Falsche Autismus-Diagnose - nur Kompensation des ADHS

Danke euch beiden!

@schlingelprinz
Achja, das „innere Ich“ (wie du es so liebevoll nennst) kennt es bei mir auch sehr gut, dass es Änderungen schlecht abkann und dann gerne mal wütend wird. Spannend finde ich, dass es im Aspie-Forum nicht so viele Routinen-Fans gibt, was ich gar nicht vermutet hatte. Vielleicht habe ich da noch das Stereotyp im Kopf, was die Medien lange sehr einseitig vermittelt haben.
Ich glaube aber deine zweite Vermutung ist wichtig: sie beeinträchtigen den Tagesablauf nicht so sehr, wenn man keine schwerere Behinderung durch Autismus hat. Und man nimmt Routinen irgendwie schwer als solche wahr wie ich gemerkt habe, weil sie so automatisiert ablaufen.

@KiraNadine
Mich hat heute morgen eine Vorgesetzte in der Ausbildung bei einer Aufgabe unterbrochen, um mir mitzuteilen, dass ich zuerst eine komplett andere Aufgabe erledigen soll. Sie hatte im Vorfeld vergessen mir das mitzuteilen. Das hat mich extrem gestresst muss ich sagen. Der gleiche Arbeistplatz muss es bei mir sowieso auch sein, keine Frage. Es wirft mich raus, das hast du passend ausgedrückt.

Du kannst Recht haben. Vielleicht passt es besser als ich anfangs dachte. ADHS ist in meiner Wahrnehmung oft das, was mich davon abhält Interessen nachzugehen beispielsweise. Also sprich ich bin viel zu schnell müde von Aufgaben, die viel Konzentration erfordern, obwohl ich wahnsinnig gerne damit weitergemacht hätte. Das würde dazu passen, dass ADHS eben der Zusatz ist.

Also ich bin mir recht sicher, dass ich nicht autistisch bin.

Aber es macht mir oft Probleme wenn meine Pläne durchkreuzt werden, oder es anders läuft als abgemacht, vorgestellt, geplant etc.

Manchmal so sehr, dass gefühlt erst mal gar nichts mehr geht.

Ich bin dann auch unflexibel im Kopf. Unpragmatisch. Kann nicht schnell einen anderen Weg finden.

Und mit zwei Kindern passiert das dann doch recht oft, dass es anders läuft als geplant :zany_face:

Gar nicht so einfach.

Ich denke aber das ist mein ADHS.

Meinem Sohn fallen Planänderungen auch sehr schwer. Er hat auch ADHS.

Ich brauche auch “meinen Platz” am See, beim Frühstück im Hotel etc überall da, wo ich schnell ein Gewohnheitsrecht fühle weil es mir irgendwie Sicherheit gibt.

Ich werfe mich dann zwar nicht auf den Boden und ticke aus, wenn “mein Platz” besetzt ist, aber innerlich schon irgendwie….

Spannende Perspektive.

Man verbindet ADHS oft mit dieser Suche nach Neuem und ich habe oft gelesen, dass Menschen mit ADHS sich eher über Spontanität freuen, weil das Langeweile verhindert. Oder auch selbst sehr spontan Pläne ändern.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Aversion gegenüber Planänderungen bei ADHS an den Konzentrationsproblemen liegt - jeder Wechsel erfordert ja Aufmerksamkeit und daraufhin auch ein konzentriertes Nachdenken über eine Alternative zum ursprünglichen Plan. Beides ist für Menschen mit ADHS sehr anstrengend und es ist logisch, dass wir das vermeiden wollen. Zudem ist Planen eh schon oft eine unserer größten Schwächen. Das ist nur meine laienhafte Theorie, ich möchte dazu wirklich nochmal mehr lesen. Auf diese Weise erscheint mir die Aversion eben sehr logisch nachvollziehbar, auch ohne Autismus.

Spontan würde ich behaupten, bei Autismus geht diese Aversion mehr Richtung komplett verlorener Sicherheit und damit “tiefer” als bei ADHS. Aber korrigiert mich gerne, wenn ich da falsch liege.

Ich finde generell die Beschreibungen von ADHS und Autismus sehr verwirrend, weil oft schwammig, teilweise widersprüchlich. Wenn ich es dann mit dem abgleiche, was ich bei mir selber wahrnehme, wird es noch verwirrender, weil manches aus der einen Schublade zutrifft, anderes gar nicht, oder es trifft etwas aus einer anderen Schublade zu.

