsste aus mir heraus gehen.
Außerdem komme ich manchmal glaube ich mit dem Denken nicht hinterher und sage z.B. Dinge ohne alle Umstände zu berücksichtigen. Ich bin sehr mitfühlend, wenn ich etwas gut nachvollziehen kann, aber oft auch gar nicht mitfühlend, wenn ich es nicht nachvollziehen kann. Kann also sowohl mitfühlend als auch kalt sein. Wenn ich kalt bin und merke dann, dass ich jemanden verletzt habe, tut es mir aber auch wieder leid.
Ich kann mich schriftlich sehr gut ausdrücken, bin mündlich aber total unbeholfen manchmal. Hatte oft das Gefühl, dass ich mich nur rudimentär mitteilen kann.
Zu Routinen kann ich gar nicht viel beitragen: ich habe keine für mich oder andere auffälligen Routinen, meiner Meinung nach. Vor allem kann ich nicht hergehen und sagen, es wäre gut, das und das in dieser Reihenfolge jeden Tag oder jeden Mittwoch zu machen. Das wird nie klappen. Wenn ich Routinen habe, dann solche, die sich von selber eingeschlichen haben, wie z.B. jeden Tag bestimmte Seiten im Internet aufrufen, bestimmte Serien schauen oder im Sommer jeden Abend ein Magnum Mandel…. (dabei wollte ich ja eigentlich abnehmen). Es ist aber nicht zwanghaft, d.h. wenn ich mal einen Tag anders verbringen muss und das vorher weiß, kann ich damit umgehen. Es ist auch nicht so, dass mich jede plötzliche Planänderung aus dem Konzept bringt. Das kommt doch sehr drauf an: früher, wenn in der Schule unvorhergesehen Stunden ausgefallen sind, war ich darüber sehr glücklich, es gab nicht den Anflug von Ärger oder Unsicherheit. Anders sieht es aus, wenn ich mich auf eine Aktivität eingestellt habe und jemand sagt ganz kurzfristig, wir machen was anderes, und dieses andere ist für mich nicht freudig-positiv, dann macht das natürlich Probleme, aber ich denke, das ist soweit normal. Ich könnte jedoch nicht an einem Arbeitsplatz arbeiten, wo ich morgens nicht weiß, an welchem Schreibtisch ich sitzen werde. Aber das Problem dabei wäre nicht nur die Unsicherheit, sondern auch dass evtl. Kommunikation notwendig wird auf der Suche nach einem freien Schreibtisch. Wenn ich schon arbeiten muss, dann sollte der Weg dahin möglichst unkompliziert sein, damit ich nicht unnötig kostbare Energie verschwende.
Wenn man das so liest, dann könnte man sich fragen, ob ich wirklich Autismus habe. Aber es gibt andere Punkte, die dann wieder voll zutreffen. Am Ende ist halt alles sehr individuell und dadurch hat man auch so viele Fragen und Unsicherheiten, was die Diagnostik betrifft. Entscheidend sind nicht die Einzelheiten, sondern das Gesamtbild. Das muss ein Diagnostiker beurteilen.
Ich könnte mir aber vorstellen, dass in der Zukunft die ganzen Störungsbilder auch nochmal ganz anders definiert und eingeteilt werden könnten als jetzt. Sodass vielleicht auch das Problem, dass stark hilfebedürftige Autisten und solche, die studieren und selbstständig leben die gleiche Diagnose teilen, vielleicht dann anders gelöst wird. Aber bis dahin ist es sicher noch ein weiter Weg. Die nächsten Jahre bleibt es erstmal so wie es ist. Ich selbst fühle mich “echten Autisten” (blöder Begriff) auch verbunden. Als ich erstmals überlegt habe, ob ich Autismus haben könnte, dachte ich trotz der offensichtlichen Unterschiede eher an Rainman als an Sheldon Cooper oder irgendwelche Social-Media-Autisten. Aber weil ich vergleichsweise viel fitter bin als ein stark hilfebedürftiger Autist, habe ich auch immer das Gefühl, dass das die “echten Autisten” sind und ich irgendwie ein Fake. Das bekomme ich auch nur schwer aus dem Kopf.
Ich finde es erfreulich, dass das Thema Diagnostik so offen besprochen werden kann. Ich kenne es von einem anderen Forum so, dass Diskussionen über Diagnosen und Diagnostik oft schnell gerügt oder unterbunden wird von Leuten, die sich selbst als hochsensibel oder traumatisiert (plus Autismus) bezeichnen. Sie fühlen sich immer angesprochen, obwohl es ja um die Sache geht, nicht um einzelne Personen.