Ich finde ja auch nicht, dass das ein wirklicher Grund ist an dem ADHS zu zweifeln.
Beim Thema Orientierung gibt es m.E. Parallelen zur Intuition. Auf der einen Seite braucht es für gute Intuition, eine umfangreiche Aufmerksamkeit, um aus kleinsten Hinweisen Informationen für zukünftige Ereignisse erfassen zu können und eigentlich auch ein gutes Episodisches Gedächtnis. Beides funktioniert bei ADHS nicht richtig gut und trotzdem bleibt nichts anderes übrig, als sich auf seine Intuition zu verlassen, weil dem ADHS-Gehirn zu wenig Zeit gegeben wird, eine Situation rational zu erfassen. Übung kann wahrscheinlich einiges wettmachen.
Bei mir genauso. Ich habe wirklich schon immer einen extrem schlechten Orientierungssinn. Sooooo unsagbar schlecht, dass ich schon seit langer Zeit gar nicht mehr versuche mir Wegen zu merken. Es funktioniert sowieso nicht.
Und es ist ganz gleich ob zu Fuß oder mit dem Auto. Navis sind meine absolute Rettung!
Auf Reisen und in unbekannten Städten bin ich einfach immer irgendwie drauflosgelaufen und habe mich überraschen lassen wo ich rauskomme. So habe ich interessante Ecken jenseits der Touristen-Hotspots entdeckt. ![]()
Zurück dann mit dem Taxi oder in irgendeine U-Bahn Station. Oder mich durchgefragt. War immer gut, um Sprachkenntnisse zu trainieren.
War vor ein paar Tagen wieder mal in einem größeren Gebäude und habe den Weg zurück zum Ausgang nicht mehr gefunden.
In Arztpraxen oder so kann ich mir auch nie den Ausgang oder den Weg zur Toilette merken.
Wenn ich 1-2 mal in einem Gebäude die Richtung wechsle habe ich auch überhaupt keine Orientierung mehr. Könnte zum Beispiel nie sagen auf welcher Seite die Straße oder der Eingang etc. ist.
Als ADHS-Symptom habe ich das früher nicht gedeutet, heute schon. Der Zusammenhang ist bei mir offensichtlich.
Geht mir ganz genau so!
Mittlerweile glaube ich sogar, das gehört zu dem Kern der Andersartigkeit meines Gehirns, bzw. Ursache des verstopften Arbeitsgedächtnises - so wie es bei anderen Legasthenie, Dyskalkulie oder Dyspraxie ist.
Wenn andere erzählen sie haben eine schlechte Orientierung, bedeutet das meistens, dass sie sich nicht gut in neuen Städten zurechtfinden - da fühl ich mich wie verarscht.
Bei mir bedeutet das, ich finde mich in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen und 20 Jahre gelebt habe nicht zurecht. In der Schule / Uni musste ich mich immer an jemanden ranhängen, um die Räume zu finden. Wenn ich in ein großes Gebäude gehe, finde ich nicht mehr raus, egal wie sehr ich mich anstrenge, mir den Weg zu merken.
Das merkwürdigste - ich laufe intuitiv immer in die falsche Richtung, d.h. wenn ich aus einem Laden wieder rausgehe, denke ich IMMER ich komme aus der anderen Richtung und bin erstmal verwirrt
jedesmal muss ich mir genau die Läden angucken und überlegen, wo ich hin muss - es ist so verwirrend. Links und rechts weiß ich auch nicht intuitiv, dafür muss ich mit der Zunge immer einen Zahn fühlen
.
Ich habe keine schlechte Orientierung, ich bin komplett orientierungsfrei. Andere Menschen scheinen eine innere Karte zu haben, ich kann mich immer genau so weit orientieren, wie ich gucken kann oder maximal einen Weg anhand markanter Punkte auswendig lernen, aber es findet niemals eine Vernetzung der Wege statt.