Zur Mimikerkennung: ich dachte lange, es wäre ein Gerücht und Mythos, dass Autisten keine Mimik lesen könnten, weil ich bei entsprechenden Tests, die man im Internet findet, gut bis überdurchschnittlich gut abschneide. Ich hatte nie den Eindruck, dass es wirklich das ist, was mich am sozialen Miteinander hindert oder einschränkt. Es gab dann auch mal einen Artikel, dass fehlende Mimikerkennung eher mit Gefühlsblindheit zu tun hat nicht mit Autismus. Aber dennoch liest man es immer wieder, dass Autisten keine Mimik lesen könnten. Also ich kann das verdammt gut, würde ich sagen, aber wie schon jemand schrieb: dahinter sehen kann ich nicht. Was jemand nicht zeigt, merke ich auch oft nicht, außer es lässt sich kognitiv schlussfolgern.

Ich empfinde es so, dass ich im Gespräch wenig Verbindung zu anderen bekomme und deshalb oft keine Ahnung habe, was ich sagen soll, außer das, was ich in meinem “Textbaukasten” angesammelt habe durch Lebenserfahrung. Ich habe so viele Bausteine, dass ich sogar manchmal spontan und witzig wirken kann. Aber damit komme ich nur auf einer oberflächlichen Ebene voran, ich bekomme keine tiefere Verbindung zu anderen Menschen (obwohl ich sie mag), und ich finde es auch sehr anstrengend. Was ich noch nicht erlebt habe, dazu habe ich keine Bausteine, und komme dann auch nicht weiter. Wie macht man aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft? Weiß ich nicht. Mir wurde oft gesagt, ich müsste aus mir heraus gehen.
Außerdem komme ich manchmal glaube ich mit dem Denken nicht hinterher und sage z.B. Dinge ohne alle Umstände zu berücksichtigen. Ich bin sehr mitfühlend, wenn ich etwas gut nachvollziehen kann, aber oft auch gar nicht mitfühlend, wenn ich es nicht nachvollziehen kann. Kann also sowohl mitfühlend als auch kalt sein. Wenn ich kalt bin und merke dann, dass ich jemanden verletzt habe, tut es mir aber auch wieder leid.

Ich kann mich schriftlich sehr gut ausdrücken, bin mündlich aber total unbeholfen manchmal. Hatte oft das Gefühl, dass ich mich nur rudimentär mitteilen kann.

Zu Routinen kann ich gar nicht viel beitragen: ich habe keine für mich oder andere auffälligen Routinen, meiner Meinung nach. Vor allem kann ich nicht hergehen und sagen, es wäre gut, das und das in dieser Reihenfolge jeden Tag oder jeden Mittwoch zu machen. Das wird nie klappen. Wenn ich Routinen habe, dann solche, die sich von selber eingeschlichen haben, wie z.B. jeden Tag bestimmte Seiten im Internet aufrufen, bestimmte Serien schauen oder im Sommer jeden Abend ein Magnum Mandel…. (dabei wollte ich ja eigentlich abnehmen). Es ist aber nicht zwanghaft, d.h. wenn ich mal einen Tag anders verbringen muss und das vorher weiß, kann ich damit umgehen. Es ist auch nicht so, dass mich jede plötzliche Planänderung aus dem Konzept bringt. Das kommt doch sehr drauf an: früher, wenn in der Schule unvorhergesehen Stunden ausgefallen sind, war ich darüber sehr glücklich, es gab nicht den Anflug von Ärger oder Unsicherheit. Anders sieht es aus, wenn ich mich auf eine Aktivität eingestellt habe und jemand sagt ganz kurzfristig, wir machen was anderes, und dieses andere ist für mich nicht freudig-positiv, dann macht das natürlich Probleme, aber ich denke, das ist soweit normal. Ich könnte jedoch nicht an einem Arbeitsplatz arbeiten, wo ich morgens nicht weiß, an welchem Schreibtisch ich sitzen werde. Aber das Problem dabei wäre nicht nur die Unsicherheit, sondern auch dass evtl. Kommunikation notwendig wird auf der Suche nach einem freien Schreibtisch. Wenn ich schon arbeiten muss, dann sollte der Weg dahin möglichst unkompliziert sein, damit ich nicht unnötig kostbare Energie verschwende.

Wenn man das so liest, dann könnte man sich fragen, ob ich wirklich Autismus habe. Aber es gibt andere Punkte, die dann wieder voll zutreffen. Am Ende ist halt alles sehr individuell und dadurch hat man auch so viele Fragen und Unsicherheiten, was die Diagnostik betrifft. Entscheidend sind nicht die Einzelheiten, sondern das Gesamtbild. Das muss ein Diagnostiker beurteilen.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass in der Zukunft die ganzen Störungsbilder auch nochmal ganz anders definiert und eingeteilt werden könnten als jetzt. Sodass vielleicht auch das Problem, dass stark hilfebedürftige Autisten und solche, die studieren und selbstständig leben die gleiche Diagnose teilen, vielleicht dann anders gelöst wird. Aber bis dahin ist es sicher noch ein weiter Weg. Die nächsten Jahre bleibt es erstmal so wie es ist. Ich selbst fühle mich “echten Autisten” (blöder Begriff) auch verbunden. Als ich erstmals überlegt habe, ob ich Autismus haben könnte, dachte ich trotz der offensichtlichen Unterschiede eher an Rainman als an Sheldon Cooper oder irgendwelche Social-Media-Autisten. Aber weil ich vergleichsweise viel fitter bin als ein stark hilfebedürftiger Autist, habe ich auch immer das Gefühl, dass das die “echten Autisten” sind und ich irgendwie ein Fake. Das bekomme ich auch nur schwer aus dem Kopf.

