Maladaptives Tagträumen

Hallo Forum,

da es gerade in einem anderen Thread angesprochen wurde und ich in der reddit-community (https://www.reddit.com/r/MaladaptiveDreaming/) gelesen habe, dass Menschen, die „maladaptiv“ Tagträumen oft ADHS haben sollen, hier zwei interessante Beiträge:

Kennt das noch jmd von Euch?

Liebe Grüße,

Irrlicht

Ja, definitiv… Dachte immer das wäre normal für ADS.

Verrückt, kannst du Gedanken lesen? Ich war kurz davor so einen Thread zu eröffnen :smiley:

Habe selbst nicht so konkrete Erfahrung damit oder zumindest tagträume ich immer weniger intensiv.
Hatte vor ein paar Wochen aber ein interessantes Gespräch mit einer Freundin über dieses Thema.

Seht ihr da auch eine Art Verwandtschaft zu den Fantasiespielen, die man sich als Kind ausdenkt oder zu imaginären Freund:innen? Oder bin ich da auf dem Holzweg?

Und welcome back @f_luxus !


Wieso ich darauf komme: ich habe vor kurzem diesen Deutschlandfunkbeitrag gehört.
Der handelt von imaginären Freund:innen bei Kindern und wann die bei ihnen zum ersten Mal aufgtaucht sind. Dabei kristallisiert sich heraus, dass sie oft einen Zweck erfüllen oder mit emotionalen Bedürfnissen zu tun haben. Mal ist es eine Art Vaterfigur nach der Trenung der Eltern, mal eine Beschützerin.

In diesem Gespräch mit meiner Freundin (vermutlich auch ADHS) haben wir da Parallelen zu erwachenem Tagträumen gefunden. Auch da geht es irgendwie um Bedürfnisse, die in ein Narrativ eingesponnen werden. Und das pflegt man liebevoll.
Es dient zur emotionalen Selbstregulation, kann beruhigen und stimulieren.

Wie schon gesagt, ich kenne Tagträume und auch, dass ich immer wieder zu den gleichen zurückkomme. Erlebe das aber weniger maladaptiv.
Oft ist das in Stressphasen, wenn ich mich mal Pause brauche vom Verarbeiten des realen Lebens. Das spiegelt sich dann auch im Inhalt wieder.

Die Freundin von mir fühlte sich durch ihre Tagträume wirklich teils eingeschränkt. Oder hatte das Gefühl reale Beziehungen zu Menschen zu belasten, wenn sie die in ihre Träume einbezog. Weil sie ja dann im Kopf schon weiter war diese Beziehung zu erforschen und auzubauen, als die andere Person.
Das ganze ist dann ein kleiner Teufelskreis: man hat Erwartungen an jemanden, die so nicht erfüllt werden können, wird im realen Leben enttäuscht und flüchtet wieder in die Fantasiewelt, wo alles genauso passiert, wie man es sich wünscht.

Ich glaube, wenn man die zugrundeliegenden Bedürfnisse und Wünsche lernt zu benennen und eine Basis schafft diese in echt befriedigen zu können, dient auch die Träumerei langsam aus.

Kennt das jemand, dass man tagelang nicht aus einem bestimmten Tagtraum nicht rauskommt? Und währenddessen oder danach eine innere Leere und Sehnsucht kommt?
Es fällt mir dann sehr schwer Bezug zum Alltag zu finden.
Besonders diese innere Leere und Lustlosigkeit, und die überwältigenden Emotionen machen mich fertig.

Es kommt nicht so oft und es dauert nur ein paar Tage, aber es ist extrem unangenehm und ich befürchte in solchen Phasen Entscheidung zu treffen, die ich später bereuen werde.

Ich überlege gerade, ob ich das kenne. Als Tagtraum eher nicht.
Aber als „Pläne schmieden“ vllt eher? Manchmal habe ich so einen Flitz im Kopf, dem hänge ich gedanklich dann extrem lange hinterher und fühle mich gestört, wenn ich was anderes machen muss.
Dann verpufft es, weil ich merke, dass es gar nicht geht. Danach folgt im besten Fall nur Ernüchterung.

Das würde ich eher als Hyperfokus sehen. Ich bin aber tatsächlich wie in einem Film, so gedanklich.
Ich hatte es jetzt einige Tage und habe nach Ursachen geguckt. Aus google kommt sowas wie Depressionen (glaube ich nicht oder leicht verstimmt), Borderline (will ich nicht, glaube ich nicht) und Trauma (ja, das könnte stimmen).

Dann kenne ich das glaub ich nicht :?:

Mein erster Impuls wäre Huhn-Ei-Forschung: Ist der „Tagtraum“ wirklich so anziehend oder ist das eher eine Art „Kino im Kopf“-Selbstmedikation zur Linderung von Traumafolgen? Also a) eine „Hin zu“-Bewegung Richtung Tagtraum oder doch eher b) ein „Von etwas weg“, nämlich weg aus der Realität? Das zu differenzieren gelingt m.E. - wenn überhaupt - nur mit viel Selbstreflektion.