Und diese Art der Orientierungslosigkeit empfinde ich auch im Alltag. Wenn mich jemand fragt, ob ich Zeit habe oder etwas machen kann, dann weiß ich es nicht. Und ich kann es nicht rausfinden, solange die Person anwesend ist. Ich muss mich in Ruhe hinsetzen, in meine To-do-Listen und Kalender gucken und einen Plan machen. Und damit meine ich keine großen Vorhaben. Die Nachbarin fragt nur, ob sie auf einen Kaffee reinkommen kann. Andere Menschen würden sagen, “ich muss noch die Wäsche zusammenlegen und nachher essen machen, aber du kannst ja gern dabei sitzen” - und ich bin maximal überfordert mit der Frage, kriege richtig Panik, weil ich es nicht weiß! Und ich sage dann meistens “ja”, weil ich bei “nein” einen Grund bräuchte und nicht unhöflich sein will - und schaffe am Ende natürlich nichts.
Und dieselbe Orientierungslosigkeit im sozialen Kontext - sobald mehr als eine Person anwesend ist. Dann erscheint ein Error in meinem Kopf und er stellt in Standby - Ich kann mich nur mit einer Person gleichzeitig unterhalten, alles andere wird ausgeblendet oder ich bin eben komplett wie ausgeknipst - völlig in meiner eigenen Welt.
Irgendwie scheinen diese Dinge bei den meisten Menschen automatisiert abzulaufen, mein Gehirn läuft dabei auf Hochtouren und trotzdem ist das Ergebnis viel schlechter.
Würde mich interessieren, ob du diese Probleme im Alltag auch kennst oder ob die unabhängig von der Orientierungslosigkeit sind (ist natürlich auch nicht ganz ADHS-untypisch
).
Zeitblindheit habe ich aber z.b. nicht so, wie es viele andere beschreiben…
Großartig, hätte von mir sein können.
Auch das - immer genau in die falsche Richtung laufen.
Es ist bei mir schon so, dass ich versuche absichtich das Gegenteil zu tun. Also, wenn mir mein Bauchgefühl oder was auch immer sagt, ich müsste jetzt links den Gang runter. Dann vielleicht absichtlich nach rechts gehen, weil das die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es dann auch die richtige Richtung ist.
Auf persönlicher Ebene ist es bei mir wieder anders als bei dir, glaube ich. Eigentlich mag ich überhaupt keine Zeitpläne, aber lebe inzwischen selbst danach. Die meisten netten Sozialkontakte hatte ich in Zeiten als Nachbarn, Freunde etc. einfach so ungeplant vor der Tür standen. Heute läuft alles über Termine. Und das ist mein Problem. Ich schiebe die Termine vor mir her und schaffe es nicht Freunde anzurufen oder zu treffen. Weil sich das irgendwie nach Termindruck anfühlt. Und ich gefühlt nie Zeit habe. Das ist aber einfach so ein Gefühl, nicht Realität. Denn dieses Gefühl keine Zeit zu haben, habe ich im Urlaub oder am Wochenende genauso.
Ja, Ja und Ja. Genauso ist es auch bei mir.
Da kann ich vieles genau so schreiben. ![]()
Ich habe auch nichts gegen Frühstück (nur manchmal ein Orga Problem, wegen anderem Medikament, welches erstmal eine halbe Stunde nüchtern fordert), ich nutze gerne und freiwillig Öffentliche und habe schonmal den Spitznamen Pfadfinderin bekommen ![]()
Autolos war ich lange in der Großstadt, jetzt aufm Dorf ist schwierig ohne…
Hallo Maraxa,
Dass die ungeplanten, spontanen Sozialkontakte fast null geworden sind und stattdessen Termine ausgemacht werden (müssen?), beobachte ich bei vielen um mich herum, die mit mir älter geworden sind - je älter desto krasser. Ich denke, das ist eher ein Alters-Phänomen als ein ADHS Symptom.