Ich finde es erfreulich, dass das Thema Diagnostik so offen besprochen werden kann. Ich kenne es von einem anderen Forum so, dass Diskussionen über Diagnosen und Diagnostik oft schnell gerügt oder unterbunden wird von Leuten, die sich selbst als hochsensibel oder traumatisiert (plus Autismus) bezeichnen. Sie fühlen sich immer angesprochen, obwohl es ja um die Sache geht, nicht um einzelne Personen.

Danke, deine Beschreibung der Mimik-Erkennung finde ich wirklich anschaulich und ich kann mir dadurch wirklich besser was darunter vorstellen.

Die Unterteilung der Diagnosen in Autismus-Subtypen wurde aufgegeben, weil sie wissenschaftlich nicht haltbar war. Insofern erscheint es mir persönlich komplett unsinnig sie wieder einführen zu wollen. Eine Unterscheidung in Support Needs, wie es im Englischen heißt, spiegelt die verschiedenen Erfahrungen im Autismus-Spektrum deutlich besser wieder meiner Meinung nach. Alle, die die Diagnose teilen, sind “echte Autist:innen” (: Es gibt keine “unechten”, auch wenn die Erfahrungen natürlich extrem verschieden sein können innerhalb des Spektrums. Aber sie alle teilen dieselben Grundmerkmale in verschiedener Ausprägung und sich von sehr hilfsbedürftigen autistischen Menschen abgrenzen zu wollen, hat meiner Meinung nach mehr was mit Ableismus als mit den realen Unterschieden zutun. Ohne dir vorwerfen zu wollen, dass du ableistisch bist, das ist unabhängig von deiner Aussage einfach meine Meinung.

Zurück zur Mimikerkennung:

Deine Beschreibung kenne ich gut von mir in weiten Teilen. Ich kann oft keine Verbindung zu Menschen aufbauen, weil sie mich wenig interessieren, oder wenn sie mich interessieren falle ich ins andere Extrem - ich teile zu viel mit. Aber egal wie viel ich mich bemühe, in den allermeisten Fällen bleibt eine Art unsichtbare Wand zwischen mir und anderen Menschen. Textbausteine habe ich weniger, sondern ich blicke mich in der Umgebung oder an der Kleidung der Person um, um dort Aufhänger für Gespräche zu finden, wenn ich ein solches initiieren möchte. So weit scheint mir das ziemlich neurotypisch zu sein, weil Smalltalk wohl so funktioniert, glaube ich. Leider verlaufen diese Gesprächsangebote an andere bei mir meisten sehr schnell, weil sich daraus extrem selten ein echtes, interessantes Gesprächsthema ergibt und ich dann das Interesse verliere. In den meisten Fällen möchte ich über meine Interessen sprechen oder auch gern über etwas, was die andere Person spannend oder toil findet, oder ich möchte Wissen sammeln. Aber die Leute scheinen das nicht zu verstehen und lassen mich metaphorisch stehen.

Zu Dingen, die ich noch nie erlebt hab, kann ich auch nichts weiter sagen und fühle mich dann meistens sehr hilflos und überfordert. Ich sollte empathischer sein, wurde mir oft gesagt. Aber wie denn, wenn eine generische Antwort nur eine leere Floskel ist, und ich sonst nichts beitragen kann. Die Leute geben mir keine Verbindung in diesem Fall. Sagen wir, um sich trösten zu lassen kommen Menschen eindeutig nicht zu mir :joy:

Ungeduld ist innerhalb meiner sozialen Fähigkeiten sicherlich ein großer Faktor, weil es mich enorm Energie kostet mich mit Menschen zu verbinden (oder es zu versuchen) und es eben in den meisten Fällen einfach nicht funktioniert. Deshalb bin ich mittlerweile sehr sehr wählerisch mit wem ich mich näher unterhalten möchte und wo ich einfach den Kontakt so kurz und oberflächlich wie möglich halte - ohne total abweisend zu wirken, weil die Person nun mal nichts dafür kann.

