Hallo!
Ich habe mein gesamtes Erwachsenenleben Probleme, genug zu essen. Schlank war ich schon immer, aber Untergewicht ist erst seit dem Erwachsensein ein Problem. Weil ich für alles selbst verantwortlich bin und mir oft selbst was zubereiten muss. Zunächst die Kurzfassung.
Ich habe für mich folgende Ursachen ausmachen können:
- Überforderung durch zu große Auswahl an Lebensmitteln
- Überforderung durch zu viele nötige Schritte bei der Zubereitung
- Planung generell überfordernd
- Antriebsstörung, nicht Anfangen können zu kochen oder zu essen
- zu spätes Wahrnehmen von Hunger → Unterzuckerung
- phasenweise „wählerisch“, es gehen nur bestimmt Lebensmittel
Was mir hilft:
- ADHS-Medikation gegen Antriebsstörung
- gemeinsam mit anderen Kochen und essen
- beim Essen beschäftigen (Fernsehen, YouTube etc.)
- Kochbox
- alternativ Speiseplan (Planung…
)
- sofort Essbares da haben, auch Fertiggerichte
- Kalorienreich essen, Öle, Fette, Nüsse etc. hinzufügen
- Jedes Essen ist besser als kein Essen
Die lange Fassung, bzw. das Drumherum:
Ich habe mich damit abgefunden, mit dem Thema Schwierigkeiten zu haben. „Einfach essen“ gibt es für mich nicht. Das Thema ist unfassbar komplex und direkte Folge meines ADHS (und leichten Autismuseinschlägen).
Ich muss zunächst immer erstmal überlegen, was ich gerade essen kann. Nicht will, sondern kann. Dabei kann es vorkommen, dass ich längere Zeit in der Küche stehe und Möglichkeiten durchgehe. Selbst, wenn z.B. frisches Brot da ist, muss ich es in dem Moment auch essen können. Es gibt Tage, da kann ich erstmal nur mit einer Trinkmahlzeit überbrücken. Dann ist das so. Es gibt auch Tage, da geht nur Safe-Food oder Hyperfixation-Food. Dieses ist nicht immer gesund, machmal sind es Chicken Nuggets mit Kartoffelecken oder tagelang das gleiche Essen. Dann ist das so.
Es kommen auch Phasen, da habe ich Energie und Bock auf ausgefallene Sachen. Dann gehe ich eben nochmal einkaufen und bereite mir das zu.
Nahrungsmittelzubereitung ist ein sehr komplexes Thema. Man muss planen, was man essen möchte, Einkaufsliste anlegen, einkaufen gehen, alles einräumen, Zutaten vorbereiten, kochen, aufräumen, essen. Das alles sind sehr viele Schritte. Besonders, wenn sonst noch viel im Leben passiert. Bin ich irgendwie gestresst, habe schlecht geschlafen, habe zu viel Interessen, zu viel schönes Erlebt, bin krank, habe plötzlich Urlaub und zu viel Zeit, was auch immer, dann ist das zu viel. Die Anforderung zu hoch. Dann muss ich auf leicht zugängliche Mahlzeiten zurück greifen. Und dann ist es auch absolut egal, was das ist! Hauptsache, es ist etwas zu essen. Untergewicht ist gefährlich und sich da raus zu kämpfen, dauert unfassbar lange. Jede Kalorie zählt. Selbst, wenn das Nahrungsmittel an sich als ungesund gilt. Gar nichts essen ist ungesünder.
In meinen schlimmsten Untergewichtsphasen (ich wusste noch nichts vom ADHS, BMI 16) habe ich meine Ernährung auf vegan umgestellt, eine App zum Tracken meiner Mahlzeiten genutzt und konsequent auf hochkalorische Nahrungsmittel geachtet. Hülsenfrüchte, gesunde Fette, Nüsse, Saaten etc. Das hat mir damals sehr geholfen. Auch, weil ich durch die Umstellung quasi einen neuen Hyperfokus hatte und das Thema interessant war. Die App zum Tracken zeigte einen Streak an und bot damit eine Art Gamification. Insgesamt also für mich eine gute Methode. Später habe ich langsam wieder auf gemischte Kost umgestellt, aber trotzdem achte ich noch darauf, möglichst nicht nur gesund und frisch zu essen, sondern eben auch die hochkalorische Option zu wählen.
Aktuell habe ich für mich und die Tochter eine Kochbox abonniert. Das entlastet mich enorm. Die komplette Planung wird mir dadurch abgenommen. Wir suchen nur noch raus, was wir essen wollen. Da meine Medikamente auch am Abend noch wirken, habe ich genug Energie, um dann auch kochen zu können. Es ist alles schon portioniert und ich muss nur noch das machen, was auf dem Zettel steht.
Außerdem achte ich darauf, immer was Essbares da zu haben. Zutaten-Haushalte klingen zwar gesund, aber wenn man immer erstmal was aus den vorhandenen Dingen zubereiten muss, ist das hinderlich. Dann „ist nichts zu essen da“. Es ist nichts schlimmes daran, Fertigmahlzeiten im Haus zuhaben. Das ist dann eben ADHS-gerecht.
Morgens kann ich nichts essen. Wenn ich es erzwingen würde, würde ich es wieder hoch bringen. Also starte ich morgens ohne Essen, aber mein Tagesablauf ist sehr regelmäßig. Daher weiß ich inzwischen, welches Frühstück bei mir von der Frühstückspause bis zum Mittagessen satt hält.
Ich habe seit über 10 Jahren das gleiche Frühstück. Müsli mit Joghurt und Banane.
Bin ich unterwegs, habe ich Müsliriegel oder Trinkmahlzeiten dabei.
Ich esse, wenn ich Hunger habe. Nicht erst, wenn die übliche Zeit für eine Mahlzeit ran ist. 16 Uhr Hunger auf Abendessen? Klar. Dann 21 Uhr nochmal Hunger? Essen. Ich schaffe sowieso immer nur kleine Portionen. Dann halt öfter am Tag.
Wichtig war für mich, die Auslöser für mein Untergewicht zu finden. Was genau macht mir Schwierigkeiten? Was ist in meinem Leben los, wenn ich schlecht essen kann? Wie kann ich den Auslöser abstellen?
Außerdem ist eine gelassene Haltung zum Thema wichtig. Je mehr Stress ich mir dadurch mache, desto schlimmer wird es. Deshalb auch ganz wichtig, das jedes Essen erstmal gutes Essen ist.
Ich habe auch akzeptiert, dass diese Phasen immer mal wieder auftreten können. Sie machen mir aber inzwischen keine Angst mehr. Denn wie gesagt, ich kenne meine Auslöser und kann gegensteuern oder mir eben zugestehen, dass es auch mal Phasen mit nur Safe-Food gibt. Das geht vorbei. Dafür kommen wieder bessere Phasen.
Ich hoffe, dass dir meine Erfahrungen helfen. Was genau du an Snacks mitnehmen kannst, musst du für dich selber herausfinden. Manche lieben geschnittenes Obst oder Gemüse, Riegel oder Nüsse, andere mögen Sushi, Wraps, belegte Brote… schau, was du magst.
Alles Gute und bleib gelassen. Jedes Essen ist besser als kein Essen.