“Dieses Gefühl keine Zeit zu haben”, kenn ich auch. Ich bin zwar schon in Rente, mach einiges ehrenamtlich, sollte eigentlich viel freie Zeit haben, aber schiebe auf - besonders das, was mein Unterbewusstsein als Unangenehmes einstuft. Irrational. Vieles bekomme ich erst unter Termindruck
geregelt (das ist mit ADHS- Medikamenten genauso wie ohne). Termine vergessen kann ich auch noch sehr gut
(mit ADHS Medikamenten etwas besser geworden). Auch mit Medikamenten ist mein Hirn zu 90% über zukünftige Aktivitäten am denken und wünschen (mit ADHS Medikamenten weniger sprunghaft als früher). Das sieht man auch an meinem Gangbild; der Kopf ist meistens weiter vorne. Bleibt leider nicht mehr viel Restkapazität um das Schöne in der Gegenwart zu genießen - schade. Ich arbeite dran.
Gestern hab ich es mal wieder geschafft, selbst bei ALDI nicht den Ausgang zu finden. ![]()
Also es war eine andere Filiale als sonst. Und als ich durch die Kasse war bin ich instinktiv nach links gelaufen, Richtung Ausgang - dachte ich. Und dann stand ich vor einer Wand. Mit einer Tür. Nur für Mitarbeiter. Der Ausgang war natürlich genau auf der anderen Seite. Also rechts. SOOOOO TYPISCH.
Wir waren vor kurzem in einem Museum, und während ich ziemlich planlos von einem Raum zum anderen gelaufen bin, teilweise auch doppelt, hatte mein Mann einen präzisen Grundriss von dem Gebäude im Kopf und wusste genau, in welchem Teil wir noch nicht waren und wie man da hinkommt. ![]()
Genauso hat er auch einen inneren Stadtplan im Kopf, während ich Strecken, die ich nicht jeden Tag fahre (und manchmal auch die…) immer nur von einer Kreuzung zur nächsten wiedererkenne, und dann meist weiss, wo ich abbiegen muss. Keiin Plan, wie der Rest der Strecke aussieht, ich kenne immer nur genau den Teil, wo ich gerade bin. Was mich manchmal tierisch stresst „ohje wie geht es denn bloß weiter??? Ich weiss nicht wie ich nach XYZ komme
“
Wenn ich dann nicht zu sehr in Panik verfalle , erkenne ich aber meist wieder, wo es lang geht.
Deswegen kann ich auch niemandem den Weg erklären, wenn ich gefragt werde, weil ich es einfach nicht weiss ![]()
Bei mir ist die Orientierung ziemlich schlecht. Bei meiner Testung hinsichtlich Gesichtsblindheit ist auch Objektblindheit herausgekommen. Das heißt, dass ich Gegenstände, Orte etc. nicht mehr aus dem Kopf reproduzieren kann. Aus der Ecke werden auch meine Orientierungsprobleme kommen. Ich denke, dass die Orientierungsprobleme bei mir in der Entwicklung begründet liegen, so wie der Autismus. Ich kann mir vorstellen, dass bei ADHS vielleicht auch das eine oder andere dazukommt.
Spannend, das Wort Objektblindheit trifft es bei mir sehr gut. Ich hatte ja ob schon etwas geschrieben.
In Büchern ist es bei mir zum Beispiel so, dass ich Beschreibungen von Orten - egal ob Landschaft oder Häuser - immer überspringe. Aus Langeweile und weil ich die Beschreibungen sowieso nicht visualisiere. Beschreibungen von Gedankenwelten und Gefühlen von Charakteren verschlinge ich dagegen.
Wenn ich aktiv schaue, in der Situation zu bleiben, dann geht es. Wobei ich mich auch schon in Restaurants verlaufen habe, nachdem ich auf Toilette war und statt die Tür nach draußen, die zum Wintergarten nehmen wollte zb.