Ich habe vor einer Weile mal meine sozialen Fähigkeiten mit den verschiedenen Sprachniveaus für Sprachen verglichen: die meisten Menschen sind irgendwo auf Niveau C1 oder sogar C2, während ich eher auf B1 Niveau bin. ADHS verursacht, dass ich viel verpasse.

Zu Routinen hatte ich oben schon einmal was geschrieben und bezüglich Arbeitsplatz geht es mir exakt wie dir.

Darauf hat es auch nicht abgezielt, was ich schrieb. Eher dass irgendwann vielleicht ganz andere Einteilungen gefunden werden, die man dann möglicherweise auch anhand von Befunden im Gehirn oder in der Genetik auseinanderhalten kann. Dann könnte es auch sein, dass bisherige Autismus- und ADHS-Diagnosen in neue Kategorien fallen, und manche Personengruppen, die vorher mit beidem diagnostiziert waren oder Symptome von beiden hatten, in eine andere Kategorie fallen, die sich anders nennt. Die Begriffe Autismus und ADHS könnten anders besetzt sein. Wer weiß, das ist natürlich noch ganz theoretisch. Ich denke nur, dass die heutigen Konstrukte vielleicht nicht für die Ewigkeit sind.

Ich glaube, Interesse hat bei mir nichts damit zu tun, es betrifft alle Menschen gleichermaßen, auch egal ob ich sie nett finde oder nicht. Es gibt zwar Menschen, mit denen ich mich leichter unterhalten kann als mit anderen, aber die Trennung bleibt trotzdem, obwohl ich das in diesen Fällen gar nicht so will. Dazu kommt, dass das was ich will und das was ich kann auch nicht unbedingt das gleiche ist (z.B. kann ich mir eine engere Freundschaft wünschen, dann aber mit den häufigeren Treffen überfordert sein).

Ah so meintest du das. Dass sich die Kategorien ändern, ist natürlich sehr gut möglich. In der Wissenschaft ist ja nichts für die Ewigkeit, weil man immer wieder neue Erkenntnisse gewinnt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass gerade die Doppeldiagnose ADHS und Autismus in eine neue Kategorie fällt. Aktuell scheint die mir einfach noch kaum erforscht, weil die Diagnosen sich so lange gegenseitig ausgeschlossen haben. Zumindest ist das mein Wissensstand, vielleicht liege ich da auch falsch. Ich bin aber gespannt, was die Forschung da noch an Erkenntnissen hervorbringt.

Bei Personen, die ich nett finde, fällt es mir auf jeden Fall leichter eine Verbindung zu schaffen. Oder es zumindest zu versuchen. Aber gefühlt ist das für mich Manipulation von Menschen, die ich sozusagen so manipuliere, dass sie mich sympathisch finden. Wenn sie mich dann näher kennen lernen, sind und waren diese Menschen oft sehr enttäuscht von mir, weil ich gar nicht so einfach und sympathisch und freundlich bin wie sie dachten. Sondern eben eher laut und direkt und grob und unfreundlich. Naja, dafür schäme ich mich heute, was sicherlich mit ein Grund ist, weshalb ich mich von Menschen fernhalte.

Zum ursprünglichen Thema des Threads ist mir noch was aufgefallen: ich bin auf eine Art auf die Aspie-Supremacy reingefallen. Ich habe es schon öfter geschrieben wie ich immer dachte, Autismus wäre sozusagen das “bessere ADHS”: ordentlich, fleißig, interessiert sich für längere Zeit für dieselben Dinge, ist sachorientiert, zeigt nach außen hin wenig Gefühle usw. Das sind alles Stereotype und sie stimmen garantiert nur zur Hälfte, wenn überhaupt, und erst recht nicht generell für alle autistischen Menschen. Viele haben beispielsweise sehr große Probleme mit Ordnung, einfach aus sensorischer und exekutiver Überforderung. Aber das mediale Bild vermittelte mir immer Autismus als ein Ideal wie ich gern gewesen wäre.

Dazu passt, dass Menschen mit Autismus ihr ADHS oft als Extra wahrnehmen, wie hier öfter geschrieben wurde. In meinem Kopf (und nur da!) wurde das zu einer Abwertung von ADHS, weil nur ADHS würde bedeuten, ich habe nur die Störfaktoren abbekommen, aber nichts was ich mögen kann an mir selbst. Ich habe das abbekommen, was andere an sich loswerden möchten. Wie gesagt, ich weiß, dass das so nie gemeint war, aber mein Kopf hat diese Aussagen immer so gedreht.

Und ich glaube, unabhängig ob ich jetzt nur ADHS hab oder auch autistisch bin, dass das sehr gut erklärt, warum ich diese Diagnose Autismus unbedingt wollte. Damit irgendwas an mir gut ist.

