Erstmal muss sich jeder Erwachsene um sich selber kümmern.
Das klingt jetzt hart, aber das ist die Verantwortung und Pflicht, die man als Erwachsener hat.
Das heißt, man muss erstmal für sich selbst die Erkenntnis gewinnen, dass man ein Problem hat und man muss Willens sein, das anzupacken. Auch, wenn es weh tut.
Ich für meinen Teil habe verstanden, dass ich ADHS habe und bin zur Diagnostik gegangen. Genau genommen habe ich über Monate die zuständige PIA genervt, bis sie einen Platz für mich hatten. In der Zwischenzeit habe ich mich intensiv mit ADHS befasst und was genau es für MICH bedeutet.
Dann habe ich bemerkt, dass ich noch so einige negative Glaubenssätze aus der Kindheit mit mir herumtrage. Für mich war „Das Kind in dir muss Heimat finden – das Arbeitsbuch“ sehr hilfreich.
Ich habe gelernt, warum ich mich emotional so schnell hochfahre und auf die Instabilität meiner Familienmitglieder so intensiv reagiere. Mit dieser Entwicklung meiner Selbst konnte ich Konfliktsituationen besser analysieren und mit meiner Familie kommunizieren, was auf meiner Seite schief gelaufen ist.
Aber mein Mann zum Beispiel muss das auf seiner Seite selbst in den Griff bekommen.
Wir können immer nur uns selbst ändern, nicht das Gegenüber.
Für @DMC bedeutet dies, dass seine Frau sich um ihre Baustellen kümmern muss. Man ist als Partner oder Kind nicht der Therapeut!
Was nicht heißt, dass man nicht über Dinge sprechen sollte. Im Gegenteil, offene Kommunikation ist wichtig.
Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung heraus ist es für Kinder sehr wichtig zu sehen, dass auch die eigenen Eltern Fehler haben und diese erkennen, zugeben und daran arbeiten. Diese Vorbildfunktion überträgt sich in positiver Weise auf das Kind.
Den Partner „einfangen“ kann also nur bedingt gelingen. Man kann versuchen, auf seiner eigenen Seite stabiler zu werden. Sich nicht triggern zu lassen. Aber der Partner muss auf seiner Seite lernen, gar nicht erst auszubrechen.
Denn sonst gerät man ins Ungleichgewicht und ein Partner übernimmt die komplette emotionale Arbeit. Er reguliert nicht nur sich selbst, sondern auch den Partner und die Kinder. Auf Dauer kann das nicht gut gehen, weil er dann selber ausbrennt und unter der Last zusammenbricht.
Ich spreche hier aus Erfahrung.
Nicht, dass man Mann das so gewollt hätte. Er wusste nur 50 Jahre lang nichts von seinem Autismus und weiß eigentlich gar nicht, wer er eigentlich wirklich ist und was von außen übergestülpt wurde. Chronische Erkrankung kommt on top noch dazu. Sowas kann man von außen als Partner gar nicht alleine regulieren und abfangen.
Uns haben ehrliche und manchmal auch schmerzhafte Gespräche geholfen. Ich habe die meiner Meinung nach vorliegenden Mechanismen klar benannt und tue dies auch immernoch. Mein Mann stellt sich seinen Ängsten, auch wenn es schwer ist und Zeit braucht. Manchmal verzweifle ich beinahe an der Zeit, die es braucht, aber es bewegt sich was. Wir reden viel. Aber ich bin NICHT Therapeut. Ein bisschen vielleicht, aber das liegt in meiner Natur. Letztlich ist mein Partner aber selbst für sich und seine Psyche verantwortlich. Es mag unfair sein, und jetzt folgt vulgäre Sprache: Andere Leute haben ihm die Scheiße durch den Briefkastenschlitz geschoben. Aber wegmachen muss er sie selber.
Ich musste all das in den letzten Jahren lernen. War nicht leicht und ist es auch jetzt nicht. Ich will halt immer helfen und Probleme lösen. Aber das ist mein ganz persönliches Problem, das ich im Zaum halten muss. Nicht alles liegt in meiner Verantwortung. Jeder Erwachsene muss seiner Verantwortung gerecht werden und sich um sich selbst kümmern. Dabei können wir nur unterstützend tätig sein.
Die Kinder fangen wir dadurch ein, dass wir selber stabiler werden. Nur so können wir den nötigen Halt geben.
Und als Ergänzung: auch ich darf inzwischen unperfekt sein und Fehler machen. Denn meine Familienmitglieder sind stabiler geworden. Ich muss die Last nicht mehr nur allein tragen. Das klingt in meinem Tagebuch nicht immer so durch, weil ich dort vor allem meine Probleme niederschreibe. Aber von außen betrachtet haben wir alle Fortschritte gemacht und können uns so auch gegenseitig stützen. Selbst meine Tochter kann das in einem gewissen Rahmen, weil wir ehrlich zueinander sein können und ich nicht mehr nur die starke Mama sein muss. Ich darf ihr gegenüber meine eigenen Fehler zugeben und sie werden verstanden und verziehen. Ich reiße mit meinen Fehlern nicht mehr sofort alle Erfolge ein, weil sie auch beim Gegenüber stabiler gebaut sind.