Im zweiten Impuls weiß ich aber auch gar nicht mehr, ob es darauf wirklich ankommt: Ich denke, wir sind in beiden Konstellationen gut beraten, wenn wir die „Komfortzone“ des „Tagtraums“ immer mehr hinterfragen und das machen, was in diesem Broken heroes-Video (Hiltrud Bierbaum-Luttermann - Mit Würde wieder zurückkommen – Jugendliche nach großen Krisen - YouTube) als „Diskrepanz erlebbar machen“ beschrieben wird:

Also gegen die Verführung des Wegbeamens und Rauszoomens anarbeiten und durch „Sich gut und tröstlich zureden“ klarmachen, dass die Realität meistens eher schwieriger wird, wenn wir uns ihr nicht stellen, sondern erstmal ins Traumland abhauen. Dass uns die ganze Träumerei immer weiter wegbringt von der Realität, die wir uns wünschen und die es ansatzweise auch geben kann, wenn wir im Hier und Jetzt bleiben und darauf zugehen.

Dann würde ich versuchen, Angebote in der Realität zu machen, die auch zu einer Besserung oder Linderung führen, aber nicht so schädliche Folgekosten haben wie die Tagträumerei-Betäubung. Das könnten zB solche „Vagus-Übungen“ sein, über die wir schon mal Austausch hatten. Oder zB Somatic-Experiencing-Soforthilfen, die mehr Sicherheitsgefühl verschaffen: Treating Trauma: 2 Ways to Help Clients Feel Safe, with Peter Levine - YouTube

[Es kann natürlich auch sein, dass der Tagtraum eine Tankstelle ist. Dann kommst Du nach Reaktivieren von Ressourcen wohl gestärkt wieder raus. Das von einer eher riskanten Weltflucht zu unterscheiden, erfordert m.E. aber viel Ehrlichkeit und Zugang zu sich. Nicht unbedingt eine ADS-Stärke. Dafür könnte aber vielleicht sprechen, dass die Sehnsucht und innere Leere ursprünglich gar nicht ertragbar und spürbar waren, und mit der Tagträumen-Stabilisierung kannst Du Dich dem langsam stellen. Das wäre dann wieder mal vergleichbar dem Kanalratten-Problem à la Winkler: Eigentlich ist Unwohlsein Anzeichen einer verbesserten Selbstwahrnehmung, aber missverstanden verursacht es Panik und „Wegdrücken-Wollen“.]

(Und: Ja, das „kennt jemand“. Du bist nicht allein.)

Ich bin ja momentan im Urlaub und in einer ganz anderen Umgebung.
Die exzessive Tagträumerei tritt hier nicht auf. Ich bin auch Non-Stop mit meinem Freund zusammen, wo eine so starke Abwesenheit extrem auffallen würde.

Einzig allein beim Wandern und ewig gleichen Wegen und wir gerade nicht reden merke ich dass ich abdrifte, was meiner üblichen Tagträumerei nahe kommt.

Entzugserscheinungen habe ich keine. Ich rede von Entzug, weil mir das manchmal wie eine Sucht vorkommt.
Allerdings merke ich teilweise, dass mir ICH-Zeit fehlt.
Dieses nach Innen kehren ist ein großes Bedürfnis meinerseits.
Lustigerweise ist mein Freund ähnlich gestrickt. Er zieht sich dann auch zurück und ich ebenfalls.
Danach geht’s wieder.

Achja, wir sind schon ein komisches Gespann :smiley: Aber nur deswegen funktioniert’s.

Danke euch zwei für die Rückmeldungen.
Ich glaube, das ganze hat wenig bis nichts mit Adhs zu tun. Vielleicht nur, dass ich diesen Zustand erst mit den Medis so deutlich spüre. Und seitdem ist die Regelmäßigkeit deutlich gestiegen.

Es ist, als ob ich alle paar Monate eine Midlifecrisis durchmachen würde, eine Art Identitätskrise. Und dann bin ich wie gesagt paar Tage in meinem Kopfkino gefangen. Vielleicht verarbeite ich so altes Kram, keine Ahnung.

Den letzten Absatz unterschreibe ich, das kenne ich sehr gut.
Evtl liegt es daran, dass das ein Ausdruck der inneren Unruhe/des Getriebenseins ist? Mangelnde Genussfähigkeit bezogen auf die Gegenwart?
Oder…weil man darüber nachdenkt was hätte sein können, wenn ich a) eher medikamentös behandelt worden wäre…b) adäquates Coaching erhalten hätte etc pp?

Diese typische Ziellosigkeit sorgt dafür, dass man nicht weiß wer man ist und man ist kontinuierlich auf der Suche? Mein Name „Irrlicht“ kommt nicht von ungefähr :smiley:

Meinst du auch sowas @allmighty ?

Ja, so in etwa :stuck_out_tongue:

Hallo,

ich bitte euch, sparsam und wenn dann selektiv zu zitieren, weil sonst Threads unübersichtlich werden.

Wenn man direkt antwortet, d. h. die Antwort steht unmittelbar unter dem Beitrag, auf den man sich bezieht, erübrigt sich ein Zitat.

Danke. :knuddel