@KiwiSam Ich mag deine ehrliche und offene Selbstreflexion :green_heart:

Das ist evtl. schon passiert. :wink:

Diese Studie bei Nature will vier Varianten gefunden haben, die alle eine ASS-Diagnose haben und teilweise aber unterschiedliche genetische Grundlagen dafür aufweisen.

Das könnte ein Anfang sein. :+1:

Aber müsste man sicher erst noch durch weitere Studien bestätigen und genauer ausarbeiten. Vermutlich könnte man zusätzlich zu den vieren noch weitere Untergruppen feststellen. Und dann mal schauen, ob es eine Untergruppe gibt, die ein bisschen “ADHS-ig” ist, und ob sie ähnliche Genetik wie reine ADHSler hat. Könnte noch ein bisschen dauern, weil es ja viele beteiligte Gene gibt.

Ein bisschen Update für die Menschen, die es interessiert:

Mittlerweile mehren sich die Anzeichen, dass der Autismus zumindest sehr schwach ausgeprägt ist bei mir, falls er denn überhaupt da ist. ADHS, so wie es auch auf der hier zugehörigen Seite ADxS erörtet ist, erklärt einfach so ziemlich alles an meinen Problemen. Zumindest aktuell, ohne Medikamente.

In sozialen Interaktionen bin ich klassisch ADHS: ruppig, direkt, laut, impulsiv, trotzig, rebellisch, verweigernd, unsicher. Ätzend für alle Beteiligten also, inklusive mir selbst.

Ich habe einen großen Schuss äußere (!) Hyperaktivität: ständiges Aufstehen, Bewegungsdrang, kaum zwanzig Minuten in der Lage still zu sitzen und zu arbeiten. Diese Art Hyperaktivität ist laut meinen Quellen sehr unüblich für autistische Menschen. Das sind wohl eher diejenigen, die man als hypoaktiv labeln würde, eben die innere Variante von Hyperaktivität.

Aus alldem hat sich bei mir, da die ADHS nie behandelt wurde, immer wieder zu Recht Ablehnung aus dem sozialen Umfeld ergeben, und daraus bei mir eine starke soziale Phobie. Das erklärt dann meine übrigen sozialen Probleme.

Harte, aber notwendige Selbsterkenntnisse. Nur so kann ich mein Verhalten ändern und mich bemühen, endlich meine Symptomatik, insbesondere im sozialen Bereich, in den Griff bekommen. Sodass man tatsächlich mit mir zutun haben möchte.

man bekommt nicht umsonst mit der ASS Diagnose, oft einen GDB von mindestens 50 sowie PG zugesprochen, zumindest nach einer UK abklärung mit ausführlicher Diagnostik. Das ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und keine Superkraft. :heart:

Der Rattenschwanz den man da hinter sich herziehen kann, ist brutal, sagen mir zumindest die ISSTD News.

edit: ist auch ganz spannend

Tabelle 1: Abgrenzung zu Schizophrenie

Psychotische Durchgangssyndrome sind bei Belastung möglich. Reizüberempfindlichkeit und Dissoziieren bei Stress sind bei Autismus üblich
und müssen von tatsächlich halluzinatorischen Ereignissen abgegrenzt
werden. Des Gleichen können die zum Teil bizarren Formulierungen bei
Asperger-Autisten auf die falsche Fährte führen. Zur Unterscheidung
helfen ausführliche Gespräche und intensive Verhaltensbeobachtung.

Abgrenzung zu ADHS

Wird häufig als Erstdiagnose gestellt, da die Grundhäufigkeit sehr viel
höher ist. Tritt oft gemeinsam mit Autismus auf; ob es als dem Autismus
zugehörig oder als Komorbidität betrachtet wird, ist umstritten. Eine
Behandlung der ADHS-Komponente ist oft sinnvoll.

wussten die schon seit 2012

( Eigene Meinung )
aber eins, da bin ich mir recht sicher, packt man solche Menschen in ihre passende komfort Zone, wo die Bedürfnisse berücksichtigt werden, dann können manche viele bestimmt beachtliches Leisten ohne aufgezwungenen „Überlebenskampf“, welcher an sich schon, eigentlich, eine beachtliche Leistung ist, denke ich mir.

Ich wollte auf keinen Fall klingen als würde ich ASS für nicht schwer genug halten, und ich entschuldige mich dafür, falls das so rüberkam. Es ging mir nur um die mediale Präsentation, die sich zumindest in den letzten Jahren oft auf autistische Menschen mit Eigenschaften wie ordentlich, ruhig, sachlich etc. beschränkt. So wollte ich eben immer sein. Natürlich ist Autismus in der Realität und im Alltag viel viel mehr als das, nämlich in den meisten Fällen eine (starke) Behinderung.