Meistens jedoch, führe ich innerlich mehrere Gespräche und singe ein Lied und rege mich gleichzeitig über diese Tatsache auf. Da bleibt nicht viel Blick nach außen übrig ![]()
Also bei meinem ADS Sohn ist das mit der Orientierung echt ganz schlimm.
Er geht jetzt über 2 Jahre jeden Tag den Schulweg. Und den kennt er teils auch schon vom Weg in den Kindergarten davor.
Letztens fahren wir nach Hause und er meint original: „Die Gegend hier kommt mir bekannt vor.“ Ich so: „Äh, ja, das ist dein Schulweg.“ ![]()
Er hat sich in der ersten Klasse auch nach eeeeewigen Üben auch mal am Schulweg etwas verlaufen, fand aber dann spät aber doch noch hin wenigstens… ![]()
Total spannend. Ich habe teils sehr starke innere Bilder von Büchern. Es war manchmal so, dass ein Buch aus war und ich war richtig traurig, dass ich nun nicht mehr in diese Welt eintauchen kann - dann bin ich im Geiste nochmal durch die Räume in meiner Vorstellung gegangen.
Gut von Landschaften habe ich auch eine Vorstellung, die aber nicht ganz so visuell präsent für mich ist.
Leider hat mich aber schon lange kein Buch so massiv beeindruckt… Es gibt einzelne, die mich fesseln, aber irgendwie bin ich so wäherlisch geworden beziehungsweise ödet mich leider viel an inzwischen.
Ich habe einen Orientierungssinn, der halbwegs ok ist, würde ich sagen. Ist aber schlechter geworden. Früher wusste ich z.B. IMMER genau wo unser Auto steht, jetzt bin ich total vergesslich…
Das ist totaler Blödsinn in meinen Augen. das geht noch von veralteten: Mann jagt, Frau hockt zu Hause und sammelt maximal am Höhleneingang Beeren, aus.
So war das sicher nicht. Ich bin mir ganz sicher, dass Frauen sich echt gut orientieren können mussten, weil das für Mann oder Frau überlebenswichtig ist.
Da man doch weiß, wie viel und weeeeeit die Menschen früher umhergezogen sind (teils auch jahreszeitenbedingt), frage ich mich welchen Schwachsinn manche doch verzapfen. Frauen sind sicher nicht nur immer Männern nachgedackelt, weil sie zu doof waren sich zurecht zu finden. Solche Thesen entlarven sich durch ihre inherente Unlogik doch selbst ![]()
Und ja, kenne auch genug Männer, die keine Orientierungsgenies sind
Ist jetzt kein Gegenbeweis, aber nur als kleine empirische Anekdote
War jetzt öfter bei Freunden im Ruhrpott zu Besuch. So langsam weiß ich ohne Navi wo ich ab fahren muss und wo es ungefähr her geht.
Glückwunsch, ich bin ja noch mit Karten lesen aufgewachsen……. das Navi ist aber auch eine feine Sache.
Was mir bloß aufgefallen ist
diese Routine hilft mir auch und dann geht es ebenfalls ohne.
Bin ich dann aber länger nicht mehr auf dieser Strecke unterwegs, ist fast alles wie vom Winde verweht.
Ich bin also eher eine geografische Graupe, aber mir dessen inzwischen bewusst, somit ist Vorbereitung angesagt.
Wir sind damals einmal mit Karte bis nach Kiel in den Urlaub gefahren. Das hat mega Spaß gemacht. Also ich kriege beides noch hin
![]()
Ich finde sowieso, es ist nicht verkehrt, es auch ohne technische Hilfsmittel zu wuppen, kann ja nicht schaden.
Scheint aber tatsächlich aus der “Mode” zu kommen, auch überhaupt Karten “lesen” zu können…
Ja. Meine Kinder habe ich mit dieser Kulturtechnik bekannt gemacht ![]()
Andere Leute: aber woher weißt du den Weg ohne Google Maps? Und wenn du dich verirrst? Google Maps sagt aber nicht, dass wir hier fahren sollen… Aber ich ![]()