A pathological demand avoidance (PDA) profile could also complicate the differential because this profile often describes comparatively more subtle social deficits and an emphasis on demand avoidance, oppositional behaviors, impulsivity, and being drawn to fantasy, all of which may appear to be solely posttraumatic and lead to autism being unrecognized (Eaton et al., 2018; Flackhill et al., 2017).

Zitat aus: Co-occuring Autism and Trauma

Der verlinkte Artikel ist sehr interessant. Besonders diese Passage hier trifft mich gerade sehr, weil ich mich aufgrund meiner Probleme mit Ausbildung und Arbeit viel mit dem Thema PDA beschäftige. Auch die Überschneidung PDA, PTSD und (ADHS und/oder autistischer) Burnout finde ich sehr spannend. Bei PDA wird die Antwort des Nervensystems immer wieder mit den klassischen Trauma-Stress-Reaktionen erklärt und da ist die Traumatisierung bei wiederholter Überlastung des Systems wohl nicht allzu weit. Oder eben der Burnout.

Persönliche Randnotiz:

Diese Woche bewege ich mich dauerhaft am Rand der chronischen Überlastung und hatte nun bereits zwei fast unkontrollierbare Wutanfälle. So richtig kann ich einfach nicht rausfinden, was das für Wutanfälle sind. Es wird ausgelöst durch Kontrollverlust (durch externe Anforderungen meistens), den ich durch möglichst viel Zerstörung im Außen wieder gut machen muss. Gleichzeitig bin ich wirklich zögerlich mir das Label PDA anzuhängen, weil mir oft genug vorgeworfen wurde, ich sammele nur Diagnosen.

Ich würde das aber nicht als klassisch ADHS sehen , dass ist längst nicht bei jedem Menschen mit ADHS so.

Letztendlich unsere Symptome , die wir als störend empfinden oder als störend gemeldet bekommen , ob die nun ADHS zuzuordnen sind oder Autismus oder PDA …. Keine der drei Diagnosen entbindet einen von der
Verantwortung wenn dadurch etwas schief läuft und es ändert nichts daran das man wenn man was ändern will trotzdem an sich arbeiten muss und zugleich irgdwie auch noch akzeptieren muss.

Wenn jemand meine Grenzen überschreitet macht es von der Verletztheit keinen Unterschied ob ADHS, Autismus oder PDA. Im Nachgang kann ich vielleicht nachvollziehen das es dadurch bedingt wurde aber auch da macht es keinen Unterschied wem ich wieviel Verständnis überbringe.

Ob jemand speziell Rücksicht benötigt ist ja auch individuell aber sicherlich mit der ein oder anderen Disgnose besser erklärbar oder im Sinne von Unterstüzung am Arbeitsplatz je nach Diagnose einfacher einzufordern .

Hallo und :heart: Willkommen @KiwiSam , ich habe jetzt einfach Mal spontan auf Deinen Eröffnungs Post geantwortet, erstens weil ich denke ich gut nachvollziehen kann was Dich veranlasst hatte alles „ganz genau wissen zu wollen“ und Du Dich sehr ernsthaft mit Dir selbst auseinander gesetzt hast, und deshalb halt wahrscheinlich auch eine Autismus Spektrum Störung Abklärung nicht Auslassen wolltest, sondern sogar genau das bei Dir vermutet hattest.

Aber das Du Dich dann vielleicht zu sehr in die Richtung einer Autismus Spektrum Störung „reingesteigert“ hattest, erstaunt mich persönlich ehrlich gesagt überhaupt nicht, denn dieses „sich in etwas rein steigern“ kenne ich von mir selbst nur zu gut, und ich bin übrigens eine „spätdiagnostizierte Adhslerin“, heisst ich habe meine ADHS Diagnose erst im Alter von knapp 50 bekommen, und nach der Diagnose war ich dann zuerst mal „erleichtert“ das ich nun endlich wusste woher meine Probleme in meinem Leben kommen, als auch dann nicht zu lange später, total verunsichert, grüblerisch, skeptisch, und habe dann wieder vieles hinterfragt.

Und die Vermutung das ich beides haben könnte, heisst ich z.B. 50:50 ADHS und z.T. im Autismus Spektrum liegen könnte, ging mir dann natürlich auch durch den Kopf, besonders weil ich davon gehört hatte das dass möglich ist, und später z.B. auch eins meiner Kinder eine Doppel Diagnose bekommen hatte.

Wie auch immer, jedenfalls habe ich dann aber trotz meiner eigenen Vermutung, ob ich vielleicht auch ein bisschen autistisch sein könnte, keine weitere Abklärung mehr angestrebt, denn eigentlich bin ich persönlich mit meinem Päckchen das ich herum tragen muss, ADHS impulsiver Typ, plus Depressionen wo mich schon lange begleiten, sozusagen damit schon so „voll ausgelastet“, dass ich auf eine mögliche Autismus Spektrum Störung Diagnose in meinem inzwischen doch schon relativ hohem Alter von bald 60, ehrlich gesagt „voll und ganz verzichten kann“.

Wie auch immer, jedenfalls haben hier schon sehr viele liebe Menschen sehr gute Beiträge geschrieben, und ich kann mich hier deshalb all diesen lieben Menschen nur absolut anschliessen.

Und deshalb, Du hast nichts falsch gemacht, und das Du die Sache so ernst nimmst, und Dich auf eine Spurensuche über Dich selbst begibst, zeigt nur wie intelligent Du bist, und das Du deshalb dazu fähig bist, um Dich mit Dir selbst auseinander zu setzen, und das ist eine grosse Leistung, zu der nicht mal überhaupt jeder Mensch bereit dazu ist, und deshalb finde ich persönlich jedenfalls das Du Dir nichts vorwerfen musst. :people_hugging:

Danke sehr für deine lieben Worte! <3
Ich kann mir kaum vorstellen, wie es sein muss so spät erst eine Diagnose zu erhalten und dann zurück zu blicken auf das eigene Leben. Meine Diagnose habe ich mit Anfang 30 erhalten und verbinde sehr viel Trauer damit. Und natürlich den berümten Selbsthass, den ich hier sicherlich schon einige Male erwähnt habe.

Ich schaffe es nicht, meine eigene ADHS zu akzeptieren. Ich bin grandios daran gescheitert in den letzten beiden Jahren seit dem Erhalt der Diagnose. Da ist nach wie vor nur der Wunsch in mir, diese Behinderung zu heilen damit ich endlich ein normaler Mensch werde, der akzeptiert werden kann. Ich möchte mich nicht akzeptieren wie ich bin, so weit würde ich gehen.

Genug Selbstmitleid.

Was ich beim Thema Autismus und ADHS interessant finde, ist die Tatsache, dass Menschen mit beiden Diagnosen berichten, dass sie permanent im Zwiespalt mit sich selbst stehen. Als würde das autistische Gehirn ständig mit dem ADHS-Dopaminmangel kämpfen, der das komplette Gegenteil von dem möchte, was der Autismus möchte. Sieht man sich die Diagnosekriterien an, passt das für mich auch sehr gut. Gegensätzlicher könnten zwei Störungen kaum sein, plakativ gesagt. Im Internet wird gerne das Bild der beiden Wölfe, die miteinander kämpfen, genommen, um diesen leidvollen Zwiespalt zu beschreiben.

Würden da Betroffene unter euch bei der Beschreibung zustimmen?

Ist wohl des Pudels Kern. Geht mir zumindest so und nein ich habe Faust nicht gelesen, ohne meine ADHS wärs vermutlich anders, behaupte ich „einfach“ mal. :heart:

Gedicht zum Zwiegespalte

Niedergang der Selbigen

.
Tausend Götter fielen ein,
brachten Feuer in die dunkelsten Kammern,
ein Gemetzel in des Brüders Schrein,
flehend, am Leben klammern.

Was einst gleichen Blutes war,
hackte sich in Stücke.
Der Mütter Jammern laut und klar,
endlos schmerzend, auf ewig drücke.

Wer der Lüge heimgefallen,
zollte dies mit seinem Leib.
So endet dies grausam in des Schlachtens Hallen,
für immer, Familien Bunde entzweit.

In meinem Gehirn gibts keinen Zwiespalt prinzipiell. Ich kämpfe gegen mein Gehirn, das ja, weil es nicht funktioniert und schlicht fehlerhaft ist. Aber innerhalb meines Gehirns kämpfen keine zwei Pole gegeneinander normalerweise… Oder ich würde es nicht so bezeichnen. Einerseits möchte ich mich mit aller Macht konzentrieren und beispielsweise eine Aufgabe beenden, andererseits fühlt sich jede Sekunde mit der Aufgabe wie Folter an - das ist eben der Kern von ADHS, aber keine miteinander kämpfenden Gegensätze. Ich will mich für etwas interessieren und stundenlang begeistern, aber bin extrem schnell müde und das Interesse ist weg - ebenfalls ADHS, kein Autismus.

Ich glaube, der Kern bei mir ist schlichtweg, dass ich nicht ein Verhalten an den Tag legen kann, dass man mich als Menschen lieben oder auch nur akzeptieren und mögen kann.

Danke für euren Input, das hilft mir sehr auf dem Weg zur Lösung.

Ich glaube, dass Problem hat man auch, wenn man sehr reflektiert ist und ständig darüber nachdenkt, wie blöd man sich verhält. Gleichzeitig muss man natürlich entsprechende Werte/ Ansprüche haben, wie sich ein wertvoller, liebenswerter Mensch zu verhalten hat. Lohnt sich vielleicht da mal hinzuschauen, ob du die selben Ansprüche auch an andere Menschen hast.

Oh jaaaaa, furchtbar diese Menschen, die sich nicht stundenlang konzentrieren können :grinning_face_with_smiling_eyes: Aber so schlimm findest du uns doch gar nicht, gib’s zu :slightly_smiling_face:

Das ist aber interessant, ich habe den Spieß umgedreht und dachte immer, mit allen anderen Menschen stimmt was nicht, dass die einfach so unendlich langweilige Dinge tun können - stundenlang! In der Schule hab ich noch erfolglos versucht, sie wach zu rütteln á la “merkt denn keiner, was für ein Scheiß wir hier machen”?

Ich würde sagen, deine Selbstkritik macht dich schon irgendwie sympathischer als mich - aber vielleicht auch ein bisschen unglücklicher. Ansonsten habe ich die selben sozialen Probleme wie du - Überforderung und Langeweile :confused:

Es gibt aber auch Menschen, die gar nicht langweilig sind! Das fühlt sich an wie ein Feuerwerk, sich mit denen zu unterhalten - kennst du das auch? Dann komm ich mir auch plötzlich völlig normal vor.

Ich weiß aber ganz genau, was du damit meinst. Genau so fühlt es sich an, selbst mit radikaler Selbstakzeptanz - ich find mich total ok, versteh aber voll, dass es für andere zu anstrengend ist mit mir :face_with_diagonal_mouth:

Daraus entsteht auf jeden Fall auch oft ein Zwiespalt, da stimme ich dir zu. Den kenne ich aus eigener Erfahrung sehr gut, denn ich habe tatsächlich oft sehr hohe Ansprüche an mich selbst. Beispielsweise kämpfe ich sehr damit, dass ich nicht ausschließlich vegetarisch oder vegan essen kann, weil ich eine chronische Krankheit habe, die leider viele Unverträglichkeiten mit sich bringt (die bereits öfter erwähnte MCAS). Moralisch finde ich es falsch, tierische Prdoukte zu essen, gesundheitlich muss ich es tun. Auch im Bereich Wissen oder Fertigkeiten habe ich einen sehr starken Perfektionismus.

Über mein soziales Verhalten denke ich sehr oft nach, gerade wie in deinem Beispiel wie sich ein “guter Mensch” zu verhalten hat. Gleichzeitig bin ich nicht/kaum in der Lage etwas davon umzusetzen, was ich mir selbst daraufhin vornehme. Wenn ich es umsetze, wirke ich außerdem nicht authentisch und ich habe das Gefühl, die Menschen merken das. Vielleicht nicht bewusst, aber unbewusst. Das merke ich daran, dass beispielsweise in Gruppen andere viel lebhafter miteinander sprechen als mit mir.

Erwischt. :slight_smile: Nein, so schlimm seid ihr in der Tat nicht. Ich muss aber zugeben, dass ich im realen Umgang mit ADHS-Betroffenen schon oft das Bedürfnis hatte, jene gegen die nächste Wand zu klatschen, weil sie mal wieder nicht zugehört haben oder zu spät waren. ADHS und ADHS reibt sich auch wirklich schnell aneinander, weil man die eigenen Schwächen direkt zu spüren bekommt.

Das kenne ich auch, ja. Plötzlich macht es Spaß sich mit Menschen zu unterhalten, was mir ansonsten nicht so oft passiert.

Ich mag deine rebellische Ader hier!

In manchen Momenten gelingt es mir mir selbst zu sagen, dass ALLE Menschen anstrengend und nervig sind in sehr vielen Situationen - nicht als menschenfeindlicher Gedanke, sondern im Sinne einer schlichten menschlichen Eigenschaft wenn Bedürfnisse, Gefühle und Erfahrungen aufeinander prallen und gleichzeitig existieren. Wir mit ADHS sind sicherlich dahingehend noch anstrengender und haben oft Momente, in denen wir dem Umfeld einfach zu viel sind. Trotzdem ist gerade das eben etwas, das allen Menschen zu eigen ist.

Ich habe vor einer Weile mal, ganz ironisch eigentlich, auf Instagram gelesen, das wir durch den Social Media Einfluss viel öfter sämtliches menschliches Verhalten pathologisieren und selbst die kleinste zwischenmenschliche Anstrengung dadurch als “toxisch” bezeichnet wird. Für mich ist da etwas Wahres dran. Natürlich sind die eigenen Grenzen wichtig und müssen gewahrt bleiben, gar keine Frage. Konflikte klären ist allerdings genauso wichtig.

(Ich fühle mich sehr alt, wenn ich so etwas schreibe….)